Predigt über Jesaja 53,1-12 in der St. Marienkirche zu Berlin am Karfreitag 2008

Wolfgang Huber

21. März 2008

I.

Gedenktage kann man sich nicht aussuchen. Der Karfreitag ist in unserem Kalender ebenso vorgegeben wie der Gründonnerstag. Der Tod Jesu am Kreuz steht uns heute so vor Augen wie am gestrigen Tag Jesu letztes Mahl mit seinen Jüngern und damit die Einsetzung des Heiligen Abendmahls. Aber in diesem Jahr schiebt sich noch ein anderes Gedenken dazwischen. Denn gestern, am Gründonnerstag 2008, jährte sich der Beginn der "Operation Iraqui Freedom" zum fünften Mal. Am 20. März 2003 schlugen die ersten Präzisionsbomben in Bagdad ein. Heute, fünf Jahre später, müssen wir erkennen, dass die verheißene Befreiung nicht stattgefunden hat. Der geplante Siegeszug der Freiheit wurde für die Menschen im Iraq zu einem leidvollen Kreuzweg.

Irakische Mütter wachen nachts schweißgebadet auf. Es verfolgt sie der Alptraum, dass sie mit ihren Kindern auf dem Gemüsemarkt einkaufen, während ein Selbstmordattentäter seinen Sprengstoffgürtel zündet.

Vermummte muslimische Milizionäre enthaupten im Oktober 2006 den vierzehnjährigen Ayad Tariq um sechs Uhr morgens an seinem Arbeitsplatz, weil er ein "dreckiger christlicher Sünder" sei.

Nachts, irgendwo auf einem Militärflughafen in den USA, werden Zinksärge mit getöteten US-Soldaten ausgeladen. Den Müttern, Frauen und Kindern bleiben Erinnerungen, eine Entschädigungszahlung und vor allem ratlose, ja verzweifelte Ohnmacht.

Sunnitische El-Kaida-Milizionäre übernehmen im März 2007 das Bagdader Dora-Stadtviertel und treiben von den christlichen Familien die Kopf-Steuer ein. Jede Familie soll 190 Dollar Schutzgeld zahlen. Wenn die Familienmitglieder das Geld nicht aufbringen können, sollen sie am Freitag ein Familienmitglied zur Moschee schicken, das zum Islam überzutreten habe. Am Freitag, dem Tag des Kreuzestodes Jesu. Familien, die dies ablehnen, haben allenfalls noch einen Ausweg, um der drohenden Ermordung zu entgehen. Sie müssen ihre Häuser innerhalb von 24 Stunden verlassen, ohne etwas mitzunehmen. Sie gehören dann über Nacht zu den mehr als vier Millionen Irakern, die sich auf der Flucht befinden.

Erzbischof Paulos Farradsch Raho, der Erzbischof der chaldäisch-katholischen Kirche wird Ende Februar 2008 im Nordirak entführt. Inzwischen wurde seine Leiche in der Nähe der Stadt Mossul gefunden; ob er umgebracht wurde oder an den Folgen der Entführung starb, ist bisher ungeklärt. Ihn kann man mit Namen nennen; aber unendlich viele Opfer dieser Gräuel bleiben namenlos.

Im April 2003 lebten noch etwa 1,5 Millionen Christen im Irak. Sie stellten acht Prozent der irakischen Bevölkerung. Es ist auf beklemmende Weise grotesk, dass es ihnen unter der Herrschaft des Diktators Saddam Hussein besser ging als unter dem Protektorat der US-amerikanischen Schutzmacht. Inzwischen hat etwa die Hälfte von ihnen den Irak verlassen; die Hoffnung, dass sie jemals zurückkehren werden, gleicht einem verlöschenden Docht. Was ihnen widerfährt, gleicht ethnischen Säuberungen und Völkermorden an anderen Orten, denen die Weltöffentlichkeit auch schon tatenlos und wortlos zugesehen hat.

Die meisten Christen aus dem Irak gliedern sich in die Flüchtlingsströme ein, die sich in Richtung Syrien und Jordanien auf den Weg machen. Auf diesen beiden Staaten liegt eine von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommene Last. Ihre Kräfte sind überfordert. Die Kirchen in Syrien und Jordanien, im Libanon und in Ägypten versuchen, Notleidenden zu helfen, nicht nur den christlichen Flüchtlingen. Doch ihre Möglichkeiten reichen bei weitem nicht aus.

