Predigt im ökumenischen Gottesdienst am Buß- und Bettag im Dom zu Trier (Predigttext: Lukas 19, Vers 10)

Manfred Kock

Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Liebe ökumenische Gemeinde,

es entspricht nun schon einer langen Tradition, am Buß- und Bettag in Trier zum ökumenischen Gottesdienst zusammenzukommen. Ich freue mich, wieder hier im Dom zu Trier predigen zu dürfen.

Der Buß- und Bettag ist ein evangelischer Feiertag und hat bis vor wenigen Jahren auch gesetzlichen Schutz genossen als ein arbeitsfreier Tag. Das ist Vergangenheit, aber der Tag ist nach wie vor im Bewusstsein der Menschen. An diesem Tag werden wir besonders eindrücklich gemahnt, Rückschau zu halten, uns unserer dunklen Seiten des Denkens, des Tuns und des Unterlassens bewusst zu werden und im Gebet vor Gott um neuen Anfang zu bitten.

Das tun wir im Vertrauen darauf, dass Gott diesen neuen Anfang auch schenken wird.

I.
Im Evangelium des Lukas findet sich ein Vers (Kapitel 19, Vers 10), der wie kein anderer Christi Sendung beschreibt:

„Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“.

Gott sucht und findet die Verlorenen. Der Spruch steht im Anschluss an die Ge-schichte von Zachäus, dem Zöllner. Bei ihm sitzt Jesus zu Tisch. Seine Nähe verwandelt den Betrüger und Kollaborateur zu einem neuen Menschen. Das ärgert die Anständigen.

So steht es immer wieder im Evangelium. Jesus auf der Seite der Ausgestoßenen, der Fischer, der Huren und der Aussätzigen, der Zöllner, der Frauen, der Kinder, der Kranken, der Lahmen, der Krüppel. Und immer wieder der Protest der Engagierten und Entschiedenen, „dieser isst mit den Sündern“ und Jesu Antwort darauf lautet: „Die Gesunden brauchen den Arzt nicht, sondern die Kranken“.

Der Buß- und Bettag ist so etwas wie ein Diagnosetag. Er hilft entdecken, wo unsere Krankheiten sind, die Krankheiten unserer Seele, unserer Eitelkeit, unserer Habgier, unserer Gleichgültigkeit, unseres Egoismus.

Der Menschensohn kommt und sucht, was verloren ist.

Der verlorene Sohn fällt uns ein. Vom Hause ist er fortgegangen und bei den Schweinen gelandet, bis er nichts mehr weiß, als sich dem Alten als Tagelöhner anzubieten. Der Vater aber nimmt ihn wieder an als seinen Sohn und feiert ein großes Fest. Und da ist der andere Sohn, der Daheimgebliebene, der das Fest der Auferstehung seines Bruders missbilligt und die Teilnahme verweigert. Und auch ihn lädt der Vater ein, das Fest der Freude über die Heimkehr des Verlorenen zu feiern.

II.
Auch andere Bilder sind deutlich: Wie sich einer aufmacht, sein verlorenes Schaf zu suchen und sich freut, wenn er es gefunden hat; wie sich eine Frau freut, die ein verlorenes Geldstück wiederfindet, so freut sich Gott, wenn verlorene Menschen gefunden werden. Geschichten vom Suchen und Finden und von der Freude darüber. Martin Luther hat einmal gesagt: „Das ist die Predigt von Christus, die uns so alltäglich sein sollte, wie Brot und Käse essen. Christus erfüllt das Gesetz für dich, du kannst es nicht“.
Vermutlich sind die Geschichten aus sich selbst für viele weniger plausibel als Luther hofft. Das Suchen ist oft mühselig, vor allem in unserer Wegwerfgesellschaft. Wir kalkulieren den Schwund ja ein. Der Zeitaufwand des Suchens wird ins Verhältnis zum Nutzen gesetzt, selbst wenn der Silbergroschen mehr wert ist, als er in unseren Ohren klingt. Ob Suchen sich wirklich immer lohnt?

Die Zahlen stimmen auch nicht. 99 Gerechte gegen einen Sünder? Wenn Menschen überhaupt mit solchen Begriffen etwas anfangen können, dann denken sie eher an ein umgekehrtes Zahlenverhältnis. Wie wenige Menschen sind denn ausgestattet mit Sensibilität für Gerechtigkeit, wie wenige setzen sich wirklich dafür ein? Wie wenige wagen um der Gerechtigkeit willen einen neuen Lebensstil?

