Morgenandacht

07. November 2002 (7. Tagung der 9. Synode der EKD Timmendorfer Strand)

Christel Ruth Kaiser

Liebe Schwestern und Brüder!

Seit Sommer diesen Jahres geht Grönemeyers Lied vom Menschen ins Ohr, - heute holt es uns ab zur Morgenandacht:

Gedankenbilder - Chiffren, die uns zu uns selber führen …

Mensch

Wie unterschiedlich musikalische Wahrnehmung und Wertung auch ausfallen mögen:
Warum berühren die Assoziationen des Sängers so eindringlich? Was ist los, dass seine Botschaft fasziniert? …

Der eruptive Erfolg des Liedes lässt darauf schließen, dass es den Nerv eines tiefen Interesses am eigenen Selbstverständnis getroffen hat.
Man hört, die neue CD sei Herbert Grönemeyers persönlichste und Ausdruck seiner Trauer, ausgelöst durch den frühen Tod seiner Frau und seines Bruders in einem einzigen Jahr. Auch dies schwingt mit in den Melodien und Texten.
Vielleicht erkennen wir unsere eigene und anderer Hilf- und Ratlosigkeit in seinen Liedern wieder, aber wir saugen auch die Hoffnungszeichen auf, die er setzt, gerade dann, wenn er Tod und Endlichkeit des menschlichen Lebens nicht ausspart, dabei eine Ahnung von Transzendenz erklingen lässt.

Nichts wirkt lehrhaft, mit erhobenem Zeigefinger vermittelt oder verengt: Innenbilder, Reflexionen, Monologfetzen führen in die Weite unserer menschlicher Existenz, erzählen von Glück und Leid, singen von Leben und Tod, fragen nach Sinn und Halt, machen Mut …

Menschenmord und Bombengräuel in Serie, die große Flut im Osten unseres Landes, die Schultragödie von Erfurt, das öffentliche Ringen um bioethische Positionen samt ihren Folgen, Probleme wie Arbeitslosigkeit und Pflegenotstand, terroristische Gewalt und ihre Bekämpfung durch Mittel des Krieges, der ungeheuerliche Anschlag vom 11. September, der sich vor kurzem jährte, persönliche Schicksalsschläge:
eine Kette weiter vermehrbarer Anlässe, die - gewiss auch wegen der beständig steigenden Geschwindigkeit ihrer Abfolge - nicht nur uns Christen unausweichlich ins Grübeln über die Frage führen, was dieser Mensch eigentlich ist: sein Tun und Streben in dieser Welt, sein Sinn und Ziel.

Könnte es sein, dass in unserer Gesellschaft die Erkenntnis zunehmend aufdämmert, dass menschliches Leben nicht glück- und würdevoll gelingen kann, wenn ausschließlich Kategorien der Macht- und Gewinnmaximierung jeglicher Art die Oberhand erlangen? Ist nicht die überwältigende Akzeptanz von Grönemeyers Lied über den Menschen bei allen Generationen und Bevölkerungsgruppen - auch den kirchenfernen - Zeichen und Bestätigung für ihr elementares Bedürfnis nach Selbstvergewisserung, mehr noch: nach - religiöser - Orientierung?

Da kommt ein Pop-Sänger daher, singt und sagt an, was uns unbedingt angeht!

Eins ist klar: Grönemeyer predigt nicht und sein Lied ist auch kein Predigttext. Doch trifft er - kraft Wort und Musik - ins Zentrum unseres Glaubens:

Der Mensch heißt Mensch, weil er lacht, weil er lebt, Du fehlst…
Das Firmament hat geöffnet …
Teil mit mir deinen Frieden, wenn auch nur geborgt …
unbeschwert und frei …
Ich will nur dein Wort …
Der Mensch heißt Mensch, weil er irrt und weil er kämpft, weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt …
weil er schwärmt und glaubt, sich anlehnt und vertraut …

Die Reihung christlich fundierter Gedanken ließe sich erweitern - man schaue nur in den Originaltext: kurz und knapp, dabei authentisch und konkret, Worte der Schwebe zwischen irdischer und jenseitiger Welt, offen genug als Spielraum eigener Gedanken …

Wer genau hineinhört, entdeckt mehr und mehr eine Collage theologischer Motive, welche die hellen und dunklen Seiten des Menschseins, zugleich die Dimension Gottes integriert: Der Mensch als lebendiges Geschöpf - Gefährdung und Tod - ein geöffneter Himmel und das Reich Gottes - Schuld und Vergebung - Freiheit und Verantwortung - Glaube, Liebe, Hoffnung (auch über den Tod hinaus!) …

Was ist der Mensch?

Diese Frage, liebe Synodalgemeinde, geht mit uns in diesen Tagen der Beratung unseres Schwerpunktthemas: in ihren vielfältigen Bezügen und so grundlegenden, lebensbestimmenden Auswirkungen. In der Bibel finden wir sie in unterschiedlicher Akzentuierung gestellt. Reich sind hier die Antworten, auf die wir hören und vertrauen - andere vor mir haben sie in Referaten, im Kundgebungstext, in Gottesdienst und Andachten eindrucksvoll verdeutlicht: Das will ich jetzt nicht wiederholen.
Weil diese biblischen Aussagen unser Leben als Christen tragen und zu bestehen helfen, wollen wir sie weitersagen: in unserer Kirche, aber auch darüber hinaus bei denen, "die nicht mehr kommen, die wir als Distanzierte und als Konfessionslose bezeichnen, für die wir aber selber die Fernen und Fremden sind" - wie es Hartmut Bärend im Oktoberheft von "Zeitzeichen" ausdrückt. Hier bedarf es behutsamer, dennoch verbindlicher Annäherung, die "das christliche Zeugnis nicht unterschlägt, sondern zur rechten Zeit zur Sprache bringt".

Deshalb freue ich mich über Grönemeyers Lied vom Menschen, das von so vielen gehört wird: ein Anknüpfungspunkt, eine Gelegenheit, ein Anlass für "Andacht" mitten im Alltagsgetriebe …

Die Grafik auf der CD-Hülle zeigt ein Arrangement von Menschenbildern unterschiedlichster Prägung. Davor ist ein technisch und eher kühl wirkendes Gitternetz gezogen - mag sein die Fassade eines Bauwerkes - , durch dessen dreieckige Fenster nur wenige der Bilder sichtbar sind: Unser Blick auf die Menschen scheint verstellt.
Umgekehrt: Aus einem der Dreiecke schaut uns ein großes Auge eindringlich an.
Ist es weit hergeholt, wenn ich darin das uralte sakrale Dreieck-Symbol - das "Auge Gottes" - erkenne?

****

Lasst uns gemeinsam das Gebet von Karl Barth sprechen:

Herr, unser Gott!
Wir danken dir, dass dein lebendiges Wort in diese Welt und auch zu uns gekommen ist.
Erhalte uns, dass wir seine Hörer bleiben und täglich neu werden.
Gib, dass es aufwecke die Schlafenden,
dass es tröste die Betrübten,
dass es zurechtweise die Irrenden,
dass es unser aller Sünden bedecke
und uns alle aufrufe zu einem Leben in der Liebe und der Hoffnung,
das dir wohlgefällig sei.
Amen.



erweiterte Suche

 

Das könnte Sie auch interessieren...


Gesucht: Landeskirchen?

EKD-Kirchenkarte

Zu den verschiedenen Kirchen in den Regionen finden Sie am schnellsten über unsere Kirchen-Karte.