Predigt im ZDF-Fernsehgottesdienst in Nürnberg

Margot Käßmann

21. Dezember 2014

Predigt (Phil 4,4)

1. Freude

Tja, liebe Gemeinde, freuen denn nun SIE sich auf Weihnachten?

Oder sagen Sie eher: Was soll das? Dieser ganze Rummel nervt mich nur. Und überhaupt, so ein Stress! Gehören Sie zu den Adventsmuffeln oder eher zu den Perfektionisten?

Aber wenn nicht jetzt: WANN haben Sie sich zum letzten Mal überhaupt so richtig gefreut? Versuchen Sie sich doch mal, ein Bild hervorzuholen aus Ihrer Erinnerung: Ich habe mich so sehr, aus tiefstem Herzen bewegt gefreut! Da habe ich von innen heraus gestrahlt!

Bei vielen wird das schon länger her sein, fürchte ich. Mein Eindruck ist, dass Erwachsenen bei uns die Freude eher abhandenkommt mit zunehmendem Alter. Da hört sich dann der Apostel Paulus fast merkwürdig an, wenn er als gestandener Mann an die Gemeinde in Philippi schreibt: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“

Da beneiden wir Kinder ja geradezu um ihre so ganz unvermittelte, sinnliche Freude. Sie freuen sich auf Weihnachten - ja, natürlich, besonders auch auf die Geschenke.

Matthias Claudius hat einst gedichtet:

Ich danke Gott

Ich danke Gott und freue mich
Wie's Kind zur Weihnachtsgabe,
Daß ich bin, bin! Und daß ich dich,
Schön menschlich Antlitz! habe,

Daß ich die Sonne, Berg und Meer
Und Laub und Gras kann sehen
Und abends unterm Sternenheer
Und lieben Monde gehen,

Und daß mir denn zu Mute ist,
Als wenn wir Kinder kamen
Und sahen, was der heilge Christ
Bescheret hatte, Amen!

Das ist eine sehr schöne Verbindung finde ich. Wir dürfen uns an uns selbst, am Leben freuen, wie sich ein Kind an Weihnachten über ein Geschenk freut. Und solche Momente kennen wir doch: Da kommst du durch den Buchenwald an die Steilküste und blickst plötzlich aufs Meer. Oder: Du spürst, dass jemand dich liebt und möchtest am liebsten die ganze Welt umarmen. Ja, das Leben ist gut – das können wir spüren in aller Tiefe. Freude über einen wunderbaren Anblick in der Natur, der uns anrührt. Die Erfahrung von Liebe. Das Erleben von Glück. Da kann uns ein Sternenhimmel, ein Naturerleben anrühren und uns die Tiefe des Lebens spüren lassen.

Die Freude, von der Paulus spricht, hat noch eine andere Dimension. Es ist die Freude über die Nähe Gottes. Denn darum geht es ja an Weihnachten: Gott kommt den Menschen nahe. Auf die Ankunft Gottes in der Welt bereiten wir uns vor, das meint Advent. Und diese Ankunft denkt Paulus im doppelten Sinne. Einmal: Gott wurde Mensch! Das ist unfassbar! Das unterscheidet das Christentum auch von allen anderen Religionen, zu glauben, dass Gott selbst menschliche Erfahrungen von Geburt bis Tod, von Freude und Leid gemacht hat.

Zum anderen meint Paulus die Wiederkunft Gottes: Gott ist nahe in dem Sinne, dass diese Zeit und Welt enden werden und Gottes Zukunft anbricht – schon jetzt, aber dann in Ewigkeit. Damals waren die Menschen überzeugt, der auferstandene Christus würde bald kommen, sie lebten in „Naherwartung“. 2000 Jahre später fällt es uns schwer, das nachzuempfinden. Wir erwarten die reale Wiederkunft Gottes eigentlich nicht mehr. Und sich darauf freuen, das erscheint uns ein merkwürdiger Gedanke. Wir haben uns eingerichtet in dieser Zeit und in dieser Welt und halten sie für ewig.

