Heilsame Unterbrechung in der Passionszeit 2012
Liebe Gemeinde,
in jeder Wochenendausgabe der großen deutschen Zeitungen und am Donnerstag in der ZEIT kann man sie lesen: die Stellenanzeigen. In ihnen spiegelt sich wider, worauf es in unserer Arbeitsgesellschaft ankommt. Nehmen wir als Beispiel die Stellenanzeige für eine Pressesprecherin. Diese lautet ungefähr wir folgt:
„Es zeichnet Sie ein ausgeprägtes Gespür für politische und gesellschaftliche Trends aus, Sie verfügen über hervorragende kommunikative Fähigkeiten, hohe sprachliche Kompetenz, auch in der englischen, spanischen und russischen Sprache in Wort und Schrift und beherrschen alle journalistischen Darstellungsformen. Hohe Teamfähigkeit zeichnet Sie aus, sicheres und eloquentes Auftreten ist Ihnen selbstverständlich zu Eigen. Präsentationssicherheit und ein herausragendes Engagement setzen wir genauso voraus wie eine vollständige zeitliche wie örtliche Flexibilität. Zu Ihren Aufgaben zählen neben der internen und externen Kommunikation auch die Neustrukturierung unserer Fundraising-Arbeit.“
Vor allem reden muss sie können, die künftige Pressesprecherin. Der Umgang mit Sprache in Wort und Schrift in mehreren Sprachen und verschiedensten Formaten ist ihre Kernkompetenz. Und die muss natürlich – bei so herausgehobener Stellung und bei einem Arbeitgeber, der etwas auf sich hält – ganz besonders außergewöhnlich sein: „hervorragende kommunikative Fähigkeiten“, „hohe sprachliche Kompetenz“, „das selbstverständliche Beherrschen aller journalistischen Darstellungsformen“ – all das muss der Bewerber in der Bewerbung überzeugend darlegen können. Doch damit nicht genug: Sprachen, Flexibilität, Fundraisingkompetenz - es sollte schon ein besonderes Ausnahme-Talent sein, wer sich auf diese Stelle bewerben will.
Solche Ansprüche an Bewerberinnen und Bewerber sind nichts Ungewöhnliches, im Gegenteil, sie finden sich so oder sehr ähnlich in allen Stellenanzeigen, landauf landab, vom Gemeinderatsamt einer beliebigen Kleinstadt bis zur Stabsstelle Pressearbeit eines großen DAX-Unternehmens am Potsdamer Platz. Sie gehören zur Signatur der modernen Arbeitswelt, auch zur Arbeitswelt unserer Kirche.
Wer den Mut hat, sich auf so eine Stellenanzeige zu bewerben, der wird bemüht sein, all seine herausragenden Kompetenzen in der Bewerbung und im Vorstellungsgespräch gekonnt darzustellen. Die Masse der Ratgeberliteratur, die es dazu gibt, spricht Bände.
Und Hand aufs Herz! Uns selber macht es ja auch häufig Spaß, einen hohen Maßstab an uns selbst anzulegen und nicht nur gut, sondern eben exzellent zu sein. Wer will sich schon mittelmäßig fühlen und sich im Graubereich der Leistungsgesellschaft wähnen? Es ist einfach befriedigend, sich hohe Ziele zu stecken und diese auch zu erreichen. Das gilt für eine neue berufliche Herausforderung, das gilt aber auch im ganz normalen Arbeitsalltag.
Doch die Kehrseite dieser Leistungsorientierung ist eine mehr oder weniger latente Tendenz zur Selbst- und Fremdüberforderung. Nicht selten schleicht sich die bange Frage in mein Bewusstsein: Bin ich eigentlich begabt genug? Bin ich gut genug? Kann ich alles, was von mir verlangt wird? Kann ich es dauerhaft in der geforderten Intensität und auf dem erwarteten Niveau leisten, ohne dass meine Familie, meine Psyche, meine Gesundheit leidet? Denn „Nicht-Können“ ist nicht vorgesehen, wäre ein Verstoß gegen die ungeschriebenen Gesetze der modernen Arbeitswelt. Alles sollte man können können und in allem Bestleistungen liefern. Denn nur das Beste ist gerade gut genug. Wer weniger als das Beste liefern kann oder will, der ist eben nicht gut genug.
II.
