Predigt im ZDF Gedenkgottesdienst aus der Matthäus-Kirche in Berlin zu Ehren von Dietrich Bonhoeffer

Rowan Williams

05. Februar 2006

Ich beginne mit zwei Auszügen aus Briefen Bonhoeffers, der erste aus einem Brief aus dem Jahr 1933 an Bischof Bell von Chichester. Bonhoeffer schrieb auf Englisch:

My Lord Bishop,

Thank you very much for your most kind Christmas greetings. It means very much to me indeed to know that you are sharing all time the sorrows and the troubles which the last year has brought to our church in Germany. So we do not stand alone, and whatever may occur to one member of the Church universal, we know that all the members suffer with it.

This is a great comfort for all of us; and if God will turn back to our church sometime now or later, then we may be certain, that, if one member be honoured, all members shall rejoice with it.

Dt. Übersetzung des Briefes:

Sehr geehrter Herr Bischof,

haben Sie vielen Dank für Ihre überaus freundlichen Weihnachtsgrüße. Es bedeutet tatsächlich sehr viel für mich zu wissen, dass Sie die ganze Zeit die Betrübnisse und Mühen teilen, welche das letzte Jahr unserer Kirche in Deutschland gebracht hat. So stehen wir nicht allein, sondern wissen, dass an dem, was auch immer einem Glied der universalen Kirche widerfahren mag, alle Glieder mitleiden.

Das ist ein großer Trost für uns alle; und wenn sich Gott jetzt oder später unserer Kirche wieder zuwendet, dann sollen wir sicher sein, dass, wenn ein Glied geehrt wird, alle Glieder sich mit ihm freuen werden.“

Dietrich Bonhoeffer an George Bell, 27.12.1933

Dr. Rowan Williams:

Des weiteren, in einem Brief an Eberhard Bethge, verfasst im Juli 1944, erinnert sich Dietrich Bonhoeffer an ein Gespräch viele Jahre zuvor mit dem französischen Pfarrer Jean Lasserre. "Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden (- und ich halte für möglich, daß er es geworden ist -); das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen." Und er fuhr fort: "Später erfuhr ich, und ich erfahre es bis zur Stunde, daß man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt." (Letters and Papers from Prison, 1971 hg., S. 369/Widerstand und Ergebung, 1951, S. 195).

In beiden Texten geht es um ein Sich-Einbringen, um ein Engagement der Glaubenden füreinander und ihr Engagement in der Welt. Im zweiten bringt Bonhoeffer jene Art von Bemerkung, die ihn zum Helden einer bestimmten Art von "modernisierendem" Christentum gemacht hat (insbesondere, so muss ich leider gestehen, in der englischsprachigen Welt): Engagement in der Welt wird dem Streben nach Heiligung übergeordnet. So ist Bonhoeffer jedoch grundlegend missverstanden. Er will nicht das eine Vorbild guten oder heldenhaften Verhaltens durch ein anderes ersetzen. Wie der Brief an Bethge deutlich macht, bittet er uns, Vorbilder und Vorstellungen ganz zu vergessen, den Versuch, "etwas aus sich zu machen". Wir sollen nicht effektives, modernes Engagement anstelle von Gebet und Lob Gottes oder der Selbsthingabe zum Ziel haben. Für Bonhoeffer bedeutet Engagement in der Welt nicht das Umsetzen eines mutigen Dienst- oder Reformprogramms; es bedeutet lediglich das zu tun, was getan werden muss, im Bewusstsein der Gegenwart Gottes – genauer: im Bewusstsein der Gegenwart Gottes bei uns in der Gestalt des Ringens Jesu in Gethsemane. Wir sollen in den Verpflichtungen unseres täglichen Lebens in dem Bewusstsein leben, dass und wie die Gegenwart des leidenden Christus uns ganz umgibt. Gott hat uns verheißen und sich entschieden, in unserer größten Not bei uns zu sein. Und, wie Bonhoeffer uns in einem sehr bekannten Gedicht, das er im Gefängnis geschrieben hat, vor Augen malt, gehen wir zu ihm in seinem Leiden und in seiner Not. Wir wachen mit ihm. Das ist Glaube: weder die geschäftige, sich selbst rechtfertigende Aktion, noch private Frömmigkeit, sondern Bleiben in Gethsemane.