Die Pharisäer sind, weil Jesu Kritik nicht verstanden wurde, in ein falsches Licht geraten. Diese waren nämlich engagierte Leute, vergleichbar mit denen, die sich heute für Humanität und solidarisches Handeln einsetzen. Damals wie heute aber sind so Engagierte eher in der Minderheit.

Und wir  - heute Abend im Dom zu Trier – sind wir die Gerechten? Sollen wir uns vom Evangelium beschämen lassen, dass wir nicht genügend auf die Suche gehen, nach dem Verlorenen? Oder sind wir die gefundenen Sünder, über die sich Gott im Himmel gefreut hat, weil er uns annimmt? Oder sind wir die Verlorenen, die immer noch herumirren ohne Hoffnung auf Rettung?

Mir ist schon klar, die Fragen lassen sich nicht eindeutig beantworten, vielleicht darf man sie so gar nicht stellen. Viele sind unter uns, die danken können, für eine erfüllte Lebenszeit, für die Chance eines immer neuen Anfangs. Und auch bei denen, die mit Problemen belastet sind, gibt es wohl nicht Ungerechte oder Verlorene, da gibt es eher Ängste und Einsamkeit, Trauer über einen Verlust. Da gibt es Krankheit, Unklarheit über die nächsten Lebensschritte. Und vor allem gibt es die Unsicherheit über den rasanten Wandel unserer Zeit. Terrorismus und Krieg sind uns ganz nahe gerückt. Viele neue Fragen sind gestellt, für die wir keine Lösung wissen. Wenig deutet darauf hin, dass unsere Welt zur Vernunft findet. Darum gibt es so viel Verzagen.

Immerhin leuchtet in unseren biblischen Geschichten etwas auf: Gott geht jedem Einzelnen nach, wohin er sich auch verrannt hat, wohin er auch getrieben wurde. Mitten in unserer verwalteten, chaotischen, korrupten und sich auflösenden Welt, mitten in all den anonymen Massen, gibt es das Zeichen: Gott freut sich über den Einen, über die Eine.

Das wäre schon was, wenn der Eine, die Eine mit etwas mehr Mut zum Leben diesen Gottesdienst verlassen würde. „Du kannst ja nicht tiefer fallen, als in die Hände Gottes“.
Wie entlastend wäre es, wenn jemand diese Entdeckung erleben könnte: Mich, in meiner verlorenen Situation, mich sucht Gott, und er freut sich an mir, wenn ich diese Entdeckung gemacht habe. Auch wenn die Lasten, die seelischen und körperlichen nicht mit einem Schlag beseitigt sind, auch wenn die Krisenherde unserer Gesellschaft nicht bereinigt sind, wir erleben in diesen Geschichten einen starken Geist. Der lässt uns auch in Krisen leben und hilft uns zu kämpfen und nicht müde zu werden.

III.
Ich muss noch etwas zu den Pharisäern, zu den 99 Gerechten, sagen.
Jesus kritisiert nicht  ihren Einsatz für Notleidende und eine bessere Welt. Er wendet sich gegen ihr Schema der Anständigkeit, gegen die Kategorie des frommen Scheins, gegen die Floskeln der Rechthaberei, gegen die Haltung, die Suchende und Fragende und Irritierte ausgrenzen.

Unser Land lebt in einer Krise der Glaubwürdigkeit und in einer Krise der Verantwortungsbereitschaft. Wie würden wir befreit atmen, wenn jemand öffentlich zugestehen würde: „Das habe ich falsch gemacht“. Ein solches Bekenntnis wäre so befreiend, wie die Geschichten vom Verlieren und Finden. Welche Befreiung brächte es in unsere Gruppen, Kreise und Gemeinden, wenn wir uns von den eingefleischten Bildern lösen könnten, die wir uns voneinander machten. Wie erfrischend wäre es für unser ökumenisches Miteinander, wenn die Raster der wechselseitigen Einschätzung aufgebrochen würden und eine neue Sicht vom jeweils andern entstünde.