Man kann diese geläufige Struktur von Anforderung, Überforderung und Selbstzweifel aber auch unter einer zweiten, anderen Perspektive betrachten. Auch das Alte Testament berichtet von einer selbstverständlichen Kompetenz-Forderung, die sich zur Über-Forderung auswächst: Gerade noch hatte Gott sich dem Mose im brennenden Dornbusch offenbart, da trägt er ihm auch schon ein wichtiges Sprecheramt an. Gott sucht einen unerschrockenen Diplomaten. Er sucht einen, der bei einer fremden Regierung die Interessen des eigenen Volkes vertreten soll. Seine Mission ist heikel und von allerhöchster Priorität, denn er soll dem uneinsichtigen Pharao ins Gewissen reden und ihn mit Schmeicheleien und Drohungen davon überzeugen, eine totale politische Kehrtwende zu vollziehen und das Volk Israel aus der Fronknechtschaft zu entlassen. Lass mein Volk ziehen (Ex 5,1) – let my people go!
Gott hat diese Stelle nicht ausgeschrieben, wichtige Aufträge werden direkt erteilt. Man wird berufen und entsandt – ablehnen kann man solche Entsendungen von höchster Ebene nicht. Die selbstverständlich vorausgesetzten Kernkompetenzen aber sind ähnlich hoch wie im Beispiel der Pressesprecherin.
Und dann geschieht etwas Unvorhergesehenes, ja, etwas geradezu Unerhörtes. Es ist fast so, als ob der Diplomatenanwärter der Führungsetage einen höflichen, aber bestimmten Brief schreibt, in dem er die Stelle rundheraus ablehnt. Eine Art Nicht-Bewerbung oder Verweigerung, in der er erklärt, sich zwar sehr geschmeichelt zu fühlen von dem an ihn herangetragenen Auftrag, selbst aber nicht begabt genug zu sein, die Aufgaben wunschgemäß zu erfüllen. Denn er verstehe es eben nicht, wortgewaltig und überzeugend zu reden. Ihm fehlten die nötigen Kernkompetenzen. Er sei nicht gut genug. Für diese wichtige Mission ließen sich sicher geeignetere Bewerber finden.
Also: Mit vorzüglicher Hochachtung, Unterschrift: Mose. Punkt, keine Zeugnisse in der Anlage, Ende der Durchsage.
Was war passiert? Ich lese aus dem 2. Buch Mose, Kapitel 4, die Verse 10-16:
10 Mose aber sprach zu dem HERRN: Ach, mein Herr, ich bin von jeher nicht beredt gewesen, auch jetzt nicht, seitdem du mit deinem Knecht redest; denn ich hab eine schwere Sprache und eine schwere Zunge. 11 Der HERR sprach zu ihm: Wer hat dem Menschen den Mund geschaffen? Oder wer hat den Stummen oder Tauben oder Sehenden oder Blinden gemacht? Habe ich's nicht getan, der HERR? 12 So geh nun hin: Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst.
13 Mose aber sprach: Mein Herr, sende, wen du senden willst. 14 Da wurde der HERR sehr zornig über Mose und sprach: Weiß ich denn nicht, dass dein Bruder Aaron aus dem Stamm Levi beredt ist? Und siehe, er wird dir entgegenkommen, und wenn er dich sieht, wird er sich von Herzen freuen. 15 Du sollst zu ihm reden und die Worte in seinen Mund legen. Und ich will mit deinem und seinem Munde sein und euch lehren, was ihr tun sollt. 16 Und er soll für dich zum Volk reden; er soll dein Mund sein und du sollst für ihn Gott sein.
Der Erwählte lehnt dankend ab und rät: Sende, wen du senden willst. Klammer auf: …, aber mich lass damit bloß in Ruhe! Klammer zu. Mose zögert nicht, sich zu seinen eigenen Schwächen zu bekennen. Er sieht vielmehr mit klarem Blick seine eigenen Grenzen, analysiert blitzschnell und kommt zu dem Schluss, dass er nicht gut genug für die von Gott zugedachte Aufgabe ist.
Etwas konsterniert wäre ich an Gottes Stelle mindestens gewesen ob dieser unverblümten Weigerung. Von Gott wird zwar auch berichtet, dass er zornig wurde, aber es scheint ein sehr konstruktiver Ärger gewesen zu sein, der ihn da ergriff.
Gott tut zwei Dinge nicht, die man vielleicht erwarten würde: Er wirkt erstens kein Wunder. Er könnte Mose zweifelsohne durch einen kleinen „göttlichen Fingerschnipps“ zum größten Redner unter der Sonne machen – aber das tut er nicht.
Und er weicht zweitens nicht einen Deut von seinem Auftrag ab, den er an Mose stellt. Er bleibt dabei: Du, Mose, sollst mein Emissär beim Pharao sein. Und so wird es auch werden, Ende der Durchsage. Gezeichnet: Gott.
