Predigt in der Evangelischen Christuskirche zu Rom (Römer 3,28)

31. Oktober 2003

Manfred Kock

So halten wir nun dafür,
dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke,
allein durch den Glauben.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch!

Liebe Gemeinde hier in der Christuskirche zu Rom,
liebe Hörerinnen und Hörer an den Radioempfängern,

vor 486 Jahren, am 31. Oktober 1517, heftete Martin Luther seine 95 Thesen zu Buße und Ablass an die Schlosskirche zu Wittenberg, so sagt es die Überlieferung.

Man weiß nicht genau, ob die Zettel mit den theologisch-akademischen Gedankenanstößen des jungen Augustinermönchs tatsächlich mit Hammerschlägen an die Schlosskirchen-Tür angebracht wurden, jedenfalls sind sie als „Die 95 Thesen“ weltweit bekannt geworden, und sie haben seinerzeit gewirkt wie Hammerschläge, die die ganze Kirche erschütterten und das Mittelalter beendeten.

Die Reformation, also  die  Erneuerung der Kirche, nahm von hier aus ihren Lauf.

Ein Satz aus dem Römerbrief des Apostel Paulus fasst zusammen, was Martin Luther wiederentdeckt hat:

"So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." (Römer 3,28)

Es waren nicht die philosophischen, nicht die nationalen anti-römischen Bewegungen, die ein Zeitalter beendeten und ein neues eröffneten; es waren nicht der große Erasmus von Rotterdam und die anderen Humanisten; es war der kleine Mönch Martin mit seiner Wiederentdeckung dessen, was die Gerechtigkeit Gottes bedeutet. Der kleine Abschnitt aus dem Römerbrief enthält den Schlüssel dazu. Die Gerechtigkeit Gottes ist

  • keine Eigenschaft Gottes, vor der der Mensch erzittern muss,
  • keine Lebensbedingung, die der Mensch erfüllen könnte,
  • keine Norm, die als Maß des Handelns erbracht werden müsste.

Nicht wir selber, nicht unsere guten Taten, nicht unser Lebenswandel - schon gar nicht unsere Volkszugehörigkeit, unsere Intelligenz oder unser Besitz - bringen uns auf Gottes Seite.
Er selber hat uns für sich gewonnen durch Jesus.

"So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben". Das "allein" ist Luthers Einschub, der sich im griechischen Original nicht findet. Aber die Kunst des Dolmetschens besteht darin, die Zielrichtung des ganzen Brief-Zusammenhangs zu verdeutlichen: Allein der Glaube ist es, der uns vor Gott zurecht bringt.

Mit dieser Einsicht zerstob nicht nur der ganze Ablasshandel, sondern auch alle geistige Knechtschaft, mit der die damalige römische Kirchen-Herrschaft die Menschen gebunden hatte.

Die Wirkungen sind unauslöschlich. Protestantische Freiheit ist mit dieser Entdeckung der Reformation verbunden:

  • Nie mehr wird es christlichen Glauben geben, ohne ihn lesend zu prüfen in seiner Quelle, der Bibel.
  • Nie mehr wird es die Herrschaft von Mächtigen über das Gewissen geben ohne das Wissen einer freien, mündigen Entscheidung.

Dieses Verständnis der Beziehung zwischen Gott und Mensch, die Freiheit des Evangeliums bringen wir Evangelischen in den Dialog der Konfessionen ein. Evangelische Freiheit kennt nur eine Bindung, die an Jesus Christus, wie er von der Heiligen Schrift verkündigt und wie er im Wort der Predigt und in der Feier der Sakramente erfahren wird.

Die Wirkung dieser protestantischen Freiheit hat auch die katholische Kirche nicht unverändert gelassen. Die Stellung der Laien in der Kirche hat sich geändert, ihr Selbstbewusstsein ist gewachsen.

Die Heilige Schrift hat einen neuen Stellenwert erhalten. In Deutschland haben wir das Jahr der Bibel im Jahr 2003 gemeinsam – über die Grenzen der Konfessionen hinweg – organisiert. Der Ökumenische Kirchentag in Berlin war ein Ereignis, das wir nicht vergessen werden.

Freilich gibt es Ängste, vor allem bei manchen auf katholischer Seite. Sie fürchten, die Freiheit des Geistes könnte missbraucht werden. Aus Kreisen der katholischen Bischöfe warnt der eine oder andere gar vor einer „Protestantisierung“ der katholischen Kirche.

Ich glaube, solche Deutung protestantischer Freiheit, verkennt die Ursache und auch die Wirkung der Freiheit. Die Heilige Schrift weiß von der Spannung zwischen Amt und Geist – aber sie rät, den Geist nicht zu beschneiden.

Protestantische Freiheit: Nie mehr Herrschaft über das Gewissen, nie mehr gegen eigene Bedenken glauben müssen unter lehramtlicher Kontrolle!