Das ist das Geheimnis der göttlichen Gleichnisse vom Verlorenen und vom Wiederfinden: Sie ermöglichen eine neue Sicht der Menschen. Verlorene sind nicht abgeschrieben.
Ein solcher Befreiungsschub käme auch vom Eingeständnis über die trüben und finsteren Seiten unserer kirchlichen Geschichte. Die Kirche hat oft auf der Seite der Unterdrücker gestanden. Einzelne und Christen und standhafte Gemeinden ausgenommen.

Der Glanz von Gottes Freude wirft ein Licht auf unsere Welt und uns Menschen. Das verlorene Schaf ist ein Teil der Herde. Sie ist ärmer, solange das eine fehlt. Der verlorene Zöllner ist ein Teil der Menschheit. Sie ist ärmer, solange er ein Außenseiter ist. Mit jeder Art, die verloren geht, mit jedem Menschen, der uns fehlt, fehlt ein Teil des Ganzen, ein Glied am Leibe Christi. Darauf kommt es an. Wir werden Brüder und Schwestern. Das bewegt die Herzen, das tröstet und ermutigt. Gemeinschaft wird geheilt.

IV.
Im Buch des Propheten Hesekiel (Ezechiel) wird ein Sprichwort erwähnt, das wie ein Ventil zu sein scheint: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, den Kindern werden die Zähne stumpf“. Dass heißt, die Alten haben die Suppe eingebrockt, die Kinder müssen sie auslöffeln. Solche Erfahrung macht jede nachfolgende Generation. Damals, zur Zeit der Prophetenklage, war es die Verbannung nach Babylon, die Katastrophe des Volkes, die Zerstörung des Tempels, der Verlust von Heimat. Die Nachgeborenen tragen keine Schuld daran und müssen trotzdem büßen. So geht es durch alle Generationen und alle Völker. Das Leid der Söhne und Töchter ist als Erblast auferlegt, persönlich und als gemeinsames Schicksal.

Wir mögen über Kollektivschuld und Haftung unterschiedlich denken. Es ist aber unbestreitbar: Kinder haften für Eltern. Die Eltern nutzen Atomenergie, den Kindern strahlen die Zähne. Die Eltern freuen sich über die Mobilität dank ihrer Automobile, die Kinder werden Klimakatastrophen erleben. Die Eltern leben gleichgültig mit Menschen anderer Religionen in diesem Land, die Kinder werden Kämpfe erleben, weil das Zusammenleben und gegenseitige Achtung nicht wirklich gelernt ist. Das vom Propheten überlieferte Sprichwort spiegelt erfahrene Reaktionen wieder. Alles Leiden, das aus Fehlverhalten der Eltern erwächst, wird als Erblast bezeichnet. Die Psychoanalyse ist inzwischen viel zu differenziert, als das alles Fehlverhalten und alle Schädigung auf Väter und Mütter geschoben werden könnte. Das wäre der völlige Verlust der Freiheit und machte den Menschen nur zu einer Funktion von Erbmasse und Erziehung. Daher gilt es, das eigene Schicksal anzunehmen und sich darin zu bewähren. Im Anschluss an das prophetische Sprichwort heißt es: „Die Eltern haben saure Trauben gegessen, den Kindern sind die Zähne stumpf geworden“ – „das Wort soll nicht mehr umgehen in Israel“. Verklagt nicht andere, seht auf euch selbst! Jeder trägt seine eigene Schuld und wird dafür gerade stehen. Vergangenheit darf nicht zur eigenen Entschuldigung herhalten. Rassismus der Nazis ist keine Entschuldigung für uns heute. Die Ansprüche auf unser gegenwärtiges Konsumverhalten finden keine Entschuldigung in der vorigen Generation. Jede Generation hat ihre eigene Blindheit und Taubheit.

Darum sind die Bilder vom Verlorenen so wichtig und wirksam. Jeder kann als eigene Person sich daran freuen, wenn sie aus Verlorenheit herausgeholt wird. Freude Gottes über das Verlorene, der Tod des Gekreuzigten ist der Durchbruch zur Umkehr. Das prägt die biblischen Geschichten. Daraus haben sie ihre Kraft. Und so lange die Botschaft gesagt wird, gilt dieses. Die persönliche Lebensgeschichte, auch wenn sie noch so traurige Verlorenheit aufweist, kann nicht mehr verschlingen. Es gibt Hoffnung auf Reifung, es gibt Hoffnung auf Weisheit, es gibt die Freude Gottes über den neuen Anfang.

Amen