Eröffnungspredigt zur 2. Tagung der 9. Synode der EKD in Wetzlar

Manfred Kock

02. November 1997

Da gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn in seinen Worten fangen könnten; und sandten zu ihm ihre Jünger samt den Anhängern des Herodes. [Präses Manfred Kock]  Die sprachen: Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen.

Darum sage uns, was meinst du: Ist's recht, daß man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht? Als nun Jesus ihre Bosheit merkte, sprach er: Ihr Heuchler, was versucht ihr mich? Zeigt mir die Steuermünze! Und sie reichten ihm einen Silbergroschen. Und er sprach zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! Als sie das hörten, wunderten sie sich, ließen von ihm ab und gingen davon.

"Ist's recht, daß man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht?" Eine wundervolle Frage, zweitausend Jahre alt, und aktuell wie eh und je.

Die Diskussion um Steuern und Steuerreformen ist eine unendliche Geschichte. Wer zahlt schon gerne Steuern?

Soll man Steuern zahlen oder besser nicht? Darf man Steuern hinterziehen, oder ist es besser, ehrlich zu sein? Darf man alle Schlupflöcher nutzen, um Geld an der Steuer vorbeizulancieren? Wo ist die Grenze zwischen vermeiden und hinterziehen?

Bei bestimmten Einkommensarten jedenfalls scheint der Staat sich kaum Hoffnung auf Ehrlichkeit zu machen. Quellensteuern gelten als steuerpolitisch heikel, weil sie Menschen veranlassen, ihre Gelder ins Ausland sickern zu lassen.

Einkünfte werden verschwiegen. Schwarze und graue Arbeitsmärkte lassen Steuerpflicht im Dämmerlicht der Hinterziehung verschwinden.

Wer weiß, wie viele Milliarden dem "Kaiser" vorenthalten werden, weil dieser nicht scharf und häufig genug die Bücher prüft? Die Staatsfinanzen könnten, so sagt man, mit einem Schlag in Ordnung kommen, wenn Steuerpflichtige ehrlicher wären.

Manfred KockSo aktuell die Frage ist und so aufregend die Beantwortung sein mag: An Jesus gerichtet, ist sie auf etwas anderes aus als auf Förderung der Steuerehrlichkeit [Präses Manfred Kock] und Ordnung in den Staatsfinanzen. Pharisäer, die Feinde des Kaisers, und Herodianer, die Freunde des Kaisers, tun sich zusammen, um Jesus "in seinen Worten zu fangen". So beginnt die Geschichte. Ihre Frage lautet: "Ist's recht, daß man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht?" Die Frage klingt so echt. "Wir wissen, daß du wahrhaftig bist und Gottes Weg richtig lehrst." So wird die Frage schon eingeleitet.

Aber es ist eine arglistige Frage, eine Heuchlerfrage. Denn die erhoffte Antwort soll nicht die Wahrheit ans Licht bringen, sondern soll die Wahrheit aufs Glatteis führen.

Würde die Antwort lauten: "Nein, der römischen Besatzungsmacht braucht man keine Steuern zu zahlen", dann gälte Jesus als Rebell gegen die Ordnung, wie so manche seiner Zeitgenossen. Und man könnte ihn bequem ausschalten.

Lautete die Antwort: "Ja, man muß Steuern zahlen", dann wäre es die Antwort eines Kollaborateurs.

Ja oder Nein, Freund oder Feind des Kaisers, hätte er - so oder so - Partei ergriffen, er wäre in jedem Fall erledigt.

Aber Jesus tappt nicht in die arglistig gestellte Falle. Seine Antwort lautet weder ja noch nein, sondern: "Zeigt mir die Steuermünze!" Sie reichen ihm einen Denar, und er fragt: "Wessen Bild und Aufschrift stehen darauf?", und sie müssen antworten: "Es ist des Kaisers Bild und Aufschrift."

Die Heuchler müssen in die eigene Tasche fassen. Das Bilderverbot in Israel ist streng! Und doch tragen sie das Bild des Gott-Kaisers auf klingender Münze bei sich, und es stört sie nicht, daß ihr Glaube die von Gottesbildern verbietet. Mit dieser Münze kaufen und verkaufen sie, davon leben sie, damit treiben sie Handel, und in diese Welt sind sie verwickelt. Für sich selbst haben sie die Frage also längst beantwortet.

