Der Heilige Geist als schöpferischer Veränderer

07. Juni 2003, Morgenandachten für den NDR

Von unserer Schwachheit – jener unserer Schwachheit, aus der uns der Geist aufhilft (so sagt es der Apostel Paulus und so macht es uns Johann Sebastian Bach in seiner Motette singen): Von dieser Schwachheit reden wir nicht gerne. Wir sind lieber stark – und wir nehmen die Dinge lieber selber in die Hand: Den Beruf, die Politik, den Frieden – kurzum: das Leben als solches.  Aber was kommt denn dabei heraus, wenn wir meinen, nur wir seien unseres Glückes Schmied und befähigt, die Welt friedlich zu ordnen? -  Das Pfingstfest, vor dem wir nun unmittelbar stehen, könnte uns eines Besseren belehren, könnte uns die Alternative zeigen – wenn wir die hoffentlich schönen Tage nicht nur dazu nutzen würden, uns selbstverliebt  „ins Jrüne“ abzusetzen und uns unserer neuen Kräfte im bunten Frühsommer zu erfreuen.

Pfingsten, das ist also das Fest des Heiligen Geistes. Als Symbol dieses Geistes kennen wir die Taube. Diese Taube aber, die kennen wir besser als das, was sie symbolisieren soll, denn sie kommt uns ja vor allem in Zeiten des Krieges tausendfach entgegen – auf Transparenten, Postern und Fahnen, in Picassos Schönheit oder einfach so. Dabei gibt es kaum ein größeres Missverständnis. Es ist ja nicht so, dass wir Menschen einfach den Frieden herbeibringen könnten, sofern wir uns nur an die Taube erinnerten. Denn die Taube ist, das muss man einfach sagen, so wenig ein friedliches Wesen wie der Mensch. Es ist ja auch nicht die Taube, die für den Frieden steht – sondern sie steht als Symbol für jenen Heiligen Geist, der wiederum uns erst den Frieden bringen soll – den Frieden in der Politik, den Frieden zwischen den Völkern und Konfessionen, sogar die Einheit unter den Christen.

 Die Taube also symbolisiert, was die meisten längst vergessen haben (wenn sie es denn je wussten) – sie symbolisiert den Geist jenes Gottes, der immer wieder seinen Bund und Frieden schließt mit den Menschen, die sich immer wieder von ihm abwenden: „Am Abend kam die Taube wieder und trug ein Ölblatt in dem Munde“ – so kündigt sich Gottes Friede und Gottes Bund nach der Sintflut neuerlich an.

Mit der Taube als Friedenssymbol verhält es sich ähnlich wie mit jenem anderen Friedenssatz „Schwerter zu Pflugscharen“. Es sind nicht zuallererst die Menschen, die ihre Waffen zu landwirtschaftlichen Geräten umschmieden – und schon herrscht Frieden. Sondern auch in jener Verheißung bei Jesaja und Micha ist es zuerst Gott, der friedensstiftend handelt – und erst auf dieses segensreiche Handeln Gottes hin können die Menschen im Frieden leben; und dann eben tatsächlich ihre Waffen zu etwas Nützlicherem „konvertieren“. Wir erleben den Frieden also nicht aus der eigenen Kraft, sondern höchstens im Vorschein des göttlichen Friedens, des Schalom. Nicht als eigenes Produkt, sondern als Geschenk.
 
Dieses Geschenk aus eigenen Kräften auszurichten – dazu sind wir Menschen offenkundig zu schwach. Denn gerade dort, wo wir uns selber stark fühlen, richten wir oft das größte Elend an. Der Geist hingegen hilft unserer Schwachheit auf. Wir müssten uns diese Schwäche nur eingestehen können, unseren schein-starken Eigensinn nur durchschauen – und dann eben (an Pfingsten und im ganzen übrigen Jahr und Leben) um jenen Geist bitten, der uns aus der Gefangenschaft in uns selber befreit. Wir könnten das ja tun mit den Gebetsworten, mit denen Johann Sebastian Bach diese eine Motette beschließt:

Du heilige Brunst, süßer Trost, nun hilf uns, fröhlich und getrost, in deim Dienst beständig bleiben, die Trübsal uns nicht abtreiben. O Herr, durch dein Kraft uns bereit und wehr des Fleisches Blödigkeit, dass wir hier ritterlich ringen, durch Tod und Leben zu dir dringen. Halleluja, Halleluja.