Predigt am Buß- und Bettag in der Herrenhäuser Kirche, Hannober

Thies Gundlach

19. November 2014

Liebe Gemeinde,

bei den Reformatoren kann man lernen, Amt und Person zu unterscheiden. Man soll vom Äußeren nicht aufs Innere schließen. Man soll niemanden festlegen auf seine Äußerungen. Niemand geht auf in seinem Tun und Lassen. Die Überzeugung der unaufhebbaren Gewissensfreiheit gründet in dieser Unterscheidung. Und ohne diese Unterscheidung geht man mit seinem Inneren sehr äußerlich um.

Wir wollen aber mit unserem Inneren innerlich umgehen, gerade am Buß- und Bettag. Nur, wie macht man das eigentlich? Wie werde ich innerlich? Gibt es gute Wege? Markierungen, die uns helfen, in unserer veräußerlichten Welt innerlich zu werden? Gibt es Seezeichen im Meer des Scheins und Designs, die uns auch bei Wind und Wetter die Richtung in die Seele weisen?

I.
In der christlichen Tradition hat es immer schon Orientierungslichter gegeben; die Alten nannten dieses Verinnerlichen Beichten. Und sie verbanden damit einen inneren Weg, der auch heute jede psychologische Plausibilitätsprüfung besteht:

Am Anfang steht ein emotionales Beben, eine innere Verzweiflung und eine existentielle Scham, die sog. „contritio cordis“, eine Zerknirschung des Herzens, die die ganzheitliche Dimension benennt. Beichten ist keine intellektuelle Mitteilung, sondern Herzensangelegenheit, die die Schuld fühlt und die Scham spürt. Es geht nicht um Fehler, die man macht, nicht um Lappalien, die passieren, sondern es geht um echte Grenzen, wirkliches Versagen, tiefe Reue. Dieser inneren Zerrissenheit folgt das Aussprechen der inneren Situation in einem geschützten Raum, die sog. confessio oris, das mündliche Bekenntnis, die einem anderen Menschen vorgetragen wird. Es geht nicht um öffentliche Schuldeingeständnisse wie man sie im alten Puritanismus ebenso kennt wie in der Kulturrevolution China und den RTL-Bekenntnissendungen am Nachmittag. Es geht um anvertraute Intimität, um mitgeteilte Verborgenheit, um benannte Scham. Im Idealfall öffnet jenes „ausgesprochene Bekenntnis“ die Schattenräume der Seele, es lässt Licht und Luft in die Kellerräume und gibt damit der Seele die Chance, sich selbst zu erkennen. Und in dieser Situation hört dann der Beichtende das ganz andere, das fremde Wort des Priesters, der befugt und berechtigt ist, Gottes Wort hineinzusprechen in die aufgewühlte Seele: „ego te absolvo“, hieß die Formeln. K eine Bewertung der Taten, keine Nachforschung des Zerknirschungsgrades, sondern Freispruch, Lossprechung, Absolution, kurz: Entgiftung der Seele. Mit diesem Einspruch von außen wird das Ich im Inneren herausgerissen aus seiner Verlorenheit. Ich bin mit meiner Schuld, meiner Scham über mich selbst, mit meinem Entsetzen über mein Tun nicht mehr allein. Gott ist da, Gott bleibt bei mir, er wendet sich nicht ab von mir - trotz all meiner Taten.

Kann man sich als aufgeklärter, zumeist aber doch abgeklärter Mitteleuropäer noch den Jubel vorstellen, den eine so getröstete Seele nun anstimmt? Ahnen wir heute noch, welche Tiefe der Befreiung in der Mitte der Schuld aufbricht? Gott ist da, er lässt mich nicht fallen - mehr, schöneres, größeres kann der Mensch doch gar nicht hören. Darum bin ich überzeugt, dass der letzte Schritt der klassischen Beichte, die Umkehr zum Leben, die Änderung der Haltung, die Neujustierung des Handelns aus großer Dankbarkeit und innerer Freude heraus entwickelt wird. „satisfactio operis“, die Genugtuung durch die Werke, das ist keine Last, sondern Lust. Ein Tanz der befreiten Kinder Gottes, die dem Nächsten zu Gute kommt, weil man nicht mehr in sich selbst gefangen und nicht mehr an seine Schuld gekettet ist. 

II.
Liebe Gemeinde,

ich habe das Ideal beschreiben, wie es sich im Laufe vieler Jahrhunderte entwickelt und sich also durch ungezählte Tränen und Kümmernisse als kraftvoll und wahr erwiesen hat. Aber natürlich gab es im Laufe der Zeit auch gewaltige Veräußerlichungen: die Beicht-Pflicht ist nach evangelischem Verständnis ein Widerspruch in sich selbst. Ein verordneter Beichtstuhl zu verordneten Beichtzeiten beim verordneten Beichtvater leuchtet geistlich wenig ein. Aber die Wahrheit dieses Beichtrhythmus kann andererseits auch kaum bestritten werden. Ich vermute, dass sich diese Grundform der Beichte heute in jeder guten Wohngemeinschaft finden lässt, am Küchentisch, in ungezählten psychologischen Praxen, auch in Freundschaften, die ihre Krise bearbeiten, und unter Geschwistern, die sich wieder grün werden wollen. Das Beichten ist demokratisiert, es ist ausgezogen aus dem Beichtstuhl hinaus in die weite Welt. Das spricht für ihre Kraft und Glaubwürdigkeit, aber auch für den Verlust der Zuständigkeit des Glaubens.

