Morgenandacht, Johannes Klapper

7. Tagung der 11. Synode der EKD, Dresden, 9. bis 12. November 2014

12. November 2014

Johannes Klapper

Es gilt das gesprochene Wort.

Bild: Titel
Liebe Schwestern und Brüder,
ich begrüße Sie herzlich zur Morgenandacht am heutigen, letzten Sitzungstag. Mein Name ist Johannes Klapper und ich bin Schulleiter am staatlichen Gymnasium Walsrode, eine Schule in der südlichen Lüneburger Heide, mitten in Niedersachsen, im Herzen der Landeskirche Hannovers. Dass unsere bekanntesten Absolventen Lilo Wanders und Gerd Lüdemann sind, passt nicht unbedingt zur Frömmigkeitstradition, die hier und da in unserem Umfeld noch spürbar ist. Das geistliche Rüstzentrum Krelingen gehört kommunal zu Walsrode, und Hermannsburg ist auch nicht fern. Ansonsten sind wir natürlich wie überall mit der sozialwissenschaftlich nachgewiesenen Indifferenz und dem Traditionsabbruch konfrontiert.
Wir halten Andacht im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Bild: Er weckt mich alle Morgen, Strophen 1 und 2
Zu Beginn singen wir die Strophen 1 und 2 des Morgenliedes "Er weckt mich alle Morgen".

Bild: Kloster Walsrode mit Stadtkirche
Liebe Schwestern und Brüder,
zurzeit habe ich die Freude, einen Prüfungskurs Evangelische Religion zu unterrichten, in dem auch drei katholische Schüler sind. Die Wahl des Morgenliedes war kein Zufall, haben wir uns doch im Kurs mit Jochen Klepper beschäftigt, dessen Schicksal bis heute grundlegende, z.T. sehr aktuelle Fragen aufwirft. Wir haben die evangelischen Damenklöster Walsrode und Wülfinghausen besucht und eine Studienfahrt nach Rom gemacht.

Auch wenn die Schüler heute leider nicht anwesend sind – mit ihrer Zustimmung sind einige zumindest bildlich präsent – habe ich versucht, manche ihrer wesentlichen Gedanken und Vorstellungen in meine heutige Andacht zu integrieren.

Bild: Fragende Schülerin 1: Standbild mit Bibel
Die aktuelle Denkschrift der EKD zum RU "Religiöse Orientierung gewinnen" sieht es auf dem Hintergrund einer pluralen Gesellschaft als Hauptaufgabe des RU an, eine "Orientierung für Kinder und Jugendliche durch religiöse Bildung" zu ermöglichen.

In der Schule geht es um abprüfbare Fertigkeiten und Fähigkeiten, um Kompetenzen und um Wissen. Wie steht es da um das Verhältnis zum Glauben? Ist eine Entwicklung der Spachfähigkeit im Glauben nicht genau die Schnittstelle zwischen Glauben und Wissen, diesen ungleichen Geschwistern? Die Denkschrift fordert, die religiöse Identitätsbildung pädagogisch zu unterstützen, ohne zu meinen, über die im "Prozess der Selbstwerdung auszubildende entscheidende Bestimmtheit eines Menschen" verfügen zu können. Übersetzen würde ich das so: Der RU muss Anlässe bieten, von denen aus Impulse zur persönlichen Glaubensentwicklung ohne Zwang möglich sind.

Bild: Fragende Schülerin 2: Standbild mit Bibel
Vielleicht können zwei Unterrichtsbeispiele helfen zu zeigen, was ich darunter verstehe. Die Bearbeitung des Psalms 36 und der schon erwähnte Besuch im Kloster Wülfinghausen. Aber Psalm und Kloster? Beides scheint auf den ersten Blick himmelweit entfernt von der Lebenswirklichkeit unserer heutigen Schüler, die von einer Schnellstverwertungsgesellschaft verdorben, mit Kurznachrichten überfüttert und mit einer z.T. gräuslichen Medienlandschaft konfrontiert sind. Dazu der Kontrast: Psalm und Kloster, ganz unterschiedliche, wesentliche Elemente religiöser Tradition.

