Predigt am Reformationstag in der Schlosskirche zu Wittenberg (Römerbrief 3,21-28)

Christoph Kähler

31. Oktober 2004

Römerbrief 3,21-28

21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes
die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt,
offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.
22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott,
die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus
zu allen, die glauben.
Denn es ist hier kein Unterschied:
23 sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten,
24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung,
die durch Christus Jesus geschehen ist.
25 Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne
in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit,
indem er die Sünden vergibt,
die früher 26 begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen,
daß er selbst gerecht ist und gerecht macht den,
der da ist aus dem Glauben an Jesus.
27 Wo bleibt nun das Rühmen?
Es ist ausgeschlossen.
Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.
28 So halten wir nun dafür,
daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Liebe Schwestern und Brüder,

kennen Sie diesen erschreckenden Traum? Den Albtraum, dass sie nochmals das Abitur oder die Gesellenprüfung oder ein theologisches Examen ablegen sollen? Sie können sich aber nicht mehr so richtig darauf vorbereiten? Oder: Sie haben alles vergessen, was man dazu braucht? Jedenfalls befällt Sie die sichere Ahnung, dass Sie sich vor der Prüfungskommission heftig blamieren werden. Kein schönes Gefühl, mit dem man aus diesem Traum aufwacht! Denn auch das Alltagsleben, in das wir dann zurückkehren, hält vielleicht nicht gerade diese alte Prüfung und eine alte Beschämung bereit, aber immer neue Blamagen sind jedenfalls nicht auszuschließen. - Der Traum, mehr leisten zu sollen, als man kann, wird sicher nicht präzise so in Erfüllung gehen. Aber vieles andere im wirklichen Leben gleicht ihm nur zu sehr in manchen Anforderungen, manchen Zumutungen und manchen Ängsten des realen Lebens.

Ich nenne dafür zwei Beispiele:

Nahezu albtraumartig ist die Situation der Menschen, die zu alt sind, um sich beruflich noch einmal völlig umstellen zu können. die sich keine völlig neue Existenz aufbauen können, die aber ihre Lebenserfahrungen und beruflichen Fertigkeiten nicht mehr verwenden dürfen. Sie sind aber mit Mitte fünfzig zu jung, um eine auskömmliche Rente zu erhalten und sich dann eine Aufgabe ohne Rücksicht auf das Einkommen selbst zu suchen. Ziemlich unbarmherzig schlägt ihnen die weit verbreitete zynische Losung dieser Gesellschaft entgegen: “Jung, dynamisch, flexibel und mit jahrelanger Berufserfahrung! So sieht ein perfekter Arbeitnehmer aus!” Unter solchen Anforderungen, die nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, gilt schnell einer als Versager und bleibt arbeitslos. Er muss sich fragen, was bin ich eigentlich wert?

Ich denke aber auch an die entgegen gesetzte Seite des Spektrums, an die, die vor lauter Verantwortung kaum mehr aus den Augen sehen können, ja die eigentlich ihrer Verantwortung gar nicht gerecht werden können, weil ihre Aufgabe schier unlösbar ist. Dafür kann man einige berufliche Positionen nennen. Ich greife als Beispiel die Menschen heraus, die in Atomkraftwerken arbeiten. Sie dürfen absolut keinen Fehler machen. Sie riskieren dabei nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch Menschen und Natur über Jahrtausende. Das sind nur zwei Exempel für die weit verbreitete Erwartung von perfekten Menschen, die sich durch absolute Fehlerlosigkeit, durch vollkommene Leistung auszeichnen sollen.

Der Traum von den perfekten Menschen und von den leidensfreien Systemen ist auch 15 Jahre nach dem Ende des sozialistischen Systems keineswegs ausgeträumt und vergiftet nach wie vor diese Gesellschaft. Sehen Sie sich nur einmal den Umgang mit den Leistungssportlern an! Was zählt da? Nur noch die Goldmedaille, für Silber und Bronze gibt es ein mitleidiges Lächeln, eine ehrende Erwähnung, weil es doch nicht ganz gereicht hat.

Auch in der Politik werden immer wieder ähnlich behandelt. Topp oder Hopp, entweder es klappt und er oder sie macht keine Fehler, oder die ganze Häme, deren die Nation fähig ist, ergießt sich über sie.

Was aber hat das mit dem Gedenktag der Reformation, diesem Sonntag zu tun, mit dem Fest das wir feiern, mit den Thesen Luthers, die sich damals fast wie ein Lauffeuer in Deutschland verbreitet haben?

Ich denke einiges: Denn Luthers Thesen wider den Ablas haben mit Macht, mit der Macht des Wortes, an die zentrale Wahrheit des christlichen Glaubens erinnert: Kein Mensch ist fehlerfrei, Auch Geld und andere Leistungen können es nicht verdecken: Der Mensch bleibt das Problem des Menschen. kein Mensch kann sich aus eigener Kraft Heil und Segen beschaffen. Jeder Mensch bedarf der Vergebung und der Gnade, denn sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, schreibt Paulus.