2. In allem Leide

Andererseits: Eine wirklich gute Welt voller Freude und Glück ist unsere Welt nicht. Das wissen wir doch sehr wohl. Wir haben in diesem Jahr mit Erschrecken erlebt, wie schnell der Krieg wieder vor unserer Haustür sein kann. Das Elend der Flüchtlinge in dieser Welt sehen wir täglich. Und wir sind beschämt, dass sie nach Elend und Flucht bei uns nicht freundlich aufgenommen werden. Der Terror der Milizen, die sich „islamischer Staat“ nennen, bringt grausamste Bilder in unsere geschützte Welt. Wo soll denn da Freude herkommen?

Wir sollten auch die Freude der Kinder nicht nur idealisieren. Viele Kinder leben in Armut, auch im reichen Deutschland. Sie sehen den Reichtum hinter den Schaufensterscheiben und müssen damit leben, dass sie daran nicht teilhaben können. Und auch die Vorfreude ist nicht so weit verbreitet, wie uns die Werbung weismachen will. Viele haben Angst vor Weihnachten. Denn es gibt allzu oft Streit in der Familie, wenn alles nicht so perfekt ist, wie erhofft. Und dann kommen böse Tatsachen auf den Tisch. Zerrissenheit statt Harmonie macht sich breit. Auf einmal gibt es drei Tage Zeit miteinander und manche Paare merken, dass sie sich gar nichts mehr zu sagen haben.
Wenn diese Welt ewig wäre, das wäre doch gar keine ideale Vorstellung. Dann würden Gewalt und Hass, Ungerechtigkeit und Leid niemals ein Ende haben. Oder wie der Theologe Heinz Zahrnt es einmal ausgedrückt hat: „Ewiges Leben in dieser Welt, das wäre die Hölle“. Deshalb ist die Vorstellung, dass eines Tages Gottes Welt kommen wird, gar nicht so beängstigend. Sie kann „Erlösung“ im wahrsten Sinne des Wortes bedeuten. Das meint aber gerade nicht Weltflucht nach dem Motto: Alles egal, ich warte darauf, dass Gott alles richten wird, sondern eine geradezu radikale Zuwendung zur Welt mit all ihrer Not. Die Erwartung der Ankunft Gottes ermutigt uns: Es muss nicht alles bleiben, wie es ist!

Paulus leitet aus der Vorfreude auf Gottes Zukunft eine klare Haltung in dieser Welt ab. Er schreibt in seinem Brief: „Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!“ Es geht um eine Lebenshaltung! Weil wir glauben, dass Gott uns nahe ist, werden wir mitten in unserer Welt Spuren von der Zukunft Gottes legen. „In dir ist Freude in allem Leide“, so drückt ein Gesangbuchlied diese Haltung sehr schön aus. Weil Gott selbst Leid kennt, können wir uns in allem Leid Gott anvertrauen. Weil Gott einst alle Tränen abwischen wird, können wir schon hier Tränen abwischen. Weil Not und Geschrei ein Ende haben werden, tun wir alles, um schon hier Not und Geschrei zu beenden. Die tiefe Freude, die wir im Glauben erleben, ignoriert das Leid gerade nicht! Aber sie lässt uns das Leid vor Gott bringen im Gebet und uns antreten gegen das Leid wo immer wir können. Indem wir Flüchtlingen die Tür öffnen, indem wir dem Hass und der Ausgrenzung entgegen treten. Und indem wir angesichts der fremdenfeindlichen Demonstrationen in unserem Land dieser Tage sagen: Ein weltoffenes Land wollen wir sein! Oja, wir können als Christen, Juden, Muslime und Menschen ohne Religion in Frieden miteinander Leben in Deutschland!

