Predigt zur Amtseinführung in der Französischen Friedrichstadtkirche (Matthäus 17, 1-9)

Prälat Dr. Bernhard Felmberg

28. Januar 2009

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

unter einem Gipfeltreffen versteht man in der Regel eine Konferenz führender Politiker. Ein Krisengipfel ist somit auch kein Berggipfel, der unter schlechten Umwelteinflüssen leidet, sondern ein Treffen führender politischer Verantwortungsträger, das sich mit krisenhaften Situationen eines Landes befasst. In den letzten Wochen jagt in unserem Land ein Gipfeltreffen das nächste. Es sind ja auch Zeiten, in denen das Reden und Handeln auf höchster Ebene mehr denn je gefragt sind.

Der Gipfel als höchste Stelle eines Berges zeichnet sich dadurch aus, dass auf ihm nicht allzu Viele einen Platz finden. Wer zu einem politischen Gipfeltreffen geht, der weiß in der Regel, dass die Schar der dort aufeinander Treffenden übersichtlich ist. Wer sich auf den Gipfel wagt, der begreift, dass dies mit Bewegung zu tun hat -  ja noch mehr, der ahnt, dass einem nicht nur physisch, sondern auch psychisch viel abverlangt wird, um dorthin zu kommen und um dort oben zu bestehen. Wer sich an außergewöhnlichem Orte oder in außergewöhnlicher Runde trifft, der hat keinen leichten Spaziergang vor sich.

Wer zu einem Gipfel zusammentrifft, von dem wird erwartet, dass er um der Sache Willen immer den Mut zur Veränderung mitbringt. Denn dort oben, in der Abgeschiedenheit der kleinen Runde, unter Zurücklassung des Trosses der Vielstimmigen -  der eigenen Partei, der Journalisten und der anderen, die immer einen guten Rat auf den Lippen tragen, kann sich die Weite entfalten, die solche Erwartungen erfüllt. Gipfeltreffen verlangen von jedem die gedankliche Weite, die der Blick von oben einem bietet.

Dort oben, wo man die Ruhe hat, Gedanken und Visionen frei zu entfalten, zu hören und zu reden, nachzudenken und sich innerlich die Freiheit zu schenken, sich auf Fremdes einzulassen, gibt es die Erfahrung, dass ideologische Grenzen überschritten werden können, dass nicht nur Kompromisse gemacht, sondern Neues gedacht werden kann. Neues, das seine Bewährung im Alltag sucht und dann hoffentlich findet.

Denn das ist ja auch wahr, dass das Treffen auf solch einem Gipfel nicht ewig dauert, sondern, dass der Gang zurück in die Ebene, den Alltag, jedem bevorsteht, der einmal den Gipfel erklommen hat.

Auch in der Bibel sind Berge und deren höchste Stelle besondere Orte der Abgeschiedenheit, des Nachdenkens, des Gebetes und der Gottesbegegnung. Von einem G 3  oder vielleicht sogar von einem G 6 Gipfel der besonderen Art berichtet der Evangelist Matthäus in seinem 17. Kapitel in den Versen 1-9. Er schreibt:

„Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor Ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. Petrus ab fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.

Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr.

 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: steht auf und fürchtet euch nicht! Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.“

Liebe Gemeinde,

Jesus nimmt nur drei der zwölf Jünger mit nach oben. Es sind die Erstberufenen, die den steilen Anstieg auf den Berg mitmachen dürfen oder müssen. Die, die ihn bislang am längsten begleitet haben, erleben etwas, das sie körperlich und seelisch an den Rand ihrer Kräfte und ihres Vorstellungsvermögens bringt.

Vor ihren Augen hebt Jesus für einen Moment den Vorhang, der ihnen den unverstellten Blick auf seine Gottheit ermöglicht. Hatten die Jünger ihn bisher nur als einen - wenn auch wundertätigen - Menschen aus Fleisch und Blut erlebt, so zeigt er sich ihnen jetzt in ganz anderem Licht. Er wird zur Lichtgestalt. Sein Angesicht leuchtet wie die Sonne, seine Kleider werden weiß wie das Licht. Eine überwältigende Verwandlung, eine Metamorphose oder, wie Luther übersetzt, eine Verklärung.

Der Reiz dieses Wortes besteht darin, dass der Wortsinn die Erscheinung spiegelt und zugleich beschreibt, was sie sein soll, nämlich die Erklärung, die Deklaration des Christus als Sohn Gottes.