Gott kennt Mose, denn er hat ihn geschaffen. Er kennt ihn besser als jeder andere und weiß deshalb auch um seine Schwächen: Wer hat dem Menschen den Mund geschaffen? Oder wer hat den Stummen oder Tauben oder Sehenden oder Blinden gemacht? Habe ich's nicht getan, der HERR? Gott hat Mose also im vollen Bewusstsein über dessen Schwächen ausgewählt für diese Aufgabe.
Statt also durch ein Wunder einzugreifen oder seinen Auftrag zurückzuziehen tut Gott etwas anderes: Er sagt Mose Hilfe und Beistand zu, und zwar gleich in doppelter Form: Zuerst und grundlegend verspricht er ihm seinen göttlichen Beistand. Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst.
Und als Mose sich immer noch sträubt, verspricht Gott ihm auch menschlichen Beistand: Weiß ich denn nicht, dass dein Bruder Aaron aus dem Stamm Levi beredt ist? (…) Und er soll für dich zum Volk reden; er soll dein Mund sein (…).
Gott lässt Mose nicht allein mit dessen Schwächen und Selbstzweifeln. Und so kann Mose am Ende trotz dieser Schwächen zu der Führungspersönlichkeit werden, als die Gott ihn vorgesehen hat, und er kann die wichtige Position einnehmen, in der wir ihn alle kennen – als charismatischer Anführer seines Volkes.
Die Antwort Gottes auf die Selbstzweifel des Mose, nicht gut genug zu sein, lautet: Du bist fähig zu dem, wozu ich dich sende. Weil ich an deiner Seite stehe und weil ich dir Menschen zur Seite stelle, kannst du die anstehenden Aufgaben erfüllen. Wenn du dich mir anvertraust und dir von mir und den Menschen an deiner Seite helfen lässt, dann bist du gut genug.
III.
Mose traut sich, seine Schwäche zuzugeben. Er will nicht so tun als ob er alles könnte. Er setzt auf Wahrhaftigkeit. Und er setzt auf Dialog: Er traut Gott zu, dass dieser mit sich reden lässt. Und schließlich vertraut er darauf, dass Gott seine Offenheit nicht gegen ihn verwenden und verantwortungsvoll damit umgehen wird. Nur wer wie Mose den Mut hat, seine eigenen Unzulänglichkeiten zuzugeben, der gibt seinem Auftraggeber, seinem Nächsten oder dem Vorgesetzten die Möglichkeit, sich dazu zu verhalten, darauf zu reagieren und darauf einzugehen.
Wenn ich es schaffe, über meinen Schatten zu springen, den permanenten Anspruch nach Bestleistung und meinem Stolz zu widerstehen; wenn ich mich anderen anvertraue, dann verändert sich die Kommunikation, dann verändern sich der Umgangston und auch die Interaktion. Dann ernte ich oft mehr Verständnis und Hilfsbereitschaft, als ich zu hoffen bereit war.
Der Mensch ist nicht geschaffen als Einzelkämpfer, sondern er ist geschaffen auf Gemeinschaft, Interaktion und Dialog hin. Gemeinschaft und Interaktion mit Gott und mit seinen Mitmenschen und mit sich selbst. Das ist das Dreieck gelingender und heilsamer Kommunikation.
Wer sich in diesem Beziehungsnetz bewegt, der kann seine Grenzen und Schwächen, seine Überforderungen offen zugeben und weiß, dass er damit nicht allein bleibt. Der spricht wie der Psalmist: Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. (Ps 121,2)
Die Antwort Gottes gilt dann uns allen: Auch wenn ich meine Grenzen, Mängel und Schwächen nur allzu gut kenne, auch wenn ich immer wieder die Erfahrung mache, nicht alle Ansprüche bedienen zu können, auch dann bin ich gut genug: weil Gott mich genau so, mit eben jenen Grenzen und Schwächen geschaffen hat und um diese weiß; und weil er mir beisteht und mich mit Menschen umgibt, die mir helfen, mit meinen Unzulänglichkeiten umzugehen.
Und bei alledem lassen Sie uns nicht vergessen: Nicht immer bin ich derjenige, der an seine Grenzen stößt und überfordert ist. Oft genug führe ich andere an ihre Grenzen und überfordere sie. Gerade dann sollten die Anderen wissen, dass ich ein Gesprächspartner bin, dem sie Vertrauen entgegenbringen können. Es kommt darauf an, eine Kultur der Fehlertoleranz und der Barmherzigkeit zu etablieren. Wenn uns das gelingt, dann kommt das allen zugute.
Mose fragt: Bin ich gut genug? Gott antwortet: Ja, Mose, du bist gut genug. Wir fragen: Bin ich gut genug? Und Gott antwortet: Ja, du bist es.
Amen.