Eröffnungsgottesdienst der 9. Synode der EKD in St. Marien zu Lübeck

03. November 2002 (7. Tagung der 9. Synode der EKD Timmendorfer Strand)

Es gilt das gesprochene Wort!

Liebe Gemeinde,

Amokläufe und militärische Überfälle, Umweltkatastrophen und Insolvenzen, Verkehrsunfälle und Zunahme von HIV und AIDS - wir können gar nicht all das aufnehmen, was in den Medien an Schrecklichem berichtet wird, an aktuellen und sich fortsetzenden Geschehnissen. Wir verdrängen vieles, um den eigenen Alltag einigermaßen bewältigen zu können.

Als ich im Sommer im Krankenhaus lag, nicht sehen konnte, nur auf das gesprochene Wort angewiesen war, als ich nicht vollgestopft war wie sonst von den eigenen Pflichten und Vorhaben, drangen zwei Meldungen tiefer in mich ein als üblich.

Da wurde zeitgleich aus meinem kleinen Radio her berichtet, dass mehr als ein Viertel unserer deutschen Bevölkerung übergewichtig sei, mit steigender Tendenz unter den Kindern, und dass 800 Millionen Menschen weltweit verhungern, vor allem Kinder. Kommentarlos standen diese Meldungen direkt nebeneinander. Das war schon makaber. Hier Übergewicht mit allen Folgen - dort Untergewicht mit allen Folgen.

Ich weigerte mich zwar, mir das direkt vorzustellen, aber die Gedanken blieben, an die Kinder hier und dort, die Frauen und Männer hier und dort, die so ungleichen Lebensbedingungen und Sterbefaktoren.

Mir standen hier die besten medizinischen Geräte zur Verfügung, und dort klappt nicht einmal die einfachste Versorgung mit Nahrungsmitteln.

Und mich flog der Gedanke an: Ach, käme Gott doch und nähme die Welt in die Hand und schüttelte sie zurecht und nähme auch uns und schüttelte uns zurecht, uns, die wir Verantwortung tragen in Kirche und Gesellschaft, wo und wie auch immer - oder dass doch jedenfalls Jesus käme, wie damals, um uns allen schlichte und einfache Wege zu zeigen, wie wir unsere Kräfte, unsere Phantasie, unseren Glauben unbeirrbar und besser einsetzen könnten zum Wohl der Welt, zum Heil der Menschen, zur Ehre Gottes. Dass wir uns nicht immer lähmen ließen von Befürchtungen, es brächte ja doch nichts.

Ach, dachte ich, würde es uns doch mehr ergreifen, uns das Herz dafür brennen, dass wirklich jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist und bleibt, dass wir alle von ihm geschaffen sind, durch ihn und auf ihn zu. Die Leute von Malawi nicht weniger als ein jeder, eine jede von uns hier in Lübeck oder wo immer an den Bildschirmen zu Hause.

Natürlich wissen wir, dass der Hunger der Welt nicht beseitigt wird, wenn wir unseren Speiseplan kalorienmäßig beschränken.

Wir wissen, dass auch die UNO und die FAO mit ihren Konferenzen das erste Menschenrecht, nämlich das auf Nahrung, den Völkern Afrikas und Asiens nicht einfach so verschaffen können.

Wir wissen, dass Rüstungsindustrie und Kriege ebenso wie Konzerne und Chemie aus unserer Weltwirtschaft kaum fortzudenken sind - und dass die Möglichkeiten der Moderne und der Globalisierung zum Fluch und zum Segen sein können.

100.000 Hungertote pro Tag - wenn wir das hören, zuckt es uns zwar durch die Herzen, aber dann leben wir doch weiter wie bisher, und man stirbt weiter wie bisher, im südlichen Afrika und anderswo.

Kommt die reiche westliche Welt den hungernden Völkern wie das Paradies vor oder wie Sodom und Gomorrha?
Auch Überflutungen und Dürreperioden werden weiter auf unserer Erde geschehen, wie bisher und in noch schlimmerer Weise.
Und wenn nun Gott doch wie in biblischen Zeiten herab zu uns käme und sähe sich genau um: Was täte er - für wen, - gegen wen?

Wie ein bitteres, aber heilsames Medikament schickt Gott uns die heutige biblische Geschichte. Er will uns treffen mit ihr, unser Herz und unseren Verstand.
Ein großes Geschrei war über Sodom und Gomorrha, dass ihre Sünden sehr schwer waren. Darum fuhr Gott hinab um nachzusehen, ob es so stimmte oder nicht, damit er es wüsste.

Das war ganz ähnlich wie beim Turmbau zu Babel. Doch hatte Gott dort den weiteren Bau verhindert und die Menschen in alle Länder zerstreut. Über Sodom und Gomorrha aber ließ Gott Schwefel und Feuer vom Himmel herabregnen.

Alles zerstörte er dort, alle Menschen und alles, was auf dem Land gewachsen war und in der ganzen Gegend, so heißt es später in der Bibel. Eine tiefschwarze Geschichte ist das, und Abraham ist der einzige Lichtblick in ihr.

Liebe Gemeinde, wenn Gott in unsere Zeit herabführe, worauf würde er achten, was tun? Was würden wir ihm sagen? Abraham trat vor Gott und rang mit ihm: "Willst du denn den Gerechten mit dem Übeltäter umbringen? Den Bewährten mit dem Frevler?"
Abraham wusste sich von Gott gesegnet, sich und seine Familie und die vielen Völker, auch die Menschen von Sodom und Gomorrha. Und er bat, wie selten ein Mensch gebeten hat, für eine bösartige Ecke der Welt.

