Gottesdienst anlässlich des Reformationsfestes 2012 und zur Eröffnung des „Jahres der Toleranz“, Dreifaltigkeitskirche Worms (Galater 5, 1-6)

Margot Käßmann

31. Oktober 2012

Es gilt das gesprochene Wort!

Liebe Gemeinde, vor zwei Jahren war ich in den USA zum Schabbat in eine jüdisch-orthodoxe Gemeinde eingeladen. Im Gottesdienst wurde ein kleiner Junge beschnitten. Männer und Frauen waren durch eine Absperrung getrennt, wir schauten also aus der Ferne zu. Der kleine Junge wurde vom Rabbiner auf den Schoß genommen. Der für das Beschneiden ausgebildete Mann der Gemeinde öffnete die Windel, entfernte die Vorhaut. Der Säugling schrie, alle klatschten und freuten sich. Ein mir sehr fremdes Ritual. Als ich amerikanischen Freunden am nächsten Abend davon erzählte, habe ich gelernt, dass es in den USA üblich war, jeden Jungen zu beschneiden, das war schlicht Routine in den Krankenhäusern. Jüdische und muslimische Eltern mussten explizit darum bitten, das nicht zu tun, um das Ritual in der Synagoge oder in der Moschee oder im Familienkreis durchzuführen, heute werden die Eltern gefragt, ob sie zustimmen. Der durchschnittliche Amerikaner meines Alters aber ist beschnitten. Das war mir neu und überraschend, aber an den Apostel Paulus habe ich dabei nicht gedacht, obwohl ich über die Verse aus dem Galaterbrief, die heute Predigttext sind, schon oft gepredigt habe.

Interessant, wie das Thema Beschneidung durch ein einziges Gerichtsurteil auf einmal ganz konkret relevant, ja brisant geworden ist. Insofern zeigt sich erneut: die Texte der Bibel sind nie ausgelesen, sie erzeugen immer wieder neue Relevanz und Aktualität.

Aber schauen wir erst einmal, in welcher Situation Paulus schreibt. Oja, es gab Streit in der frühen Kirche, der Galaterbrief stammt aus dem Jahr 55, wurde also nur rund 22 Jahre nach dem Tod Jesu geschrieben. Keine lange Zeit eigentlich, weniger als die Maueröffnung jetzt zurückliegt. Aber wir wissen ja sehr wohl, wie intensiv in so wenigen Jahren diskutiert werden kann, allein schon die Erinnerung ist sehr verschieden.

Von Anfang an also wurde um den Glauben gerungen, gab es Differenzen und Auseinandersetzung um den richtigen Weg. Fast schon beruhigend, denke ich, der Streit um die Wahrheit ist offenbar Teil christlicher Gemeinschaft. Es ging darum, ob jemand erst Jude werden müsse, um Christ zu werden. Paulus war vehement dafür eingetreten, dass Menschen aus allen Völkern durch Jesus Christus den Weg zu Gott finden können. Sie müssen dafür keine Vorleistung bringen, auch nicht erst zum Judentum konvertieren und das als Männer durch Beschneidung dokumentieren. Auch die jüdischen Speisegebote müssen aus seiner Sicht nicht befolgt werden. Paulus ist überzeugt: es gibt keine gesetzlichen Vorleistungen für den Glauben. Einige aus der Jerusalemer Gemeinde, darunter Jakobus und Petrus, waren offenbar anderer Ansicht, obwohl man sich im so genannten „Apostelkonvent“ im Jahr 48 darauf geeinigt hatte, dass es keine Auflagen geben könne für Menschen, die zum Christentum konvertieren. In dieser Situation argumentiert Paulus vehement für die Freiheit.

Drei reformatorische Themen sind hier angesprochen:

FREIHEIT

Zuallererst geht es Paulus darum, dass für den Glauben die Frage der Beschneidung absolut zweitrangig ist. Für den christlichen Glauben wohlgemerkt, dies kann kein Urteil darüber sein, wie Juden oder Muslime empfinden oder zu empfinden haben.