3. Weihnachtschrist sein

Martin Luther hat sich selbst als Weihnachtschrist bezeichnet. Er konnte sich am Weihnachtsfest so richtig freuen und hat viel dazu beigetragen, dass es so wichtig wurde für die Menschen in Deutschland. Gott ist für Luther wie „ein glühender Backofen voller Liebe“ und er schreibt: „Wir haben mehr Ursache uns zu freuen als traurig zu sein; denn wir hoffen auf Gott, der da sagt (Joh. 14, 19): »Ich lebe, und ihr sollt auch leben.«“[1]

In Anlehnung an Luther ist also die Freude immer größer als die Trauer, weil wir uns von Gott gehalten wissen. Das Leben ist für Christen mehr als das, was wir sehen, weiter und größer als unsere engen Grenzen. Deshalb hat Freude eine viel tiefere Dimension. Das Geschenk, über das wir uns freuen, ist das Kind in der Krippe. Seine Ankunft feiern wir jedes Jahr neu. Und das ist der Anlass, warum wir denen, die wir lieben, Geschenke machen.

Das kann uns doch wirklich entlasten und uns den Druck nehmen, dass alles nun ganz wunderbar weihnachtlich sein muss wie in der Jakobs-Kaffee-Krönungswerbung. Das macht doch eher Angst vor Weihnachten. Nicht alle Familien sind das, was wir „heil“ nennen. Entspannt euch, macht das Beste draus, und hört auf mit dem Stress, dass alle ganz harmonisch alle irgendwie besuchen müssen und dabei Dauerglück zeigen sollen. Es muss auch keine Gans sein, Pizza tut es doch auch. Und wenn das Geschenk nicht passt, ist doch nicht so schlimm. Der Weihnachtsbaum ist total schief und nadelt schon am Heiligabend – ja nun lacht doch mal drüber. Das alles ist zweitrangig! Ich erinnere mich, wie viel Mühe ich mir einmal gemacht hatte mit den Geschenken. Und am Ende spielten meine Kinder hochvergnügt mit dem Geschenkpapier und den Verpackungen – Humor ist gefragt, auch an Weihnachten. Wenn wir anfangen können, über unsere eigenen Ansprüche zu lachen, dann kann Freude über das, was wir haben Raum greifen. Und das wissen wir alle: Die wirklichen Geschenke des Lebens können wir nicht kaufen. Es sind Momente von Glück. Erfahrungen von Liebe, Erleben von Vertrauen.

Ganz am Ende des Abschnitts, der unser Predigttext heute ist, schreibt Paulus: „Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ In den lutherischen Kirchen ist das zur Formel geworden, die am Ende einer Predigt gesagt wird. Dieser eine Satz, fasst gut zusammen, worum es im Glauben geht: Dass wir den Frieden Gottes erleben, erfahren mit Herz und Sinn. Wir können Glauben nicht erzeugen, wir können Gott nicht beweisen, wir können die Ewigkeit nicht erklären – das geht über die Vernunft. Aber wir können zu einer Lebenshaltung finden, die sich aus der inneren Freude über Gott speist. Um diese innere Freude geht es. Die wird sich nach außen zeigen, auch in Gelassenheit gegenüber all den Ansprüchen der Perfektion. Und sie wird uns mutig machen, mitten in der Welt dafür einzutreten, dass vom Frieden Gottes schon Hier und Jetzt etwas erfahrbar wird. In dieser Haltung können wir uns aus tiefstem Herzen freuen auf Weihnachten und zugehen auf das Fest der Ankunft Gottes in der Welt, das wir miteinander feiern wollen. Oja, ich freue mich auf Weihnachten. Und ich hoffe, Sie auch. Amen.

Fußnote:

  1. Martin Luther: Der Christ in der Welt. Martin Luther: Gesammelte Werke, S. 6799 (vgl. Luther-W Bd. 9, S. 244) (c) Vandenhoeck und Ruprecht
    http://www.digitale-bibliothek.de/band63.htm.