Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis, im Berliner Dom (Johannes 5,1-16)
Wolfgang Huber
14. Oktober 2007
Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank. Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. Es war aber an dem Tag Sabbat. Da sprachen die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen. Er antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin! Da fragten sie ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin? Der aber gesund geworden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war entwichen, da so viel Volk an dem Ort war. Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre. Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.
I.
Orte wie den Teich Betesda gibt es überall. Wasser mitten in der Stadt. Jeder kann dorthin kommen, kann spielen oder warten, die Zeit vergessen oder vertrödeln. Solche Orte gibt es überall. Ein Beispiel ist der Springbrunnen auf dem Alexanderplatz, ganz hier in der Nähe. Oft sammeln sich um ihn Jugendliche mit ihren Hunden. Dann ist das ihr Ort. Andere haben es schwer neben ihnen. Oder trauen sich nicht in ihre Nähe. Die Jugendlichen haben keine Jahreskarte für die BVG. Ihnen fehlt die Währung, mit der sie sich im Galeria Kaufhof oder im neuen Alexa Einkaufscenter bewegen könnten. Obwohl das ganze Leben vor ihnen liegt, haben sie es schon hinter sich. Die Hoffnung, die aufkeimen könnte, wird mit Bier oder Schnaps ertränkt. Alles lässt sich durchstehen. Aber wenn du Hoffnung schöpfst und dir wünschst, dass du eine neue Chance bekommst und dann geht das wieder schief – alles, nur das nicht.
Mir kommt die alte Frau in den Sinn, die im Pflegeheim lebt. An den Springbrunnen im Park des Heims kann sie sich nur noch undeutlich erinnern. Denn dorthin ist schon lange nicht mehr gekommen. Ihr Teich Betesda beschränkt sich auf immer stärker auf das eigene Zimmer. Mehr und mehr scheint es von bösen Geistern bevölkert zu sein. Nacht für Nacht fürchtet sie, jemand dringe ein und nehme ihr etwas weg. Und sie findet es auch wirklich am nächsten Morgen nicht mehr; denn sie hat den Ort vergessen, an den sie die Brille oder den Geldbeutel gelegt hat. Und auch das Wasser rückt in unerreichbare Ferne. Ihre Hand ist zu schwach, um die Flasche zu öffnen, die verheißungsvoll vor ihr steht. Der Drehverschluss gibt ihren Bemühungen nicht nach; deshalb nach jemandem zu rufen, wagt sie nicht. Der Durst bleibt ungestillt. Übermächtig wird die Sehnsucht nach Wasser, nichts als Wasser; sie versinkt in eine Art Dämmerzustand.
Es gibt viele Arten, sich an den Teich Betesda versetzt zu sehen – an jenen Ort, an dem sich Hoffnung und Verzweiflung berühren.
In Jerusalem lag die begehrte Badeanlage in der Nähe des Schaftores. Am Rande des Teichs warten die Verzweifelten auf die Bewegung des Wassers. Man hat ihnen von der Wunderwirkung des kühlen Elements erzählt; und sie klammern sich in ihrer Verzweiflung daran, auch wenn es nur ein Strohhalm ist. Von Zeit zu Zeit – so erzählt man sich - steigt ein Engel Gottes herab zum Teich, badet und wühlt das Wasser auf. Wer nun nach der Bewegung des Wassers, die der badende Engel auslöst, zuerst herabsteigt und untertaucht, gesundet, an welcher Krankheit er auch leidet.
II.
Jesus mischt sich unter die Kranken, Blinden, Lahmen und Ausgezehrten. Bei einem bleibt er stehen Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank. Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.
Wir brauchen die Krankengeschichte der zurückliegenden 38 Jahre nicht zu kennen, um diese Verzweiflung zu verstehen. Da setzt einer seine Hoffnung auf die plötzliche Bewegung des Wassers; und zugleich weiß er, er wird immer zu spät kommen. Und: wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Aus tiefster Tiefe kommt diese Klage: Herr, ich habe keinen Menschen. Der Mann ist krank. Eine Krankheit, das wissen wir, kann vielleicht geheilt werden. Wenn dies nicht gelingt, muss ich mich mit den Einschränkungen arrangieren. Schlimmstenfalls werde ich an einer unheilbaren Krankheit sterben. Doch der Gesprächspartner Jesu am Teich Betesda leidet an Einsamkeit und Beziehungslosigkeit. Jesus durchbricht diesen Zustand, indem er den Kranken anspricht und sich ihm zuwendet. Und er stellt eine Frage, die in ihrer Selbstverständlichkeit verblüfft. Mich jedenfalls. Als Jesus den Mann dort sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?
Mich überrascht die Frage. Würde ich denn einen Kranken mit der Frage langweilen, ob er gesund werden möchte? Verhöhne ich nicht den gesundheitlich Eingeschränkten, wenn ich so frage? Oder ist das nur eine rhetorische Frage – so wie unser „Na, wie geht’s?“
Soll ich mir wirklich vorstellen, Jesus hätte die Frage ganz bewusst so gestellt? Dann stockt mir der Atem. Du mit deiner Krankheit und Einsamkeit! Wie geht es dir an deinem Teich Betesda? Willst du gesund werden? Oder denken Sie an sich selbst. Möchtest Du, dass die 38 Jahre alten Narben und Verwundungen von heute auf morgen verschwinden? Soll wirklich jemand kommen und mir zeigen, dass ich seit 38 Jahren in einem Wartesaal sitze, in dem sich auch in den nächsten 38 Jahren nichts ändern wird? Will ich das? Willst du gesund werden?