Bild: Text: Psalm 36, 1 – 5
Gleich die ersten Verse des Psalms 36 machen es uns nicht leicht. Natürlich ist der Text der Bibel ohnehin schon immer eine große philologische Herausforderung gewesen, für die heutigen Schüler mit der beschriebenen Lebenswirklichkeit sicher eine besondere. Und die Aussage: "Ihr müsst euch doch mit dem wichtigsten aller Bücher beschäftigen!" ist genauso richtig, aber genauso wenig hilfreich wie die Aussage  "Ihr müsst euch doch mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen." Mit einer belehrenden Aufforderung ist noch gar nichts gewonnen. Hirnforschung und pädagogische Psychologie sagen uns, dass Emotionen zum nachhaltigen Lernen unabdingbar dazugehörigen. Da, so meine ich, ist der Schrift zum Glauben als Resonanzboden des erfolgreichen Lernens nicht fern, und wir befinden uns im RU im hochinteressanten Spannungsfeld von Rationalität und Emotion. Mal gegensätzlich, mal symbiotisch, mal schlicht getrennt.

Zum Psalm: Sie sehen, dass ich von Ihnen Multitasking erwarte, den Text lesen und mir zuhören. Wenn Sie dann noch parallel Ihr Smartphone benutzen, sind Sie auf der Höhe der Zeit. Die Verse 1 bis 5 des Psalms 36 sind kein Text für Harmoniebedürftige. Hart wird hier von Versagern, Losern, Verurteilten gesprochen. In Schülerworten: "Die werden ja richtig schlecht gemacht". Hoffnung scheint es bei den ungläubigen Gesetzesübertretern keine zu geben. Sie scheinen alle Chancen verwirkt zu haben.

Bild: Bibel lesender Schüler
Schnell haben die Schüler die Schublade der angeblichen alttestamentlichen SchwarzWeißMalerei geöffnet, die wie eine Falle überall lauert. Die Gerechtigkeitsvorstellung ist simpel: Diejenigen, die auf Seiten Jahwes sind, werden siegen und triumphieren, die gegen ihn sind, werden verlieren und vernichtet.
Abrupt trifft uns die entscheidende Wende in Vers 6:

Bild: Baum, Himmel, Text: Psalm 36, 10
Herr, Deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen.

Eine sonst eher stille Schülerin meldet sich: "Mit soweit der Himmel ist, ist sicher unendlich gemeint. Und wenn die Güte unendlich ist, dann sind auch die aus den ersten Versen nicht völlig ausgeschlossen." 

Eine andere Schülerin ergänzt: "Wenn man nur zu den Guten gut ist, ist das ja nichts Besonderes!" Wem, liebe Schwestern und Brüder, wenn nicht Gott, kann man etwas sehr Besonderes zutrauen? Ist die Güte unendlich, hat jeder, wirklich jeder Hoffnung.

Ich erinnere mich an Hans-Joachim Kraus, der die Psalmen als Verdichtung von Glaubenserfahrungen bezeichnete, Glaubenserfahrungen, die ich meinen Schülern wünsche.
Die einfache und wertvolle Erkenntnis, dass Gottes Güte prinzipiell für keinen ausgeschlossen ist, ist vielleicht noch keine Glaubenserfahrung, aber wer will hier eine Grenze ziehen?
Bei den Assoziationen zu den Versen 7 bis 10 vermischen sich Gelerntes, Geglaubtes, Spontanes.

Bild: Text: Psalm 36, 710
Scheint in dem Begriff der Gerechtigkeit Gottes in diesem alttestamentlichen Psalm neben einem harten Anspruch nicht auch schon der Zuspruch, die frohe Botschaft durch? Die Rechtfertigung aus Glauben? Der Gedanke der unverdienten Gnade? Ist nicht die Gnade, gratia, wie eine schöne Schwester der Güte, benevolentia?

