Predigt im Ökumenischen Gottesdienst im Dom zu Köln
Mandfred Kock
08. August 1998
"Versöhnung braucht Begegnung"
Liebe Schwestern und Brüder,
"Wir haben seinen Stern gesehen". Die Weisen aus dem Morgenland begründen so ihren Weg zur Krippe von Bethlehem. Sie haben den Stern des neugeborenen Königs gesehen, vor dem die Könige der Welt sich verneigen.
"Wir haben seinen Stern gesehen" - unter diesem Motto steht die Dom-Wallfahrt im Jubliläumsjahr.
Das weist auf den, der Mensch wurde wie wir; der durch Leid und Kreuzestod ging und zum Leben erweckt ist; der kommt, um Gottes Ziel mit der Welt zu vollenden.
In diesem Glauben sind wir Christen - gleich, welcher Konfession - miteinander verbunden. Diese Gemeinsamkeit ist stärker als alles, was uns noch trennt.
Darum nehmen viele aus den verschiedenen Konfessionen Anteil, wenn die römisch-katholische Kirche das Jubiläum des Domes feiert.
Dieser großartige Bau bezeugt in seinem Konzept, seiner Architektur, seinen Fenstern, seinen Bildern die Mitte des Glaubens: Gott in Jesus Christus, Mensch wie wir.
Natürlich sind es nicht nur Kathedralen wie diese, die den Glauben bezeugen. Es sind auch nicht nur die ‚großen Gestalten', die Heiligen. Es sind die vielen Menschen in aller Welt und in allen Konfessionen, die mit ihrem Glauben und ihrem Suchen, mit den Zeichen ihrer Liebe von der Fülle Gottes kundgeben. Die sagt der Stern an, dem die Weisen gefolgt sind.
Gleichwohl leben wir mit den Schmerzen unserer Spaltungen. Römische Autoritätsansprüche, protestantische Verwirrungen, orthodoxes Selbstbewußtsein verstellen den Blick für den einen Christus.
Viele leiden, weil die Wege der Versöhnung unter uns Christen so beschwerlich scheinen.
Viele sind ungeduldig, weil sie jeweils bei den anderen die Zeichen der Unversöhnlichkeit ausmachen.
Manche unter uns neigen zur Resignation, wenn alte Macht so unbeugsam der Erneuerung im Wege zu stehen scheint.
Darum sind die Zeiten, in denen wir uns der großen Gaben Gottes vergewissern, immer auch Anlässe zur Besinnung.
So laßt uns auch in diesem Gottesdienst entdecken, wer die Mitte unseres gemeinsamen Glaubens ist. Laßt uns Gott bitten, daß er uns zeigt, welche Schritte wir zu gehen haben, um unsere Zertrennungen zu überwinden.
Die diesen Tag vorbereitet haben, verwiesen uns auf eine alte Versöhnungsgeschichte. Wir verdanken sie der gemeinsamen Wurzel unseres Glaubens - nämlich der Tradition Israels. Es ist die Geschichte von der Versöhnung der Zwillingsbrüder Jakob und Esau. Aus dem Modell dieser Geschichte ist das Thema des ökumenischen Brückenweges und das Thema dieses Gottesdienstes erwachsen: Versöhnung braucht Begegnung!
So mag die alte Geschichte Beispiel dafür sein, wie man sich einander nähern kann nach Streit, Betrug, Enttäuschung.
Der Leib Christi ist zerteilt, nicht nur in konfessionelle Spaltungen. Es gibt auch die Risse mitten durch unsere Kirchen hindurch, nicht selten auch mitten durch einzelne Gemeinden.
* Das Drängen von unten, das Beharren von oben
* die gegensätzlichen Einstellungen in Fragen der Sexualmoral, der Bioethik, der Frauenordination u.a.m.,
* hier die Überzeugungen der leidenschaftlichen Streiter für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung - und dort die Pragmatiker, die mit verantwortlichem Gewissen nach Kompromissen suchen und darin ihr Christsein nicht abgesprochen bekommen wollen.
* Die Ungeduld der einen, das Heilige Mahl gemeinsam feiern zu können und im Wunder der Begegnung Einheit geschenkt zu erhalten, und die Mahnung der anderen, die dafür erst noch andere Voraussetzungen erfüllt sehen möchten.
* Genau in dieser Verwirrung brauchen wir Begegnung. Denn es müssen noch viele Schritte in Richtung auf Gemeinschaft getan werden.
So betrachten wir nun die Geschichte von Jakob und Esau und ziehen daraus drei Lehren für die Begegnung der Kirchen.