Die Jünger spüren, dass Gott selbst erscheint. Die Verklärung geschieht, weil Gott selbst mit seiner Herrlichkeit, mit seinem Glanz und seiner Schönheit Jesus erfüllt. Sie wissen, dass sie in diesem Augenblick eine Schau Gottes erleben, eine Begegnung, die sie selbst erhellt, die sie für das Leben prägt.

Aber damit nicht genug, auch Mose und Elia erscheinen und reden mit Jesus. Mose und Elia, zwei eindrückliche Gestalten des Alten Testamentes. Beide einte der Wunsch, Gott zu sehen. Ein Wunsch, den viele von uns sehr gut nachvollziehen können. Mose und Elia erfüllt Gott diesen Wunsch, doch anders als erwartet.

Zu Mose sagt Gott: „Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorüber gegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“ (Ex 33, 22f.)

Ein Urbild von Lebens- und Glaubenserfahrung wird uns hier mitgeteilt: Nur im Nachhinein sehe ich Gott und erkenne seine Führung in meinem Leben.

Auch gegenüber dem Propheten Elia, dem Kämpfer gegen die Götzen, erscheint Gott nicht direkt, nicht gewaltig und mächtig, sondern im sanften, leisen Säuseln: „Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel.“ (1. Kön. 19,12)

Auch dies spiegelt unsere Glaubenserfahrung. Gott wirkt in unserem Leben nicht vordergründig und gewalttätig, nicht alles umstürzend, sondern oft unscheinbar, beinahe unbemerkt.

Mose und Elia, die nach der Schrift als einzige Menschen die Herrlichkeit Gottes erlebt haben, bezeugen bei der Verklärung Jesu, dass es sich um dasselbe Licht und denselben Gott handelt.

Diese helle, durchwärmte und geistdurchwirkte, von Gott getränkte Atmosphäre, in die sich die Jünger gestellt sahen, ließ Petrus nicht weiter ruhig bleiben. Seine Tatkraft war angesprochen, seine Phantasie und Kreativität waren gefordert. Sollte man nicht diesen Augenblick festhalten, verlängern, aus der Zeitlichkeit reißen, um ihn ewig werden zu lassen? Sollte man nicht etwas Bleibendes, Gebäude schaffen, die deutlich machen, was sich gerade hier zugetragen hatte? In Erinnerung an das Gipfeltreffen der Großen Drei: Mose, Elia und Jesus?

Dem herausragenden, einzigartigen Augenblick Dauer verleihen zu wollen, das kennen wir. Wer erlebt hat, wie sich Menschen nach dem Fall der Mauer in den Armen lagen, welche Mitmenschlichkeit herrschte, welche Solidarität und Fröhlichkeit überall zu spüren war, der hat sich vielleicht in einem Moment der Stille gewünscht, dass dieses menschliche Miteinander diese Intensität nicht wieder verlassen möge.

Wir kennen solches Festhalten-Wollen auch aus unserem privaten oder beruflichen Leben, nämlich dann, wenn wir uns geliebt, angenommen und verstanden fühlen, oder, wenn wir einen anderen lieben, annehmen oder verstehen. In diesen Situationen verspüren wir den Drang, dass dieses Gipfeltreffen von Zugewandtheit und Menschlichkeit anhalten möge, dass es bleibt, einfach von Dauer ist.

Und wir beten oder rufen laut: „Herr hier ist gut sein!“ Ja, diesen inneren Ruf an Gott, der doch immer auch einer ist, der sich in unserer Dankbarkeit ihm gegenüber äußert, den kennen wir.

Aber der zupackende Petrus, der Hüttenbauer und Schlüsselhalter des Himmels, wird in seinem Eifer gestoppt. Von woher? Von ganz oben!

In seine Aktivität, in seine Schaffenslust mischt sich Gott selbst ein, indem er sagt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören.“

Der Spannungsbogen erreicht seinen Höhepunkt. Gott durchkreuzt den petrinischen Bauplan drei Hütten errichten zu wollen und verweist auf Jesus allein. Jesus hat in dem Kreis der Erlauchten auf dem Gipfel der Begegnung nicht nur die Richtlinienkompetenz, sondern er bleibt mit seinem Wort als der Einzige bestehen. In ihm erfüllen sich das Gesetz und die Prophetie. Er ist das wahre Wort Gottes. Sein Wort ist zu hören, ihm ist zu folgen. Er weist den Weg.