Jesus sagt: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist." Gebt ihm, was ihr zu geben verpflichtet seid, Steuern und all das, was nötig ist, damit das Kaisersystem funktioniert.

Der "Kaiser" ist Symbol, er steht für alles, in das wir verflochten sind, wir Menschen, alle Nöte und Machtspiele, alle Verwirrungen und menschlichen Eitelkeiten, alle Egoismen und Geschäfte, und für die Systeme, die nötig sind, um all die Wirrnis einigermaßen zu ordnen. Also für die politischen Systeme, seien sie nun wohltätig oder tyrannisch oder irgend etwas dazwischen, für all das steht der Kaiser.

Es gibt keinen Platz, auch die Kirche ist ein solcher Platz nicht, in den wir wie in eine Nische flüchten könnten, ohne daß die Politik dorthin reicht. Stets tragen wir das Bild des Kaisers bei uns. Und wir zollen ihm Tribut, können Geld nicht für uns selber verwenden, ohne zugleich Verantwortung für die staatliche Ordnung zu tragen. "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!" Jedem das Seine. Damit ist alles gesagt über den Kaiser - und über uns.

Manfred KockLeben können wir damit aber nur, wenn wir auch das andere hören: "Gebt Gott, was Gottes ist." Es gibt etwas, das dem Kaiser nicht zukommt, weil es Gottes ist. Es gibt etwas, das - wenn es nicht Gott zukommt - auch alles verdirbt, was dem Kaiser zukommt. Darstellung [Präses Manfred Kock] Was wir Gott zu geben haben, können wir nicht aus der Tasche ziehen. Denn das sind wir selber, wir ganz, unser Leib und unsere Seele, wir gehören keiner Macht dieser Welt als Gott allein. "Gebt Gott, was Gottes ist." "Gebt euer Herz, den Dank für das Leben, für alle Kräfte, mit denen wir ausgestattet sind, für alle Menschen, die uns nahestehen. Den Dank für jeden neuen Anfang, den wir machen können. Den Dank für alle Kräfte des Geistes, für allen Trost in schweren Zeiten."

"Gott geben, was Gottes ist!" "Gott geben, was Gottes ist!" Das ist der wichtige Faktor für das Leben der Welt. Daraus erwächst vielfältiges Engagement für soziale Gerechtigkeit. Denn Menschen werden von dieser Botschaft bewegt, ermutigt, den Dienst in der Welt zu tun.

"Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und gebt Gott, was Gottes ist!" Oft wird dieser Satz gebraucht, um eine Art Zweiteilung zu beschreiben, einen Bereich, in dem die Mächte der Welt am Werk sind, und einen anderen, in dem die Sache Gottes aufgehoben ist.

Aber diese Aufteilung ist nicht richtig. Es gibt keine Bereiche des Lebens, die nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren eigen wären. Die Heilige Schrift gibt uns nicht immer konkrete Handlungsanweisungen. Aber ihr grundlegendes Christuszeugnis schließt dieses ein: Glaube und öffentliches Leben dürfen nicht getrennt werden. Die Zweiteilung ist keine angemessene Beschreibung des Verhältnisses von Staat und Kirche. Auch deshalb, weil die Kirche ein weltliches Gebilde ist, dem die Strukturen der Welt anzumerken sind.

In unserem demokratisch verfaßten Gesellschaftssystem spricht man gerne von der Partnerschaft zwischen Kirche und Staat. Das ist wohl, wenn es um ein in vernünftiger Weise geordnetes Verhältnis von Institutionen und Systemen geht, auch eine passende Begrifflichkeit. Aber Gott und Kaiser sind keine Partner. Gleichwertige Konkurrenz gibt es zwischen ihnen nicht. Gott ist grenzenlos. Die irdische Macht ist immer nur abgeleitet, ist immer begrenzt.

