Morgenandacht

Monika Schwinge

6. Tagung der 9. Synode der EKD in Amberg

Liebe Brüder und Schwestern!


Ganz außergewöhnlich und in höchst gesteigertem Maß sind in diesem Psalm die Sinne, die Empfindungen, die Vernunft des redenden Ichs in Anspruch genommen. Neue, ungeahnte Wahrnehmungshorizonte tun sich ihm auf. Wie ist so etwas möglich?

Es gibt Erlebnisse, bei denen das Hören, Sehen, Empfinden, Denken von Menschen weit über das gewohnte Alltägliche hinausgehen. Liebende können wahrnehmen und fühlen, dass die ganze Welt von ihrem Glück erfüllt ist; es ist ihnen, wie es so heißt, als hinge der Himmel voller Geigen. Schreckenserfahrungen können dazu führen, dass Menschen die ganze Welt als bedrohlich und tobend wahrnehmen, wie in den letzten Wochen vielfach geschehen und immer noch geschieht.

Angesichts länger anhaltender, derart gesteigerter Wahrnehmungen und Empfindungen haben Außenstehende bisweilen den Eindruck, hier sei einer überspannt und leide unter Realitätsverlust. Überspannt oder übersteigert mag in der Tat nun auch der Wahrnehmungshorizont erscheinen, in den sich der Psalmist hineinversetzt sieht. Das, was nun bei ihm Sinne, Empfindungen und Vernunft so sehr affiziert und ihnen ganz Neues erschließt, das ist das Wort Gottes. In diesem Wort, so erfährt er, erscheint das Wohlgefallen Gottes. Es wirkt schöpferisch, bewahrend, rettend. An diesem Wohlgefallen bekommt alles Geschöpfliche teil; dieses Wohlgefallen verleiht allen Geschöpfen Ehre, Glanz und Herrlichkeit.

In unserem Psalm wird das Wort Gottes, das Gottes Herrlichkeit erschließt, als die Thora bezeichnet. Die Thora beinhaltet gleichermaßen Zuspruch und Anspruch Gottes an sein erwähltes Volk und in ihm und mit ihm an alle Welt. Die Thora enthält das schöpferische Wort: Es werde Licht, mit dem die Welt aus lauter göttlicher Güte ins Sein gerufen wird und die Mächte des Chaos gebannt werden. Die Thora enthält die Zusage Gottes an sein Volk: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus der Gefangenschaft, aus all deinem selbstgemachten und dir zugefügten Elend herausführt in die Freiheit der Kinder Gottes, der dich einweist in gutes Leben und dir Anweisungen gibt für ein Leben in Beziehungen mit Gott und untereinander. In der Thora sind all die Worte göttlichen Wohlgefallens versammelt, die das Glück ebenso wie das Elend und auch das Alltägliche umspannen.

Dies, was dem Psalmisten in der Begegnung mit dem Wort Gottes aufgeht, dies ist es, was ihm ganz neue Wahrnehmungen möglich macht. Deshalb sieht er den Glanz, den das göttliche Wohlgefallen aller Kreatur verleiht, deshalb hört er, wie die ganze Schöpfung Kunde davon gibt: Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, das Firmament verkündet seine Schöpferwerke. Durch Tage und Nächte wird diese Kunde weitergegeben, ihr Schall geht aus in alle Lande; er kann nicht unterdrückt und zum Schweigen gebracht werden von all den anderen Tönen, die ja auch Tage und Nächte erfüllen und in alle Lande gehen: Von den Tönen der Bosheit und des Hasses, vom Schreien, Klagen und Weinen, vom Seufzen.

Was hier in dem Psalm durch das Wort Gottes sinnlich wahrnehmbar wird und als das große Wunder mitten in all dem, was so ganz und gar nicht wunderbar ist, erlebt wird, dies wird dann später noch einmal neu in der Begegnung mit dem Wort Gottes, das Fleisch wird, erfahren. Da ruft, wie es in dem Weihnachtschoral heißt, mit vollen Chören alle Luft "Christus ist geboren". Schließlich: Immer, wenn die christliche Gemeinde Abendmahl feiert, stimmt sie ein in den Lobgesang der ganzen Schöpfung.