Was können wir tun, um diesem Leiden zu begegnen? Syrien und Jordanien benötigen die Hilfe der Europäischen Union, damit die Staaten die Flüchtlinge solange bei sich aufnehmen und versorgen können, solange eine Rückkehr in den Irak undenkbar ist. Wenn die Hoffnung auf Rückkehr durch die Lage im Irak langfristig verbaut wird, müssen aber auch die europäischen Staaten zu unmittelbarem Beistand bereit sein und einen Teil der Flüchtlinge bei sich aufnehmen. Doch besonders wichtig bleibt es, auf eine Veränderung der Lage im Irak zu drängen. Denn das entscheidende Ziel muss es doch bleiben, dass im Irak selbst die Rechte der Menschen geachtet werden, das Recht auf Religionsfreiheit eingeschlossen.

Heute, am Karfreitag, erinnern wir uns an diese Gekreuzigten unserer Tage. Sie treten in unseren Blick, wenn wir auf das Kreuz Jesu schauen. Wir erinnern uns an diese Gekreuzigten unserer Tage, obwohl ihr Leiden uns sprachlos machen kann. Der Irakkrieg ist eine globale Sackgasse, eine Straße des Elends und der Hoffnungslosigkeit. Es ist zugleich die teuerste Sackgasse aller Zeiten, für die zwölf Milliarden Dollar pro Monat aufgewendet werden. Zu seinen unbegreiflichen Zügen gehört auch dieser: Die Volksrepublik China, die im UN-Sicherheitsrat gegen den Irakkrieg gestimmt hatte, finanziert diesen Krieg zu einem erheblichen Teil mit ihren enormen Dollar-Reserven. Die USA borgen bei einem Staat, der Turbokapitalismus und kommunistische Einparteienherrschaft miteinander zu verbinden versteht, Geld, um den Terror zu bekämpfen. Und das Leiden im Irak gerät in eine Entsprechung zu dem Leiden der Tibeter, die am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie es um den Schutz der Menschenrechte in China steht – jener Menschenrechte, die durch den Kampf gegen den Terror angeblich verteidigt werden.

II.

Karfreitag 2008. Vor uns ein Bild, wieder und wieder dargestellt. Die Pietà: Maria, die einst ihr geliebtes Kind am Herzen trug, es mit großer Innigkeit stillte und es dann friedlich in den Schlaf sang, hält den vom Kreuz abgenommenen Leichnam ihres Sohnes ohnmächtig und tonlos in den Armen. Wir können uns in sie hineinversetzen, angesichts der Sprachlosigkeit und Ohnmacht um uns und in uns.

Hören wir auf die Worte zum Karfreitag aus dem großen, die Jahrhunderte überspannenden Prophetenbuch, aus dem Buch Jesaja:

Gottes Knecht schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. So wollte ihn der Herr zerschlagen mit Krankheit.

Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des Herrn Plan wird durch seine Hand gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

III.

Wen meint der alttestamentliche Prophet, wenn er vom leidenden Gottesknecht spricht? Sich selbst? Eine andere Einzelperson? Das ganze Volk? Wir jedenfalls müssen, wenn wir dieses Lied hören, auch an das jüdische Volk denken und an die Leiden, die Christen ihm zufügten. Aber wir staunen zugleich darüber, wie genau dieses Lied auf die Passion Jesu zutrifft. Deshalb hat die Christenheit wieder und wieder das Leiden Jesu im Spiegel des alttestamentlichen Liedes vom Gottesknecht gedeutet. Seine Worte helfen uns, das Kreuz zu verstehen. Es ist das wichtigste Symbol des christlichen Glaubens. Es ist aber auch sein größtes Rätsel.

Ratlosigkeit erfasste die Jünger unter dem Kreuz. Ratlosigkeit erfasst heute jugendliche und erwachsen gewordene Sinnsucher, denen der christliche Glaube fremd ist. "Wer ist der Mann am Balken da?" So fragen sie, wenn sie in einer Kirche oder am Wegesrand ein Kruzifix erblicken. "Wer ist dieser Mann am Balken?" Ratlos auch blicken wir auf Jerusalem, wo Jesus gekreuzigt wurde. Das geschah "draußen vor dem Tor", wie der Hebräerbrief sagt. Wenn sich unsere Blicke an diesem Karfreitag nach Israel und Palästina richten, stoßen sie auch dort auf Unruhe und Gewalt. Was hat sich geändert seit dem Kreuzestod Jesu?