Doch genau mit dieser Frage durchbricht Jesus die Einsamkeit. Er kommt der Verzweiflung zuvor. Er tritt für den Kranken ein. Der wird gesund – und hat keine Ahnung, wem er das zu verdanken hat. Er macht sich am Sabbat, am Ruhetag, auf den Weg – und ahnt nicht, was daran so verwerflich sein soll. Er wird ausgefragt, wer ihm denn zur Gesundheit verholfen hat; und nachdem er sich kundig gemacht hat, gibt er den Namen preis – nicht ahnend, dass er so zu einer Schachfigur in einem tödlichen Spiel wird.
III.
Aber zuerst und für heute hat die Hilfe das Wort, die rettende Beziehung. Jesus richtet einen Menschen auf, in Gottes Namen. Und er macht Mut dazu, dass dergleichen auch heute geschieht. Und es geschieht auch.
Neulich hörte ich von einer Frau, wie sich ihr Leben durch den Eintritt in den Ruhestand verändert hat. Es hat mich angerührt, wie sie mit dieser großen Zäsur im Leben umgeht. Jeden Dienstagvormittag geht sie in Potsdam ins Oberlinhaus. Dort wird sie erwartet. Ein alter Herr sitzt dann bereits ausfahrbereit in seinem Rollstuhl. Sie drehen eine Runde durch den Park Babelsberg, spüren die Frische der Herbstluft und kehren beide verändert zurück. Sie hat es nicht nötig, damit zu prahlen. Es geht um etwas ganz anderes. Ihr Leben war bisher so erfüllt und voller Gnade, dass sie etwas davon weitergeben möchte.
Natürlich ist es eine Hilfe, dass ihre Woche eine feste Struktur hat: Am Dienstagvormittag geht sie ins Oberlinhaus; an anderen Tagen nimmt sie sich etwas anderes vor. Sie braucht ein solches Gerüst, gerade im Übergang zum Ruhestand. Aber es geht um mehr: es geht um die Beziehungen, die das tragende Gewebe im Teppich des menschlichen Lebens sind.
Da trifft ein Mensch für sich selbst die Entscheidung zu helfen. Und da gibt es eine hilfsbedürftige Person, die von sich sagen kann: Gott sei Dank, ich habe einen Menschen, der mich jeden Dienstag besucht.
Wenn ich ein wenig Mitgefühl, Wohlwollen oder Aufmerksamkeit verschenke, dann mache ich Erfahrungen mit Heil und Heilung. Christus selbst begegnet uns auf eine Weise, die unerwartet ist und aufatmen lässt.
In Kapstadt hat einer unserer Pfarrer, Otto Kohlstock ein AIDS-Hospiz aufgebaut. Diese Arbeit hat ihn so gepackt, dass er einfach im Lande blieb, auch als die Zeit seiner Entsendung schon längst abgelaufen war. Er wollte diese Arbeit nicht verlassen. Ein Hospiz hatte er geschaffen, damit AIDS-Kranke auf der letzten Strecke ihres Weges einen geschützten Raum haben – wenigstens einen behüteten Raum, wenn es schon ans Sterben geht. Doch der Weg zum Tod ist inzwischen ein Weg ins Leben geworden. Heute können mehr als neunzig Prozent der Kranken das Hospiz nach einiger Zeit wieder verlassen. Sie haben gelernt, mit der Krankheit umzugehen, die nötigen Medikamente zu nehmen, ihre Kräfte einzuteilen. Für sie ist die Krankheit nicht mehr ausweglos. Sie hören das Wort Jesu: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin.
Auch in anderer Hinsicht zeigt diese Arbeit Früchte. Sie wird auf Jugendliche ausgedehnt, die lernen, ihr Leben so zu führen, dass sie nicht mit dem gefährlichen Virus angesteckt werden. Sie lernen, ihr Leben zu meistern. Auch ihnen sagt Jesus: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin.
Ein letztes Beispiel drängt sich auf. Vorgestern wurde Al Gore und dem Internationalen Klimarat der Friedensnobelpreis zuerkannt. Nach meiner Auffassung ist das ein Hoffnungszeichen. Vielleicht richtet sich die globale Welt doch nicht untätig an ihrem Teich Betesda ein und wartet, bis sie zum Wasser getragen wird. Seit Jahren haben wir die Frage Jesu überhört, ob wir wollen, dass unsere Welt gesund wird. Während die Gletscher abschmelzen und unser Leben verrinnt, starren wir auf die Oberfläche des Teiches und hoffen, dass sich kleine Bläschen zeigen. Nun keimt die Hoffnung, dass doch mehr in Bewegung kommt. Nun erhalten Menschen den Friedensnobelpreis, die uns aufrütteln, weil der Klimawandel die Gletscher schmelzen, die Permafrostböden auftauen und die Ozeane steigen lässt. Ein Anzeichen des Wandels, bevor es zu spät ist. Steh auf, nimm dein Bett und geh hin.
IV.
Auch dich kann der Ruf Jesu erreichen. Dass du einen andern fragst: Willst du gesund werden. Und plötzlich reißt es einen aus der Beziehungslosigkeit hinaus. Oder dass du selber den Ruf hörst: Nimm dein Bett und geh!
Jesus Christus ruft uns in die Freiheit des aufrechten Gangs, Dich und mich. Er zeigt uns den Weg, den wir gehen können. Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen.
Amen.

