Predigt zum Friedensgebet in der Nikolaikirche zu Leipzig

Bischöfin Kirsten Fehrs, Stellvertretende Ratsvorsitzende der EKD

Kirsten Fehrs

Mit einem Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche ist am Montagabend (09.10.2023) das "Lichtfest" zur Erinnerung an die friedliche Revolution 1989 eröffnet worden. Die evangelische Hamburger Bischöfin und stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Kirsten Fehrs (Foto), rief angesichts des Krieges in Israel zur Solidarität mit den Angegriffenen und zum Protest gegen das Morden auf. Anlass des Leipziger "Lichtfestes" ist der 34. Jahrestag der friedlichen Revolution in der DDR. Am 9. Oktober 1989 demonstrierten in Leipzig rund 70.000 Menschen fuer Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit. 

9. Oktober 2023

Zu Maleachi 3 i.A. „Sonne der Gerechtigkeit“

Und mit unserer kleinen Kraft, suchen, was den Frieden schafft! Gnade und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Friedensgemeinde zu Leipzig,

kann man heute vom Frieden sprechen, wo sich gerade die schlimmste und blutigste Gewalt Bahn bricht? Die Bilder von den Terrorangriffen auf Israel erschüttern uns doch alle, und der russische Angriff auf die Ukraine hat auch hier in Europa Gewalt und Terror entfesselt. Ich werde darauf später noch zu sprechen kommen. Nur allen voran sei gesagt: Ja, wir müssen vom Frieden sprechen, gerade jetzt! Und gerade hier.

Danke, liebe Nikolaigemeinde, für die Einladung hierher: An diesem Ort zu diesem Datum an einem Montag predigen zu dürfen, empfinde ich als unermesslich große Ehre. Denn es könnten wahrlich andere auf dieser Kanzel stehen und aus berufenerem Munde die Ereignisse des 9. Oktober 1989 würdigen. Doch zugleich hat es mich aufrichtig gefreut zu hören, dass Sie dies auch als Zeichen verstehen – eben dass gerade jetzt „zu unsrer Zeit“ mit ihrer verwundeten Demokratie und mit ihren neuen Gewalterfahrungen die Geschichten aus Ost und West zusammen gebracht, zusammen gedacht und miteinander geteilt werden müssen. Alles, was den Zusammenhalt in diesem Land nach vorn bringt, mit Trompete und Posaunen. Und mit Respekt vor den jeweiligen Erinnerungen, Bildern und Emotionen. 

Und es waren, was sage ich: Es sind derer so viele! Lebendig doch stehen sie uns vor Augen! In Leipzig wie in Hamburg, in aller Unterschiedlichkeit! Als „Wessi“, die 1961 gerade einmal einen Monat nach dem Bau der Mauer geboren wurde, war ich überwältigt, als am 9. November 1989 die Mauer tatsächlich fiel, brach, stürzte. Indem man sich auf sie draufgesetzt, ja auf ihr getanzt hat, zu Tausenden, singend und einander umarmend. Unverzüglich! Und unfassbar dann dieser Friedenszug über die deutsch-deutsche Grenze in Schlutup bei Lübeck; der Fluss war keine Todeslinie mehr, sondern Lebensstrom. Aufgeregte, zu Tränen gerührte Lauenburger, die auf Autodächer klopften und mit Sekt feierten. Und auf einmal dieser merkwürdige Geruch, der sich in Lübeck ausbreitete, bis man erkannte: Da sind Hunderte Trabis unterwegs.

Ich bin voller Bewunderung für die Menschen hier im Osten gewesen, Leipzig voran, voller Achtung gegenüber ihrem sagenhaften Mut aufzubegehren. In den Kirchen und vor den Kirchen. Und ich stehe heute immer noch bewundernd davor. Wissend, dass viel Wasser die nun gemeinsame Elbe hinauf- und hinuntergeflossen ist, und die vierunddreißig Jahre seitdem den Menschen viel abverlangt hat. Aber es bleibt eine Friedens-Bewegung, die, getragen von Schwertern zu Pflugscharen, den Mächtigen die Stirn geboten hat.  Ohne Gewalt.

Eindringlich treffend dazu Worte des Dichters Reiner Kunze – ein sprachliches Denkmal des Mutes der

DEMONSTRANTEN

In der faust
eine kerze
Für den sturz!