Paulus ist überzeugt, dass es keine Voraussetzungen geben kann, zum Glauben zu finden. Niemand muss erst dies oder das leisten, um vor Gott bestehen zu können. Gottes Lebenszusage gilt. Da ist nicht der strafende alte Mann, der mit erhobenem Zeigefinger auf die Menschen schaut und mit Höllenqualen droht dem Mann der versagt, der Frau, die scheitert. Nein, auch im Scheitern, mit all unseren Problemen und Fragen, auch mit Versagen und Schuld dürfen wir vor Gott treten. Christlicher Glaube ist keine Leistungsreligion. Es geht um die Lebenszusage, dass Gott mich ansieht und den Sinn meines Lebens schon bestimmt, bevor ich irgendetwas tun kann. Das bezeichnen wir als „Gnade“. Darum beispielsweise taufen wir Säuglinge, weil so deutlich wird: auch wenn ich noch gar nichts tun oder leisten kann, bin ich von Gott in Liebe angenommen.

Es war diese Erkenntnis, die für das theologische Denken Martin Luthers den entscheidenden Durchbruch anbahnte: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Freiheit ist der Grundbegriff der Reformation. Luther hat eine ungeheure innere Freiheit erfahren, als ihm klar wurde, dass weder Papst noch Kaiser, weder Sünde noch Gesetze ihn von Gott trennen können. In dieser Überzeugung konnte er hier in Worms vor den Reichstag treten.

Gott ist schon da. Gottes Hand ist schon ausgestreckt. Von der Bibel her hat Luther dieses Gottesverständnis entwickelt. Deshalb ist für uns als Evangelische das „sola scriptura“, die Schrift allein, von so zentraler Bedeutung. Es geht Luther darum, nicht einen von der Kirche schon reflektierten, in Bahnen und Dogmen gelenkten Glauben zu übernehmen, sondern die Menschen mündig werden zu lassen. Selbst nachlesen dürfen sie, Schulen hat er gegründet, ein Bildungsvorgang ungeheuren Ausmaßes wurde in Gang gesetzt.

Der Gedanke der Freiheit war und ist für die Kirche der Reformation von zentraler Bedeutung. In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ hat Martin Luther das bis heute auf bemerkenswerte und anregende Weise ausgeführt. Die Spannung zwischen seinem Satz „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan“ und dem anderen „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“ ist dabei wegweisend. Die Freiheit eines Christenmenschen ist einerseits ganz ohne Voraussetzung. Schlicht geschenkte Freiheit. Und doch ist sie nicht ohne Folgen. Diese Freiheit berührt zuallererst Glaubensfragen, jeder Zwang wird hier abgewehrt. Daraus entsteht die Freiheit des Gewissens, die sich dann als verantwortliche Freiheit im persönlichen und öffentlichen Leben umsetzt.

Freiheit im evangelischen Sinne ist deshalb nie der Libertinismus, mit dem Freiheit heute allzu oft verwechselt wird, sie ist nie die Banalisierung und Trivialisierung von Werten und Standpunkten. Nein, um Verantwortung geht es und um Bindung an Gottes Wort. Freiheit im evangelischen Sinne ist deshalb auch nie liberal im Sinne von absoluter Individualität, sondern sie weiß sich bezogen auf Gemeinschaft.

Luthers Freiheitsbegriff hat in der Tat zu mancher Freiheit heute geführt. „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ als Schlagwort der französischen Revolution haben im Gedanken der Freiheit eines Christenmenschen durchaus Wurzeln. Selbst denken, selbst urteilen, Meinungs-, Rede-, und Gewissensfreiheit – das sind reformatorische Errungenschaften, die gerade in ihrer Entwicklung durch die Aufklärung manches Mal durchaus gegen die Institution Kirche erkämpft werden mussten.

Was ein solches Gottesbild bedeutet, begreifen schon Kinder. Es gibt die schöne Geschichte von einem Pfarrer, der sich maßlos ärgert, wie ständig Äpfel vom Baum im Pfarrgarten gestohlen werden. Er stellt ein Schild auf: „Gott sieht alles!“ Da ist er, der drohende, strafende Gott. Die Kinder hatten offenbar guten Religionsunterricht. Sie schreiben darunter: „Aber Gott petzt nicht!“ Ein schönes Bild. Gott sieht alles, in der Tat. Vor Gott können wir nicht verbergen, wer wir sind und was wir tun. Aber Gott hält und trägt uns, auch da, wo wir Gebote überschreiten.

Nein, eine Aufforderung zum schlechten Tun ist das gewiss nicht. Aber eine Ermutigung, hinzuschauen, wo wir scheitern und schuldig werden. Und immer wieder neu anfangen dürfen.