Ratlos standen die Jünger unter dem Kreuz. Warum wurde ihm dieser Tod bereitet – ein Tod mit der grausamsten Hinrichtungsart jener Zeit? Die Antwort fanden sie in dem Lied vom Gottesknecht. Weit vorausgreifend spricht dieses Lied dem Leiden des Gottesknechts einen unauslöschlichen Sinn zu, ein für allemal. Stellvertretend trägt er unsere Krankheit und unsere Schmerzen. Stellvertretend lässt er sich herausreißen aus den Beziehungen seines Lebens; einsam hängt er am Kreuz. Dorthin nimmt er unsere Missetaten mit, unsere Unfähigkeit zu gelebten Beziehungen, unser Aufbegehren gegen Gott. Stellvertretend für uns stirbt er den Tod der Beziehungslosigkeit, der Trennung von Gott und den Menschen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Der alttestamentliche Prophet konnte nicht an Jesus denken, als er das schrieb. Wenn für uns in diesem Lied auch Jesu Geschick und sein Tod am Kreuz zur Sprache kommen, dann nehmen wir darin auch das Leiden vieler anderer wahr – vor allem auch das unnötige Leiden, das dem Bekenntnis Hohn spricht, Christus sei ein für allemal und er sei für uns alle gestorben.

Denn als Christen bekennen wir: Gott hat das sühnende Leiden seines Knechts Jesus anerkannt und bejaht. In ihm spricht er uns Vergebung zu. In ihm macht er unser Leben heil. Im Tod Jesu gibt sich Gott selbst zu erkennen. Er macht diesen Tod zu einem einzigartigen Geschehen. Niemand muss fortan um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen werden.

Umso mehr erschrecken wir über das Leid, das Menschen heute zugefügt wird – auch darüber, dass viele Christen insbesondere in islamisch geprägten Ländern leiden müssen, dass ihnen ein stellvertretendes Leiden zugemutet wird. Denn stellvertretend werden sie zu Opfern von Hass und Unversöhnlichkeit, von Missetat und Schuld. Wir alle sind mit hineinverwickelt in solches Leid. Solches tut zu meinem Gedächtnis – dieser Auftrag des scheidenden Christus schließt das Gedächtnis derer ein, die heute leiden. Dass Gott die achtet, die für nichts geachtet werden, ist der einzige Grund aller Hoffnung über Leiden und Tod hinaus.

Ein verborgener und leiser Trost liegt in dem Lied vom Gottesknecht, ein Trost, der wahrhaftiger ist als allzu kräftige Worte. Er enthält einen Einspruch gegen das im Namen des Islam verübte Unrecht ebenso wie gegen das im Namen westlicher Werte verursachte Leid. Gottes Sicht steht gegen Verschweigen und Verstummen. Diejenigen, die von manchen behandelt werden, als seien sie nichts wert – sie werden von Gott wert geachtet. Sie tragen nicht nur an ihrem eigenen Leben – sie tragen auch für die anderen. Sie nehmen auf sich, was andere gar nicht wahrnehmen – die anderen, denen scheinbar alles gelingt und denen es an nichts fehlt. Ein oberflächliches Bild von Gott hat, wer denkt, dass er seine Pläne nur durch die glänzenden Leistungen erfolgreicher Menschen verwirklicht. Gott stürzt eine solche Wertordnung um. Dank für das, was gelingt, behält seinen Ort. Aber dieser Dank bedarf der Demut. Sie weiß, dass Gott an der Seite derer steht, deren Würde missachtet wird.

Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Dafür, diesen Verachteten zu achten, den Unwerten wert zu schätzen, unser Angesicht nicht länger vor ihm zu verbergen, nehmen wir uns an diesem Karfreitag Zeit. Zeit für seine Schmerzen, seinen Tod.

Nur wer auf diesen Gottesknecht schaut, hat einen Blick für das Geheimnis der göttlichen Liebe. Amen.