Und: Güte und Gottes Gerechtigkeit, zwei Zentralbegriffe, die in den Versen 7 und 8 direkt aufeinander folgen.

Paulus schreibt im Galaterbrief (3, 8): "Da aber die Schrift vorhersah, dass Gott die Heiden aus Glauben gerechtspricht, hat sie dem Abraham zum voraus verkündigt: ‚In dir werden alle Heiden gesegnet werden. " Wenn wir glauben, dass Jesus Christus das Wort Gottes ist, dann ist die Frage, wie das AT sich für diese Überzeugung öffnen lässt, eine spannende Dauerfrage, auch wenn sich Schüler bisweilen damit schwer tun.

Bild: Betender Schüler mit Bibel
Zu Vers 10 ist die erste Assoziation eines Schülers: "Ich bin das Licht der Welt". Darüber freue ich mich, aber müsste jetzt nicht gründlich gearbeitet werden im Sinne von verwertbarem, klausurrelevantem Wissen? Nein, ich will jetzt auf keinen Fall die Rolle des gestrengen Zensors spielen, der den historischkritischen, auf Kerncurricula und Abiturrelevanz vorgesehenen Weg des Wissens überwacht und alles systematisch einordnen lässt. Sollen sie doch ihren Gedanken freien Lauf lassen! Das dürfen sie in der Schule viel zu selten!

Das Thema Licht führt zur Schöpfungsgeschichte und zum Licht in der Dunkelheit und schließlich zum Kerzenlicht im Kloster.

Bild: Kerzenlicht im Kloster
Nach dem Besuch im Kloster Wülfinghausen, dem Kloster unserer Konsynodalin Äbtissin Reinhild von Bibra sind für unseren Kurs Kerzenlicht und Kloster in enger assoziativer Verbindung. Auf die Ihnen sicher bekannte, enge theologische und kirchengeschichtliche Verbindung von Psalm und Kloster will ich aus Zeitgründen nur kurz hinwiesen, die theologischen Zentralbegriffe des Psalms 36 finden sich übrigens alle in der Mette, der Morgenandacht.

Wenn man hoffen darf, dass Schüler biblische Texte, hier den Psalm, auf ihre eigene Existenz beziehen, dann darf ich zum Klosterbesuch sagen, dass sie das dort ganz gewiss getan haben.

Bild: Tor zum Klostergarten
Die Textarbeit, die "Wissensarbeit" spielte an unserem Besuchstag eine Rolle, aber eine deutlich untergeordnete. Die emotionalen Erfahrungen waren deutlich übergeordnet in einer Weise, wie sie leider nicht oder kaum in der Schule möglich sind.
Der Ort: ein schöner Ort von Ruhe und Frieden.

Bild: Klostergarten
Die Menschen dort hießen uns willkommen, Herzlichkeit und Güte ausstrahlend. Welch ein Kontrast zum Besuch von St. Peter in Rom.

Bild: Rom: Schülerinnen vor dem Aufgang zum Petersdom
Um es gleich deutlich zu sagen: Es geht mir an dieser Stelle überhaupt nicht um Konfessionsunterschiede oder Kritik an der katholischen Kirche. Warum aber hat nun der Besuch der bedeutendsten Kirche der Welt zu meinem großen Bedauern die Schüler im Gegensatz zum Klosterbesuch überfordert?

Es war eine Aktion des Wissens, nicht des Glaubens. Nach halbstündigem Anstehen, eigentlich eine verhältnismäßig moderate Zeit für vatikanische Verhältnisse, in der unsere Führerin schon zahlreiche Fakten zum Besten gab, folgten zweieinhalb Stunden weitere Fakten. Zu Michelangelos Pieta müsste man sich durchdrängen, um überhaupt einen vernünftigen Blick zu erheischen, ständig mussten wir aufpassen, nicht auseinander gerissen zu werden.

