Predigt zur Bundesversammlung am Pfingstsonntag im Berliner Dom

Wolfgang Huber

23. Mai 1999

"Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller" (1. Korinther 12, 4-7)

Die meisten Menschen haben ein Lieblingsthema. Von welcher Ecke aus - irgendwie nehmen sie immer die Kurve. Faszinierend ist manchmal die Phantasie, mit der jemand sein Lieblingsthema gerade dann einbringt, wenn es niemand erwartet.

Ein amerikanischer Freund von mir hat ein solches Lieblingsthema. Ich kenne ihn schon seit dreißig Jahren und kann mich kaum an ein Gespräch mit ihm erinnern, bei dem ihm nicht die Kurve zu seinem Lieblingsthema gelungen wäre. Er ist Theologe; und sein Lieblingsthema ist theologischer Art. Schon seit Jahrzehnten stößt er sich an der monarchistischen Sprache in der Kirche. Daß Gott als König bezeichnet wird, hält er für unzeitgemäß. Daß wir vom "Reich" Gottes reden, weckt bei ihm ähnliche Zweifel, wie sie manche gegen die Rede vom "Reichstag" hegen. Wenn von der Königsherrschaft Jesu Christi die Rede ist, dann stößt er sich daran und sagt, der christliche Glaube habe eine derart vordemokratische Sprache nicht verdient. Das "Königreich" zieht nicht mehr, sagt mein Freund. Er ist ein guter Demokrat. So sucht er neue Symbole, in denen der christliche Glaube sich ausdrücken kann. Ein unbefangener Amerikaner ist er auch. Deshalb trägt eines seiner Bücher den Titel: "God's Federal Republic: Gottes Bundesrepublik'. Nicht mehr als himmlischen König solle man Gott anreden, erklärt er. Die richtige Vorstellung von Gott sei: Gott als Präsident. Daß ich da zuckte, hat mein Freund nicht gut verstanden. Er dachte, die guten Erfahrungen mit der Verfassungsordnung der Bundesrepublik Deutschland müsse mich geradezu für seine Idee begeistern - und die guten Erfahrungen, die dieses Land mit dem Amt des Bundespräsidenten gemacht hat, erst recht. Doch hierzulande besteht wenig Bereitschaft, aus politischen Institutionen religiöse Symbole zu machen - Gott sei Dank. Von Gottes Bundesrepublik redet hierzulande deshalb niemand - auch nicht zum fünfzigjährigen Jubiläum des Grundgesetzes. Gott als Präsident: Am Tag der Bundespräsidentenwahl ist das erst recht eine verwegene Idee. Wir hüten uns davor, die Institutionen der Demokratie zu Glaubenssymbolen zu erheben. Wir legen Wert auf den weltlichen Charakter der Demokratie, auf die zeitliche Begrenztheit politischer Ämter, auf die Fehlerfreundlichkeit demokratischer Institutionen.

Wir scheuen uns aus gutem Grund, die Sprache der Demokratie auf das Verhältnis zu Gott anzuwenden. Dennoch steckt hinter der Sprechweise meines Freundes eine Frage, der nachzugehen sich lohnt. In einer einfachen und vielleicht anstößigen Form heißt diese Frage: Ist Gott ein Demokrat? Demokratie ist die politische Ordnung, in der die Staatsgewalt vom Volke ausgeht. Die Demokratie ermöglicht deshalb eine möglichst umfassende Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger. Auch in einer repräsentativen Demokratie stellt sich deshalb immer wieder die Frage, ob die Mitwirkungsrechte für die Bürgerinnen und Bürger nicht noch erweitert werden können - sei es, wie manche vorschlagen, durch die direkte Wahl des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidenten, sei es auch durch erweiterte Formen des Volksbegehrens. In den vielen Veranstaltungen der letzten zwei Wochen, die dem Thema der Bürgergesellschaft und der Bürgerbeteiligung gewidmet waren, haben solche Gedanken eine große Rolle gespielt. Wie auch immer man zu ihnen steht - in jedem Fall gilt: Die Demokratie ermöglicht die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger. Wie steht die Wahrheit des Glaubens dazu? Ist Gott ein Demokrat?

