Predigt zum Sonntag Estomihi in der Hauptkirche St. Michaelis zu Hamburg (Lukas 10, 38 - 42)

Robert Leicht

14. Februar 1999

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 10. Kapitel des Lukas Evangeliums, in den Versen 38 bis 42. Hören wir also die Geschichte von Maria und Marta:

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.
Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.
Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll!
Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

wenn man nicht wüßte: "Das steht in der Bibel!", dann könnte einem der Protestruf entfahren: Typisch Mann! Kommt einfach in ein Haus, läßt sich bedienen - und wenn dann eine der Frauen denkt ( - und sagt) : "Meine Schwester könnte doch ein wenig helfen!" , - dann bekommt sie zu ihrer Mühe auch noch einen Anpfiff. "Deine Schwester verhält sich ganz richtig - da gibt es nichts zu tadeln und zu ändern. Laß sie!"

Was wie eine intime Frömmigkeitsszene beginnt, endet merkwürdig zerrissen.

Typisch Mann?

Auf den ersten Blick vielleicht. Aber schon der zweite Blick verschiebt die Verhältnisse. Für einen Mann von Schrot und Korn war es damals nämlich höchst untypisch, wichtige Fragen anders als unter Männern abzuhandeln, sondern statt dessen zwei Frauen eigens eines Besuches zu würdigen.

Eine weitere, uns zunächst verborgene Merkwürdigkeit: Die Frau, die hier dient, heißt Marta - und nach der Frau, die hier die diakoni,a , den Dienst also leistet, haben wir im 19. Jahrhundert viele diakonische Einrichtungen benannt. Aber der Name "Marta" heißt ursprünglich: Herrin. Eine Herrin also macht sich zur Dienerin. Typisch Frau?

Die Geschichten über Jesus von Nazareth sind niemals so eindeutig, wie sie sich auf den ersten Blick lesen.

Das gilt übrigens auch für den Abschnitt, der unserem Text unmittelbar vorausgeht - und der von Lukas in einen inneren Zusammenhang komponiert wurde: die Geschichte vom barmherzigen Samariter. In der Auslegungsgeschichte beider Texte wurde immer wieder gesagt: Die eine Geschichte stehe für das Hohelied der Tat - unsere heutige Geschichte stehe für das Hohelied des Hören.

Die Geschichten über Jesus von Nazareth hängen also auch nicht so eindeutig und einseitig miteinander zusammen, wie wir sie auf den ersten Blick lesen. Es gibt allerdings sehr wohl einen Zusammenhang; aber es ist ein Zusammenhang der Widersprüche - und Paradoxien. Und der sieht folgendermaßen aus:

In der Geschichte vom Samariter tut ein Mann, vom dem man es eigentlich nicht erwartet, etwas. In unserer Geschichte von Maria und Marta tut eine Frau, von der man in der Tat etwas erwartet, etwas nicht. Und in beiden Geschichten verblüfft uns Jesus mit einem Schlußwort, das unseren Erwartungen widerspricht. Jesus ent-täuscht unsere Erwartungen. Er ent-täuscht sie in dem Sinne, daß er unsere verborgene Selbsttäuschung, unsere irrigen Erwartungen und Vorstellungen aufhebt - und entwirrt. Sein Widerspruch befreit uns aus dem Irrtum - über uns selbst.

In der Geschichte vom Samariter geht es um die Liebe zum Nächsten - und um die Frage: Wer ist denn mein Nächster? - Das aber ist uns doch völlig klar in der Geschichte über den Mann, der unter die Räuber fiel. Aber dann stellt Jesus mit seiner Schlußfrage alle Eindeutigkeit auf den Kopf, in dem er fragt:

"Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?"

- also nicht: Wer war für die Männer, die an dem Schwerletzten vorbeigingen, der von ihnen nicht wahrgenommene Nächste? Sondern umgekehrt: Wer war der Nächste geworden dem, der unter die Räuber fiel?

