Predigt am Neujahrstag im Berliner Dom (Lukas 18, 27 / Lukas 4, 16-21)
Wolfgang Huber
01. Januar 2009
I.
„The Secret – das Geheimnis“ – so hieß die erste Internetbotschaft, die mich zum Beginn des neuen Jahres begrüßte. Da winkt ein großes Schnäppchen gleich am 1. Januar, dachte ich (nachdem ich all die Weihnachtsschnäppchen leider verpasst hatte, weil mir zum Wühlen in den Sonderangeboten die Zeit fehlte). Also wollte ich sofort wissen, worin das Geheimnis bestehen könne. „Wie Sie Wohlstand und Unabhängigkeit erreichen können, erfahren Sie hier.“ Nicht mehr als zwei Minuten seien dafür erforderlich. Na klar, die zwei Minuten investierte ich. Das war doch ein gutes Zeit-Leistungs-Verhältnis: zwei Minuten – und die Frage, wie ich Wohlstand und Unabhängigkeit erreichen kann, ist ein für alle Mal beantwortet. Und das zu Beginn des Jahres 2009. Was will man mehr – gerade in diesem Jahr.
Natürlich erwies sich das ganze als Bluff. Eine solche Antwort erhält man nicht in zwei Minuten – und erst recht nicht umsonst. Ich sollte nur heiß gemacht werden auf eine Antwort, für die es in diesen zwei Minuten keinerlei Hinweis gab – außer dem, dass schon alle großen Geister der Weltgeschichte danach gesucht haben. Nun aber sei die Antwort gefunden, ich brauche nur weiter zu klicken. Was ich dann doch lieber bleiben ließ.
Nichts bleibt dir verborgen, „nichts ist unmöglich“ – solche Reklamesätze gehören zu der Welt, die uns umgibt. Es ist die Welt des Homo faber, des Machermenschen, der denkt, dass ihm alles gelingen muss. Unlösbare Aufgaben gibt es für ihn nicht. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat ihm vor einem halben Jahrhundert ein Denkmal gesetzt.
„Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt, mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. ... Ich brauche, um das Unwahrscheinliche als Erfahrungstatsache gelten zu lassen, keinerlei Mystik, Mathematik genügt mir.“ So sagt der Homo faber bei Max Frisch.
Der gleichnamige Roman aus dem Jahr 1957 kritisiert die Weltsicht einer ganzen Epoche. Die Kritik hat auch ein halbes Jahrhundert später noch ihr Recht. Der Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten menschlichen Machens beherrscht uns immer noch. Der Homo faber ist nach wie vor am Werk. Nicht nur Menschenmögliches, sondern auch Unmögliches will er verwirklichen.
Die biblische Botschaft stellt unseren menschlichen Möglichkeiten immer wieder die unbegrenzte Schöpfermacht Gottes gegenüber. Der Prophet Jeremia verdeutlicht das so: „Ach, Herr Herr, siehe, du hast Himmel und Erde gemacht durch deine große Kraft und durch deinen ausgereckten Arm, und es ist kein Ding vor dir unmöglich“ (Jeremia 32, 17). Aber in einer kaum überbietbaren Kürze geschieht das in dem Wort Jesu, das uns als Jahreslosung durch das Jahr 2009 begleiten will.
II.
„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich“ (Lukas 18,27) So heißt die Jahreslosung für das Jahr 2009, mit der ich Sie an diesem Neujahrstag von Herzen grüße. Mit diesem Satz aus dem Lukasevangelium ist dem heute beginnenden Jahr ein Leitwort zugeordnet, das alles Gott anheim stellt. Dieses Wort Jesu strahlt Zuversicht und Trost aus, über alle aktuellen Anlässe hinaus. Es leuchtet ins persönliche Leben ebenso hinein wie in das gemeinsame Leben. Es ist auch ein Kommentar zu den Fragen, die viele Gespräche in diesen Weihnachtstagen bestimmt haben. Wie wird es weitergehen mit Wirtschaft und Wohlstand, mit Arbeitsplatz und Zukunftssicherung?
Es war ein nachdenklicher Jahreswechsel. Die krisenhaften Entwicklungen stellen uns vor die Frage, worauf es im Leben letztlich ankommt: auf Gott oder auf das Geld. Hinter uns liegt eine Zeit, in der noch einmal das „Evangelium des Reichtums“ aufleuchtete, das der Stahlkönig und spätere Wohltäter Andrew Carnegie schon im 19. Jahrhundert beschworen hatte. Die Konzentration von großen Vermögen in den Händen weniger sah er als einen Segen für die Menschheit insgesamt an. Heute wissen wir: Wohltaten können dadurch entstehen; aber das Heil ruht nicht auf dem Geld. Und auch das andere ist uns deutlich geworden: Wohlstand und Wohltaten sind zerbrechliche, vergängliche Güter. Wer sie bewahren will, darf sie gerade nicht zum letzten Wert machen. Wettbewerb, Wachstum und Gewinn sind wirtschaftliche Instrumente; eine verlässliche Lebensgewissheit stiften sie nicht.
Worauf gründen wir die Gewissheit unseres Lebens: auf das, was Menschen mit Geld zu erreichen versuchen, oder auf das, was durch Gott geschieht - über all unser Hoffen und Erwarten hinaus? Vor diese Frage stellt uns das biblische Leitwort für das Jahr 2009; es stellt den Jahresbeginn dadurch in eine herausfordernde Perspektive. Dies lässt sich auch schon an seinem biblischen Ursprungsort wahrnehmen.