Der Glaube verläßt sich auf die Gegenwart Gottes. Gegenwärtig ist Gott in dem Geist, der Leben schafft und Glauben weckt. Darum geht es an Pfingsten. Es ist eine sehr einfache Wahrheit, die an diesem Tag zu bedenken ist. Sie heißt: Alle Menschen leben im Kraftfeld Gottes; keiner ist davon ausgeschlossen. Der Geist Gottes hält sich nicht an nationale Grenzen, sondern gilt allen Menschen in gleicher Weise. Jeder Mensch hat etwas einzubringen und beizutragen. Keiner geht leer aus. Die Gaben der Menschen sind unterschiedlicher Art und verschieden verteilt. Aber ohne Gaben ist keiner. Die Ämter, die zu übernehmen sind, haben unterschiedliches Gewicht und verschiedenen Charakter. Aber keiner bleibt ohne Amt. Für jeden gibt es etwas zu tun. Die Kräfte sind breit gestreut. Aber völlig kraftlos ist niemand. Denn alle sind einbezogen in das Kraftfeld Gottes. Dieses Kraftfeld Gottes nennen wir den "heiligen Geist". Ist Gott ein Demokrat? Die Vorstellung vom Wirken des heiligen Geistes ist offenkundig etwas radikaler, als es unseren geläufigen Vorstellungen von Demokratie entspricht. Die einfache Wahrheit des Glaubens sagt: Gott wirkt nicht nur in den außergewöhnlichen Leuten, sondern ebenso in jeder einfachen Frau und in jedem einfachen Mann.

Denn in jedem Menschen begegnet uns Gottes Ebenbild. In säkularer Gestalt hat diese Einsicht auch Eingang in unsere Verfassung gefunden. Sie bekennt sich zu der gleichen und unantastbaren Würde aller Menschen. Damit wird der Gedanke der Gottebenbildlichkeit des Menschen nicht für alle Bürgerinnen und Bürger verpflichtend gemacht. Auch daß in der Präambel des Grundgesetzes von der "Verantwortung vor Gott" gesprochen wird, enthält keine Zwangsverpflichtung auf den Glauben an Gott. Aber diese Formulierung ist wie eine offene Tür. Die Wahrheit wird nicht ausgeschlossen, der wir den radikalsten Gedanken unserer Verfassungsordnung verdanken: den Gedanken von der unantastbaren und gleichen Würde aller Menschen. Er ist ein säkulares Echo auf die einfache Wahrheit des Glaubens.

Ausgerechnet am Pfingstsonntag soll das höchste Amt der Bundesrepublik Deutschland durch Wahl vergeben werden. Dadurch wird dieses Geschehen eingeordnet in die Vielfalt der Gaben und Aufgaben, der Kräfte und Ämter, die erst zusammen ein Gemeinwesen lebensfähig machen. Auch dafür hat der Glaube an den heiligen Geist einen denkbar einfachen Ausdruck: Der Geist teilt sich so mit, daß es zum Nutzen aller dient. Nicht auf das Glänzen des eigenen Geistes kommt es an, sondern darauf, ob die anderen einen Nutzen davon haben. Geistbegabung zeigt sich nicht darin, daß man die eigene Überlegenheit zur Geltung bringt. Sie zeigt sich darin, daß man vom Eigenen im Interesse aller auch abzusehen vermag. Aus dieser Vorstellung hat sich der Gedanke des Gemeinwohls entwickelt. Er ist in den letzten Jahrzehnten unter Ideologieverdacht gestellt worden. Es sei verlogen, vom Gemeinwohl zu reden, so wurde argumentiert; es gehe doch immer nur ums eigene Interesse - da sei es besser, das wenigstens gleich zuzugeben. Es ist an der Zeit, diese Denkweise zu revidieren. Das Gemeinwohl - der "Nutzen aller", wie der Apostel Paulus unmißverständlich sagt - sollte nicht länger verdächtigt, sondern ernst genommen werden. Menschen sollten nicht länger deshalb Spott auf sich ziehen, weil sie sich am Wohl des Nächsten orientieren. Viele warten darauf, daß die Orientierung am Gemeinwohl wieder anerkannt und gewürdigt wird. Das Amt des Bundespräsidenten hat große Bedeutung nicht zuletzt in der Anwaltschaft für das Gemeinwohl und für alle, die sich um das Gemeinwohl kümmern.

Auch in den nächsten Wochen stehen wichtige Entscheidungen politischer Art an. Für uns hier in Berlin hat die Frage besondere Bedeutung, in welcher Weise die Erinnerung an die Gewaltverbrechen der NS-Zeit symbolische Gestalt gewinnt. Mir liegt daran, daß dabei die Mahnung deutlich und eindeutig genug zum Ausdruck kommt, die sich aus jenem Geschehen ergibt - "zum Nutzen aller".

