Predigt in der Stadtkirche Karlsruhe-Durlach (Lukas 2, 11)
Klaus Engelhardt
24. Dezember 1996
Liebe Gemeinde!
Um Weihnachten brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Auch diejenigen, denen Religion und Kirche fremd geworden sind, geraten in seinen Bann und lassen es sich z. B. nicht nehmen, in das Weihnachtsoratorium zu gehen, aus dem wir eben einen herrlichen Satz gehört haben.
Einspruch! rufen jetzt einige. Merkst du nicht da oben auf der Kanzel, wie Weihnachten entstellt wird? Der Kitsch mit den unzähligen Lichtern auf den Straßen, das Gedränge in den Fußgängerzonen und Kaufhäusern, die Hektik bei der Vorbereitung bis in unsere Familien hinein - ist das nicht alles eine Verzerrung des wahren Sinnes von Weihnachten? Ich halte dagegen: Das alles hat mit dem innersten Kern des Christfestes zu tun. Was wir so schnell als Weihnachtskitsch bloßstellen, ist Ausdruck einer Sehnsucht, daß unsere Welt harmonisch werde und nicht dem Dunkel ausgeliefert bleibt. Daß wir nicht genug kriegen können mit Schenken und Beschenktwerden, ist der der geheime Wunsch, unser Leben nicht selbst meistern zu müssen, sondern immer wieder auch einmal als Geschenk zu erfahren. Die Hektik, die manchen bis zu dieser Stunde den Atem genommen hat, spiegelt eine Ahnung davon wider, daß Gott mit der Geburt Jesu Christi unsere Welt in Bewegung gebracht hat. Wer kann da ruhig bleiben?
Was sich also auf den Straßen und in unseren unruhigen Herzen tut, muß nicht notwendig den Sinn von Weihnachten entstellen. So atemlos die letzten Tage auch waren, wir alle sind in der Situation der Hirten. In ihren harten, unruhigen Lebensalltag wurde die Botschaft von der Geburt Jesu hineingesagt. Daraufhin ließen sie alles liegen und stehen, gerieten erst recht in Eile: "Und sie kamen eilend." Lasse sich niemand einreden, Weihnachten könne nur feiern, wer die nötige gesammelte Stimmung mitbringt. Weihnachten macht vor niemandem halt. Es übt eine unwiderstehliche Kraft aus, und wir alle sind heute abend wieder in sein Kraftfeld hineingezogen.
Warum hat Weihnachten diese unwiderstehliche Wirkung? "Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr." In dieser knappen Botschaft verdichtet sich alles, was Weihnachten unwiderstehlich macht.
Gott kommt als Heiland zu uns Menschen. Nicht als der starke Mann, der über unsere Köpfe hinweg mit machtvoller Gebärde alles zurechtordnet. Gott kommt und macht halt an unserem beschädigten Leben mit seinen Rissen und Brüchen. Gott kommt und macht halt an unserem Leben mit allem, was wir schuldig geblieben sind. Gott knüpft an unser persönliches alltägliches Leben an, wo wir weit hinter dem zurückbleiben, was wir uns vorgenommen haben oder was andere vergeblich von uns erwarten. Gott will heilen, wo wir verletzlich und verletzend sind. Das wäre noch keine neue Zeit, wenn zwar die großen Weltverhältnisse in Ordnung gebracht würden, wir aber die alten zerrissenen Menschen blieben. Daher: "Euch - den Hirten, den Christvesperleuten 1996 - ist der Heiland geboren." Du und ich mit unseren unverwechselbaren Namen und Schicksalen und Lebensverhältnissen sind in den Mittelpunkt des Christfestes gestellt. Die vielen Menschen, die in unserer säkular gewordenen Welt nach wie vor am Heiligen Abend in die Kirchen strömen, sind Hinweis auf eine Ahnung, daß sich in der Heiligen Nacht etwas ungewöhnlich Großartiges für sie persönlich ereignet haben muß.
Aber dabei bleibt es nicht. "Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr." Jetzt geht ein weiter Horizont auf und schließt auch die ein, die durch Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch bis heute weltweit von der Sehnsucht gepackt worden sind nach einer besser gelungenen, gerechteren, friedlicheren Welt. Seit alters gibt es ein heißes Warten auf den Messias, der Rettung für die Welt bringt; der einen Wärmestrom des Erbarmens in diese gnadenlose Gesellschaft einfließen läßt. Es ist das Warten auf den Messias, der tiefgreifender als jede politische Heilsgestalt die verworrenen Lebensverhältnisse, die aus den Fugen geratene Welt von Grund auf erneuert und zum Guten verwandelt.
