Grußwort anläßlich des Festaktes zum 400. Todestag von Petrus Canisius in der Pauls-Kirche in Frankfurt/M.

Klaus Engelhardt

29. September 1997

Es gilt das gesprochene Wort

"Wir sind zum wechselseitigen Gespräch geboren" - unter diesem Motto steht in diesem Jahr für die evangelische Kirche das Gedenken an den Reformator Philipp Melanchthon anläßlich seines 500. Geburtstages. Dieses Gespräch, das Sich-wechselseitig-Rechenschaft geben über die Grundlagen unseres Glaubens, über die christliche Existenz in der Gemeinschaft der Glaubenden ist lebensnotwendig für die Kirche. Daß der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum 400. Todestages des Jesuiten und brillanten Denkers der Gegenreformation Petrus Canisius eingeladen wird, hier ein Grußwort zu sprechen, ist ein Ausdruck für die Notwendigkeit des wechselseitigen Gesprächs zwischen der römisch-katholischen und der evangelischen Kirche. Dankbar nehme ich diese Gelegenheit wahr, denn in den letzten 450 Jahren gab es oft Phasen des absoluten Nichtverstehens, des Schweigens. In den letzten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts ist in diesen Dialog Bewegung gekommen. Wir nehmen uns in und trotz unserer Unterschiedlichkeit ernst und an. Geleitet von der Erkenntnis der Treue Gottes suchen wir das Gemeinsame ins Zentrum unseres kirchlichen Lebens zu rücken. Denn der Glaube in seinem absoluten Geschenkcharakter ist und bleibt das Zentrum der christlichen Lehre. Das betont Petrus Canisius in seinem Katechismus. Das ist reformatorische Entdeckung.

Melanchthons 500. Geburtstag und der 400. Todestag seines Kontrahenten Canisius rahmen das Jahr 1997 ein. Zwei Gedenkanlässe in diesem Jahr, die das Ringen um das interkonfessionelle Gespräch in uns wachhalten.

Zu denen, die schon vor 450 Jahren das wechselseitige Gespräch suchten, gehörten beide.

Philipp Melanchthon, der die erste reformatorische Dogmatik verfaßt hat, und Petrus Canisius, der papsttreue Jesuit, der die römisch-katholische Lehre als Ordensmann gelebt, als Prediger und Seelsorger verkündigt und als Gelehrter und kirchenpolitischer Berater verteidigt hat, begegneten sich auch persönlich. Es war 1557 in Worms, und wie es nicht anders zu erwarten war, zu einem "Religionsgespräch". In ihnen traten sich zwei der Spitzenrepräsentanten der sich spaltenden abendländischen Kirche gegenüber, um über die zentralen Wahrheiten des Glaubens zu diskutieren. Beide suchten in Treue zu ihren theologischen Einsichten diesen Disput. Was sie verband, war ihre außergewöhnliche Belesenheit und die intellektuelle Schärfe in ihrer Argumentation. Beide kannten sich aus wie kaum ein anderer in ihrer Zeit in der Literatur der Kirchenväter. Beide verstanden es, in einer schlichten Sprache und in der Prägnanz ihrer Formulierungen Glaubensansichten verständlich zu machen. Die Klarheit des humanistischen Denkens, die Tiefe des gelebten Glaubens - insbesondere im Gebet - und die Breite der europäischen Begegnungen und Herausforderungen prägten das Leben und Wirken sowohl des Wittenberger Lehrers wie auch des umherreisenden Gelehrten. Die Wertschätzung von Sprache und Bildung, die Vergewisserung in der Tradition und der Aufbruch bei der Neuorganisation des kirchlichen Lebens waren beiden gemeinsam. Mit ihren jeweiligen Schriften, den "Loci communes" von Philipp Melanchthon wie dem "Großen Katechismus" des Petrus Canisius versuchten beide in der unruhigen Zeit kirchlicher Neuorientierungen und Spaltungen die orientierende Kraft des biblischen Wortes zur Geltung zu bringen.