Unter den Gaben des Geistes, die der Apostel Paulus aufzählt, verdient eine es, besonders hervorgehoben zu werden. Es ist die Gabe, "die Geister zu unterscheiden". Auch das gehört zu Gottes radikaler Demokratie, wie sie sich an Pfingsten zeigt. Der Geist Gottes schafft einen klaren Kopf, um die "Geister" zu unterscheiden. Die gibt es bekanntlich zur Genüge. Es gibt eben nicht nur einen Geist des Lebens, sondern auch des Todes, nicht nur einen Geist der Versöhnung, sondern auch der Gewalt, nicht nur einen Geist der Wahrheit, sondern auch der Lüge. Und es gibt nicht nur einen Geist, der den Krieg überwindet; es gibt auch einen, der in den Krieg führt. Eine solche Unterscheidung der Geister ist heute so notwendig wie eh und je. In diesen Wochen des Kosovo-Kriegs haben wir das deutlich vor Augen. Umso dringlicher müssen wir auf den Geist hoffen, der die Wahrheit ans Licht bringt und Frieden schafft, auf den Geist, der herausführt aus dem Ungeist von Menschenverachtung, Vertreibung und Gewalt. Auf einen Geist müssen wir aber auch hoffen, der sein Vertrauen nicht nur auf militärische Gegengewalt setzt, sondern aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt herausführt. Die prophetische Mahnung gilt ja nicht nur den anderen, sondern auch uns: "Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth" (Sacharja 4,6).

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden sie sich wünschen? Heute läßt sich diese Frage so abwandeln: Wenn Sie sich für unsere Gesellschaft drei Gaben des Geistes wünschen würden, welche wären das? Seien Sie unbesorgt: Ich lade Sie mit dieser Frage nicht dazu ein, den idealen Bundespräsidenten oder die ideale Bundespräsidentin zu skizzieren. Nicht um die Geistesgaben einer Person geht es mir; es geht mir eher um den Geist des Gemeinwesens, dem dann auch ein Bundespräsident oder eine Bundespräsidentin Ausdruck gibt. Welche Geistesgaben brauchen wir in dieser Gesellschaft? Sie werden diese Frage für sich selbst beantworten. Aber ich will meine Wünsche nicht verschweigen. Die Gabe des Friedenstiftens drängt sich heute wieder als erste auf. Dabei denken wir alle an die Serie von Bürgerkriegen und Kriegen im zerfallenen Jugoslawien und die Mitverantwortung, die wir wahrzunehmen haben. An die Ratlosigkeit im Blick auf das Friedenstiften denken wir, die von Woche zu Woche stärker wird. Aber nicht nur an die internationale Politik sollten wir denken, sondern auch an den Frieden auf unseren Straßen und in unseren Häusern, in U-Bahnen und auf Schulhöfen. Nicht nur an den Frieden zwischen gesellschaftlichen Gruppen sollten wir denken, sondern auch an den Frieden in den Familien. Denn so sehr sich die Formen des Familienlebens wandeln mögen, bleibt doch der Frieden in den Familien ein hohes und zugleich gefährdetes Gut.

Welche zweite Gabe des Geistes wäre zu nennen? Aus meiner Wahl will ich kein Hehl machen. Es ist die Gabe, Glauben zu wecken. Der Weg fortschreitender Säkularisierung und Entkirchlichung führt auf Dauer nicht ins Offene und Freie; davon bin ich tief überzeugt. Gerade eine freiheitliche Gesellschaft kann den Glauben nicht entbehren. Denn sie muß sich um die Voraussetzungen der Freiheit sorgen. Der Mensch ist mehr, als er selbst aus sich macht. Und die Wirklichkeit ist größer, als unser vermeintlich naturwissenschaftliches Weltbild uns glauben macht. Die Geistesgabe wird gebraucht, die anderen hilft, dieser größeren Wirklichkeit Raum zu geben und sich für Gott zu öffnen, den einzigen Halt im Leben und im Sterben. Was aber soll die dritte Gabe des Geistes sein? Ich will sie die Fröhlichkeit des Herzens nennen. Wir brauchen Menschen, die andere aus ihrer Betrübtheit, ihrem Klagen und ihrer Ratlosigkeit herausholen. Nicht weil es zu all dem keinen Grund gäbe, sondern deshalb, weil ihm nicht das letzte Wort gebührt. Den Schwierigkeiten des eigenen Lebens halten wir nur aus der Kraft der Zuversicht stand; die Schwierigkeiten des Gemeinwesens bewältigen wir nur mit dem notwendigen Maß an Zivilcourage. Man kann diese Fröhlichkeit des Herzens auch biblisch beschreiben: "Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit."



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