Weihnachsbotschaft 2004 der Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann (Hannover)
Marktkirche Hannover
24. Dezember 2004
-Es gilt das gesprochene Wort! -
Liebe Gemeinde,
Weihnachten ist ein merkwürdiges Fest, merk-würdig im wahrsten Sinne des Wortes. Viele von uns denken an so einem Heiligen Abend zurück, ja es beschleicht viele von uns eine kleine Sehnsucht nach Gestern: Weihnachten damals, als wir Kinder waren – erinnerst du dich noch? Das erste Weihnachten zu zweit als Paar. Oder auch: das erste Weihnachen allein. Weißt du noch, als die Kinder klein waren... Weihnachten ist für viele Menschen wie ein Brennpunkt, an dem sich das Leben und damit die Erinnerung konzentriert. Während sonst das Jahr oft zerfließt, ist das Weihnachtsfest ein entscheidender Höhepunkt.
Und wenn es uns nicht gut geht, ein entscheidender Tiefpunkt. Auch und gerade ein Weihnachtsfest, an dem wir traurig waren, einsam oder verzweifelt gräbt sich tief in das Gedächtnis ein. Ich denke beispielsweise an so manche Berichte in diesen Tagen: Weihnachten 1914 – vor 90 Jahren, Kriegswinter, Bitterkeit nach glanzvoller Euphorie. Und auch 1944 – vor 60 Jahren – schon wieder ein Kriegswinter. Weihnachten im Symbol des Hakenkreuzes. Festredner, die Weihnachten als Symbol des zu erwartenden Endsieges priesen, missbrauchten im ideologischen Irrwahn. Real existierende Menschen aber in Kälte, Hunger und Angst. Menschen auf der Suche nach Hoffnung.
Viele schauen Weihnachten auch nach vorn: was wäre, wenn? Kann ich wohl hoffen auf die neue Arbeitsstelle? Ob unsere Liebe Bestand haben wird? Was wird kommen? Kann ich mich Gott anvertrauen?
Weihnachten ist ein Jahreshöhepunkt in unserem Leben. Deshalb gibt es wohl all den Perfektionsdruck, der aus der biblischen Geschichte ja gar nicht abzuleiten ist. Das möchte ich immer wieder sagen: diese Geburt war kein romantisches Kapitel einer Soapopera! Es geht um Gott. Bitte, im Land der Reformation, erinnert euch doch wieder oder lasst euch erzählen davon, was sich begab zu der Zeit, als ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging. Es hat mich schon schwer enttäuscht, dass unter den Promis zu Weihnachten der gut sympathische Til Schweiger nicht wusste, was eigentlich der Grund für dieses Fest ist. Der Mann hat vier Kinder! Was wird denn da erzählt unterm Weihnachtsbaum? Oder ist es schon so weit, dass jene Karrikatur einer Tageszeitung zutrifft, die wir kürzlich gesehen haben? Da stehen Eltern geschmückt vor dem ebenso geschmückten Weihnachtsbaum, etliche Päckchen darunter, das Kind aber schaut faszieniert auf eine Krippe mit Ochs, Esel, Maria, Josef und Kind. Der Vater sagt irritiert: „Was soll das denn jetzt?“ Ohne Christus gibt es aber weder Christkind noch Christfest!
Weihnachten als Zäsur im Jahr - deshalb sind wir vielleicht an diesem Fest wohl besonders verletzlich. Und so kommen auch die großen Lebensfragen und die großen Glaubensfragen an die Oberfläche, die wir sonst im Alltag oft zur Seite schieben: Wo bin ich eigentlich angekommen in meinem Leben? Weiß ich ,wo ich hin will? Was heißt das, wenn Gott Mensch wird? Wie verstehen wir das: Jesus als Gottes Sohn? Können wir diese alte Geschichte glauben in unserer hochtechnisierten Welt?
Diese Fragen sind so alt wie der christliche Glaube. Der Predigttext für den heutigen Heiligen Abend führt uns mitten hinein in ein intensives Gespräch darüber aus allererster Stunde. Nikodemus führt es mit Jesus. Nikodemus fragt, er will verstehen, er ringt mit dem Glauben daran, dass Jesus Gottes Sohn ist. Wie soll er das begreifen? Wie sollen wir das begreifen? Und Jesus antwortet, versucht, zu erläutern, zu sagen, wie es gemeint ist. Ein entscheidender Satz in seinen Antwort im Johannesevangelium Kapitel 3 ist unser Predigttext: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Liebe Gemeinde, das ist sozusagen eine kurze Erklärung des christlichen Glaubens, kürzer geht es kaum. Lassen Sie uns die drei Elemente genauer anschauen: die Liebe Gottes, den Sohn, an den wir glauben und uns, die nicht
verloren sind.
