Weihnachtspredigt 2004: Bischof Wolfgang Huber
Predigt in der Christvesper 2004 (2. Sam. 7)
24. Dezember 2004
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Unser heutiger Predigttext findet sich im Alten Testament, in der Bibel Jesu, im siebten Kapitel des zweiten Buchs Samuel. Dort heißt es:
In der Nacht erging das Wort des HERRN an Nathan, und er sagte zu ihm: „Geh zu meinem Diener David und richte ihm aus: 'So spricht der HERR: Du willst mir ein Haus bauen, in dem ich wohnen soll? Seit ich die Israeliten aus Ägypten herausgeführt und in dieses Land gebracht habe, habe ich noch nie in einem Haus gewohnt. Bis heute bin ich stets mit einem Zelt als Wohnung umhergezogen. Und nun kündige ich, der HERR, dir an, dass ich dir ein Haus bauen werde, nicht du mir! Ich werde dafür sorgen, dass einer deiner Söhne dir auf dem Königsthron folgt. Der wird dann ein Haus für mich bauen, und ich werde seine Herrschaft und die seiner Nachkommen für alle Zeiten fest begründen. Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein.’“
I.
Dieser Heilige Abend führt uns tief hinein in die Geschichte Jesu. Von einem Auftrag hören wir, der lange vor der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem niedergeschrieben wurde. In die Geschichte Davids, des großen Königs auf dem Thron Israels, sehen wir uns versetzt. Nathan, der Prophet, soll David, den König, davon abhalten, ein Haus für Gott zu bauen. Gott will keinen festen Bau für die Bundeslade, sein Treuezeichen für Israel. Er hat eigene Vorstellungen davon, wie er Wohnung nimmt. Mit dem Volk Israel zog er einst aus Ägypten aus: des Tags in einer Wolkensäule, nachts aber in einer Feuersäule. Und für die Bundeslade war nicht mehr nötig als ein Zelt, die so genannte „Stiftshütte“. Indem er mitzog, bürgte er dafür, dass das Volk Wohnung haben und Heimat finden sollte. Gott nimmt Wohnung, indem er Wohnung schafft.
Der Gott, der beim Auszug aus Ägypten auf ein festes Dach verzichtet, verwehrt auch dem König David den Plan, ihm ein Haus zu bauen. Der Gott, der sich nicht einmal vom König Israels auf ein Haus einengen oder festlegen lässt, wird Mensch, ohne dass es für ihn in Bethlehem einen Raum in der Herberge gibt. In einer Nacht, in der „sie sonst keinen Raum in der Herberge hatten“, nimmt Gott Wohnung unter den Menschen.
Das Christuskind wird unterwegs geboren, während einer Reise seiner Eltern. Nach Bethlehem müssen Maria und Joseph ausgerechnet Davids wegen – weil Joseph „aus dem Hause und Geschlechte Davids war.“ Doch königlich ist nichts an ihrer Reise. Nicht einmal ein Zelt für unterwegs; und in Bethlehem nur ein Stall. Ein Futtertrog bietet dem neu geborenen Gotteskind eine Unterkunft, die man wirklich nur dürftig nennen kann. Aber das armselige Obdach erweist sich als Himmel auf Erden für Hirten und für Engel, für Kinder und für Könige, für Arme und für Reiche, für Menschen jeglicher Nationalität. Denn hier nimmt Gott Wohnung, indem er Wohnung schafft. Menschen schöpfen neue Hoffnung. So finden sie eine Bleibe. „Die ihr arm seid und elende, / kommt herbei, füllet frei / eures Glaubens Hände. / Hier sind alle guten Gaben / und das Gold, da ihr sollt / euer Herz mit laben.“ So dichtet Paul Gerhardt (EG 36,9)
II.
Die Wohnung und die Weihnacht gehören zusammen. Eine Bleibe braucht man, um zu feiern. In den meisten Familien ist die Wohnung am Heiligen Abend weihnachtlich geschmückt. In ihr treffen sich Eltern und Kinder, Großeltern und Freunde, um sich gemeinsam an der Geburt Jesu Christi zu freuen, um miteinander zu singen und miteinander zu teilen, um gemeinsam zu essen und einander zu erzählen. In vielen Familien wird der Heilige Abend in einer festen Tradition gestaltet. So wie ihn die Eltern und Großeltern begangen haben, feiern ihn auch Kinder und Enkel. Kirche und Wohnung sind die beiden Orte, an denen die weihnachtliche Gewissheit neu wächst: Gott kommt uns nahe; für uns wird er Mensch.
Aber unter uns sind viele, denen ein solcher Ort fehlt. Weihnachten können wir nicht feiern, ohne auch an sie zu denken, an die Kirchenlosen wie an die Wohnungslosen. Die einen sind in der Kirche nicht mehr oder noch nicht wieder heimisch. Und den anderen fehlen für das Dach über dem Kopf die Kraft oder das Geld. Einsame suchen Halt, Traurige Trost, Fragende Antwort. Sie sehnen sich nach einem Ort, an dem sie Gewissheit finden und Hoffnung schöpfen können. Sie suchen nach Gott. Der Wohnung nimmt, indem er Wohnung schafft. Deshalb ist die Krippe ein so wichtiges Symbol. In keiner Kirche und in keiner Wohnung sollte sie in dieser Heiligen Nacht fehlen. Die Krippe steht unter dem Tannenbaum, dreht sich mit einer Weihnachtspyramide oder ist auf einem Fensterbild zu sehen. In der Krippe sehen wir die Wohnung, die kein Mensch uns nehmen kann, weil Gott selbst sie schafft. Mit dem Blick auf die Krippe wissen wir, was uns trägt: die Nähe Gottes.
