Predigt im Gottesdienst zur Eröffnung der Weltkonferenz der Seemannsmissionen im St. Petri-Dom zu Bremen (Matthäus 10, 5-15)

Wolfgang Huber

28. Mai 2008

I.

Eine malerische Bucht an der Pazifikküste Südamerikas. Ihr weiter Schwung trennt Wasser vom Land, schwankenden vom festen Boden, unendliche Weite von Heimat, Ankunft und Abfahrt. Kleinere Boote liegen am Ufer, gewaltige Containerschiffe etwas weiter draußen. Auf unzähligen von ihnen sei er gewesen, erzählt der Mitarbeiter der Deutschen Seemannsmission. Freilich seien es im Laufe der Jahre immer weniger Deutsche gewesen, die er auf den Schiffen getroffen habe; zudem seien die Bedingungen, unter denen die Seeleute an Bord arbeiten müssten, extrem hart.

Noch sehr gut erinnere ich mich an diese Begegnung mit der Arbeit der Deutschen Seemannsmission am anderen Ende der Welt im chilenischen Valparaiso. Erschütternde Details bekam ich zu hören über die Arbeit auf See, über die Lage von Menschen, die eingetaktet sind in das Leben schwimmender Fabriken und gigantischer Logistikmaschinerien. Oftmals ist es den Seeleuten verwehrt, bei kurzen Aufenthalten im Hafen von Bord zu gehen. Dafür fehlt schlicht die Zeit, weil sich das Löschen und Neubeladen der Containerschiffe mit Hilfe modernster Technik so rasant vollzieht. Die Entwicklung des Containertransports und der Containerabfertigung hat das Arbeitsleben der Menschen auf See tiefgreifend verändert. Der Container ist einerseits zum Symbol für die Globalisierung geworden, für die immer intensivere Vernetzung der nationalen Märkte. Andererseits zeigt sich an ihnen die immer stärker automatisierte und technisierte Arbeitswelt. Längst ist das Löschen von „Kisten, Kasten und Mandolinen“ mit den eigenen Händen einem High-Tech-Logistik-Betrieb gewichen, der tausende von Tonnen umzuschlagen vermag, ohne dass dafür mehr als eine Handvoll Arbeiter gebraucht würde.

Wieder und wieder stellt sich angesichts solcher Entwicklungen die Frage nach dem Menschen: „Mensch, wo bist du?“ lautet das Motto für den nächsten Deutschen Evangelischen Kirchentag im kommenden Jahr hier in Bremen. Was ist der Mensch angesichts einer weiteren Stufe im Prozess der Industrialisierung.

II.

Hören wir auf Gottes Wort. Ich lese einen Abschnitt aus dem zehnten Kapitel des Matthäusevangeliums.

Jesus sandte die zwölf Jünger aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus. Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch. Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Reisetasche, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert. Wenn ihr aber in eine Stadt oder ein Dorf geht, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; und bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht. Wenn ihr aber in ein Haus geht, so grüßt es; und wenn es das Haus wert ist, wird euer Friede auf sie kommen. Ist es aber nicht wert, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden. Und wenn euch jemand nicht aufnehmen und eure Rede nicht hören wird, so geht heraus aus diesem Hause oder dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. Wahrlich, ich sage euch: Dem Land der Sodomer und Gomorrer wird es erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als dieser Stadt.

Es gibt in den Evangelien nur wenige Abschnitte, die den Abstand zwischen der Zeit Jesu und unserer Zeit gleich auf den ersten Blick so massiv spüren lassen wie dieser Abschnitt aus dem Matthäusevangelium. Jesus gibt seinen Jüngern Anweisungen darüber, wie sie sich ausrüsten sollen, wenn sie als Missionare sein Wort weitertragen.

Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben. Diese Aufforderung ist noch vergleichsweise leicht zu beherzigen; Gold, Silber oder Kupfer wird niemand in seinem Gürtel mit sich tragen. Doch so leicht auch heute einer solchen Versuchung zu widerstehen ist, so wenig selbstverständlich ist das für die Zeit Jesu. Denn bei Gold, Silber oder Kupfer geht es um die Materialen, aus denen die gängigen Münzen jener Zeit geschaffen waren. Und der Gürtel war mit einem Beutel verbunden, in dem man das benötigte Geld mit sich führte – so ähnlich, wie es auch heute wieder modern wird, wenn man sich vor Taschendieben schützen und seine Zuflucht nicht zu einem lästigen Brustbeutel nehmen will.

Aber auch keine Reisetasche mitzunehmen, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken – für so viel Enthaltsamkeit muss man wohl bei der Seemannsmission arbeiten! Vielleicht liegt hier der tiefere Grund dafür, dass Sie diesen Text als Evangelium für den heutigen Tag ausgewählt haben. Es handelt sich, wie es in dem großartigen Kommentar zu unserem Evangelium von Ulrich Luz heißt, um einen der „am stärksten verdrängten Texte der Evangelien“ überhaupt. Gibt es eine heimliche Nähe zwischen den Wanderpredigern der frühen Christenheit und der Seemannsmission? Jedenfalls für den Besuch auf einem weit draußen auf See liegenden Schiff wäre es ja ausgesprochen hinderlich, beim Übersteigen der Bordwand mit Hilfe einer Strickleiter oder eines schaukelnden Stegs eine Reisetasche mit Hemden und Schuhen mit sich zu führen.

Ganz gewiss geht es Jesus nicht in erster Linie um Fragen der Ausrüstung. Wer sich für die Predigt seines Wortes in die Welt senden lässt, soll sich für Verkündigung und Wunder nicht entschädigen lassen. Denn Gottes Liebe ist nicht käuflich, sondern Gottes Geschenk an alle Menschen. Der Verzicht auf umständliches Reisegepäck ist für Jesus ein Zeichen dafür, dass ein Mensch in seinem Namen unterwegs ist. So wie im Leben Jesu das Gottesreich bereits aufscheint, so soll das Leben derer, die ihm nachfolgen, Gottes kommendes Heil bezeugen. Nicht auf sich selbst, sondern allein auf Gottes Gnade soll sich der berufen, der im Namen Jesu predigt. Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch. Die Vollmacht der Botschaft Jesu geht auf seine Jünger über. Sie sollen hingehen, taufen und alle Völker lehren. Sie sollen Botschafter des Glaubens und Zeugen für Gottes Liebe sein.

III.

Die Liebe gehört uns wie der Glaube. Dieser Satz beschreibt auf engste das Miteinander von Glaube und Liebe, von Gottvertrauen und helfendem Handeln, um das es schon bei der Aussendung der ersten Jünger geht. Die Liebe gehört uns wie der Glaube. Diesen Satz findet man allerdings nicht im Neuen Testament. Es handelt sich vielmehr um den wohl am häufigsten zitierten Satz von Johann Hinrich Wichern, dessen zweihundertsten Geburtstag die evangelische Kirche in Deutschland in diesem Jahr feierlich begeht. Wichern gehört zu den großen Gründergestalten der modernen Diakonie; von seinen Impulsen zehren wir bis zum heutigen Tag.

Einen gewissen Impuls hat auch die Deutsche Seemannsmission durch Wichern erhalten; in seiner berühmten Stegreifrede in Wittenberg, die 1848 zur Gründung der Inneren Mission führte, nahm er auch die Deutschen außerhalb ihres Vaterlands genauso wie die Mission an der Themse oder die Zustände in deutschen Häfen und in Übersee in den Blick. Auch an ihnen war die Entchristlichung des Volkes abzulesen, der Wichern mit der Inneren Mission ein neues Programm der Durchchristlichung des ganzen Volkes entgegensetzen wollte.