Die erste Lehre: Sich einfühlen in den anderen
Ich gestehe, mir schien die Geschichte von Jakob und Esau für unsere ökumenischen Fragen zunächst nicht sonderlich geeignet zu sein. Sie beschreibt den Konflikt und die Erwägungen und Maßnahmen zur Lösung nur aus einer Sicht, nämlich der des Jakob. Wie dem Esau zumute ist nach zwanzig Jahren Betrug, kann man nur ahnen.
Aber mir ist klargeworden: Wir alle sehen die Spaltungsgeschichte der Kirchen zunächst immer nur aus unserer jeweiligen Sicht.
Sich in den anderen hineinzudenken, ist viel, ist wichtig, ist unerläßlich. Aber der andere wird man dadurch ja nicht. So können wir nicht aus unserer Haut heraus, wenn wir uns begegnen. Wir bleiben wir selber.
Bei Jakob geht das so: Er hört, Esau rückt heran. Seine Absicht ist nicht zu erkennen. Da teilt Jakob zunächst seinen Besitz in zwei "Lager". Er ist listig und vorsichtig. Wenn die Versöhnungsabsicht mißriete, könnte er vielleicht wenigstens die Hälfte seines Besitzes retten.
Dann versucht Jakob den herannahenden Bruder mit einer Serie vorausgesandter Geschenke freundlich zu stimmen. Ein schlechtes Gewissen hat er und will so neues Vertrauen schaffen.
Vielleicht erwächst daraus eine ökumenische Kultur auch für uns:
Wir sollen uns klarmachen: Was ist zentral, wovon wollen wir nicht ablassen?
Und was können wir um der Einheit willen aufgeben?
Welche Erfahrungen, Ansichten und Einsichten könnten wir vom anderen annehmen?
Welche können wir dem anderen geben?
Wenn wir so fragen, wird uns deutlich: Die Vielfalt der Konfessionen ist nicht nur schmerzlich. Sie kann auch als Reichtum erlebt werden, von dem wir teilen. Das Suchen und Fragen ist nicht verzweifeltes Umherirren im Labyrinth der Ansichten, sondern kann als tastendes und immer wieder auch getrostes Gehen im Licht des Lebens erfahren werden.
Für unsere plurale Gesellschaft können wir auch in unserer Zertrennung ein gutes Bild abgeben, wenn wir einfühlsam mit unseren Differenzen umgehen, wenn wir um den richtigen Weg ringen und dabei eine gute Streitkultur vorleben.
Die zweite Lehre: Versöhnung braucht die Begegnung des Gebetes!
Als Jakob für die Begegnung mit dem Bruder alles getan hat, wendet er sich im Gebet zu Gott.
* Der hatte ihm den Auszug befohlen,
* der hatte den Segen versprochen,
* den kann Jakob preisen für die gnädige Führung in langen Jahren, "unwürdig war ich dieser Gnade", bekennt er,
* und nun wendet er sich an Gott in seiner Ratlosigkeit und Angst.
* "Nur du, Gott, kannst vollenden, was du versprochen hast."
Trotz aller Verworrenheit, in die Jakob sein ganzes Leben lang verstrickt gewesen ist, hat er das Verhältnis zu Gott nicht aus den Augen verloren. Das zeigt sich in diesem Gebet.
Wer anders als Gott selber wird seine zerteilten Kirchen auf den Weg der Einheit führen? Die Begegnung mit Gott in seinem Wort, in seinem Mahl, mit unseren Gebeten wird uns die Augen und die Herzen füreinander öffnen.
Mag die Geschichte der Kirchen noch so verworren verlaufen, wir können einstimmen in das Gebet, das uns Geduld schenkt für den Weg der Versöhnung.
Und im Gebet können wir auch danken für das, was schon geschenkt ist. Die Zeiten der konfessionellen Kriege sind bei uns vorüber. Es ist Freundschaft eingekehrt. Wie wichtig das ist, wird uns klar, wenn wir die fundamentalistischen, die sektiererischen Eruptionen in Nordirland betrachten. Die verwirrte Gruppe der zwölftausend Protestanten um Herrn Paisley mobilisiert einen Haufen von Oraniern, die starr die alten Riten verfolgen und den Frieden aufs Spiel setzen; und auf der anderen Seite die IRA-Separatisten mit ihren Attentaten. Auf dem Balkan gibt es ähnliche Rückschläge zwischen Orthodoxen und Katholiken. Wir wissen - Gott sei dank sind das im Grunde keine Konfessionskämpfe mehr. Es sind Extremisten, die sich alter Schablonen bedienen. Die große Mehrheit der Kirchen ist auf dem Weg des Friedens. Dafür können wir Dankgebete anstimmen.
