Predigt am Tag der Deutschen Einheit in der Stiftkirche Stuttgart (Matthäus 7, 24 - 27)

Klaus Engelhardt

03. Oktober 1997

Liebe Gemeinde!

Wie so oft gebraucht Jesus hier ein Bild aus dem Alltäglichen, um letzte Wahrheit, um uns Gott nahezubringen. Er spricht am Ende der Bergpredigt eine klare Sprache. Von Klugheit und Dummheit ist die Rede. Beides zu unterscheiden, ist lebensnotwendig für unser Gemeinwesen.

"Da fiel der große Regen, und die Wasser kamen, und die Winde wehten und stießen an das Haus." Das haben wir in diesem Sommer erlebt, als über den Osten die große Flut hereinbrach und die Menschen über Wochen in Schrecken hielt. Halten die Deiche? Da gab es ein gemeinsames Sichanstemmen. Zivilbevölkerung und Bundeswehrsoldaten schleppten Sandsäcke. In diesen Tagen und Wochen spürten wir: Da ist ein Zusammengehören, das im Herbst 1989 als Fundament gelegt war, als die Mauer in Berlin unerwartet geöffnet wurde und die kommunistische Diktatur im Osten zusammenstürzte. Damals haben wir eine einmalige Freiheitserfahrung gemacht. Niemand hatte es so kalkuliert. Wir Christen können auch bei solch hochpolitischen Ereignissen nur bekennen: "Der Herr hat Großes an uns getan." Das dürfen wir nicht vergessen. Dieser Tag der Deutschen Einheit wird nur dann recht gefeiert, wenn wir uns in die Dankbarkeit dafür zurückholen lassen, solche Freiheitserfahrung hautnah erlebt zu haben. In der Bergpredigt bringt uns Jesus nahe: Leben ist - Gott sei Dank! - mehr, als was wir daraus machen. Zusammenleben ist mehr, als was wir politisch daraus machen. Wir leben auch hier von Voraussetzungen, die wir selbst nicht schaffen können. Wir verdanken uns Gott und seiner Leidenschaft, uns nicht preiszugeben. Darum brauchen Verdrossenheit und Lamentieren bei allen unlösbar erscheinenden Problemen nicht das erste Wort sein und nicht das letzte Wort behalten. Dumm ist, wer den Dank vergißt und die neugewonnene Freiheit zu Gemeinschaft zerstörender Libertinage verkommen läßt. Dankbare Menschen haben die Kraft, unsere Gesellschaft verantwortlich zu gestalten. Das ist die erste Botschaft Jesu an diesem Tag.

Hören wir weiter auf Jesus. Er sagt: Aufs Fundament kommt es an, wenn ihr ein Haus baut. Ihr wollt das Haus Deutschland, das Haus Europa bauen. Es soll Stürmen standhalten. Klug ist, wer den richtigen Standort sucht, worauf wir unser Leben und Zusammenleben gründen. Dumm ist, wer selbstsicher drauflos baut, ohne sich der Grundlage vergewissert zu haben, die auch über den nächsten Wahltag hinaus tragfähig ist. Dumm ist, wer nicht merken will, daß es sich zwar kurzfristig leichter auf Sand bauen läßt, dabei aber vieles in den Sand gesetzt wird. Das ist die zweite Botschaft Jesu an diesem Tag der Deutschen Einheit: Sucht festes, felsenhartes Fundament!

Welches Fundament brauchen wir für das Haus, das wir für unser wiedervereinigtes Volk, für Europa bauen wollen?

Was uns Jesus in der Bergpredigt nahebringt, ist von umwerfender Eindringlichkeit. "Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit." Seid ganz Ohr für Gottes Heimweh nach dieser Welt, um deren Rettung willen er alles dransetzt. Sucht die Gottesherrschaft, die euch die Augen öffnet, so daß ihr begreift: Reich ist, wer viel hat; reicher ist, wer wenig braucht; am reichsten ist, wer viel gibt. Das gilt für unser Miteinander in Ost und West. Das gilt für die unaufschiebbare Aufgabe, Arbeitsplätze zu schaffen, damit Menschen nicht das Gefühl haben, überflüssig geworden zu sein. Das gilt für das Eintreten für Menschen aus der Fremde, auf der Flucht. Wo Gott vergessen wird und wir über das hinweghören, was er uns zutraut, bekommen Unheilszusammenhänge aufs neue einen verhängnisvollen Lauf. Das ist die dritte Botschaft Jesu an diesem Tag: Wehrt der Gottvergessenheit, der Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit. Als ob ihr vergessen könntet, welche Chancen euch Gott 1989 gegeben hat. Ihr braucht nicht in den Tag hineinzuleben; ihr könnt mit entschlossener Zuversicht für eine Kultur des Erbarmens in dieser von vielen gnadenlos erlebten Welt eintreten. Durch Menschen, die auf Jesu Wort hören und vertrauen - ob sie in unseren Städten und Dörfern ganz unmittelbar sich für Gemeinsinn stark machen oder ob sie in den Metropolen Politik machen -, kann ein Ruck durch unser Land gehen.

Amen.



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