Darum bedeutet Mensch und Christ werden in Bonhoeffers Worten im gleichen Brief nicht, uns abzugrenzen und an unserer Heiligung zu arbeiten in einem durch religiöse Konventionen festgelegten und geschützten Rahmen; es bedeutet auch nicht, Vollkommenheit durch ganz gewöhnlichen sozialen oder politischen Aktivismus zu suchen. Es geht darum, mit Christus in der Welt gegenwärtig zu sein. Es geht darum, in Gottes Namen und Gottes Gegenwart da zu sein, sowohl in Verwirrung als auch in Ordnung, bei Christus zu stehen, an jenem Ort in der Welt zu stehen, wo Gott sich entschieden hat zu sein. Und dies ist nicht ein Ort von Macht oder Einfluss; die Welt wird nicht mit Gewalt verändert, sondern durch geduldiges Ertragen, indem Raum gemacht wird für die Wahrheit von Gottes beunruhigendem Mitgefühl, das gerade dort ist, mitten in alledem.

Wenn wir also nach dem Wesen der wahren Kirche fragen, wo wir das authentische Leben des Leibes Christi sehen - oder wenn wir nach der Einheit der Kirche fragen und wie wir zusammenkommen und einander als Jünger erkennen können – dann müsste Bonhoeffers Antwort wiederum die Form einer Frage annehmen. Steht diese oder jene Person, diese oder jene christliche Gemeinschaft dort, wo Christus ist? Ringen sie darum, an dem Ort zu sein, an dem Gott sich entschieden hat zu sein? Und er würde uns weiterhin sagen, dass an diesem Ort zu sein bedeutet, an einem Ort zu sein, an dem es keine Mauern der Abwehr gibt; es muss ein Ort sein, an dem alle, die an Jesus glauben, zusammen stehen können, und sie all denen beistehen können, in deren Gegenwart und in deren Gesellschaft Jesus Christus leidet, so dass sie gemeinsam Raum machen dafür, dass Gottes Barmherzigkeit erkannt werden kann.

So kam Bonhoeffer schon auf das Paradoxon, zu sagen – wie er 1936 ausführte – dass die Einheit unter den Christen nicht das Einzige sei, was zählt - wenn sie nämlich nichts weiter bedeutete, als guten Willen zu zeigen gegen jedermann, der von sich behauptet, gläubig zu sein, oder gegen jeden, der einer eingeschränkten Definition von menschlicher Anständigkeit und von religiöser Sprachfähigkeit genüge zu tun vermag. Seine Verurteilung der Deutschen Christen richtete sich gegen eine Gruppe, die sich selbst von dem Ort abgeschnitten hatte, wo Christus steht, indem sie den rassischen Exklusivismus des Staates übernommen hatten. Wie auch immer es um das geistliche Leben eines jeden Einzelnen bestellt war – und das ist allen anderen immer verborgen – eine Entscheidung für die Gruppe der Deutschen Christen und eine Entscheidung gegen die Bekennende Kirche konnte nur, so argumentierte Bonhoeffer, als eine Entscheidung gegen die Errettung selbst verstanden werden – gegen den Glauben, gegen den Ort, den Gott selbst erwählt hat. Diese erschreckend deutliche und kompromisslose Aussage, 1936 so sehr umstritten, war nicht der Aufruf zu einer Kirche der "reinen" Gläubigen, abgetrennt von einer sündigen und kompromissbereiten Mehrheit. Es war die Weigerung, einer selbstgemachten "Kirche" auch nur eine Handbreit von Legitimität zuzuerkennen, die das Prinzip von Spaltung und Ablehnung in die Grundlage ihres Seins hineingenommen hatte durch Akzeptanz der Rassengesetze. Bonhoeffers rief 1936 nicht auf zur Abspaltung, zu einer Kirche der moralisch Reinen, sondern im Gegenteil, zu einer kirchlichen Theologie und Praxis, die auf der Notwendigkeit der richtigen Art katholischer Einheit bestand.

