Der Heilige Geist als Hörhilfe
06. Juni 2003, Morgenandachten für den NDR
Vom Heiligen Geist reden wir heutzutage kaum noch im Alltag. Die Rede vom Heiligen Geist ist nahezu eingesperrt in die Sprache der Liturgie. Und natürlich, wie übermorgen, an Pfingsten – da steht der Heilige Geist für ein Fest der Kirchen lang im Mittelpunkt. Umso lieber sprechen wir stattdessen von „Spiritualität“. Selbst bei den Protestanten ist daraus fast so etwas wie ein Modewort geworden. Das hätten wir doch gerne: etwas mehr Spiritualität.
In gewisser Weise kann ich das sogar verstehen – wenn damit etwa gemeint ist: Uns sind unsere Gottesdienste oft so steif und mitunter recht verkopft. Vor ein paar Jahren hat einmal eine Kandidatin eine Bischofswahl nicht zuletzt dank des Satzes gewonnen: „Ich wünsche mir Gottesdienste, in die auch wir selber gerne gehen.“ Und wer kennt nicht jene andere Erfahrung, die manche von uns gemacht haben, die in Amerika als Gast in einen Gottesdienst einer afro-amerikanischen Gemeinde gerieten? Mann, geht da die Post ab! Und wenn wir dann, back in Germany, versuchen, einen Gottesdienst mit spirituals zu gestalten, dann klingt das doch oft wieder so, als singe da der Belegschaftschor des Preußischen Oberverwaltungsgerichtes: steif und korrekt.
Spirituals – da haben wir in der Wurzel wieder etwas von der Spiritualität, über die wir lieben sprechen als über den Heiligen Geist. Aber wie das so oft ist mit Fremdworten in unserer Umgangssprache: Sie klingen gut. Man ahnt ungefähr, was damit gemeint sein könnte. Aber wenn man dann genau nachfragt: „Was – präzise – meinen Sie denn mit Spiritualität?“, dann bleibt die Antwort doch sehr im Ungefähren hängen.
Und genau dieses Ungefähre macht mir Unbehagen. Es mag und muss ja was dran sein an der Meditation, an Mystik und Versenkung – obwohl ich selber davon, zugegeben, so recht nichts verstehe. Und obwohl ich dazu neige, mir das Wort „Meditation“ mit einer Art von verschärftem Nachdenken zu übersetzen. Zum Beispiel über einen biblischen Text.
Was nun den Heiligen Geist betrifft, so denke ich, hat er wenig zu schaffen mit einer Stimmung (und Stimmungspflege) in unserem Inneren und nichts mit einer Versenkung in uns selbst – und erst recht nichts mit einer bewussten Abschaltung unseres einigermaßen wachen Bewusstseins, noch dazu in der Erwartung, ausgerechnet dadurch in eine höhere Sphäre des Bewusstseins aufzusteigen. Es gibt keinen anderen Weg (und schon gar keine Abkürzung!) von uns zum Heiligen Geist (und von ihm zu uns!), als durch die Heilige Schrift. Und wenn wirklich wollen, dass er sich uns zeigt, dann bleibt nur eines: Ein ganz liebevolles Lesen, ein kritisches Hineinhören, ein wirklich bis zum Äußersten verschärftes Nachdenken – also wenn man denn wirklich so will: Eine Versenkung in ein Bibelwort. Aber wer nur die Augen zumacht, der sieht dabei – nichts. Probieren Sie es doch einmal aus – vielleicht mit dem Monatsspruch für diesen Juni: „Wer dem Geringsten Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer; aber wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott.“
Und was nun die spirituals angeht: Selbst in unserer eigenen Kirchenmusik gibt es Sachen, da geht durchaus auch die Post ab, zum Beispiel in Bachs Motette: „Singet dem Herrn ein neues Lied...“