Manfred KockJeder Staat hat für Recht und Frieden zu sorgen. Er hat daher zu recht den Anspruch an seine Bürger und Bürgerinnen, daß sie Verantwortung für diese Aufgabe übernehmen. [Präses Manfred Kock] Neben der Steuer gibt es dafür auch noch eine ganze Reihe anderer Dinge, die wir dem Kaiser schuldig sind: Niemand darf nur auf den eigenen Vorteil bedacht sein; alle müssen nach Kräften mitwirken, daß Menschen in öffentlicher Verantwortung handeln. In unserem demokratischen Staat wirken wir Regierten bei Regieren mit. Wir mischen uns ein in die Politik; wir können helfen, daß Regierende zur Verantwortung gezogen werden. Sie sind gewählt und nicht erwählt.

"Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!" Wie können wir das als Menschen, die Gott geben möchten, was Gottes ist? Wie folgen wir dem Bilde unseres Herrn Jesus in den großen Themen der Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung? Diese Welt ist verwickelt und wir in sie hinein. Kirchliche Appelle und Entschließungen, unsere Predigten und Verlautbarungen sind oft nur symbolisch, bisweilen nur Alibi. Oder, was schlimmer ist, kreißende Gebirge, die Mäuslein gebären. Daraus erwachsen Resignation und Verbitterung, Institutionsmüdigkeit gegenüber der Kirche oder die Sehnsucht nach einer Kirche, die hilft, daß Werte und Normen wieder zur Geltung kommen. Wenn Politiker überhaupt nach Kirche fragen, dann oft nach dieser Rolle. Aber ist die Rolle wirklich erwünscht?

Kritik an unserer Kirche ist normal und nötig. Viele Macken und Runzeln kennzeichnen die Kirche in unserer Zeit. Aber diese Kritik ist bisweilen sehr oberflächlich. Jemand rechnete aus, für soziale Aufgaben gäben die Kirchen nur 30% ihrer Mittel aus. Damit wird unterstellt, der Rest sei Allotria. Natürlich geben wir eine Menge Geld für Pfarrgehälter und für die Erhaltung der Gebäude aus; natürlich gibt es Jugendleiter und Jugendleiterinnen, Gemeindehelferinnen; natürlich gibt es auch Kirchenmusik. Aber all das wird von manchen Kritikern nicht als eine legitime und kirchliche Einkünfte rechtfertigende Aufgabe angesehen; für sie zählt nur das, was unter dem ausdrücklichen Stichwort "Soziales" in unserem Haushalt steht, also Kindergärten, Beratungsstellen, Diakoniestationen...

Als sei die Arbeit von Pfarrern und Pfarrerinnen, ihre Verkündigung, ihre seelsorgerliche Arbeit, nicht auch ein wichtiger Dienst für diese Gesellschaft! Als seien die Orte der Versammlung nicht auch wichtig für unser Sozialgefüge. Als seien Unterricht, Bildung und Gottesdienst nur Reproduktionen des kirchlichen Binnenbetriebs und dienten nicht auch den Menschen dieser Gesellschaft. So ist es gut, daß das Schwerpunktthema dieser EKD-Synode der Gottesdienst ist. Viele Kritiker nehmen nicht wahr, daß der Ruf in die Nachfolge Jesu ein wichtiger Faktor für das Leben in der Welt darstellt. Sie nehmen nicht wahr, daß ein großer Teil des sozialen Systems, nämlich das vielfältige ehrenamtliche Engagement, nur dadurch zustande kommt, daß Menschen von der Botschaft bewegt und ermutigt werden, den Dienst in unserer Welt zu tun.

Unsere Gesellschaft braucht die Träume und Visionen der Prophetinnen und Propheten. Die Menschen brauchen die Befreiungsgeschichten, die Heilungsgeschichten, brauchen vor allem Menschen, die davon angesteckt sind - von dem Mann am Kreuz, dem lebendigen Garanten für die Zukunft des Lebens. Wir brauchen die Visionen Gottes. Bleiben sie aus, bleibt nur das Nichts.

Darum ist Kirche heute wichtiger denn je.

Deshalb ist es das Gebot der Stunde, dieser Kirche die Treue zu halten.

Ja, es ist an der Zeit, daß Menschen zur Kirche zurückkehren.

"Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!" "Gebt Gott, was Gottes ist!" Eine Einladung aus den Heuchelfragen in die Wahrheit ist das. Dem Kaiser das Seine geben können, weil Gott das Seine erhält.

Gott schenke uns Augen und Ohren und Herzen für die Wahrheit!



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