Die Liebe gehört uns wie der Glaube.  Wichern hat dieses Wort über die christliche Kirche gesagt. Die meisten, die dieses Wort gern vor sich her tragen, haben es dabei vor allem auf die Liebe abgesehen. Wicherns Aussage soll nahe legen, dass die christliche Kirche schon ganz in Ordnung ist, wenn sie ihre Liebestätigkeit gut organisiert. Diakonie – darauf kommt es an! Doch weder Wichern noch der Kirche wird man damit gerecht. Wichern war beides gleich wichtig: die Liebe und der Glaube. Zahlreiche Einrichtungen zeugen von seinem Unternehmergeist aus christlichem Glauben und von seinem entschlossenen Willen, die Einrichtungen der christlichen Nächstenliebe mit dem Geist des christlichen Glaubens zu durchdringen.

Christliches Handeln und das Bekenntnis des Glaubens gehören zusammen. Immer wieder meinte man in den vergangenen Jahrzehnten, in den Kirchen das eine ohne das andere praktizieren zu können. Doch der Glaube ohne die Tat der Liebe ist wie ein Schiff, das ohne Kiel auf dem Trockenen liegen muss: es taugt nicht, um auf See bestehen zu können. Und die Tat der Liebe ohne den Glauben ist wie ein Schiff, das ohne Segel auf dem Meer dahin treibt, das kein Ziel und keine Richtung kennt.

Jedes helfende Handeln geschieht unabhängig von den Voraussetzungen der Person, die der Hilfe bedarf. Das weiß man nirgendwo besser als in der Seemannsmission. Nationale Herkunft oder religiöse Bindung, Alter oder Ansehen sind für die Seemannsmission ohne Bedeutung. Geholfen wird dort, wo Hilfe nötig ist. Aber das schließt nicht aus, sondern ein, dass alle Beteiligten spüren, welcher Glaube uns dazu verhilft, Menschen als Menschen zu sehen – ohne alle Abstufungen nach vermeintlicher Würdigkeit, allein nach ihrer Würde. Wichern sah in der Diakonie die Signatur der Christenheit, das Zeichen also, an dem sich der christliche Glaube erkennen lässt. Dass Gott nicht unbewegt über den Dingen schwebt, sondern in Jesus Mensch wird, bestimmt das Gottesbild wie das Menschenbild des christlichen Glaubens.

Jesus fordert seine Jünger dazu auf, den Glauben zu verkündigen und Liebe zu üben. Es ist, als ob er seinen Jüngern eine geistliche Überlebensweste anlegt: Predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. ... Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert. Die Zuwendung zum Menschen und die Predigt vom nahenden Gottesreich – beides fügt er zusammen. Und er ist fest davon überzeugt, dass der, der reichlich gibt, auch empfangen wird, was er braucht.

IV.

Menschen brauchen die Liebe und den Glauben. In der Welt der Globalisierung, die sich zwischen den Häfen und während des oftmals einsamen Wegs auf hoher See noch rauer aufspannt als auf anderen, schnelleren Verbindungswegen, ist die Zuwendung zu den Seeleuten besonders wichtig. Sie spüren in der Arbeit der Seemannsmissionare einen verlässlichen Anker der Zuwendung. Besonders deutlich wird dies in dem Ausspruch eines Matrosen, der den Hafen, in den sein Schiff eingefahren ist, an der Person des Seemannsmissionars erkennt, der ihm schon von ferne zuwinkt. Gerade derjenige, der auf hoher See unterwegs ist, braucht einen Ankerplatz für seine Gefühle, einen Hafen für seine Seele.

Seemannsmissionare sind Wanderprediger der Moderne, oft ähnlich bedürfnislos unterwegs, wie Jesus seine Jünger auf den Weg schickt. Sie bilden ein weltweites Netzwerk und sind darin auf ihre Weise ein Baustein der weltweiten Christenheit. Oft ist es die helfende Tat, mit der sie einen Seemann auffangen, oft ist es das befreiende Wort. Auch für den Dienst der Seemannsmission gilt: Die Liebe gehört uns wie der Glaube. Herzlich danke ich Ihnen allen für Ihren selbstlosen, oft aufopferungsvollen Dienst. Gebe Gott dazu auch weiterhin seinen Segen.

Amen.