Der Heilige Geist als Aufklärer
03. Juni 2003, Morgenandachten für den NDR
Waren Sie schon einmal richtig begeistert? Das hat ja was. Auch wenn am Rande irgendwelche Spötter stehen, die – wie beim ursprünglichen Pfingstfest – mäkeln: Sie sind voll des süßen Weines... Das stimmte übrigens damals nicht – die Pfingstler hatten sich nur unbändig ihrer unglaublichen und einzigartigen Übereinstimmung in Sprache und Sache erfreut; da war nichts mit Alkohol im Spiel. Heute ist das, bei unseren Begeisterungsfestivals, schon mal anders, ich sage nur: Dosenpfand... Aber wir reden ja nicht von Fußballstadien.
Begeisterung – das hat also schon was. Mitunter prägen Ausbrüche einer solchen Begeisterung eine ganze Generation. Der Marsch der amerikanischen Bürgerrechtler zum Kapitol in Washington, mit Martin Luther King voran: We shall overcome. Woodstock. Die große Friedensdemo im Bonner Hofgarten, der Tanz auf der Berliner Mauer im November 1989. Und dann immer wieder die Kirchentage, wir haben es gerade wieder gesehen vor dem Berliner Reichstag.
Ich muss gestehen, zu dieser Art von Begeisterung habe ich ein eher zwiespältiges Verhältnis. Also nicht rundheraus ablehnend oder gar nur als Hinweis auf die makabren historischen Warnungen, die einem natürlich auch einfallen müssen: Die Reichsparteitage und den Hurra-Patriotismus. Zwiespältig eher in folgendem Sinne: Zum einen können solche Ereignisse einen selber wirklich tief bewegen. Wenn’s dann ganz emotional wird, bin ich auch schon mal froh, wenn ich ein Taschentuch dabei habe.
Andererseits ist mir zugleich ganz unwohl in meiner Haut. Wieso lässt Du Dich jetzt ohne Sinn und Verstand dahintreiben und hinreißen? Du weißt doch, dass dies nur eine Stimmung ist, nicht völlig frei von Elementen der Massenpsychologie – eine Stimmung, die dann vor jeder noch so kleinen alltäglichen Schwelle zerfällt. Und mein Über-Verstand, der als zweite Instanz über meinen nüchternen Alltags-Verstand wacht, flüstert mir dann – wie der Leiter eine Selbsterfahrungsgruppe in seinem Wollpulli – süßlich-hämisch ins Ohr: Warum kannst Du Dich nicht einfach loslassen?
Das eben ist es, was mir an der normalen menschlichen Begeisterung nicht gefällt, dieses sich an sich selber (und scheinbar Seinesgleichen) begeistern, dieser Verlust an Distanz zu sich selber, dieser Mangel an Ironie, dieses lange Pausenzeichen für Kritik und Selbstkritik. Kritik – das heißt unterscheiden: unterscheiden, wo es in der Sache nötig ist. Kritiklose Begeisterung aber – das heißt eben unterschiedlose Einigkeit, Einheitlichkeit in der undifferenzierten Masse, mit sehr simplen symbolischen Verständigungen über politische und andere Sacheverhalte, die doch in Wirklichkeit viel komplizierter sind.
Der Heilige Geist begeistert uns aber ganz anders. Er ist kein Verführer, der nur unseren Stimmungen nach dem Munde redet. Er ist kein Populist, der nur das sagt, was wir immer schon hören wollten, vor allem gegen die anderen: die Linken, die Amerikaner, die Ausländer, die Reichen...Der Heilige Geist ist vor allem eine kritische Instanz, die uns erst einmal die Augen über uns selber öffnet, damit wir nicht mit geschlossenen Augen auf die anderen zurennen, in naiver Hingerissenheit oder feindlich aufgeputscht.
Ja, das überhaupt kann man vom Heiligen Geist und seiner Art der Begeisterung sagen: Er putscht uns nicht auf, sondern klärt uns auf. Oder wie es in Bachs Mottete heißt: Er erforscht unsere Herzen.