Ich weiß, eine Versuchung bleibt bei vielen Menschen, und nicht nur bei römisch-katholischen. Sie suchen in der verwirrenden Vielfalt der Meinungen und Standpunkte nach jemandem, der sagt, wo es lang geht. In den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war auch unsere evangelische Kirche solcher Versuchung erlegen. Das autoritäre Führerprinzip sollte eingeführt werden in der evangelischen Kirche des „Dritten Reiches“. Damit sollte sie dem nationalsozialistischen Zentralismus gleichgeschaltet werden. Nur wenige haben dem widerstanden. Im Jahre 1934 haben diese wenigen in Barmen eine theologische Erklärung verabschiedet, deren erster Satz lautet:

Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“

Die Botschaft von der Freiheit eines Christenmenschen und von Gottes Gerechtigkeit, sie ist bitter nötig heute.

Ich komme noch einmal zurück zum Anlass des heutigen Gedenktages und seiner Bedeutung für die Geschichte der Kirchen.

Die Reformation von 1517 brachte ein halbes Jahrtausend nach dem Riss zwischen Rom und Konstantinopel eine weitere Spaltung der Kirche mit unseligen Folgen, das ist wahr.

Aber die Fronten des 16. Jahrhunderts zwischen Rom und Wittenberg sind unsere nicht mehr. Längst versteht die römisch-katholische Kirche "Gerechtigkeit Gottes" kaum anders als wir. Längst halten wir nicht mehr die gegenseitigen Verdammungsurteile aufrecht, mit denen man sich damals wechselseitig verhetzt hat. Sicherlich - wir sind noch getrennte Kirchen. Wo wir das Wirken des Heiligen Geistes glauben, in der lebendigen Verkündigung des Evangeliums oder in einem zentralen Lehramt, ist unter uns strittig. Auch sind wir unterschiedlicher Meinung darüber, ob es in der Kirche ein Weihepriestertum geben muss. Über diese Fragen werden wir uns in ökumenischen Gesprächen weiter auseinandersetzen.

Heute gehen die schwierigsten "konfessionellen" Gegensätze quer durch die Kirchen:

  • Zwischen denen, die Gott als Garnitur für Feiertage benutzen, ihn sonst aber für überflüssig halten - und denen, die Nachfolge wagen;
  • zwischen denen, die unbeirrbar und fanatisch auf ihren Dogmen bestehen - und denen, die fragen und suchen;
  • zwischen denen, die sich kaum erschüttern lassen von der Gewalt und der Ungerechtigkeit, die ringsum geschieht, - und denen, die wissen: Gottes Gerechtigkeit setzt den Maßstab für die Würde jedes Menschen.

Martin Luther hat einmal gesagt, worum es wirklich geht: „Ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat. Verlässet sich und brüstet sich darauf so fest und sicher, dass er auf niemand und nichts gibt. Siehe dieser hat auch einen Gott - der heißt Mammon“. Wir wissen, welche Mächte diese Welt regieren. Wir erleben, wie andere Gewalten in das weltanschauliche Vakuum eindringen, das durch die Gottvergessenheit entsteht. Darauf aufmerksam zu machen ist der Auftrag aller christlichen Konfessionen.

Für die Zukunft der Kirche ist es nicht nötig, dass die Konfessionen sich zu uniformierten Kirchentypen vereinigen. Denn es gibt eben unterschiedliche Frömmigkeitsformen. Die einen brauchen meditative Bilder, liturgische Gesänge und Weihrauchduft, um sich zu öffnen für Gottes Unendlichkeit, die anderen lieben die Strenge und die Klarheit des Wortes. Die einen brauchen Vorbilder zum Anlehnen und Nachahmen, die anderen möchten mündig und selbständig ihren Weg suchen. Die einen sind optimistisch veranlagt und füllen ihre Herzen mit Hoffnung, die anderen sind skeptisch und voller Zweifel und bewahren sich vor schnellen Dogmen. Es wird die Zeit kommen, wo wir die jeweils anderen nicht als die auf dem falschen Wege vermuten, sondern wo wir einander brauchen als Stützen und als Zeichen für die Fülle von Gottes Gaben.

„So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“

Wir sind nicht Rädchen im Getriebe, wir können heraus aus dem Teufelskreis von Schuld und Verhängnis. Wir können mit unserem Leben einen neuen Anfang machen. Wir sind als geliebte Söhne und Töchter Gottes, darum frei im Alltag unseres Lebens, in Kirche und Politik, in Gesellschaft und Staat Verantwortung zu übernehmen, und wir sind frei im Hören auf das Evangelium das Unsere dazuzutun, damit sich Menschen und Lebensbedingungen zum Besseren kehren. Gott macht uns frei: Das ist das lösende Wort.

Der Friede Gottes ist höher als alle Vernunft, er bewahrt eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.