Sie sind es, aus denen die Hoffnung für die weitere Versöhnung wächst.
Die dritte Lehre aus der Jakobs-Geschichte:
Versöhnung braucht den beharrlichen, nicht ablassenden Kampf, das Ringen mit Gott.
Der nächtliche Kampf Jakobs mit dem Unbekannten ist eine Geschichte besonderer Dramatik. Sie kann hier nicht in allen Dimensionen entfaltet werden.
Auf die Gemeinschaft der Kirchen bezogen können wir aus ihr aber dies lernen: Nicht ablassen, Gott bei seinem Einheitswillen zu behaften!
Entdecken wir das Wunder, das dem Jakob zuteil wird. Er sagt dem Unbekannten seinen Namen: Ich bin Jakob, der Betrüger. Damit ist ein Bekenntnis verbunden. Das lautet: Ich stehe zu meiner Geschichte, ich beschönige nichts. Ich bin ein sündiger Mensch. Aus mir selber kommt nichts, was den Segen verdient.
Und Jakob erhält den neuen Namen: I s r a e l .
Damit kann er dem Esau unter die Augen treten. Er braucht nicht mehr zu protzen mit Besitz und Wohlergehen. Er ist beschenkt von Gott mit dem neuen Namen. Der erschlichene Segen von damals ist nun von Gott selber neu geschenkt.
Wir in den verschiedenen Kirchen haben uns bisher nicht geeinigt in den komplizierten Lehrfragen.
Aber wir werden den Kampf darum nicht aufgeben. Wir wissen: Gott wird unsere Hoffnung immer wieder wecken und stärken.
Das ist nicht nur Trost für uns in unseren binnenkirchlichen Zertrennungen. Gottes Heilsbotschaft geht die ganze Welt an.
In allen Konfessionen müssen wir sie der Welt bezeugen. Nicht uniform, ruhig in Variationen.
Auf organisatorische Vereinigung brauchen wir nicht erst zu warten. Wir können schon jetzt die Einheit der Kirche glauben und bekennen.
In dem vorläufigen Statement des Vatikans zu der Gemeinsamen Erklärung der lutherischen Kirchen und der römischen Kirche werden die nicht erreichten Gemeinsamkeiten genannt. Es ist schmerzlich, nach langen Jahren der Arbeit so etwas festzustellen. Aber es wird der Rat gegeben, die Heilige Schrift noch deutlicher zu studieren und dabei nicht allein den Apostel Paulus zu berücksichtigen.
Ich finde, das ist ein guter Rat. Denn schon in der Heiligen Schrift finden wir das Modell unserer eigenen heutigen Differenzen und Gegensätze. Judenchristliche und hellenistische Gemeinden, Paulus und die Enthusiasten in Korinth, Johannes und die frühkatholischen Schriften vermitteln Spannungen, die unseren kaum nachstehen.
Dennoch sind diese Spuren gemeinsames Zeugnis der Heiligen Schrift. Das ist für unser Miteinander ein großer Trost. Wie Gottes Geist aus den chaotischen Verhältnissen dieser Welt noch Ordnung schenken wird, so wird er auch in all den konfessionellen Verwirrungen und auch in den in jeder Konfession vorhandenen Streitigkeiten die e i n e Kirche als sein großes Ziel verwirklichen. Das ist kein historischer, kein organisatorischer Sachverhalt, sondern das kommt von Gott her auf uns, so wie der Segen des Jakob.
Einheit der Kirche werden wir in der Verwirrnis der Zeit nur ergreifen, wenn wir die Stimme der Hirten hören und den Auszug aus bisherigen Positionen hin zum Königreich Christi wagen.
Dieses Reich Christi ist unseren kirchlichen, konfessionellen Organisationsformen immer voraus!
"Wir haben seinen Stern gesehen" ist das Motto der Wallfahrt. Von Kirche und ihrer Einheit können wir nur sprechen und denken und glauben, weil Christus der Herr aller ist.
Zu ihm müssen alle Glieder Zugang haben, uneingeschränkt. Durch keine Gewalt, auch nicht durch die mütterliche Kirche, dürfen sie gehindert werden.
Für uns Christen ist die Christus-Nachfolge das einzige Kriterium, auf das es ankommt.
Laßt uns um Augen bitten, seinen Stern zu sehen!
Laßt uns um Glauben bitten zu diesem Christus, der allein die Einheit seiner Kirche ist.
Laßt uns um Kraft bitten, daß wir seine Nachfolge bestehen.