Bedacht,
dass aufs straßenpflaster
kein Wachs tropft

Niemand
soll stürzen *

*aus: Reiner Kunze, ein tag auf dieser Erde. gedichte, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 59

Kunze bringt es auf den Punkt: Niemand stürzt, kein Mensch. Aber die Mauer. Sie stürzt durch Menschen mit Mut. Und durch Kerzen und Gebete. Mit allem, aber damit haben sie eben nicht gerechnet. Mit diesem Widerstand durch Kerzen in den nicht schlagenden, sondern schützenden Fäusten! Aus diesen Friedensgebeten, aus den Kirchen hier in Leipzig, in Schwerin, in Stralsund, in Waren und Rostock tragen Tausende sie im Oktober ´89 vorsichtig heraus auf die Straße. Wie haben wir im Westen mitgebangt und gehofft, dass das Licht nicht wieder zertreten wird! Endlich Licht gegen die Finsternis totalitärer Gewalt. In den Kirchen beginnt`s, was sich auf den Straßen fortsetzt. Denn die Kirchen sind Schutzräume. Hier wird offen geredet, hier bekommen Angst, Sehnsucht und Beklommenheit einen Namen. Hier gibt´s immer wieder Rückenstärkung für den Widerstand ohne Gewalt.

Mir ging damals bei all den Bildern von den Montagsdemonstrationen nach, wie nackt und bloß einen die Angst vor Willkür machen kann. Aber auch, wie das gemeinsame Friedensgebet Angst zu überwinden hilft! Einfach, weil es gültige und helle Worte und Lieder sind, die über das Dunkel der Diktatur immer wieder, Montag für Montag, den Traum vom Frieden ins Leuchten gebracht haben. Selig sind die Friedensstifter, Ihr hier nämlich. Sonne der Gerechtigkeit, Gott nämlich, schaue die Zertrennung an, der sonst niemand wehren kann. Und so bekommt die Courage immer mehr Mütter und Väter, immer mehr Menschen mischen sich ein. Die Luft brennt. Und so stand am 9. Oktober 1989 doch wahrlich alles auf des Messers Schneide! Was, wenn auch nur einer in die Menge der 70.000 Demonstranten und Demonstrantinnen hineingeschossen hätte? Doch kein Schuss fällt. Stattdessen brennen Kerzen in friedlichen Fäusten von Christen und Nichtchristen, Akademikern und Arbeitern, Alten und Jungen. Sie rufen: Wir sind das Volk! Wirklich, das Volk, das Demokratie will und Freiheit und Respekt und Anstand. Und: Keine Gewalt! Sie glauben daran. Und die Mauer fällt.

Für mich ist es ein Wunder, nach wie vor. Unfassbar wie jedes Wunder. Denn bei allem Respekt vor religiöser Distanz: Jeder Mensch war doch im Innersten berührt und hat gefühlt, dass hier eine Macht am Wirken war, die das Menschliche sprengt. Allein, was an diesem Oktoberabend an guten Kräften zusammengekommen sein muss, damit der seidene Friedensfaden hielt.

„Und siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll“, spricht Gott beim Propheten Maleachi in den letzten Versen des Alten Testaments „Und euch, die Ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln.“

Dass damals tatsächlich eine Utopie Wirklichkeit werden würde, eben solch eine Vision wie die Maleachis, wer hätte das geglaubt? Auch zur Zeit Maleachis? Der lebte nämlich auch in krisengeschüttelter Zeit, wo das Misstrauen Konjunktur hatte. Überall unfriedliche Menschen, die Gott – und dem Leben – nicht mehr mit Furcht, also Ehrfurcht begegneten, sondern mit Wut und Spott. 

Und dann dieses Wort: Gott, die Sonne der Gerechtigkeit hat Flügel! Damit sie sich aufschwingt „in unserer Zeit“. Mit der Leichtigkeit eines beharrlichen Engels. Deshalb: Gib den Boten Kraft und Mut, Glauben, Hoffnung, Liebesglut. Was für eine Zeitansage! Denn wir merken es ja allerorten: Zuversicht – und mehr noch: Vertrauen brechen immer mehr weg. In unserer Gesellschaft mit einer traditionslosen, mit metaphysischer Obdachlosigkeit. Und dieser Vertrauensverlust reicht weit. Bis hin zur Politik, die hin und herschwankt, um es irgendwie richtig zu machen, auch mit dem Frieden.

Doch was tun, wenn der Frieden brutal zerstört wird von den Kräften des Hasses, so wie jetzt gerade? Ich saß, wie vermutlich viele von Ihnen, gestern fassungslos vor dem Fernseher und habe die schrecklichen Bilder gesehen – von Terroristen, die grölend und jubelnd jüdische Männer, alte Frauen und kleine Kinder gejagt, getötet und die Toten zur Schau gestellt haben. Ganz gleich, wie wir zum Nahostkonflikt mit all seinen Kriegen und verpassten Chancen auf Frieden stehen: Hier ist eine zivilisatorische Grenze überschritten. Ich fühlte mich spontan an Butscha erinnert, wo Ähnliches geschehen ist: Das Jagen, Foltern, Töten von wehrlosen Menschen. Es kann in solchen Momenten nur eine Reaktion geben: Die Solidarität mit den Opfern, mit den Angegriffenen. Und den Protest gegen das Töten und Morden, die klare Benennung der Schuldigen. Zugleich braucht es alle Kräfte, um der Gewalt zu wehren und sie zu begrenzen. Und wenn wir heute als Kirche etwas tun können, dann das: Der verwundeten, traumatisierten und getöteten Menschen zu gedenken. Und für die Wiederherstellung des Friedens zu beten. Das Friedenslicht von Bethlehem, liebe Geschwister, das wir jedes Jahr im Advent empfangen – lasst es uns heute in unseren Gedanken, mit unseren Kerzen und Gebeten innerlich zu ihnen hin tragen. Als Friedensgebet, das sich nicht abfindet mit Terror und Menschenverachtung, mit Antisemitismus auch in unserem Land. Es braucht das Friedensgebet, das niemals vergisst, dass Gott es anders will!

