Predigt im Ökumenischen Gottesdienst zur Eröffnung der Woche für das Leben in Bielefeld

Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland Präses Manfred Kock

19. Mai 2001

 Die Heilung des Blinden von Jericho (Mk 10,46-52)

Es gilt das gesprochene Wort.

Liebe Gemeinde,

menschenwürdige Pflege hat in dieser Stadt eine lange und beeindruckende Tradition. Friedrich von Bodelschwingh hat beim Aufbau der Heil- und Pflegeanstalten Bethel gemerkt, dass der Glaube sich nicht nur liebvoll leidenden Menschen zuwendet, sondern dass er auch einen nüchternen Blick schenkt für geeignete äußere Rahmenbedingungen, zweckmäßige Strukturen und genügend Geld. Denn diese Grundlagen für Pflege und Hilfe fallen nicht vom Himmel. Gemeinschaftliche Unterstützung ist notwendig, damit denen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, ein menschenwürdiges Leben auch mit Behinderung und Krankheit ermöglicht wird. Menschen würdig pflegen, dazu gehört vor allem auch, sie nach ihren Wünschen und Bedürfnissen zu befragen: „Was willst du, daß ich für dich tun soll ?“ In der Geschichte vom blinden Bartimäus finden wir unentbehrliche Hinweise für ein menschenwürdiges Pflegekonzept.

Bartimäus schreit, als er hört, dass Jesus kommt und mit ihm die Botschaft von einer neuen Gerechtigkeit. Was er von dem Wanderprediger und Wunderheiler aus Galiläa hat erzählen hören, davon will er sich eine eigene Vorstellung machen. Und er will, was er bisher nie konnte: Er will sehen. Und "sehen" heißt: den Blick für die eigene Würde gewinnen, sich als gleichwertigen Menschen erleben, anderen ins Gesicht blicken können und ihren Respekt erfahren.

Bartimäus schreit. Er will sich nicht mehr begnügen mit der Hilfe, die ihm die Familie, die Nachbarn, die Freunde bisher haben angedeihen lassen. Bartimäus, der in so vielen Alltagsdingen auf die Pflege und Unterstützung anderer angewiesen ist, tut etwas eigenes:

Bartimäus schreit. Den anderen ist das peinlich. Sie versuchen ihn zu beruhigen. Vergeblich. Er will die Zuwendung Jesu unbedingt. Jahrelang hatte er sich ohne Murren seinen Platz anweisen lassen. Nun fällt er auf einmal aus der Rolle. Der bislang so pflegeleichte Bettler wird lästig.

Bartimäus hat einen festen Platz zum Betteln am Stadttor, das war sein Arbeitsplatz. Für Menschen wie ihn gab es kein Rehabilitationsprogramm, kein Bundessozialhilfegesetz.

Er will aber mehr als Mitleid und mehr als freundliche Almosen. Er will sehen. Er will teilhaben am Ansehen, das jedem Nichtbehinderten gewährt wird, er will Anteil am selbstbestimmten Leben.

So sicher der Blinde dessen ist, was er braucht, so verunsichert sind die, die ihm dazu verhelfen müssten. Doch sie, die ihn von Jesus fernzuhalten suchen, erweisen sich als die eigentlich Behinderten, Unsensiblen, Uneinsichtigen. Ihnen müßten erst einmal die Augen aufgehen für die eigene Beschränktheit. Damit sich für Bartimäus und seine Leidensgenossen etwas bessern kann, müssen auch die Gesunden von den Einschränkungen ihres Gesichtsfelds geheilt werden.

Mit dem Auftreten Jesu gerät das ganze Rollenspiel von gesund und krank, stark und schwach, gerecht und ungerecht, behindert und normal durcheinander.

Jesus teilt nicht die Bedenken seiner Predigthörer, die meinen, sie müssten dem Rabbi die Begegnung mit diesem Predigtstörer, ersparen.

Wie so oft bei Begegnungen zwischen Jesus und den Außenseitern ereignet sich das Wunderbare schon vor dem eigentlichen Wunder: Der zur Erfolglosigkeit Verdammte hat Erfolg. Der auf fremde Hilfe angewiesen war, ändert seine Lage auch mit dem Einsatz eigener Kräfte: Er springt auf und geht auf Jesus zu. Der wendet sich seinerseits dem Rufenden zu und fragt ihn: „Was kann ich für dich tun?“

„Menschen würdig pflegen.“ Unter diesem Motto fragen die Kirchen nach Maßstäben für die Lösung der Versorgungsaufgabe, vor der nicht nur die Fachleute in den Pflegeeinrichtungen, sondern unsere ganze Gesellschaft steht. Wie werden wir dem gerecht, was Menschen brauchen, die durch Behinderung, Unfall, körperliche oder seelische Krankheit oder durch altersbedingte Gebrechlichkeit auf fremde Hilfe angewiesen sind?

Behinderte und andere Pflegebedürftige leben bei uns nicht mehr unter den Bedingungen des Bartimäus. Doch der jüngst vorgelegte Armutsbericht der Bundesregierung nennt Pflegebedürftigkeit ausdrücklich als eines der Armutsrisiken. Behinderte und Pflegebedürftige haben Rechte. Doch sie brauchen die Solidarität der anderen, damit Menschenwürde nicht Schaden nimmt und damit ihre Lebensqualität nicht verloren geht.