1. Die Liebe Gottes
Gott liebt tatsächlich diese Welt. Das ist schwer zu verstehen, denn diese Welt ist wahrhaftig nicht immer liebenswert. Und wir Menschen sind es auch nicht. Selbst wenn wir nach außen eine großartige Fassade darstellen - wir wissen schon, wo wir gerade nicht perfekt sind, und schon gar nicht liebenswert. Aber diese Welt mit ihren Mängeln, mit dem, was nicht stimmt, die liebt Gott so sehr, dass er sich auf sie einlässt. Das ist wie mit der Liebe bei uns. Da sagt doch mancher: die Frau? Lass die Finger von ihr! Der Mann? Mit dem wird das nichts, sieh zu, dass du Land gewinnst. Aber wo die Liebe hinfällt, das entscheidet manches Mal nicht die Vernunft. Und so liebt Gott wohl auch dich und mich und diese Welt...
Deshalb können wir uns auch da Gott anvertrauen, wo wir Fehler machen, nicht weiter wissen. Wer leidenschaftlich liebt, hat ein großes Herz, kann vergeben. Ist ihnen das nicht auch schon begegnet? Da ist plötzlich die Liebe stärker als das, was Recht ist. Oder wir sehen unsere Kinder, Jugendliche und werden nachsichtig, weil sie doch liebenswert sind, auch wenn sie nicht unseren Normen entsprechen. Ja, das gilt auch vice-versa für die Eltern! Das ist doch eine großartige Botschaft: Gott liebt uns leidenschaftlich! Auch wenn alle anderen sich abwenden, wenn ich mich völlig verlassen fühle, wenn ich nicht mithalten kann mit dem Perfektionsdruck, ist diese Liebe da, als Angebot. Nicht bestellt, nicht vorgemerkt, einfach so. Keine Kreditkarte verlangt!
Da ist schon ein Plus auf unserem Konto. Deshalb können wir unseren Lebensweg mit Gott gehen. Ja, Menschen versagen, das weiß auch Gott. Wie viele wenden sich ab und sagen: Gott - brauche ich nicht! Wer einmal in der Liebe enttäuscht wurde, weiß, wie weh das tut. Lieb begegnet Zurückweisung. Du liebst mich – dein Problem! Ich will dich nicht! Ich kann ohne dich leben. Ich liebe einen anderen, eine andere. Das kann tief verletzen. Wohl auch Gott... Aber die Liebe Gottes zu uns ist größer als unsere Zurückweisung, sie nimmt sich unserer Fragen und Fehler an, sie ist auch eine schmerzhafte Liebeserfahrung. Angst und Verletzung und Trauer – sie gehören zur Liebe hinzu. Erst wenn die Liebe erkaltet ist in Lieblosigkeit, verletzt uns auch nichts mehr. Dann aber ist die Beziehung zuende.
2. Der Sohn, an den wir glauben
Mit Jesus will Gott die ganze Welt retten, sagt der Vers aus dem Johannesevangelium. Das ist schon ein großes Spannungsfeld: Gott liebt nicht nur die, die alles wissen, die korrekt leben und richtig glauben. Nein, Gott hat großes Interesse an denen, die wie Nikodemus fragen und zweifeln und nachhaken. Das hat schon so manchen geärgert, der meinte so richtig auf dem rechten Weg zu sein – Gott gibt nicht nur Zinsen nach eingezahltem Guthaben, sondern schenkt, einfach so, ganz unökonomisch. Das zu erkennen, war aber auch für andere wie beispielsweise für Martin Luther eine Erfahrung von Befreiung: Ich muss nicht alles wissen, nicht alles ganz so richtig machen. Gott denkt an mich, Gott sieht mein Leben an und will mir einen Weg in die Zukunft eröffnen, der viel weiter ist als das, was wir sehen.
