Morgenandacht zur 4. Tagung der 9. Synode der EKD in Leipzig

Volker Teich

11. November 1999

Liebe Schwestern und Brüder,

so spannend, so überraschend ist missionarische Arbeit: "Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus."

Der Engel Gottes schickt Philippus in die Wüste, an einen einsamen Ort: "Steh auf, mach dich auf und geh". Warum sollte denn Philippus gehen. Endlich war er doch in Samaria. Endlich lief seine Arbeit: eine Gemeinde entstand. Es galt Mitarbeiter zu schulen, Hausbesuche zu machen, am Sonntag zu predigen, an den übrigen Tagen Sitzungen zu halten. Es galt, doch die normale Arbeit in einer Gemeinde zu tun. Und wie viel Arbeit ist dies tatsächlich? "Aber der Engel des Herrn sprach". Gott durchkreuzt den Tagesablauf des Philippus. Gott hat andere Pläne. Er schickt Philippus in die Wüste. "Aber der Engel des Herrn sprach." Gott platzt in unseren Alltag hinein und durchkreuzt unsere Tagesordnung. Lassen wir uns aus dem alltäglichen Trott herausreißen? Wie oft geschieht es, dass uns Menschen mitten in der Arbeit einfallen, die wir eigentlich besuchen müssten. Lassen wir es noch zu, dass zwischen unseren dichten Terminen Platz gerade für solche Begegnungen ist? Aber geht dies überhaupt noch? Das wäre ja noch schöner, wenn ein, drei oder gar fünf Synodale sich im Präsidium abmelden würden und sagen: Irgendwie, ich weiß zwar nicht genau, aber ich muss fort an die Autobahn nach Süden. Bei Hof wartet irgendetwas auf mich. Eine innere Stimmte ruft mich.

"Aber der Engel des Herrn sprach zu Philippus." Missionarische Arbeit beginnt meist überraschend. Sie beginnt mit dem Ruf Gottes, der unsere Arbeit durchkreuzt und uns neue Wege gehen lässt. Der Engel Gottes schickt Philippus in die Wüste.

2. Ein Finanzminister sucht Gott.
Was hat dieser Mann nicht alles investiert. In Nubien, im heutigen Sudan, hörte er vom Gott Israels. Diesen einen Gott suchte er, ihn wollte er kennen lernen. So nahm er Urlaub, reiste diesen weiten Weg bis nach Jerusalem, um dort anzubeten. Wie viel Mühe, wie viel Einsatz an Planung und an Geld nahm dieser Mann auf sich. Ob er in Jerusalem Erfolg hatte? Der Tempel war für Eunuchen geschlossen. Möglicherweise saß dieser Mann tief enttäuscht in seiner Kutsche und hat die tiefsten Trennungen durchlitten: Für Nichtjuden, für Unreine - Eintritt verboten, für Verschnittene, für Eunuchen - Eintritt verboten. Da nützten alle diplomatischen Beziehungen nichts. Da konnte er nur noch vom Ölberg traurig den Blick auf den Tempel genießen, sich eine Schriftrolle als Souvenir kaufen und dann die Heimreise antreten. Da saß er in seiner Kutsche und las in der Schriftrolle.