Pflegebedürftige sind keine Bettler wie Bartimäus. Aber der ist innerhalb seines Gefüges durchaus versorgt. Er wird zum Erwerb seines Lebensunterhalts selber mit herangezogen. Und er gibt den anderen noch mit seiner Dankbarkeit und seinen Segenswünschen das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Das ist nicht nichts.

Aber das eigentliche Leid seiner Lage ist dieses: alles das geschieht auf Kosten seiner Würde. Offenbar kommt niemand auf den Gedanken, den Betroffenen selber zu fragen: „Was kann ich für dich tun?“

Dabei ist diese Frage so nötig, denn sie nimmt die Kompetenz des Pflegebedürftigen für seine eigene Lage ernst. Niemand weiß besser, was es heißt mit Einschränkungen zu leben als die Betroffenen selber. Wenn so nicht gefragt wird, wenn die anderen, die „Normalen“ besser wissen, was der Leidende braucht, dann passiert schnell, was in unserer Geschichte von Bartimäus in der Abwehr des schreienden Bettlers eine Rolle spielt: Die bloß Almosen geben, wehren weitere Verpflichtungen ab. Sie versuchen mit vorgeblich guten Gründen den Protest des Blinden zu unterdrücken, lassen ihn nicht nur im Dunkeln, sondern wollen ihn auch noch zusätzlich stumm machen.

Vieles wird heute aufgeboten, um Behinderten und Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen plausibel zu machen, dass ihre Anspruchshaltung im Blick auf den Erhalt von hohen Pflegestandards unbezahlbar ist.

Da wird aus dem Pflegesatz gerade das herausgekürzt, was mit der Menschenwürde ganz unmittelbar zu tun hat: die Zeit für Zuwendung.

Jeder, der etwas von Kindern versteht, weiß, dass sich die meisten Erziehungsprobleme lösen lassen, wenn man sich dem Kind zuwendet. Jede Pflegekraft weiß, dass mit den Patienten oder Angehörigen geredet werden muss, damit sie in hilfloser Lage nicht aggressiv oder lethargisch werden. Zuwendung ist der Schlüssel für wunderbare Verwandlungen. Warum zählt das nicht in den Katalogen der Leistungsbemessungen?

Jesus, der Bartimäus die Augen öffnet, will uns an den Einsichten des Bartimäus teilhaben lassen. Wir Gesunden erkennen bei genauerem Hinsehen, dass wir die heilende Gerechtigkeit aus Gottes Hand ebenso brauchen, wie die sichtbar vom Unheil getroffenen.

Und noch anderes sagt uns die Geschichte: Schreien ist erlaubt, ja geboten. Es ist uns Blinden erlaubt und geboten, Gott in den Ohren zu liegen mit unseren schier unerfüllbaren Sehnsüchten. Wir müssen uns nicht zufriedengeben mit der Auskunft sozialpolitischer Krämerseelen und finanzpolitischer Erbsenzähler, die sagen: „Das geht nicht, was ihr euch da vorstellt.“ In der Geschichte von Bartimäus dreht Jesus die Logik der Notwendigkeiten um:

Nicht der, bei dem es die Augen nicht tun, sondern der, dem die Phantasie erblindet, ist behindert. Verrückt ist nicht Bartimäus, der das Unmögliche will, verrückt sind die, die vor dem Problemberg resignieren. Arm ist nicht der Bettler, sondern die, die keine Vision von Gerechtigkeit und Menschlichkeit haben.

Am Ende kommt die Erkenntnis: Selbst bei einem – im wahrsten Sinn des Wortes – „aussichtslosen“ Fall wie Bartimäus ist mehr drin, als alle glauben. Die Begegnung mit Jesus macht das sichtbar für den Betroffenen und die Zuschauer, die das Wunder beobachten, und für die Zuschauer der Zuschauer, also für uns. Uns dürfen die Augen aufgehen dafür, wie einer berührt wird und neues Leben erfährt.

So geschieht das Wunder. Das Leben ist stärker als der Tod. Das ist die Botschaft Jesu! Darin liegt der Sinn seines Lebens und seines Mitleidens, seines Sterbens und seiner Auferstehung.

„Was willst du, daß ich für dich tun soll?“ Laßt uns verstehen, dass Gott diese Frage an ns alle richtet, an Dich und an mich. Pflegebedürftige und ihrer Angehörigen brauchen Ermutigung. Wir stehen vor der Aufgabe, auch in Zukunft Menschen würdig zu pflegen, dazu brauchen wir die Vision von der neuen Gerechtigkeit. Wir dürfen unsere Sehnsucht vor Gott tragen, damit bei uns heute und auch morgen noch Herz und Hand und Vernunft und Gewissen zusammenwirken für das wirklich Not-Wendige - besonders bei denen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind. Amen.

Bielefeld/Hannover, den 19. Mai 2001

Pressestelle der EKD



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