"Es gibt keine reine Verkündigung des Evangeliums, die von der Gesamtkirche unabhängig wäre", schrieb er in der gleichen Vorlesung 1936 (The Way to Freedom, 1966, S. 94). Und der Brief, den er an Bischof Bell schrieb, bestärkt diese Überzeugung, dass ein Christ anderen Christen beistehen muss in ihren Schwierigkeiten und in ihrem Scheitern. Im Leib Christi zu leben heißt, mit den Nöten und sogar mit der Schuld anderer zu leben, aber auch mit der Freude und dem Dank. Aber das genau ist der Grund, warum es keinen Kompromiss mit einer Kirche geben darf, die sowohl dem Sich-Einlassen auf andere Christen, als auch dem Sich-Einlassen auf die Wirklichkeit einer leidenden Welt verweigert.

Bezeichnenderweise gibt uns Bonhoeffer keine schnellen Antworten auf heutige Probleme der Einheit oder die Probleme moralischer Urteilsfindung, die unseren verschiedenen Kirchen solche Not machen. Er sagt uns nicht, ob es wichtiger ist, das kritische Gespräch der ganzen Kirche lebendig zu halten als denen positiv zu begegnen, die sich selbst als vom vollen Leben der Kirche ausgegrenzt betrachten. Solch eine abstrakte Antwort sollten wir auch nicht erwarten, weder von Bonhoeffer noch von irgendjemand anderem. Er wird uns immer schlicht sagen, wir sollen Jesus in Gethsemane suchen und da bleiben. Immer wieder waren seine eigenen Entscheidungen in seinem Leben geprägt von dem Ruf, bei denen zu sein, die mit sich rangen und in Gefahr waren - die Entscheidung, aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland zurückzukehren, die Entscheidung für die Bekennende Kirche und das Seminar in Finkenwalde, die Entscheidung, mit den Verschwörern gegen Hitler zusammenzuarbeiten – all dies waren Entscheidungen dafür, "ganz und gar in der Welt zu leben", nicht irgendeine modische Art politischen Heldentums zu suchen, sondern die Unsicherheit anderer zu teilen, ihre Berufung an Orte und zu Taten, die Kritik und Zweifel anziehen konnten, und die dennoch dort zu sein schienen, wo Christus zu finden war. Und dies alles im Namen des "Wachens mit Christus".

Unser heutiges Evangelium beschreibt, wie die Apostel mit dem verklärten Jesus Christus wachen. Sie wachen mit dem Jesus Christus, der sich zu der Geschichte seines eigenen jüdischen Volkes stellt, zu Moses und Elijah, zu der ganzen Geschichte von Bund, Rebellion und Gnade. Es sind dieselben Apostel, die bald darauf in Gethsemane wachen – bzw. beim Wachen scheitern. Sie werden lernen müssen, wie wir alle lernen müssen, dass Gottes Herrlichkeit in der Welt dort sichtbar wird, wo Gott sich in die Mitte unserer tiefsten Dunkelheit stellt. Sie werden lernen müssen, wie wir alle lernen müssen, dass Glauben nicht eine Beschäftigung für sich ist, die in einer Art privatem Reservat für Gemeindeleben kultiviert wird, sondern schlicht Treue gegenüber dem, wo Gott ist. Wenn wir dieses herausfordernde Wort Bonhoeffers hören, dann entdecken wir vielleicht, dass unsere endlosen Diskussionen und Verhandlungen über unsere christliche und konfessionelle Identität durchbrochen werden können durch etwas anderes, furchtbarer und hoffnungsvoller: das Wissen um Gottes Treue zu uns in Jesus. "Dies ist mein geliebter Sohn"; darum: "Steht auf; habt keine Angst."



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