Aber genau hier, an dieser zentralen Stelle ist zugleich der Punkt wechselseitigen Nichtverstehens und die Unvereinbarkeit der Anschauungen erreicht. Für Philipp Melanchthon wie für die reformatorischen Kirchen ist die Heilige Schrift ihre eigene Auslegerin und ein kirchliches Lehramt deshalb nicht nötig, sogar hinderlich, weil es als menschliche Institution in der Gefahr steht, das göttliche Offenbarungswort zu verdunkeln. Für Petrus Canisius aber garantiert gerade die kirchliche Autorität die Einheit des christlichen Glaubens und damit das Offenbarwerden ihrer Wahrheit. Und so konterte Canisius in Worms mit der Frage nach den innerprotestantischen Streitigkeiten: Wenn die Heilige Schrift so klar über die Glaubenswahrheiten rede, daß allein ihr Verständnis Licht in das Dunkel brächte, warum stritten sich dann die Evangelischen untereinander über das Verständnis des Abendmahls, über die Bedeutung der Guten Werke, über die zwei Naturen Christi? "Während auf katholischer Seite das beste Einvernehmen herrschte, brach unter den sich gegenseitig befehdenden Lutheranern ein neuer Streit aus, so daß das Wormser Gespräch gleich anfangs abgebrochen werden mußte", so das Fazit von Canisius über das Wormser Religionsgespräch in seinem Testament, welches er kurz vor seinem Tode verfaßte. Melanchthon wiederum klagte 1557 in Worms: "Wir haben eine andere Art der Unterredung erwartet; dies ist nicht der Weg, um die Wahrheit ausfindig zu machen oder einen wechselseitigen Ausgleich zu finden."

Die beiden großen Denker der sich spaltenden Kirche suchten primär in dieser schwierigen Zeit sich zu verteidigen und fanden so keinen gemeinsamen Ort für ein wirklich wechselseitiges Gespräch. "Ich gehöre zu der Gemeinschaft, umfasse den Glauben, folge der Religion und billige die Lehre nur desjenigen, der auf Christus hört, der im geschriebenen Wort lehrt, in den allgemeinen Kirchenversammlungen urteilt, auf dem Stuhl Petri entscheidet und sich auf das Zeugnis der Väter stützt", schreibt Canisius in seinem Testament gegen das Gerücht, er sei letztlich protestantisch geworden. Beide müssen sich mit Vorwürfen aus den eigenen Reihen auseinandersetzen. Versuche, um der Verständigung willen auf Polemik möglichst zu verzichten, werden nicht honoriert. Die je andere Seite wurde nur als Bedrohung aufgefaßt und somit als "Anti-Christ" verteufelt. Nicht die Freiheit des Gespräches war bestimmend, sondern eine tiefsitzende Angst prägten die Dispute auch beim Wormser Religionsgespräch und ließen gar das Gefühl einer physischen Bedrohung aufkommen. Beide Seiten sprachen sich das Streben nach Wahrheit und Versöhnung ab. Für Philipp Melanchthon war Petrus Canisius dann doch der "Cynicus" und für Canisius gehörte Melanchthon zu denjenigen, die auf dem "Lehrstuhl der Pest" sitzen.

Der "Praeceptor Germaniae", der "Lehrer Deutschlands", wie Melanchthon bezeichnet wurde, und der "zweite Apostel Deutschlands", wie Petrus Canisius genannt wurde, fanden noch nicht zum wechselseitigen Gespräch, obwohl Melanchthon in der "Confessio Augustana" die grundlegenden Gemeinsamkeiten mit der römischen Kirche herausstellte und Canisius für die Reform der römischen Kirche kämpfte.

1997 hier in der Paulskirche - einem symbolhaften Ort für das gewaltfreie Gespräch in Deutschland -, 440 Jahre nach der Begegnung von Melanchthon und Canisius beim Wormser Religionsgespräch sind wir versammelt, um des genialen Jesuiten und Vordenkers der katholischen Reform zu gedenken. Was damals nicht gelang, das wechselseitige Gespräch voranzubringen - das muß heute unsere Aufgabe sein. Lassen Sie uns gemeinsam dieses Gespräch aus den Gedenkfeiern in diesem Jahr in den wissenschaftlichen Diskurs und in den Alltag unserer Kirchen hineinholen.



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