Die Kirchen werden überflüssig, wenn die spezifischen Inhalte des Glaubens das Laufen gelernt haben - jenseits der Kirchenmauern. Aber mit dieser Emanzipation geht leicht das Geistliche, das Spirituelle, das Vertikale verloren. Aus dem Einspruch Gottes wird dann ein nettes Wort des Nachbarn. Aus Gottes bleibender Gegenwart wird ein liebes „Wir-sind-doch-Freunde“. Das Beichten wird auf das Horizontale reduziert, und statt des Evangeliums der Gnade gibt es das Gesetz der freundlichen Geste. Mit dem Evangelium geht auch die Tiefe und Ernsthaftigkeit des Beichtens verloren, aus Beichten wird viel zu leicht Selbstrechtfertigung und Selbstentschuldung.

III.
Liebe Gemeinde,

zum Beichten braucht man Mut. Denn ein Beichtender wird Autor seines verschatteten Lebens. Beichte kommt – wie das schöne Wortspiel heißt – vom Be-Ich-(t)en, also von der Ich-Werdung. In der Beichte sage ich „Ich“ auch zu meinen Schatten und Grenzen, zu meinen starren Wänden und fensterlosen Räumen. In der Beichte übernehme ich Verantwortung für mein Leben jenseits des Gefälligen. Beichte ist ein unerhört mutiger, selbstbewusster Vorgang. Ohne Ich-Stärke gibt es kein Be-Ich-(t)en; weinerliche, selbstmitleidige Charakterzüge haben in der Beichte nichts zu suchen. Und auch die aus Heimat, Haus und Hof so vertraute Art, Schuld zu delegieren und den anderen die Verantwortung für mein Tun und Lassen zu geben, bekommt in der Beichte eine Auszeit. Denn ich muss mich nicht selbst rechtfertigen, ich muss mich nicht aufpeppen, ich kann sagen, wie es wirklich um mich steht. Beichte ist Ich-Werdung im Schattenreich meiner Seele. Ich stehe ein für das Berechnende, das in mir ist und verleugne nicht den Neid, den Geiz, die Begierde, die ich auch in mir finde. Ich stehe auch zu all dem Kleinen, Kindischen und Kaputten, das sich im Bewerbungsschreiben des Lebens nicht so gut macht. Beichte in geistlichem Sinne ist die Einkehr des aufrechten Ganges in die lichtabgewandte Seite der Seele. Wer beichten kann, wer sich Be-Ich-(t)en kann, ist ein geistlich reifer Mensch, der auch dort Ich zu sagen vermag, wo es keinen Applaus gibt.

IV.
Und wenn wir in diesen zerklüfteten Innenräumen angekommen sind, dann kommt das fremde Wort Gottes wie aus einer unbegreiflichen Ferne, wie aus einer anderen Welt.  'Ego te absolvo', ich spreche dich frei, ledig und los, es ist Christi Stimme selbst, der mich jetzt freispricht. Denn im christlichen Verständnis des Menschen gibt es keine Isolationshaft in der Sünde. Deswegen diese Zusage, dieser Anruf, der keineswegs sagt: Ach, alles halb so schlimm, Schwamm drüber. Sondern der mir sagt, was ich selbst nicht mehr sagen kann: Du bist mehr und anderes und heller als das, was Du gerade in Dir siehst! Hinter deinen Grenzen, hinter deiner Verzweiflung ist eine Kraft, ein Licht, ein Raum, der Dich heilen wird, der Dich und deine Grenzen hineinstellt in einen Sinn, der größer ist als alles, was du dir selbst ausdenken kannst. Gott verachtet dich nicht, auch wenn du dich selbst verachtest. Gott schämt sich deiner nicht, auch wenn du dich schämst, Gott hält zu dir, auch wenn du keinen Halt findest. Denn Gott tröstet, wenn du trostlos bist. Diese Zusage ist Friede mitten im Kummer, ist ein Loslassen aller Selbstverurteilungen. Es ist das Einparken der Seele an den Säulen eines Sinnes. Dieses Hellwerden der Seele durch Christi Licht ist Heilung, weil wir für einen kleinen Moment Gott mehr vertrauen als uns selbst, weil wir seinem Wort mehr Glauben schenken können als unserem zerknirschten Herzen.
 
Die Alten haben noch gewusst, liebe Gemeinde, dass dieses Beichten, dieses Be-Ich-(t)en, diese Ich-Werdung im Reich der Schatten, keine Aufgabe, sondern eine Gnade ist. Und sie wussten, dass derjenige, der diesen Weg geführt wird, ein Gesegneter, eine Gesegnete des Herrn ist. Und darum sagt der Psalm 130 die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit:

„Denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung ist bei ihm. Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.“

Amen