Der Schriftgelehrte beantwortet die erwartungswidrig auf den Kopf gestellte Frage zutreffend:

"Der die Barmherzigkeit an ihm tat."

Da - erst - sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Liebe - das heißt: Aufmerksamkeit für den,... Zuwendung zu dem, der seinerseits sich uns in unserer Existenz, der sich uns als unser Nächster vollends zuwendet.

Marias Zuwendung zu Jesus, die sie alles andere - auch das Hantieren mit Pütt und Pann - vergessen läßt, wirkt wie eine unmittelbare Antwort auf diesen Dialog aus der vorangegangenen Geschichte vom barmherzigen Samariter.

Martas Zuwendung, die sie - ihrerseits über Pütt und Pann gebeugt - alles andere vergessen läßt, aber auch!

Also: Zwei Schwestern, zweierlei selbstvergessene Zuwendung...zweierlei Glaubenshaltungen, zweierlei Frömmigkeit. Beide wenden sie sich nur dem zu, der sich ihnen als ihr Nächster erweist.

Es gibt also auch für uns in dieser Geschichte keine falsche Alternativen - weder zwischen Mann und Frau, noch zwischen Tun und Lassen, noch zwischen fromm und nicht-fromm. Aber doch einen Kontrast, den Jesus so scharf formuliert, daß wir erst einmal sagen wollten: Typisch Mann!

Weshalb dieser schroffe Kontrast? Auch in der Auslegungsgeschichte unseres Abschnittes selber ist immer wieder die Alternative zwischen Hören und Tun herausgearbeitet worden, zwischen der vita activa der dienstbaren Tat, der diakonia , und der vita contemplativa, dem Leben in der frommen Versenkung. Mit der anschließenden Frage: Was denn von beidem wichtiger sei? Etwa - siehe Maria - die fromme Kontemplation?

Aber das wäre, als klare Alternative formuliert, falsch - und führte uns in jene falsche Eindeutigkeiten, die den Geschichten über Jesus gerade nicht eigen ist.

Wir schreiben und erzählen uns unsere Art von Geschichten - Geschichten, die einen abgeschlossenen Vorgang ( - eben: als historisch -) zum endgültigen Abschluß bringen; und klar beurteilen. So war es - und das war es. Die Geschichten über Jesus, ja eigentlich: die Geschichte Jesu mit uns will aber - ganz im Gegenteil! - nichts zum Abschluß bringen, sondern alles erst in Gang setzen, zum Leben befreien: So soll es sein - ja: erst noch werden.

Doch welche Rolle in dieser Belebungs-Geschichte, in dieser Befreiungs-Geschichte spielt dann der so provozierend scharf formulierte Unterschied zwischen Marta und Maria? Und worin liegt er denn eigentlich begründet?

Es ist, soviel sahen wir schon, nicht der Gegensatz zwischen Tun und Hören! Schon gar nicht als scharfe Alternative. Aber wenn schon nicht im Sinne eines Entweder-Oder - dann doch vielleicht als eine Prioritätenfrage: Erst das eine, dann das andere?

Mir scheint, so kämen wir der Sache etwas näher - obschon wir dann immer noch etwas genauer hinhören müßten. Denn die Rede ist ja gar nicht von dem einen - und dem anderen.

Sondern - hören wir doch ganz genau:

"Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen..."

"Der Herr ... aber sprach übrigens eher besorgt, fast liebevoll warnend: Marta, Marta, du machst Dir Sorge und Mühe um vieles."

Martas ganz unbestrittene Frömmigkeit ist also durch das Wort viel gekennzeichnet.

Von Maria aber hören wir - im Gegensatz zu Marta:

" Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden."

Die fromme Marta also kümmert sich um vieles, um viel zu vieles: peri polla,- - wie es im Griechischen heißt: um so vieles herum. peri polla: Marta droht in ihrer Vielseitigkeit an die Peripherie der Dinge zu geraten, wo sie den Halt verlieren könnte. Und an der das Viele unwesentlich zu werden droht. Ihre extensive Gastfreundschaft geht zu Lasten der Intensität des Zusammenlebens. - Kennen wir dies nicht auch aus unseren alltäglichen Beziehungen?

