Predigt am 500. Geburtstag von Philipp Melanchthon in der Stiftskirche in Bretten (Hebräer 13, 7 - 9)
Klaus Engelhardt
16. Februar 1997
Liebe Gemeinde!
Sonntag Invocavit ist heute, der erste Sonntag in der Fastenzeit. An diesem Sonntag Invocavit vor 475 Jahren trat Luther überraschend auf die Kanzel der Wittenberger Pfarrkirche. Als Junker Jörg verkleidet, hatte er sich von der Wartburg durch feindliches Gebiet auf den Weg gemacht. Ein tollkühnes Unternehmen, weil ihm jeder ans Leben durfte. Melanchthon, der junge 25jährige Professor an der Wittenberger Universität, hatte ihn gerufen. Es ging drunter und drüber in Wittenberg. Luther mußte her, um durchs Predigen dafür zu sorgen, daß die Herzen der erregten, von Neuerungen maßlos mitgerissenen Menschen festen Halt bekämen.
Wer war Melanchthon? Warum rief er Luther herbei? Warum hat er sich selbst in diesem Augenblick nicht mehr zugetraut? Er war doch kein Nobody, im Gegenteil! Hier in Bretten ist er am 16. Februar 1497, heute vor genau 500 Jahren, geboren. Mit 12 Jahren kam er an die Universität nach Heidelberg. Ein Frühbegabter mit brillanten Kenntnissen in den alten Sprachen. Er wurde an die frischgegründete Universität Wittenberg berufen. Dort zog er Hunderte von Studenten an. Seine Vorlesungen funkelten. Er konnte für Bildung begeistern. Sie war für ihn kein schöngeistiger Luxus. Bildung braucht das Gemeinwesen, damit es nicht an seinen eigenen Torheiten zugrunde geht. Melanchthon, wo bleibt in den turbulenten Wittenberger Wochen deine Autorität? Warum verzichtest du darauf, dein großes Wissen auszusprechen, um Ordnung zu schaffen?
Melanchthon hat in diesen Wochen eine dunkle Erfahrung gemacht, die für sein Menschenbild zeitlebens grundlegend geblieben ist: Das Herz der Menschen ist ein trotzig und unheimlich Ding. Selbst den herrlichen Ruf zur Freiheit kann es zur maßlosen Versuchung machen, alle Bindungen aufzukündigen, so daß aus den Menschen wetterwendische, hin- und hergerissene Leute werden. Auch der Christ hat sein eigenes Herz nicht in seiner Gewalt.
Wie kann da das Herz fest werden?"Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit."Dieses Bekenntnis aus dem Hebräerbrief kommt steil daher. Es klingt wie ein Dogma aus weiter, weiter Ferne. Aber Melanchthon holt dieses Bekenntnis ganz nahe an dich und mich heran. Er macht es zu einem Wort, mit dem wir leben und sterben und mit dem wir unsere großen und kleinen Aufgaben und Schicksale bestehen können. Melanchthon sagt nämlich: "Das heißt Christus zu erkennen: seine Wohltaten zu erkennen." Das ist einer der ganz großen Sätze Melanchthons. Wer ihn begreift, dessen Herz gewinnt festen Halt. Wir brauchen auf der Seite Gottes Jesus Christus, der für uns eintritt. Wir sind bedrohte Leute, und auch unsere Welt ist von Selbstzerstörung bedroht. Mit Appellen und mit Moral ist dem nicht beizukommen. Wir brauchen einen, der nicht aufhört, für uns und unsere Welt vor Gott ein gutes Wort einzulegen. Das Herz muß fest werden gegen den Teufel, der alles darauf anlegt, daß dieser Christus den Menschen eine dunkle Gestalt bleibt, einer, dem sie gleichgültig sind und der nichts für sie übrig hat. Dieser teuflischen Versuchung schleudert Melanchthon den Satz entgegen: "Das heißt Christus zu erkennen: seine Wohltaten zu erkennen." Was Melanchthon damals gesagt hat, trifft heute noch ins Schwarze. Denn es ist uns modernen Menschen ins Stammbuch geschrieben, die wir so gerne unseres eigenen Glückes Schmied sein möchten. Was uns trägt, was uns Boden unter die Füße und ein festes Herz gibt, das sind zuerst und zuletzt die Wohltaten Christi, seine Menschwerdung, sein Kreuz und seine Auferweckung für uns.
Ach, wenn doch diese Botschaft uns anrührte! Wo Menschen ein festes Herz gewinnen; wo sie die Wohltaten Christi für sich gelten lassen, da gewinnt dies eine Ausstrahlungskraft weit über das Persönliche hinaus - hinein in Erziehung und Bildung, in Politik und Wirtschaft, in Wissenschaft und Kirche. Von Melanchthon können wir lernen, wie die äußere Freiheit aus der inneren Freiheit des festen Herzens kommt. Daß die Kirchen dafür in ökumenischer Entschlossenheit eintreten, ist das Vermächtnis Melanchthons für uns heute. Die Christenheit ist es unserer säkularen Gesellschaft schuldig, mit allem Nachdruck zu sagen, daß es ein Verhängnis ist, wenn sich die äußere Freiheit von der inneren Freiheit losgelöst hat.
Umwerfend bei Melanchthon ist für mich noch ein Letztes: Obgleich eine eindrucksvolle Persönlichkeit wie wenige andere und voller Ausstrahlungskraft; obgleich Ratgeber und hochangesehener Wissenschaftler, wie er heute noch zur Zierde unserer Republik gereichen würde; obgleich Praeceptor Germaniae, Lehrmeister Deutschlands; obgleich er also einer war, der sich selbst genügen konnte - Melanchthon ist nie ein Einzelgänger geblieben. Er blieb auf Freundschaft angewiesen, z. B. mit Luther, mit dem er es manchmal schwer hatte. "Sterben will ich lieber, als mich von Luther wegreißen lassen" konnte er sagen. Das Geheimnis seines Lebens bestand darin, daß er sich zeitlebens nicht davon abbringen ließ dazuzulernen. Und Luther hörte nie auf, von Melanchthon zu lernen. Wir wollen das beherzigen. "Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben." Jedes Mal, wenn wir für uns die Bibel aufschlagen oder wenn wir uns im Gottesdienst unter Gottes Wort stellen, können wir darauf gefaßt sein, noch nicht Gehörtes zu entdecken. Der innere Schaden unserer Kirchen besteht darin, daß sattsam bekannte Richtigkeiten ständig reproduziert werden. Aber Jesus Christus hat uns unendlich mehr zu sagen, als was wir schon längst zu wissen meinen. Da ist eine Kraft in seinem Wort, die uns neugierig machen kann und zu hoffnungsvollem Glauben und Handeln beflügelt, weil Gott alles daransetzt, diese Welt nicht vor die Hunde gehen zu lassen, sondern zu retten. Das ist sein großes, sein letztes Ziel. Gerade diejenigen, die auf dieses ewige Ziel zulebten, haben die Welt nicht sich selbst überlassen, sondern haben sie tiefgreifend verändert. Das können wir von Melanchthon lernen.
Laßt uns aus solcher Gesinnung heraus leben, indem wir bei aller persönlichen Gewißheit nicht stur werden, sondern zu Herzen nehmen, was Melanchthon wenige Tage vor seinem Tod auf einem Zettel festgehalten hat:
Du wirst zum Licht gelangen. Du wirst Gott sehen. Du wirst den Sohn Gottes schauen. Du wirst die wunderbaren Geheimnisse erfahren, die du in diesem Leben nicht begreifen konntest. ...
Amen.