Von allen Schöpfungswerken ist für den Psalmisten insbesondere die Sonne ein Gleichnis für das Erscheinen der Herrlichkeit Gottes: Strahlend geht sie am Morgen auf und vertreibt das Dunkel der Nacht. Ihr Erscheinen und Laufen ist vergleichbar dem strahlenden und freudigen sich Aufmachen eines Bräutigams zu seiner Geliebten. Beglänzt vom Licht der Sonne wird alles Schöne der Welt erst recht schön, doch nicht nur das: In ihrem Licht fällt alles Glanzlose, Graue, Schmutzige und Hässliche auch erst richtig auf. Sie alle kennen das aus dem ganz banalen Alltag. Wenn die Sonne strahlend hell scheint, dann fällt es erst richtig auf, wie staubig und schmutzig länger nicht geputzte Fenster sind.

Wie nun die Sonne überall hindringt und vor ihr nichts verborgen bleibt, so ist es auch mit dem Wohlgefallen Gottes. Es erleuchtet die Welt, dringt überall hin, auch in die dunkelsten Ecken und Winkel, nichts bleibt ihm verborgen. Das aber, so tut der Psalmist kund, ist nichts, wovor er sich fürchten muss. Vielmehr: Weil es das Wohlgefallen Gottes ist, das alles erleuchtet und ans Licht bringt, kann ein Mensch das für sich selbst und sein eigenes Leben eigentlich nur als heilsam empfinden. Und so redet dann auch der Psalmist, wieder ganz sinnlich, von dem, was das Wort Gottes in ihm selbst bewirkt und in Bewegung bringt: Es erquickt die Seele, allemal auch die ausgelaugte, verödete Seele. Das Wort Gottes erfreut mit seinen Geboten und Anweisungen das Herz, erleuchtet die Augen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Denn von Kindheit an ärgern uns Gebote, Befehle allemal, bewirken eher, dass sich die Augen verfinstern, so wie Kains Augen sich verfinstern, als er gemahnt und gewarnt wird. Was daraus wird, wenn Augen sich verfinstern, kennen wir zur Genüge, erfahren es täglich bei uns selbst, bei anderen nah und fern. Augen hingegen, die zum Leuchten gebracht werden, die leuchten dem Mitmenschen entgegen und vermögen auch dessen Augen zum Leuchten zu bringen. Vom Anfang unseres Lebens an bis zum letzten Augenblick sind wir ja elementar darauf angewiesen, dass uns Augen entgegenleuchten, Augen, die uns des Wohlgefallens von Menschen gewiss machen. Nichts Besseres also kann geschehen, als dass dies geschieht: Dass die Gebote Gottes uns aufschließen für das Leben in Beziehungen, unser Herz erfreuen und unsere Augen zum Leuchten bringen.

Das Wort Gottes offenbart schließlich: Die Rechte, die Gott setzt, sind gerecht und wahr; sie sind süßer als Honig und Honigsalm. Diese Worte des Psalmisten werden von uns verbunden mit dem, was dann im Evangelium von Christus als Gottes Gerechtigkeit offenbar wird. Davon heißt es ebenfalls: Dein süßes Evangelium ist lauter Milch und Honig.

Süßer als Honig ist das Recht, die Gerechtigkeit Gottes, weil hier das Lebensrecht und der Wert eines Menschen nicht nach dem bemessen wird, was er ist aufgrund seiner Gene, aufgrund dessen, was er aus sich gemacht hat oder was aus ihm geworden ist, sondern weil ihm das Recht zu leben und die Wertschätzung seiner Person unbedingt als etwas Unantastbares zugesprochen wird für jeden Augenblick seines Lebens, vom Embryo an bis zum Ende.

Liebe Schwestern und Brüder!
Und nun noch einmal die Frage: Ist überspannt, wer wie der Psalmist, vom Worte Gottes erleuchtet, in diesem Licht sich selbst, das Leben und Zusammenleben, die ganze Kreatur wahrnimmt und erlebt? Überspannt höchstens in der Weise, dass dadurch ein Mensch bewegt wird, aufzufahren mit Flügeln wie Adler, aber gerade dadurch auch immer wieder festen Grund unter die Füße bekommt mitten in allen Niederungen und Abgründen des Lebens und so, auf diese Weise Gott in der Höhe und sogleich den Menschen in der Tiefe die Ehre gibt. "Lass dir wohlgefallen die Rede meines Mundes und das Gespräch meines Herzens vor dir, Herr mein Fels und mein Erlöser," mit diesen Worten schließt der Psalm. Mögen wir dazu Ja und Amen sagen und möge es Gott krönen mit seinem Ja und Amen.