Wie schrieb Martin Luther in einem Brief an Philipp Melanchthon 1521: „Esto peccator et pecca fortiter, sed fortius fide et gaude in Christo ...!“ - „Sei ein Sünder und sündige kräftig, aber vertraue noch stärker und freue dich in Christus ...!“

STREIT UMD DIE WAHRHEIT

Beschneidung ja oder nein - es geht ja in der Tat um eine Frage, die in der aktuellen Diskussion nicht so leicht zu entscheiden ist! Hier ist das Kindeswohl, das wir zu achten haben! Da die Religionsfreiheit, die bitter erkämpft wurde. Hier die Aussagen von Kinderärzten, die Traumatisierungen dokumentieren. Da die Frage, ob Juden und Muslime ihre Rituale nach eigener Tradition praktizieren können. Es ist heikel, zu argumentieren und sofort schlagen die Emotionen hoch. Wie urteilen?

Nein, diese Predigt wird keine Antwort liefern. Christliche Ethik kennt diese Argumentationsdilemmata. Und der reformatorische Glaube gibt in ethischen Fragen gerade nicht als Dogma vor, was der einzelne Christ zu glauben hat, welche Position für eine einzelne Christin die allein vertretbare wäre. Er hält vielmehr die Differenz aus!

Das führt zu einem Vorwurf, der den Evangelischen oft gemacht wird: nicht eindeutig genug. Da klingt schon Thomas Müntzer im Ohr, der Luther ein „Sanftleben aus Wittenberg“ beschimpfte, weil er nicht klar genug auf den Seiten der Bauern stand. Und das kennen wir doch auch in unserer Zeit: Afghanistaneinsatz: Ja oder Nein? Homosexuelle Lebenspartnerschaften im Pfarrhaus: Ja oder Nein? Präimplantationsdiagnostik: Ja oder Nein? Oder, das wissen Sie Herr Innenminister aktuell: Asyl für Sinti und Roma aus Südosteuropa: Ja oder Nein? Kaum ist ein ethisches Thema auf dem Tisch, gibt es heftigste, auch emotionale Debatten und unterschiedliche Schlussfolgerungen, was denn für die Evangelischen eine Haltung sei.

Die Reformation legt die Entscheidung nicht in die Hand von Dogmen, Kirche, Bischöfen oder einer Glaubensinstanz. Nein: das einzelne Gewissen soll geschärft werden. Ich muss, ich soll selbst denken! Und dann die Entscheidungen verantworten, die ich fälle. Luther übersetzte die Bibel in die deutsche Sprache, damit Menschen selbst lesen können. Im Brief an den christlichen Adel deutscher Nation forderte er die Fürsten auf, Schulen für alle, Volksschulen zu gründen, damit jeder Junge und jedes Mädchen lesen lerne. Die Reformation war auch eine Bildungsinitiative. Und das gilt doch auch heute: Du bist gefragt! Lass dir nichts vorsetzen! Oder wie das Friedrich Siegmund Schultze ausgedrückt hat, lass dich nicht in die Verantwortungslosigkeit hinein schläfern!

Den „Streit um die Wahrheit“ aushalten, das ist Bestandteil evangelischer Lehre. Und die Verschiedenheit der Position zu ertragen, das ist Realität in den evangelischen Kirchen der Welt. Es ist nicht immer leicht, damit umzugehen. Einfacher ist es schon, wenn die Antwort mir vorgelegt wird. Da muss ich nicht mehr viel fragen. Leichter ist es auch, wenn ich mich nicht der Kritik anderer stellen muss, denn wer einen Standpunkt vertritt, macht sich angreifbar. Da ist so manchem Ruhe lieber und so manches kirchliche Statement wird so lange abgewogen, bis es keine Angriffsfläche mehr zeigt. Reformatorischer Glaube heißt auch, es wagen, eine Position zu beziehen. Und es wagen, sie vielleicht verändern zu müssen, weil ich neue, andere Einsichten gewinne.

Unsere Kirchen werden daher manches Mal für allzu bunt und vielfältig, gar wankelmütig gehalten. Das ist ein großes Missverständnis! Vielfalt ist das größere Wagnis gegenüber Vereinheitlichung. Es ist der Mut, zu erkennen, dass Glaube immer wieder neu gelebt werden muss. Denn das zeigt uns doch die Bibel selbst: diejenigen, die in ihr den Glauben bezeugen, haben durchaus unterschiedliche Positionen. Aber es ist der eine Glaube. Und: gar Gott selbst kann sich verändern, kann wie im Buch Jona den Vernichtungswillen gegenüber Ninive zurücknehmen. Kann Ohnmacht erfahren im Kreuzestod Jesu. Kann Menschen, die irren und zaghaft sind, wie Petrus und auch Paulus, seine Botschaft anvertrauen.