Wer Wohnung nimmt, will bleiben. So tut es auch Gott. Im Christuskind nimmt Gott Wohnung in der Welt; er tut es, um zu bleiben. Aber das Besondere ist: Er nimmt Wohnung, indem er Wohnung schafft. Er kommt denen entgegen, die ihn suchen. Den Kranken wendet er sich zu wie den Zweifelnden und den Ausgestoßenen. Er gibt ihnen eine neue Bleibe, indem er ihnen den Glauben zuspricht: „Dein Glaube hat dir geholfen.“
III.
Die Suche nach einer Bleibe kann verführerisch sein. Wie gern richten wir uns ein in dem, was bleibt. Wie gern verwenden wir alle Kraft darauf, in dem zu bleiben, was uns vertraut ist. Angst vor Veränderung: so kann man ein Grundthema des zu Ende gehenden Jahres beschreiben. Die Debatten um anstehende Reformen haben einen Veränderungsbedarf wie einen Veränderungsdruck deutlich gemacht, auf den viele Menschen mit Unsicherheit und Sorge reagieren. Von sozialem Abstieg, vielleicht sogar von Entwurzelung fühlen sie sich bedroht. Und manche fragen sich, ob sie ihre Bleibe behalten können oder eher in einer Absteige landen, weil anderes in der Hilfe zum Lebensunterhalt nicht mehr vorgesehen ist, auf die ihre Ansprüche sich reduzieren. Bei manchen gehen Entwurzelung und Heimatlosigkeit noch weiter. Dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, ist kein Trost für den, dem das Brot fehlt. „Mit LAIB und Seele“ müssen wir einer wachsenden Zahl von Menschen helfen. Gestern haben wir in Berlin mit einer Aktion begonnen, die diesen Namen trägt: „Mit LAIB und Seele“. Und den LAIB schreibt man in diesem Fall mit A I , weil die Sorge für den Laib Brot und die Sorge für die Seele in solchen Notlagen zusammen gehören – so wie der neu geborene Heiland mit der Krippe im Stall.
Und trotzdem: im Stall konnte er nicht bleiben. Die Krippe war für ihn nicht mehr als ein Zelt. Der Aufbruch war dem Jesuskind in die Wiege gelegt. Auch das ist von ihm zu lernen: Eine Bleibe finden wir nicht dadurch, dass alles bleibt, wie es war. Zur Heimat des Menschen gehört, dass er im Aufbruch lebt. Denn Gott zieht mit den Suchenden und ermutigt die Fragenden. Gott, der mit uns geht, er selbst ist das, was bleibt. Das macht unseren Blick frei für das, was kommt. Die Zukunft ist unser Haus.
IV.
Wer bleiben will, muss teilen können. Denn keiner von uns lebt für sich allein. Nicht alle, mit denen wir zusammenleben, sind uns vertraut. Unser Blick gilt auch denen, die als Fremde kamen, aber nicht fremd bleiben wollen. Er gilt denen, die Zuflucht suchten und nun in dieser Zuflucht ihre Bleibe sehen. Sie möchten, dass ihnen zugestanden wird, was für sie schon lange Wirklichkeit wurde: In dem Land wollen sie auf Dauer leben, in dem sie schon lange sind, ohne in die alte Heimat zurückkehren zu können. Ein Mensch, dessen Biographie sich an einer Kette von Duldungen entlang erzählen lässt, kann sich nicht dauerhaft verwurzeln. Die immer nur kurze Dauer der Duldung hindert ihn daran. Klarheit ist hier nötig, damit Menschen ihr Leben in die eigene Hand nehmen können. Missbrauch darf nicht mit einem Mantel der Naivität zugedeckt werden. Aber Härtefälle sind in menschenfreundlicher Weisheit zu entscheiden. Dazu lädt der Härtefall ein, der uns in der Krippe vor Augen liegt.
Wer bleiben darf, gehört dazu. Eine Bleibe zu haben heißt, zur Integration bereit zu sein. Es gibt eine äußere Integration, in der wir uns auf unsere Umgebung einstellen und von ihr angenommen werden. Integration hat aber auch eine Innenseite. Sie hat damit zu tun, was uns im Innersten zusammenhält. Jeder Mensch sehnt sich danach, selbst zu einem Ganzen zusammengefügt zu sein und in seiner Umgebung angenommen zu werden. Niemand kann „integer“ leben, also unversehrt und anerkennenswert, ohne innerlich wie äußerlich eingebunden und getragen zu sein.
Gottes Haus auf Erden ist nicht mit Menschenhänden zu bauen. All unsere Gotteshäuser – und seien sie noch so eindrucksvoll! – sind nur Abbilder des Zeltes, in dem Gott mit den Suchenden mitzieht, den Fragenden nachgeht und den Glaubenden den Weg weist – wie die Krippe, die an jedem Ort dieser Welt stehen kann. Das Wunder der Heiligen Nacht ist, dass Gott unter uns heimisch wird. Dass Gott unter uns wohnt, indem er für uns Wohnung schafft, lässt uns staunen, danken und von seiner Gnade singen. Aus diesem dankbaren Staunen heraus wollen wir sogar selbst für ihn zur Wohnung werden: „Eins aber hoff ich, wirst du mir, / mein Heiland, nicht versagen: / dass ich dich möge für und für / in, bei und an mir tragen. / So lass mich doch dein Kripplein sein; / komm, komm und lege bei mir ein / dich und all deine Freuden.“ (EG 37,9).
Amen.