Und nun schildert Lukas diese Begegnung: Wieder geht die Initiative von Gott aus. Der Geist Gottes führt Philippus. Gott bereitet die Situation vor. Philippus hört das laute Lesen des Nubiers, er hört das Wort aus Jesaja 53 und braucht nur noch die Frage stellen: "Verstehst du, was du liest." Die Antwort ist interessant: "wie kann ich, wenn mich niemand anleitet". Im Griechischen steckt die Bedeutung "den Weg zeigen" dahinter. Der Kämmerer sucht den Weg. Im nächsten Kapitel werden die Christen als die Anhänger des neuen Weges bezeichnet. Wir Christen sind auf dem Weg, wir wissen um den Weg und sind unterwegs. Was für ein Weg ist es denn? Es ist der Weg des Gottesknechtes, der den Weg des Leidens wie ein Opferlamm geht. Es ist der Weg des Christus, der sich erniedrigt bis zum Tod am Kreuz und die Schuld der Menschheit trägt. Diesen ganz anderen Weg sucht der Finanzminister, der bis jetzt nach außen hin immer den Weg nach oben ging, den Weg einer einmaligen Karriere bis zum Chef über die Goldvorräte der Königin von Nubien. Aber den Weg des Christus, den suchte er, der Frieden schafft zwischen ihm und Gott, der zu uns Menschen kommt, in unsere Niedrigkeit, in unseren Schmutz, um uns zu retten. Philippus "predigte ihm das Evangelium von Jesus", so heißt es in der Lutherbibel. Im Griechischen steht hier das Wort euangelizomai, evangelisieren oder wörtlich übersetzt: frohbotschaften. Und Inhalt dieser Botschaft, so steht es, hier ist Jesus. Das heißt vom Neuen Testament her evangelisieren: Von Jesus erzählen. Inhalt dieser Botschaft ist keine Sache, keine Ideologie, sondern eine Person: Jesus. Es geht darum, dass diese Person in unser Leben hinein erzählt wird. Es geht darum, dass Jesus und unser Alltag zusammenkommen. Das ist missionarische Verkündigung.

Da findet dieser Nubier seinen Gott. In der Einsamkeit der Wüste, nicht in Jerusalem findet er seinen Gott, oder besser, korrekter formuliert: Gott findet ihn. Zu diesem Finden gehört die Konsequenz: "Hier ist Wasser, was hindert's, dass ich mich taufen lasse."

Was für ein Glück, dass ich nicht an der Stelle des Philippus bin. Hundert Fragen hätte ich gehabt, jede gewichtig für mindestens einen Hinderungsgrund. Kann man denn nach einer Stunde Taufunterricht schon taufen? Da fehlt doch noch der halbe Katechismus. Und wo hinein taufe ich denn mitten in der Wüste? Da ist keine Kirche, in der dieser Nubier ordentliches Mitglied werden könnte, mit Taufurkunde, Taufbescheinigung, Eintrag ins Taufregister und Steuerbescheid. Philippus übergeht sämtliche Konventionen. In den ältesten Handschriften ist nicht einmal das Taufbekenntnis des Afrikaners: "Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist", bezeugt.

Aber eines wird berichtet, ganz feierlich wird es geschildert. Die Erzählung wird hier ganz ausführlich: "Er ließ den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab", fast wie bei einer Prozession, "Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn". Feierlich wird hier vom Bund Gottes mit einem Menschen gesprochen. Hier ist diese Geschichte am Ziel. Hier ist der einmalige Höhepunkt. So greift Gott in das Leben eines Menschen ein.

3. Ein Mensch freut sich an seinem Gott
Der Schluss dieser Geschichte ist begeisternd: "Er zog aber seine Straße fröhlich, sich freuend."

Es würde sich lohnen, eine eigene Andacht über die Freude im lukanischen Schriftwerk zu halten. Das ist Lukas wichtig: Das Evangelium ist eine frohe Botschaft und der Glaube eine fröhliche Sache. Wo Gott in der Höhe gelobt wird, und der Frieden auf Erden verkündigt wird, da ist Freude. Wo der auferstandene Jesus Menschen begegnet, da herrscht Jubel in den zuvor dunklen Räumen. Und hier, wo ein Afrikaner seinen Gott gefunden hat, da zieht er seine Straße fröhlich weiter.

Möge diese Freude unsere Synode durchdringen, dass wir am Freitag fröhlich unsere Strasse ziehen, nicht weil es endlich vorbei ist, sondern, weil Jesus Christus uns als Frauen und Männer seiner Kirche neu beauftragt, ihn selbst zu den Menschen in unserem Land zu bringen. Und möge uns diese Freude dann den Mut schenken, dass wir so unkonventionell über Grenzen und Mauern springen können, wie es in dieser Geschichte beschrieben ist. Und die Freud ist dann tatsächlich berechtigt, wenn wir in diesem Auftrag uns eins sind und dieser Funke auf unsere ganze Kirche überspringen könnte.

Er zog seine Straße fröhlich weiter. Ich will es jetzt auch tun in diesen Tag hinein.

Amen.



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