Wo setzt diese Rettung an? Gott schaut nicht nur aus der Höhe hernieder, wie es manchmal in der Bibel noch zurückhaltend gesagt wird. Er kommt herunter nach Bethlehem, in unsere Welt und lebt in Christus mitten unter uns. Das ist das ganz andersartig Neue. Der ewige Gott ist sich nicht zu gut, geschundenen Menschen ihre Ehre zu retten. Weihnachten hat darum eine so unwiderstehliche Kraft, weil es Gottes Ehre in der Höhe ist, den Menschen in ihren Niederungen von Hunger und Flucht, von Mißachtetwerden und Herumgestoßenwerden und auch den Menschen, die die Achtung vor sich selbst verloren haben, seine Reverenz zu erweisen. Von Gott Geehrte sind wir - das ist die Botschaft, die alles in den Schatten stellt. Über diese Ehrung freut sich der Himmel und jubeln die Engel. Wo diese Ehrung begriffen und geglaubt wird, da werden Menschen bereit, nicht mehr auf Kosten anderer zu leben. Sie werden Boten Gottes, die anderen ihr schweres Leben leichter machen, die Spuren von der Liebe Gottes ins Leben anderer Menschen hineinbringen und ihnen so Ehre erweisen können.
Das Geheimnis der Ehrung des Menschen hat darin seinen Grund, daß Gott als Kind uns Menschen nahekommt. Ausgerechnet als Kind? Wenn Eltern ein Kind erwarten, beginnt sich ihr Leben zu verändern. Etwas grundlegend Neues ist für sie im Kommen. Kürzlich wurde Jürgen Klinsmann im Aktuellen Sportstudio interviewt. Er erzählte, daß ein Kind unterwegs ist und er Vater wird. Und dabei strahlte er: "Ein tolles, umwerfendes Gefühl. Das baut mich ganz neu auf!" Ein Kind, mit dessen Geburt eine neue Dimension in die Zweisamkeit von Eltern oder in das Single-Dasein einer Mutter oder in das routinierte Gefüge einer Familie einbricht, gibt dem Leben der Betroffenen neue Qualität. Mutter und Vater und Geschwister lernen mit dem Heranwachsen des Kindes die Welt neu zu entdecken und vieles neu durchzubuchstabieren. Gott kann uns nicht näherkommen, um unsere Welt auf neues Leben hin zu verwandeln, denn als Kind. Da wird Hoffnung geweckt, daß neue, bislang noch ungeahnte Möglichkeiten zu entdecken sind. Ach, das wünsche ich uns allen, daß wir mit unseren Verkrustungen und Zweifeln, mit unseren festgefahrenen Denkweisen und Lebensmustern an unserem Unglauben zu zweifeln beginnen. Das gibt Hoffnung für unsere Welt und für unsere Gesellschaft in ihrer Gnadenlosigkeit. Dann lassen wir uns anrühren von der Not und Hilfsbedürftigkeit anderer Menschen und auch von den elenden Weltverhältnissen und sagen nicht: Was wir tun können, ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich war bis zum 4. Advent einige Tage in Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Der Frieden dort ist noch brüchig. Die Soldaten der internationalen Friedenstruppe, unter ihnen das Kontingent der Bundeswehr, schaffen Bedingungen dafür, daß mit der Friedensarbeit nach den schrecklichen Geschehnissen mühsam begonnen wird. Die Menschen brauchen auch unsere Hilfe. Ich sah in einem zerstörten Gebirgsdorf mitten unter den Trümmern den wiederhergestellten Rohbau eines Hauses. Den Anstoß gab das Diakonische Werk. Im vergangenen Jahr hat es 8 Mill. DM für Hilfsprojekte in Bosnien zur Verfügung gestellt. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Instandsetzung von Wohnungen. Ich will die Zahl ruhig einmal nennen, denn es sind Ihre Spenden. Nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Angesichts des großen Elends ja. Aber das Kommen Gottes in unsere Welt als ein kleines, schwaches Kind dort in Bethlehem hat unwiderstehliche, unendliche Wirkung ausgelöst und ist die Gewähr dafür, daß eine einzelne Tat der Hilfe das Aufscheinen einer neuen, von Liebe durchwärmten Welt in der unerlösten alten Welt sein kann.
Die Hirten haben das begriffen. Nachdem sie eilend zum Kind gelaufen und es gesehen hatten, kehrten sie wieder in den Hirtenalltag um. Aber jetzt nicht mehr als hartgesottene Männer, die nur ums eigene Überleben kämpfen. "Sie priesen und lobten Gott." Weil sie ihm zutrauten, daß mit dem göttlichen Kind ihr Leben und die Welt von Grund auf verwandelt wurden.
Laßt uns nach Hause gehen und Heiligabend feiern, dankbar dafür, daß uns gilt, was den Hirten widerfahren ist.
Amen.