Das Hören auf das Wort Jesu ist nicht einfach. Es gefällt nicht immer. Es löst Widerstände aus und passt nicht immer in die vielfach antrainierten Formen von political correctness. Wer auf Jesu Wort hört, es als Quelle des Lebens begreift, der kommt in Situationen, in denen er die Welt, die Gesellschaft, das politische Geschehen nicht einfach sich selbst überlassen kann.

Dies geschieht uns als Kirche Jesu Christi, die in seiner Nachfolge steht. Als Kirche der Reformation, die das Wort Gottes zum alleinigen Maßstab des Glaubens, Redens und Handelns erhebt, bleibt der Auftrag Gottes, auf Jesus zu hören, herausgehobene Pflicht. Aus diesem Hören wächst Entschlossenheit, Zuversicht und Hoffnung, dass Gottes Wort eine Menschen und Welt verändernde Bedeutung besitzt.

Das Hören auf Gottes Wort bewirkt weder Kleinglauben noch Betrübtheit. Und deshalb bleibt das Hören nicht beim Hörenden, sondern es sucht sich seinen Weg ins Leben, indem wir darüber mit Menschen ins Gespräch kommen, über Gott und die gesellschaftliche wie politische Gestaltung seiner Welt nachzudenken.

Die Stimme unserer Kirche orientiert sich an diesem Anspruch. Ohne ihn bestünde die Gefahr, in der Vielstimmigkeit der Welt unter „ferner liefen“ wahrgenommen zu werden. So aber bleibt die Gewissheit, dass das Hören auf Jesu Wort ein Sprechen ermöglicht, das wahrgenommen wird.

Die Jünger sind vor Furcht ob dieser Begebenheit in Ohnmacht gefallen. Dies lag nicht an der Höhenluft. Das Wort Gottes kann durchaus diese Ohnmachten auslösen, vielleicht manchmal im politischen und  - nicht ausgeschlossen - sogar im kirchlichen Bereich.

Doch Jesus belässt seine Jünger und uns nicht ohnmächtig. Auf Jesu Verklärung folgt die Gottesberührung mit Hand und Wort. Jesus geht zu den am Boden liegenden Jüngern, rührt sie an und spricht: „Steht auf und fürchtet euch nicht!“

Dies ist eine großartige Zusage, eine einmalige Berührung, Zuwendung und Fürsorge. Jesus hilft uns auf und nimmt uns an die Hand. Er begleitet uns nicht nur den Berg hinauf, sondern ist gerade auch auf dem Weg vom Berg hinab in das Tal bei uns.

Denn das ist und bleibt wahr: Dem Verklärten, von Gott Erwählten bleibt das Leid, das Kreuz nicht erspart. An ihm kommt er nicht vorbei, so wie wir an manchen Stellen in unserem Leben unser Kreuz tragen müssen, wie immer es aussieht, wo immer wir es spüren. Doch dieses Kreuz ist angeleuchtet vom Licht der Zuversicht.

Als Kirche ist es unsere Aufgabe, eben nicht nur zu reden, sondern die Hand zu reichen und den Gefallenen aufzuhelfen und sie auf ihrem Weg zu begleiten. Immer wieder machen wir die Erfahrung von Trost in der Bedrohung.

Obwohl die Christenheit gespalten ist, gibt es immer wieder fröhliche und zukunftsweisende ökumenische Erlebnisse.

Es gibt die Erfahrung von Versöhnung im Streit. In den Kriegen und blutigen Auseinandersetzungen in der Welt, gibt es immer wieder Zeichen der Hoffnung.

Es gibt in der Armut und im Hunger der Welt immer wieder Entwicklungsprojekte, die Brot und Leben hervorbringen. . . . .

Das Gipfeltreffen unseres Lebens ist und bleibt die Begegnung mit Gott. Auf diesem Gipfel ist Platz für jeden. Dort gibt es viel zu sehen und zu hören.

Diese Begegnungen sind die wahre Höhe unseres Lebens, diese dürfen wir im Herzen halten und auf der Zunge tragen. Alle aber sollen wir Zeugnis von solcher Gottesbegegnung ablegen, sollen davon reden, was wir gesehen und gehört haben.

Auch an unserer Zuversicht und Fröhlichkeit, an der Bestimmtheit und Klarheit unseres Auftretens wird es liegen, ob wir uns alle auf dem Gipfel treffen, dort, wo sich Himmel und Erde berühren.

Amen



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