Bild: Rom: drängende Menschen im Petersdom
Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Wie sollte ich mich als Schulleiter gegen das Wissen aussprechen, Gott bewahre! Aber genau das, was man sich an so einem Ort wünscht, Ergriffenheit und Melodien in der Klangwelt des Glaubens, ganz zu schweigen von Kontemplation, fand nicht statt. Gefordertes Faktenwissen verdrängte die positiven Emotionen. Ganz anders war das im Kloster.

Bild: Kloster: Schülerarbeit
Neben der Zeit, die die Schüler für sich selbst hatten, gab es keinen Druck, etwas tun zu müssen. Den ganzen Tag zu beschreiben würde hier den zeitlichen Rahmen sprengen, daher die Erwähnung von Mittags und Abendgebet und die interessante Erfahrung, die erste Phase des Essens schweigend miteinander zu verbringen. Das, was vielen Schülern im Unterricht problemlos gelingt, nämlich den Mund zu halten, fühlte sich plötzlich ganz besonders an.

Bevor ich zum Ende komme, kehren wir zu unserer heutigen Arbeit mit dem Psalm zurück:

Bild: Psalm36, 1113
Den Schluss des Psalms können wir als zweiten Teil des Rahmens bezeichnen, der, wie die Anfangsverse, den Anspruch hart formuliert. Die Ungläubigen scheinen ausgeschlossen. Vielleicht können wir den Rahmen als stete Erinnerung daran verstehen, dass das SchwarzWeißSchema, hier die Guten, dort die Bösen, nicht funktioniert und wir alle der Gefahr des Scheiterns unterliegen und wir allzumal der Gnade bedürfen, wie Luther uns lehrt.

Warum scheitere ich daran, den Jungen, der die Bibel am besten kennt, zu einer aktiven Rolle im Unterricht zu bewegen? Warum scheitere ich auch oft darin, für die Schüler mehr zu sein als derjenige, der ihre Leistungen beurteilt? Für mich ist die Antwort mein Angewiesensein auf die Güte Gottes.

Im Kloster haben die Schüler nicht primär Erfahrungen des Wissens gemacht, aber sie haben viel gelernt, durch wertvolle Begegnungen mit Menschen, die Gottes Güte ausstrahlten. Die Schüler haben sich freiwillig aktiv ins Abendgebet eingebracht. Daher will ich mit einigen Zitaten aus den Rückblicken der Schüler enden. Es wäre schön, wenn man davon etwas in den regulären Unterricht hineinnehmen könnte oder vielleicht gerade nicht?

Bild: Kloster: Hauptgebäude
Ich zitiere:

  • Im Kloster Wülfinghausen steht hinter den festen Regelungen keine tote Tradition, sondern die lebendige Beziehung der Menschen zu Gott und untereinander.
  • In der Stille findet man Gott und sich selbst.
  • Das Kloster Wülfinghausen ist für mich eine Oase der Gemeinschaft, wo Menschen Kraft tanken können und die Herzen aufgeschlossen werden.
  • Der Garten ist wunderschön und lässt die Gedanken schweben.
  • Dann hat eine Schwester ein Lied mit der Gitarre begleitet und ich muss sagen, dass ich noch nie so etwas Schönes miterleben durfte. Ich habe mich in einer ganz anderen Welt gefühlt und mir kamen die Tränen, weil es einfach so wundervoll war. Danach durfte jeder eine Kerze anzünden und für eine Person beten oder Gott danken.
  • Der herzliche, umarmende Abschied nach dem gefühlvollen Abendgebet hat mich sehr berührt.

Möge Gottes Güte uns durch diesen und alle kommenden Tage geleiten.
Amen.

Wir singen die Strophen 4 und 5 des Liedes "Er weckt mich alle Morgen".

Bild: Er weckt mich alle Morgen, Strophen 4 und 5