Ökumenische Fürbittandacht für Japan im Deutschen Bundestag

Liebe Gemeinde des Deutschen Bundstages,

die Erde bebt. Der Boden, sonst das verlässliche Fundament der eigenen Standsicherheit, zwingt in die Knie, als wäre man auf einem kleinen Schiff bei viel zu hohem Wellengang. Die Erde bebt - und wir sind erschüttert. Wir haben sie gesehen: Die Wellen, die alles sintflutartig mit sich reißen und keinen Stein über dem anderen lassen. Die keine Gnade kennen vor jung und alt, gerecht und ungerecht. Tod und Elend um und um, Verwüstung allenthalben und entsetzte Trauer. Eine Trauer, die ein zivilisiertes und hochtechnisiertes Volk verstummen lässt, das nach Worten ringt, um das Erlebte, Gefühlte, Durchlittene verstehen, begreifen und schließlich mitteilen zu können. Und diejenigen, die überlebt haben, die hofften alles überstanden zu haben, sehen mit großer Angst und starrem Blick auf das, was an strahlender Belastung kommen könnte – unsichtbar und doch auf Dauer tödlich.

Wir nennen das, was geschehen ist, eine „Katastrophe“. Wörtlich übersetzt heißt Katastrophe „Wendung zum Niedergang“ oder auch „Umkehr“, „Umsturz“. Was kehrt die Katastrophe in Japan von unten nach oben? Welche Sicherheiten erschüttert sie? Was tritt aus der Verborgenheit ans Licht, was aus dem Hintergrund in den Vordergrund?

Die Katastrophe bringt unsere Abhängigkeit und Ohnmacht ans Tageslicht. Sie zeigt, dass wir in unserem Alltag von Voraussetzungen leben, für deren Bestand es keine Garantie gibt. Wir beherrschen die Erde nicht und können ihr nicht gebieten, nach unserem Willen zu funktionieren. Aller technische Fortschritt und alles Sicherheitsstreben des Menschen können sein schlechthinniges Ausgesetztsein und seine Endlichkeit nicht aufheben. Wir stehen sozusagen mit beiden Beinen fest in der Luft.

Das wissen wir eigentlich. Aber wir verdrängen es normalerweise, um ruhig leben zu können. Nun aber ist unser selbstverständliches Leben erschüttert. Hinweg gespült und fortgerissen sind die Mechanismen der Selbstberuhigung. Und es ist nicht verwunderlich, dass sich bei diesen Hiobsbotschaften, die sich ja dadurch auszeichneten, dass sie, wie auch in Japan, an Dramatik von Mal zu Mal zunehmen - religiöse Bilder aufdrängen. Das, was wir gesehen haben und sehen hat partiell apokalyptischen Charakter. Und immer lauter drängt sich eine Frage auf: „Warum?“ „Warum dieses Erdbeben? Warum dieser Tsunami? Warum diese Reaktoren an dieser Stelle, in dieser Situation?“

Gerade in der Passionszeit klingt darin auch der Ruf Jesu am Kreuz wider: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ In der Frage bricht sich die Verzweiflung des Menschen ihre Bahn, sie ist der Schrei des Hilflosen und scheinbar Gottverlassenen. Die Frage des „warum“ stellen auch wir häufig, und wir verbinden mit dieser Frage nicht selten diejenige nach der Verantwortung. Warum hast Du, warum haben Sie das zugelassen? Die Warum-Frage soll nicht nur die Blicke auf das eigene Leid lenken, sondern auch den anklagen, der daran Schuld hat, dass es einem so geht.

Und Jesus? Richtet er wirklich diese Warum-Frage an Gott? Übersetzt man den Psalm wörtlich, so heißt die Frage nicht: Warum hast du mich verlassen? Sondern: Wozu hast du mich verlassen? Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied: Wer WARUM? fragt, arbeitet sich an der Vergangenheit ab. Wer WOZU? fragt, will wissen, wohin das Widerfahrene führen soll. Was der Sinn dessen ist, was man erlebt und mitgemacht hat. Wer Wozu fragt, der sucht die Zukunft. Und Jesus erkannte sie im Ja Gottes zur Welt durch sein Leiden und durch seinen Tod.

Und unsere Fragen nach dem Wozu? Die Antwort auf dieses Wozu? wird nicht als philosophischer Satz auf Papier zu schreiben sein. Diese Antwort gibt man mit seinem eigenen Leben – mit neuen und hoffentlich lebenserhaltenden Antworten und Taten.

Diese Taten werden dabei nicht die umfassende Antwort sein. Das Ziel unserer Hoffnung, das Reich Gottes, können wir nicht aus eigener Kraft herbeiführen. Aber Christen sind Mitarbeiter Gottes, die ihren Beitrag zu einer Welt leisten, in der mehr Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Umsicht herrschen sollen. Beten und tätig sein – das ist ihre Aufgabe. Hier und heute.

Beten und tätig sein, in dieser zweifachen Ausrichtung sehen sich auch die Menschen vor Ort in Japan.

Von Pfarrerin Elisabeth Hübler-Umemoto, die die deutsche Auslandsgemeinde der EKD in Tokyo leitet, erreichte uns ein Brief. Sie schreibt:

„Wir hier sind […] mit der Anspannung beschäftigt, mitzubekommen, was jetzt zu tun ist, Entscheidungen zu treffen, Gottesdienst vorzubereiten, Telefonate zu führen, alle zu informieren. Das Entsetzen ist so groß und so nah, dass ich es nicht fühlen kann. Es passt in eine Seele nicht hinein.“

Vor zwei Tagen hatte ich ein Gespräch mit einem Gemeindeglied, das ganz aufgelöst davon erzählte, wie gespenstisch es sich anfühlt, weiter zu funktionieren, zu arbeiten wie immer, während gleichzeitig Menschen sterben, Welten zusammen brechen, nichts mehr so ist wie vorher. 

Was ist wichtig in solchen Erfahrungen? Ist unser sonst so wichtiges Leben und Gestalten nicht einfach nur äußerlich? Die Parameter verschieben sich. Das eigentlich Wichtige sind die anderen Menschen, sind die Beziehungen, der direkte Kontakt, das miteinander Teilen von Gedanken, Gefühlen, das sich gegenseitig Erzählen, wie es mir ergeht.

Und dennoch machen wir weiter, tun, was uns aufgetragen ist, und beten um die Gegenwart Gottes, die uns Kraft und Gelassenheit gibt. Begeben uns in die Obhut des Unverfügbaren. .Mehr haben wir nicht: Beten und tun, was uns aufgetragen ist. 

Mehr nicht, aber das ist nicht wenig.“

Liebe Gemeinde,

„das Entsetzen ist so groß, dass es in eine Seele nicht hineinpasst.“ Wir hier in Deutschland haben Abstand zu den Ereignissen, und trotzdem spüren wir eine innere Erschütterung unserer Einstellungen und Haltungen, auch wir gehen in die Knie, weil der Boden häufig festgefügter Meinungen ins Schwanken gekommen ist. In dieser Situation können wir uns nur festhalten an dem, was Generationen von Menschen vor uns bezeugt haben und das auch wir glauben.

Die Gewissheit des Apostels Paulus, die er im Brief an die Römer niedergeschrieben hat, möge daher auch uns Halt und Trost sein in all dem, was auch in unserem Leben noch kommen mag:

„Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“
Amen.