Erst ein Opfer, nein das Opfer, das Lebensopfer Jesu, und seine Rettung durch den Tod hindurch haben ein für allemal deutlich gemacht: Gott wendet sich uns zu, Gott schafft für uns neues Leben, ohne unser Zutun und ohne unsere Vorleistung. Daran dürfen wir glauben und darauf vertrauen, für uns selbst, aber auch für unsere Mitmenschen.

Wir sind alle von gleicher Würde, weil sie jede und jeder von uns verliehen bekam und sie nicht verlieren kann. Die, die sich darauf verlassen können, gewinnen einen anderen Blick - auf sich selbst. Sie können eine Gelassenheit entwickeln, die nicht zur Untätigkeit verführt, aber Handeln lässt aus einer inneren Sicherheit heraus, in der kleine Niederlagen nicht sofort als große Katastrophen erscheinen.

Der andere Blick, der tiefer schaut als auf die glänzende Oberfläche richtet sich auch auf die aus ihrer Umgebung, die eher auf die andere Seite, eher zum feindlichen Lager gehören.

Eines der nach wie vor eindrucksvollsten Beispiele für einen solchen anderen Blick ist für mich die Geschichte des gefangenen Nelson Mandelas. Er war lange Zeit Opfer eines Systems, das ihm und anderen seiner Hautfarbe und Herkunft die gleiche Würde nicht zuerkennen wollte. Wegen seines Widerstandes brachte er lange Jahre auf einer Gefängnisinsel zu. Es wäre nur zu verständlich gewesen, wenn er diese Haltung seiner Gegner auf seine Gefängniswärter zurückgespiegelt hätte. Sie waren ja die sichtbaren Vertreter derer, die ihn demütigen und brechen wollten.

Aber er hat sich aus dieser Gefahr befreit und seinem Wärter nicht mit gleicher Münze heimgezahlt, was Gefangene an der einen oder anderen Stelle durchaus könnten. Er hat ihn dagegen als Kind Gottes, sicher ein verirrtes Kind, aber als einen angesehen, dem die gleiche Liebe Gottes gilt, an die er für sich selbst glaubte. Dies hat sich schließlich vor allem auch auf den wichtigsten Wärter ausgewirkt, der sich dieser gewinnenden Freundlichkeit nicht entziehen konnte. Es muss nicht überall so gut ausgehen, aber in diesem Fall wuchs eine Freundschaft zwischen zwei Männern verschiedener Hautfarbe, deren Feindschaft vorbestimmt war.

Diese Geschichte ist nicht so weit weg von uns wie es scheinen mag. Auch uns bleibt die Aufgabe, die Stimme zu erheben, um auf falsche Menschenbilder hinzuweisen. Denn sie haben sichtbare Folgen.

Wer vor allem auf die Größe und den Ruhm und die Macht achtet, wer die Gegenpartei zu Feinden stempelt und wer die gegenwärtigen Schwierigkeiten nur auf Versagen der anderen zurückführt, der darf sich nicht wundern, wenn andere daraus eine Art von schlichter, alt-neuer Religion machen.

Es hat uns schon erschreckt, dass an diesem Wochenende die NPD ihren Bundesparteitag in Thüringen abhält. Wie kommt es, dass die Erfolge dieser Verführer wieder unter uns möglich sind und dass Jugendliche in großer Zahl solchen Parolen folgen?

In Sachsen hatte sich das bei jugendlichen Wählern gezeigt. Wann ähnliche Ergebnisse für die Volksfront von rechts auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt erzielt werden, soll nur noch eine Frage der Zeit sein.

Was hilft? Letztlich wohl kein äußerer Druck - so sehr Gesetzesverletzungen und Verfassungsbruch von den Zuständigen auch verfolgt werden müssen.

Was hilft? Letztlich wohl nur die innere Sicherheit, die nicht gegen, sondern mit dem anderen  zu gewinnen ist, weil wir beide auf einem Grund stehen, aus einer Lebensquelle trinken.

Es ist erstaunlich, welche Umwälzungen Luther nicht nur angestoßen, sondern auch durch gestanden und gestaltet hat. Die Reformation hat eine Fülle von Reformen aus sich heraus gesetzt. Praktisch das gesamte kirchliche Leben hat sich grundlegend gewandelt. Aber auch viele Veränderungen in Schulen und Kommunen sind den Thesen gefolgt. Die erstaunlichen und nachhaltigen Ergebnisse waren am 31. Oktober 1517 nicht vorherzusehen, schon gar nicht zu garantieren. Durchzustehen, zu bewältigen waren diese Neuordnungen, diese tief greifenden Veränderungen nur durch die Gewissheit nicht allein zu sein, sich nicht selbst erschaffen zu müssen, sondern aus der Gnade Gottes leben zu dürfen, die uns immer schon voraus ist und uns immer wieder von neuem empfängt.

Und dieser Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen



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