Auf die Segenszusage Gottes nagelte Abraham Gott gleichsam fest. Und Gott ließ sich ein auf Abrahams Einspruch und Fürsprache. "Ja, finde ich 50 Gerechte, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben, aber wo sind sie denn? Auch wenn da 45, 40, 30, 20 Gerechte sind, und selbst um einer kleinen Schar von nur zehn willen, die sich bewährt haben, werde ich diese Städte nicht verderben." Dann brachen sie ab. So gingen sie voneinander, Gott und Abraham.

Sechs Anläufe unternahm Abraham. Verhandelte er mit Gott, ließ er nicht locker. Sechsmal beschwor er geradezu Gott, zu seinem Bund und seiner Segenszusage zu stehen.
Abraham glaubte fest daran, dass Gott nicht aufhört, seine ganze Schöpfung mit Treue und Barmherzigkeit anzusehen und zu tragen - und dass es Gottes Wille ist, dass wir alles von ihm Erschaffene sorgsam achten, dass wir Menschen füreinander einstehen, in Gerechtigkeit und voller Vertrauen. Es ist gut, bei Gott einen solchen Fürsprecher zu haben!

Was Abraham tief im Herzen bekümmerte, die drohende Vernichtung eines Teiles der Welt, daran haben wir uns, so scheint es, längst gewöhnt. Es zuckt uns zwar durch's Herz, aber dieses Zucken gleicht doch sehr einem resignierenden Achselzucken.

Wenn von Kriegen und Katastrophen, von Experimenten an Tieren und Menschen bis hin zum Klonen berichtet wird, begehren wir kaum auf. Gewalt, Sozialabbau und Fremdenfeindlichkeit regen uns viel zu wenig auf. Wir verhalten uns oft so, als ob wir nichts wüssten vom Gebot der unbedingten Nächsten- und Feindesliebe, der Gottesliebe und der Ebenbildlichkeit aller Menschen und vom Auftrag, die Schöpfung sorgsam und verantwortlich zu bewahren.

Der Überschwemmungs-August brachte schlimme Zerstörungen, aber er löste auch eine Welle der Hilfsbereitschaft aus, ließ uns spüren, dass Solidarität möglich ist, innerhalb Deutschlands und von Menschen aus allen Teilen der Welt. Das war, ist eine gute Erfahrung.

Ich bin ganz sicher, die meisten unter uns wären bereit, den doppelten Preis für Brot und Brötchen zu bezahlen, wenn damit gewährleistet wäre, dass die Hungernden Nahrung bekämen. Zudem befinden wir uns zwischen dem 11. September und dem 9. November, Daten, Ereignisse, derer wir weiterhin gedenken, in Gottesdiensten und bei Veranstaltungen, aber sie müssen in ihrer Tiefe von uns allen weiterhin aufgearbeitet werden, denken wir nur an die Antisemitismusdebatte des Sommers und an die Vorwürfe der Blauäugigkeit, die denen gemacht werden, die an der einen Welt festhalten, und denen, die sich verstärkt bei uns mit Muslimen auf den Weg machen, um vom Glauben der anderen mehr zu erfahren. Um dem Hass und der Gleichgültigkeit weniger Chance zu geben, um dem Himmel sich zuzuwenden, Gott selber, in dessen Macht es bleibt, Wasser und auch Schwefel und Feuer herabregnen zu lassen oder Segen.

Unsere Aufgabe ist es, vor Gott zu treten, mit all unserer Kraft ihn anzuflehen, auf seine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu setzen, mit ganzem Herzen und von ganzer Seele. Aufmerksam zu sein und Fürbitte zu halten für die Menschen, die neben uns und weltweit bedroht sind, ob sie schwarz oder weiß sind, fremd oder einheimisch, behindert oder AIDS-krank, winzig klein oder altersschwach. Als von Gott Gesegnete sollen und dürfen wir Gott bedrängen, wie Abraham es tat, ohne Unterlass und ohne Scheu. Auf dass Gott auch uns selber neu an die Hand nehme und zurechtschüttele und die Gleichgültigkeit aus uns herausschüttele und Segen schenke.

Vom Reformationstag kommen wir und glauben doch wirklich daran, dass jeder Mensch, der an Christus glaubt, gerecht wird, weil da ein fröhlicher Tausch stattfindet: Christus nimmt die Sünde auf sich, all das, was uns vermessen und egoistisch und hartherzig sein lässt, und er schenkt uns seine Gerechtigkeit, Gottes Augenlicht und Herzenskraft, Schwung und Hoffnung zum Guten.

Als Christen glauben wir daran, dass Christus uns in den elenden, armen, fremden Menschen begegnet, in jedem, ob er direkt vor uns steht oder am anderen Ende der Welt ist. In ihm sehen wir Gottes Ebenbild, erfahren wir seine Gegenwart, spüren wir seine Liebe und seine Erwartung an uns, dass wir nicht resignieren und verstummen.

Heute schüttelt uns Gott mit der Geschichte von Sodom und Gomorrha zurecht - mit der Geschichte von seinem Zorn und seinem Segen. Gott will, dass wir zu den Gerechten gehören, dass da mehr als 50 Gerechte sind in allen Ecken der Welt. Er sagt: Um Jesu willen, ich segne euch.

Sein Segen, der ist nicht nur ein Ausruhekissen, sondern ist ein fester Rückhalt, vor den Nöten der Welt nicht die Augen zu verschließen, sondern sich einzusetzen, dass wir uns bei allem, was wir tun, vertrauensvoll auf Gott verlassen, so wie Abraham. Amen