Oder ist das jetzt wieder zu billig? „Billige Nacht - Heilige Nacht“ titelte der Spiegel vergangene Woche. Deutschland auf dem Weg zum Geizwahn sozusagen... Ist da auch Weihnachten billig zu haben: ein bisschen Kitsch, ein bisschen Lichterglanz, schönste Harmonie und das war´s dann. Das wäre und ist in der Tat eine Täuschung. So wird Weihnachten verscherbelt im aktuellen deutschen Geizwahn (Habgier und Geiz gehören übrigens von Anfang an zu den biblischen Lasterkatalogen). Gerade der Text aus dem Johannesevangelium macht klar, dass die Geburt des Gotteskindes erst vom Ende her betrachtet etwas Besonderes ist. Erst von Kreuz und Auferstehung her sehen wir sie in einem anderen Licht. Und das ist nicht billig. Wer sich mit dem Tod auseinandersetzt, erkennt, wie begrenzt und wie teuer das Leben ist. Erkennt, dass Leben auch mehr ist, als ich in Euro oder Shareholdervalue oder Ansehen oder Sicherheit rechnen kann. Das Leben ist rechenschaftspflichtig, eine begrenzte Zeit, beschränkt durch den Tod, den jenes Kind in der Krippe in die Schranken gewiesen hat.
3. Wir Menschen, die nicht verloren sind.
In diesem einen Vers nennt Johannes das Ziel der Liebe Gottes: wir Menschen sollen nicht verloren sein. Mich berührt das sehr. Wie schnell ist ein Leben verloren. Ich denke an die, die keinen Halt finden. Mich empört zutiefst, dass in einigen europäischen Ländern diskutiert wird, Lebensmüden eine Todespille zuzugestehen. Was ist das für eine Welt. Will nicht mehr mithalten – wird ent-sorgt. Statt dass wir Für-sorgen!!! Oder kostet es zu viel Engagement, Lebensmüde wieder lebensfroh zu machen, so dass sie eines Tages lebenssatt sterben dürfen?
Geben wir alle die verloren, die nicht mehr mithalten können? Hartz IV ist da ja ein Symbol geworden in diesem Jahr. 354 Euro im Monat – hat den Lebenssinn verloren, wer darauf angewiesen ist? Oder machen wir deutlich: wir sorgen für dich mit, es gibt eine Gemeinschaft, die jetzt und hier hält und trägt. Und darüber hinaus wird Gott dich und uns halten und tragen jetzt und hier und über die Grenzen unserer Welt.
Aber ist nicht unsere ganze Welt wahrhaftig ein Ort der Verlorenen, wenn wir etwa die grauenvollen Berichte aus dem Kriegschaos des Kongo hören? Mir fällt es manches Mal schwer, einzuschlafen, wenn ich das höre und lese. Da wird eine Mutter erschossen, ihr Baby liegt zwei Tage schwer verletzt neben ihr, bis es gefunden ist. Jetzt liegt es in einem Krankenhaus, notdürftig versorgt - es gibt keinen Ton mehr von sich, aber Tränen laufen über seine Wangen. Ein Kind in Not. Wie das Kind in der Krippe. Mein Gott, wo bist du?, fragen wir. Und das fragen wir auch, wenn die Nachrichten auch in den Weihnachtstagen täglich geradezu aufreizend banal die Totenzahlen aus dem Irak vermelden. Dann möchte ich wie Nikodemus mit Jesus selbst um Antworten ringen.
Doch, die Welt ist ein Ort der Verlorenen. Das sind wir, wo jede Form des Mitleidens, des Engagements füreinander in Kälte und Raffgier erstarrt. Das ist unsere Welt, wenn wir sie kampflos dem Krieg und der Ungerechtigkeit überlassen. Das ist aber auch genau die Welt, die meint, sie brauche Gott nicht!
Gott sucht die Verlorenen wie ein Schaf, das abhanden gekommen ist, das ist die Verheißung. Gott will uns eine Perspektive geben über dieses Leben hinaus und zwar von Ostern her, von der Auferstehung. Gottes Welt ist größer als das, was wir sehen. Gerade deshalb aber treten wir an gegen Kälte und Lieblosigkeit, gegen Hass und Gewalt in dieser Welt. Oft in kleinen Schritten, ja. Aber jeder kleine Schritt zündet ein Licht an in der Finsternis. Darum geht es an Weihnachten. Wir wollen in dieser Welt handeln, mit unserem Leben antreten gegen das, was Leben und Liebe und Zukunft zerstört, gegen Hass, Gewalt, Unrecht und Krieg. Da geht es um Hoffnung und nicht um Kitsch, um Licht und nicht um grelles Blenden. Solche Lichter der Liebe und der Hoffnung
Ein Nikodemusnachtgespräch. Vielleicht ist das genau das richtige für Weihnachten. Solche Gespräche sind bis heute die Wichtigsten in unserem Leben. Wir führen sie zu selten – und dann oft allein. Abends im Bett, wenn du nicht schlafen kannst vor Kummer. Beim Besuch der todkranken Mutter. Mein Gott, wo bist du? Und dann fehlen uns Worte. Aber solche Gespräche sind wichtig: Führt sie miteinander, ringt um Worte! Vielleicht ist heute ja eine gute Gelegenheit dazu. Nicht schwermütig, nein. Aber angefüllt vom Schein des Lichtes der Hoffnung Gottes in dieser Welt.