Der Frieden braucht Boten der Sonne. Die wir uns beflügeln lassen von der Sehnsucht. Denn wenn wir den Frieden nicht immer wieder erflehen und träumen, wenn wir nicht immer wieder die andere Wirklichkeit stark machen, wie sollte sie wach bleiben, diese Vision? Sonne der Gerechtigkeit, weck die müde Christenheit. Tu der Völker Türen auf! Klare und helle Worte ersehnt die Welt. Jetzt. Von Prophetinnen auch in unserer Zeit.

Nach einer der finstersten Stunden der amerikanischen Demokratie, dem Sturm auf das Kapitol in Washington am 6. Januar 2020, hat eine junge Schwarze, Amanda Gorman, mit ihren Worten zur Einführung des amerikanischen Präsidenten Joe Biden am 20. Januar die ganze Welt in den prophetischen Bann gezogen. Und ihre Rede begann so:

„Ein neuer Tag, und wir fragen uns,
wo wir Licht finden sollen,
im nicht enden wollenden Schatten. (...)
Wir haben tief in den Abgrund geblickt.
Wir haben gesehen, dass Ruhe nicht immer gleich Friede ist.
Irgendwie, gelitten und gelebt.
Eine Nation, die nicht zerbrochen ist,
nur unvollendet.“

Es war genau die richtige Rede zur richtigen Zeit. Ein klares Zeichen gegen Rassismus und Spaltung. Und für Zusammenhalt weltweit. Aber auch eine Energiewelle von Hoffnung und Vertrauen. Ihre Worte bewegen mich in diesen Herbsttagen. In denen es der Sonne der Gerechtigkeit nicht recht gelingen mag, die Schatten zu durchbrechen. Denn diese Kriegs- und Krisenzeiten machen etwas mit uns. Viele sind dünnhäutiger geworden, ungnädig, auch mit sich selbst. Die Töne werden immer schärfer in den so genannten „sozialen“ Medien, in denen Enthemmte gnadenlos unsere Demokratie anzählen.  Hass, der von Rechtsextremen gesät wird, und Sturm, den wir ernten und der uns allen womöglich noch mächtiger ins Gesicht bläst als eh schon, und zwar in Ost und West, wenn nicht, ja, wenn wir uns nicht stets vor Augen halten, liebe Geschwister, dass wir immer noch die Mehrheit sind! Es ist die Mehrheit in diesem Land, die etwas weiß von Nächstenliebe und Solidarität, von Gerechtigkeitsgefühl und Herzenswärme. Die unsere Demokratie schätzt und schützen will. Wäre sie bloß lauter, diese Mehrheit. Sichtbarer, so wie hier in Leipzig. Mit zigtausend Kerzen in der schützenden Faust.

„So führt der Weg ins versprochene Licht,
wenn wir uns trauen“, fährt Amanda Gorman fort. Und beendet ihr Poem so:
„Ein neuer Tag, wir treten heraus aus dem
Schatten, entflammt, unerschrocken. (...)
Denn Licht ist immer,
wenn wir es nur in uns zu finden wagen.
Wenn wir uns zutrauen, es weiterzutragen.“

Ein neuer Tag, an dem wir demonstrieren, was uns trägt. In diese Welt mit ihren Montagen, mit ihren Schwertern, die zu Pflugscharen werden mögen – in Scharen! In diese Welt mit ihren Dunkelheiten, aber auch Lichterfesten. Ich wünsche unserem Land und ich wünsche unserer Kirche diesen visionären, vitalen Friedensmut und dieses Vertrauen in die guten Kräfte und guten Absichten der jeweils anderen.  Vertrauen eben in Gottes Sonne der Gerechtigkeit. Denn gerade heute können wir doch ein Lied davon singen, dass Wunder geschehen! Mit Kerzen und Gebeten für eine menschlichere Welt.

So erreiche uns Gottes Friede, höher als alle Vernunft. Er bewahre auch weiterhin unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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