Predigt im Eröffnungsgottesdienst des Weltkongresses der Auslandspfarrerinnen und –pfarrer der EKD (Jesaja 2, 2-5)

Martin Schindehütte

01. Juli 2008

Wir sind da! Ein schönes Motto. Ein selbstbewusstes Motto. Wir sind da!

Es heißt nicht: Wir sind schon da! Also nicht Hase und Igel. Wir wollen nicht tricksen und nicht so tun, als hätten wir immer die Nase vorn. Wir wollen nicht allgegenwärtig und dominant sein. Wir wollen nicht immer schon wissen, wonach andere noch fragen und suchen. Niemand soll mit hängender Zunge erneut in die Hatz geschickt werden.

Wir sind da!  - Menschen suchen und brauchen uns als christliche Gemeinde.

Wir sind da! - Menschen in der Fremde bergen sich in einem offenen und vertrauten Raum.

Wir sind da! – Unsere Gemeinden bieten Geborgenheit, Identität, ja Heimat.

Wir sind da! - Menschen fragen bei uns unter dem Fremden nach dem Eigenen.

Wir sind da! - Menschen suchen in der faszinierenden und verwirrenden Vielfalt nach dem Einen.

Wir sind da! – Zeugen der Liebe Gottes, in die wir uns selber bergen

Dafür sind wir da.

Was orientiert und verbindet, was versöhnt in der Verschiedenheit?

Was macht uns offen und bereit für den Reichtum dessen, was wir noch nicht kannten.

Auch für diese Fragen wollen wir da sein.

Wir wollen aber auch selber noch ankommen. Denn die Spannung zwischen Fremdem und Vertrauten ist noch nicht aufgelöst. Die Orte des Friedens und der versöhnten Verschiedenheit sind noch bedroht. Sie liegen eben immer auch noch in der Zukunft. Und manchmal sind Glauben und Hoffnung, Versöhnung und Frieden und Versöhnung auch ortlos – utopisch. Der Weg ist noch weit. Und manchmal auch das Ziel noch fraglich.

Gut das es Licht- und Glanzpunkte gibt, an denen wir uns orientieren können. Natürlich gibt es mehr Lichtpunkte als die der Auslandsgemeinden auf der Weltkarte. Gott sei Dank. Aber heute und in diesen Tagen soll es darum gehen, wie das Licht unserer Auslandsgemeinden leuchten kann. Heute und in diesen Tagen soll es darum gehen, was uns eigentlich erleuchtet, aus welcher Energie unser Licht leuchtet und welches Lichtes Widerschein wir sind.

Ja, in unserer Auslandsarbeit wird in besonderer Gestalt sichtbar, was alle christlichen Gemeinden in allen Kirchen erleuchten und bewegen will.

Aus allen Kontinenten sind Vertreterinnen und Vertreter aus unseren Auslandsgemeinden in diesem Gottesdienst zu Klage und Lob zum Altar gekommen. Sie haben Symbole für Kulturen und Identitäten auf dem Altar abgelegt. Sie haben formuliert, was es zu beklagen und was es zu hoffen gilt. Sie haben der Sehnsucht nach dem Ort des Friedens und der Zeit der Versöhnung zum Ausdruck gebracht. Sie haben eine kraftvolle biblische Vision anschaulich gemacht. Diese Vision bewegt uns als ganze Kirche. Diese Vision ist der tiefe innere Grund, warum wir als Kirche gar nicht anders als ökumenisch sein können. Es geht in unserer Verkündigung der Liebe Gottes zu den Menschen also immer auch um die ganze bewohnte Erde, der oikumenh.

Heute in diesem Gottesdienst und als Vorzeichen unseres ganzen Kongresses soll diese Grundausrichtung an einem Text aus dem Buch des Propheten Jesaja aufleuchten:

Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN! (Jesaja 2, 2-5)

Wandeln im Licht des Herrn – was macht uns zu Lichtpunkten auf den Landkarten des Lebens als Widerschein dieses Lichtes? Dieser prophetische Text erschließt wichtige Dimensionen dieser Frage.

„Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben.“

Es gibt also einen zeitlichen und räumlichen Ziel- und Fluchtpunkt, der außerhalb unserer Zeiten und unserer Orte liegt. Das Haus des Herrn, der Tempel Gottes, jener Ort also, der auch unser zuhause werden soll, ist größer und weiter als alles andere, was wir von uns aus kennen und ermessen können. Ort und Zeit der Begegnung mit dem, was unser Leben ausmacht und unbedingt angeht, Ort und Zeit der Begegnung mit Gott, liegen auch nicht in uns, sondern vor uns. Wir können sie uns nicht selber gegeben. Sie gehören nicht uns. Sie sind noch nicht erreicht. Sie sind außerhalb von uns – sie sind „extra nos“.

Und wir sehen diesen Zielpunkt von „Osten und Westen, von Norden und Süden“, wie wir aus dem Evangelium ergänzend zu unserem Text hören. Es gibt also unterschiedliche Perspektiven und Blicke, unterschiedliche Ansichten und Profile dieses einen Berges Gottes und dieses einen Hauses des Herrn auf diesem Berg. Mein Blick, mein Bild, mein Standpunkt ist nicht der einzige. Der Blick, das Bild, der Standpunkt des anderen hat gleiches Recht und gleiche Richtigkeit. Das führt uns in eine dialogische Grundhaltung in unserem ökumenischen Miteinander – und auch in eine dialogische Grundhaltung im interreligiösen Zusammenleben. Es sind ja in dieser Vision alle Völker, die auf den Zion, der Berg Gottes und seinen Tempel sehen und dahin unterwegs sind, auch die Heiden, also die, die nicht zum auserwählten Volk gehören.

„und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs,“

Es bleibt nicht bei dem eigenen Standpunkt und der eigenen Sicht der Dinge. Es gibt eine Bewegung von allen Seiten auf diesen Ort und diese Zeit Gottes zu. Mit jeder Biegung des Weges, mit jedem aufwärts und abwärts Gehen ändert sich das Bild und die Perspektive des dennoch Einen und Gleichen Berges und Hauses Gottes. Es gibt einen Zielpunkt aber keinen Standpunkt. Es gibt ein Herkommen und ein Hingehen, aber keinen Stillstand, kein Verharren in der Bewegungslosigkeit immer gleicher Koordinaten des Lebens. Unsere Beziehung zu Gott ist kein Zustand sondern ein Fortgang.

„dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“

Unser Glaube ist also ein Lernweg. Das ist kein Selbstfindungstrip. Es geht auch nicht einfach um Selbstverwirklichung. Es geht in unserem Leben nicht einfach nur um den eigenen Weg. Es geht auch nicht um ein wildes Durcheinanderlaufen, bei dem jeder allein seine eigenen Ziele verfolgt und wir in die verschiedensten Richtungen zerren. Es geht um die Frage, ob wir den Weg Gottes mit uns und ebenso unseren Weg mit Gott gelten lassen. Denn Gott ist uns in Christus in seiner Liebe auch auf dem Weg in die Fremde, in den Widerspruch, in die Feindschaft, in das Leiden, in den Tod nachgegangen. Es geht um die uns gemeinsam gestellte Frage, was dieser Weg Gottes zu uns für unseren Weg zu ihm je konkret bedeutet. Auch dafür gibt es keine vorab festgelegte und gar noch selbstgezeichnete Landkarte. Auch hier sind die Wege aus Osten und Westen, aus Norden und Süden verschieden.

„Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker.“

Nicht wir schaffen die gerechte und friedliche Weltordnung. Die Menschen haben sich nicht einfach nach dem zu richten, was wir für richtig halten. Es gibt keine Legitimation für irgendeine politische, kulturelle oder religiöse Hegemonie – und erst recht nicht, sie mit Gewalt durchzusetzen. An keines Menschen, an keines Volkes Wesen kann die Welt genesen. Gottes Richten, Gottes Zurechtweisen hat in diesem Text nichts Strafendes. Es hat etwas Orientierendes, Ordnendes, Zurechtbringendes, zum Recht Bringendes.

„Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

Hier wird konkret, hier wird festgelegt, was die Orientierung auf das Haus des Herren auf seinem heiligen Berg in der inhaltlichen Substanz bedeutet. Es geht um die große Konversion, die große Umkehr. Es geht um die große Umarbeitung all der Werkzeuge und Instrumente, mit denen wir unser Leben gestalten. Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Sicheln: Aus Verheerung des Lebens wird Vermehrung des Lebens. Aus Abbruch wird Umbruch. Ein neuer Wettlauf, ein neuer Lernprozess, ein neues curriculum vitae beginnt. Das curriculum pacis tritt an die Stelle des curriculum belli. Ein Lernprozess, der seine tiefen Wurzeln eben nicht in unserer Einsicht, unserem Vermögen, unserer Vernunft, unserem Weg miteinander, sondern dem Weg Gottes, dem curriculum dei mit uns hat.

Im vergangenen Oktober hat der Rat der EKD eine neue Friedensdenkschrift veröffentlicht: „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“. Unter der Überschrift „Den Frieden vergegenwärtigen und bezeugen“ stehen Sätze wie diese:

„Die Kirche tritt für den Frieden in der Welt ein, indem sie zuallererst den Frieden Gottes bezeugt. Gottes Wirken ist zu allen Zeiten geleitet von ‚Gedanken des Friedens’ (Jer. 29, 11)“ (S. 28) und weiter:

„Weil Gott in Christus Frieden stiftet, können Christenmenschen inmitten einer von Gewalt entstellten Welt aus diesem Frieden leben. Der Friede Christi wird in jeder Feier des christlichen Gottesdienstes vergegenwärtigt. ... Die Verkündigung des ‚Evangeliums des Friedens’ (Eph. 6,15) in Wort und Sakrament lässt sich insgesamt als Inhalt jedes Gottesdienstes verstehen. Die Beauftragung zum Eintreten für den Frieden auf Erden oder die Beratung über mögliche Wege zu ihm empfangen hier Richtung und Orientierung“ (S. 29).

Das gilt wie für alle christlichen Gemeinden. Das gilt um so mehr in der besonderen Lage unserer Auslandsgemeinden. Denn unsere Gemeinden sind an besondere Orte gestellt. Sie haben in besonderer Weise mit dem Fremden zu tun, mit unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Perspektiven, die oft genug hohe Konfliktpotentiale enthalten.

In Europa sind sie auch Orte der Versöhnung angesichts unserer schmerzlichen Geschichte als Deutsche in Europa. Sie sind Orte der Integration in versöhnter Verschiedenheit und gerechter Teilhabe.

Viele Gemeinden vor allem in Übersee sind in besonderer Weise mit Gewalt, Krieg, Ungerechtigkeit und Armut konfrontiert. In diesem Umfeld wird ihr Auftrag, mit den Völkern den Frieden zu lernen und ihnen den Frieden zu bezeugen besonders konturiert und profiliert.

Wir sind da. Ein anspruchsvolles Motto. Ein zu vollmundiges Motto? Wir sind doch auch noch auf dem Weg zum Zion, zum Berg Gottes, zum Haus Gottes. Wir sind da, nicht als schon Angekommene. Wir sind da als Weggefährten. Und dahin zielt ja auch unser Text:

Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Amen.



erweiterte Suche

 

Das könnte Sie auch interessieren...


Gesucht: Landeskirchen?

EKD-Kirchenkarte

Zu den verschiedenen Kirchen in den Regionen finden Sie am schnellsten über unsere Kirchen-Karte.