Den Gottesbeweis werden wir in solchen Gesprächen nicht endgültig finden, das ist mir klar! Aber wir können Gott spüren, ahnen, erfahren. Wenn wir uns dafür öffnen – und am Heiligen Abend sind viele Menschen offener dafür. Wenn wir spüren, da sind andere, die uns lieben. Wenn uns plötzlich mehr Kraft zuwächst, als wir erahnt haben. Wenn wir in der Einsamkeit doch wahrnehmen: ich bin nicht allein, wenn Gottes Engel uns vielleicht berührt.
Auch ich kann heute nicht sagen: exakt da findet ihr Gott. Aber mich hat in diesem Zusammenhang eine Inschrift berührt. Sie wurde gefunden an der Wand eines Raumes in Köln, in dem Juden vor den Nationalsozialisten versteckt wurden. Menschen in Angst und Hoffnungslosigkeit, in tiefster Finsternis haben dort die Botschaft hinterlassen: „Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint; ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spür; ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.“ Das sind grandiose Worte der Hoffnung mitten in der Finsternis. Da wird übersetzt, was Johannes meint, wenn er von der Liebe Gottes zu den Verlorenen spricht.
Nikodemus tut sich schwer. Schwerer als die junge Frau Maria, die sich der Botschaft eines Engels anvertraut. Schwerer als die Hirten, die genau dies auch tun. Schwerer als die Fischer und die Frau am Brunnen und die Hure und der Zöllner. Sie schlagen ein in die ausgestreckte Hand, sie setzen alles auf eine Karten und vertrauen sich dem Sohn Gottes an. Nikodemus aber ist einer, der das nicht so einfach kann. Ich finde, das macht ihn sympathisch, auch wenn der Text dadurch nicht eine so schöne Geschichte ist, wie sie Lukas erzählt. Nikodemus ist wie die Menschen heute in unserem Land: Sie tun sich schwer mit Glauben, sie haben so viele Fragen, wollen klare Antworten. Und genau damit hat Jesus große Geduld in diesem Gespräch. Er geht auf all die Fragen und Zweifel ein. Deutlich wird aber auch: Wer ein Nikodemusnachtgespräch führt, ist nicht am Ende der Beziehung. Wer nach Gott fragt, ist mittendrin. Und wird eines Tages sich einlassen auf diese Liebe, diese ausgestreckte Hand, die uns berühren will wenn er es wagt, wenn sie es wagt, zu vertrauen. Ja, Glauben ist auch ein Wagnis. Vielleicht heute am Beginn des 21. Jahrhunderts mehr denn je. Aber es ist zu spüren in unserem Land, dass die Sehnsucht wächst, dieses Wagnis einzugehen. Und das macht Hoffnung.
Dies ist die Nacht der Stille, der Erwartung, der Träume. Die Nacht, in der die Welt in Wehen liegt in der Neues beginnen will. Nacht, die ankommt – bei uns. Nacht, in der Gott kommt in unser Leben. Nacht, die zum Licht wird, die begeistern will. Die bestaunt sein will.
An diesem Abend feiern wir die Geburt des Gotteskindes. Geboren aus der Liebe Gottes. Und so werden auch wir am Heiligen Abend neu geboren, zur Welt gebracht aus Liebe. Lassen Sie sich auf diese Liebesbeziehung ein – sie ist eine zulässige Affaire! Eine Liebesbeziehung mit Gott! Wissen Sie noch, wie das ist? Wenn die Liebe nicht in Routine erstarrt? Ein Blick ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann? Ihr Jungen wisst das genau. Ihr Kinder könnt das ahnen, wenn ihr jemanden in den Arm nehmt, glücklich seid. Und wir Älteren, wir erinnern uns. Verliebt. Da sieht ein Mensch die Welt mit anderen Augen. Alles ist in anderem Licht, im Licht der Liebe. Jemand geht an meiner Seite - da ändert sich mein Blick und durch meinem Blick können andere neu werden. Ja, neue Lebenswege eröffnen sich. Gott liebt dich, so wie du bist! Gott geht mir dir heute und Morgen und weit darüber hinaus. Und du kannst andere lieben und mit ihnen gehen und für sie eintreten. In aller Freiheit. Das ist die Botschaft heute Nacht! Gesegnete Weihnachten! Amen.