TOLERANZ

Tolerare heißt ertragen. Aber muss alles ertragen werden? Müssten wir nicht manches Mal „auf den Putz hauen“? Luther hätte es doch gewiss getan ...

Nein, für eine Position der Toleranz können wir Martin Luther nicht heranziehen, die ersten Reformatoren insgesamt nicht. Luther wetterte gegen die Papisten, die Juden, die Türken auf eine uns heute unerträgliche Weise. „politically correct“ war das keinesfalls.

Aber die Kirche der Reformation sollte sich ja ständig weiter reformieren. Und so haben wir begriffen, dass allzu heftiges Selbstbeharren nicht zum Frieden führt, dass Konfessionskriege gar die biblische Botschaft verdunkeln. Die Reformatoren haben beispielsweise die Täuferbewegung geradezu verraten. Und allzu lange hat es gedauert, bis es endlich zu einer Versöhnung mit den Mennoniten kam, die die Täuferbewegung als ihre geistlichen Vorfahren sehen. 2010 bat der Lutherische Weltbund um Vergebung für die Verfolgung der sogenannten Wiedertäufer im sechzehnten Jahrhundert, auch dafür, dass das erlittene Leid später vergessen und ignoriert, ja manches Mal auf geradezu verletzende Weise dargestellt wurde. Diese Bitte um Vergebung wurde in einem Bußgottesdienst angenommen – ein bewegender Akt der Versöhnung über die Geschichte der Jahrhunderte hinweg.

Toleranz heute aber ist die größte Herausforderung mit Blick auf den Dialog der Konfessionen, der Religionen und auch der Kulturen. Die Geschichte eines Baumes gibt da Hoffnung. Letzten Monat war ich auf dem Gelände der Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 in New York. Wo einst die Türme der Twin Towers standen, rauschen in die Grundrisse hinein jetzt über neun Meter Wasserfälle – ein auf gute Weise ruhiges Gedenken mitten in der tosenden Stadt. Dazu wurden hunderte Eichen gepflanzt. Zwischen ihnen steht eine einzelne chinesische Wildbirne, die als „Überlebensbaum“ bezeichnet wird. Der Baum stand seit den 70er Jahren auf der Plaza des World Trade Centers, Arbeiter fanden den Stumpf während der Aufräumungsarbeiten. Er wurde in einem Park gesund gepflegt und steht heute auf dem Gelände des Gedenkens.

Ein Symbol der Hoffnung. An diesem Ort trauern Menschen aller Nationen, verschiedenster Herkunft, unterschiedlicher Religion. Es ist ein Ort, an dem wir studieren können: so einfach ist es nicht mit dem „DIE“ und „WIR“. Toleranz meint zum einen nicht Gleichgültigkeit nach dem Motto, jeder Mensch möge nach der eigenen Façon selig werden. Das heißt: Toleranz bedeutet Interesse am anderen, am Gegenüber, etwa an der anderen Religion oder auch am Nicht-Glauben. Und: Toleranz heißt nicht Grenzenlosigkeit. Wahre Toleranz wird ihre Grenze an der Intoleranz finden. Das heißt, Toleranz bezeichnet keine statische Haltung, sondern sie meint ein dynamisches Geschehen auf Gegenseitigkeit.

Tolerare, Verschiedenheit ertragen, darum geht es schon Paulus. Die Kirche der Reformation ist da in die Irre gegangen, wo sie das aus den Augen verloren hat. Etwa in Luthers Judenschriften - es ist schwer, sie heute zu lesen. Da ist er einen fatalen Irrweg gegangen und hat die Kirche, die sich nach ihm benannt hat auf einen entsetzlichen Pfad gelenkt. In der Zeit des Nationalsozialismus hat sich das im Versagen mit Blick auf den Schutz der Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland auf entsetzliche Weise gerächt. So ist es gut, wenn wir heute ein Themenjahr „Reformation und Toleranz“ eröffnen. Oja, das wird Streit und Auseinandersetzung geben. Zwischen Konfessionen und Gemeinden, mit Blick auf Theologie und Kirchengeschichte, gewiss auch mit Blick auf aktuelle Frage wie die Beschneidungsdebatte. Aber das ist gut evangelisch, nein gut christlich, dieses Ringen um die Wahrheit. Der Brief des Apostels Paulus an die Galater macht deutlich: das war so. Von Anfang an. Wir stehen also in guter Tradition. Wagen wir die Debatte, ja den Streit um die Wahrheit! In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen gesegneten Reformationstag. Amen.