„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ Dieser Satz steht im Lukasevangelium am Ende der Begegnung Jesu mit einem der „Oberen“, von dem man annehmen darf, dass er reich und wohlhabend gewesen ist. Der tritt an Jesus mit der Frage heran: „Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ Einer, der im Vergänglichen alles Erstrebenswerte erreicht hat an Macht und Besitz, fragt nach dem Unvergänglichen, nach dem ewigen Leben, nach dem, was über all unsere Anstrengungen hinausgeht.
Es wird nicht geschildert, aus welchen Motiven dieser Mann aus der gesellschaftlichen Führungsschicht Jesus eine solche Frage stellt. Will er ihn lediglich im Bewusstsein eigener Machtfülle provozieren? Oder erscheint ihm sein materieller Wohlstand als ein zu dünnes Brett, um das innere Wohlsein auf Dauer zu tragen? Vielleicht bringt er seine Frage ganz offenen Herzens vor, wenn auch mit Druck in der Magengrube und Beklemmung im Hals. Denn eigentlich kann er mit einem guten Gefühl vor Jesus treten; er kennt die göttlichen Gebote und hält sie, um so vor Gott bestehen zu können. Dennoch spürt er, dass dies alles nicht reicht, weil sein Herz stärker an Reichtum und Besitz hängt als am Vertrauen auf die Möglichkeiten Gottes.
III.
Jesus schärft die Verantwortung ein, die Reichtum und Besitz vor den Menschen, aber eben auch vor Gott mit sich bringen. „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern“, heißt es in einem anderen Wort Jesu (Lukas 12, 48). Daran hält er sich mit seiner Aufforderung, der wohlhabende Mann solle alles um der Armen willen drangeben und sein Leben mit Jesus verbringen: „Komm und folge mir nach“. Sein Gesprächspartner wendet sich ab. Traurig zieht er davon.
Aber die Hoffnung wandert mit ihm: „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ Jesus übergibt ihm keinen bedauernden Absagebrief. Er entlässt ihn nicht in die Trostlosigkeit, versagt ihm nicht den letzten Hoffnungsschimmer, versperrt ihm nicht den Ausblick auf die Antwort, nach der er fragt. Sondern er verheißt den Reichtum der unermesslichen Möglichkeiten Gottes: „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“
Das biblische Wort für das Jahr 2009 führt uns in einen weiten Horizont. Es bleibt nicht beim Anschein des Unvermeidlichen. Gott steht auf der Seite aller, denen der Blick auf die Zukunft versperrt ist: auf der Seite der Mühseligen und Beladenen, die nicht wissen, wie sie allein weiterkommen sollen, aber auch auf der Seite der Wohlhabenden und Starken, die den anderen zur Seite stehen können – wenn sie nur beginnen, sich an die Zusagen Gottes zu halten und nicht allein auf die eigene Kraft zu vertrauen.
Mit unüberbietbarer Schärfe sagt Jesus: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme“ (Lukas 18,25). Auf die Frage, wer denn dann überhaupt selig werden kann, antwortet er mit der Gewissheit, dass bei Gott möglich ist, was dem Menschen von sich aus unmöglich ist. Den Zugang zum Reich Gottes erwirbt niemand von uns selbst, er ist immer Gottes Geschenk. Die Gewissheit, bei Gott angenommen zu sein, gründet in Gottes Gnade.
Das Leitwort für das Jahr 2009 führt in das Zentrum des christlichen Glaubens. Es stärkt unsere Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit. Nicht ein falsches Vertrauen auf die eigenen Möglichkeiten soll das Jahr 2009 bestimmen, sondern das Vertrauen auf Gottes schöpferische Kraft. Nicht als Homo faber wollen wir durch dieses Jahr gehen, sondern in der Nachfolge Jesu.
IV.
Diesen anderen Weg, die anderen Möglichkeiten Gottes beschreibt das Evangelium für den Neujahrstag auf leuchtende, ja auf einleuchtende Weise. Seine erste Predigt hält Jesus in seiner Vaterstadt, in Nazareth. Dort, in Nazareth, treffen das prophetische Wort und die Person Jesu zusammen. Dort entsteht die Gewissheit, dass Gottes Möglichkeiten in Jesus von Nazareth wirklich werden. In ihm beginnt das „Gnadenjahr“ des Herrn, geprägt durch eine frohe Botschaft für die Armen, durch die Befreiung der Gebundenen, durch klare Sicht für die Blinden, dadurch, dass die Fesseln der Zerschlagenen gelöst werden.
Das sind die neuen Möglichkeiten Gottes, an denen wir uns ausrichten können in diesem neuen Jahr, einem „Gnadenjahr“ des Herrn. Das nämlich meinen wir, wenn wir sagen, wir seien in das „Jahr des Herrn“ 2009 eingetreten: es ist ein Jahr der Gnade. Das ist der tiefe Sinn, wenn ein Jahr mit so viel Freude begrüßt wird, dass man vor lauter Knallerei das eigene Wort nicht mehr versteht: Wir können uns auf dieses Jahr freuen, weil wir es aus Gottes Hand empfangen.
Möge dieses Gewissheit für uns alle jeden Tag dieses Jahres prägen; dann finden wir auch Gewissheit darüber, was wir tun und wohin wir unsere Schritte lenken sollen: auf den Weg des Vertrauens, der Liebe und der Zuversicht.
Möge es für uns alle ein „Gnadenjahr“ sein, dieses Jahr 2009, ein Jahr unter dem leuchtenden Stern der Hoffnung. Amen.