Nun endlich beginnt unsere Geschichte zu leuchten - liebevoll zu leuchten in der Zugewandtheit Jesu gerade zu Marta. Nichts mehr von: Typisch Mann! Nichts mehr von Anpfiff! Sondern Rettung vor dem Selbstverlust an der Peripherie, an der Außenseite des Lebens. Jesus will Marta nicht gegen Maria ausspielen, sondern zu ihr (und zu sich) in die Mitte des Lebens holen.

Und nun beginnt die Geschichte auch zu uns zu sprechen! Zu jeder einzelnen, zu jedem von uns - und zu unserer Kirche.

Sind nicht auch wir es, die unsere Mitte zu verlieren drohen? Und zwar nicht nur dort, wo wir uns von allerlei Alltagskram und menschlicher Geschäftigkeit abtreiben lassen? Sondern selbst - und gerade dort, wo wir so recht geschäftig fromm und in vielerlei Sinn dienstbar sein wollen?

Und unsere Kirche: Hören wir nicht auch dort - im gesellschaftlichen und politischen, aber eben auch: im kirchlichen und 'religiösen' Geschäft - nur zu oft das Geklapper von Pütt und Pann - nicht aber das Eine? Leben wir nicht mitunter selber in einer Marta-Kirche - fromm vielleicht, aber irgendwie fahrig? Selbst mitunter auch in unserer Diakonie?

Es geht eben also um die falsche Alternative von Tun und Hören.

Natürlich führt uns das richtige Hören zum Tun. Aber unserem Tun, unserem vielfältigen Tun soll man auch noch ansehen können, daß wir das Eine gehört haben.

Unser Tun möchte doch das Eine bezeugen - und davon leben.

Und sich nicht in der Hektik der Peripherie verlieren, wo am äußersten Rand aus dem Vielen (- und sei es in bester Absicht! - ) wenig, oder gar: nichts zu werden droht.

So wird der Kontrast zwischen Maria und Marta zu einem rettenden, zu einem wieder-belebendem Kontrast.

Zum Ende aber ein Erstaunen: In der ganzen Wiederbelebungs-Geschichte über die beiden Schwestern hören wir kein Wort darüber, was Maria von Jesus eigentlich erwartet; was sie hören möchte - und zu hören bekommt.

Der untypische Besuch steht am Anfang einer Beziehung, aber wie geht es eigentlich weiter?

Es gibt noch eine andere Geschichte von Maria und Marta - und von ihrem Bruder Lazarus. Die steht im Johannes-Evangelium . ( Beide Evangelisten, Lukas wie Johannes, müssen - unabhängig voneinander - von den Berichten über dieses Schwesternpaar sehr beeindruckt gewesen sein.) Wir dürfen durchaus zum Schluß einen kurzen, vielleicht den entscheidenden Seitenblick riskieren:

Lazarus ist krank, sehr krank. Maria und Marta, nun die Schwestern beide, schicken nach Jesus. Er könnte ihn heilen - so viel halten sie für möglich. Das glauben sie.

Jesus aber kommt nicht auf der Stelle. Er enttäuscht ihre Erwartungen - und er weiß: Lazarus wird sterben. Als er dann endlich eintrifft, scheint alles zu spät zu sein. Marta hält mit ihrer Enttäuschung nicht zurück. "Wärest Du nur beizeiten gekommen."

Jesus aber enttäuscht sie abermals, holt sie neuerlich aus ihrer Selbst-Täuschung. Er ent-täuscht ihre Enttäuschung. Vier Tage ist Lazarus schon ohne Leben - und Marta sagt in ihrem drastischen, hoffnungslosen Realismus: "Herr, er stinkt schon, denn er liegt seit vier Tagen." - Dennoch soll Lazarus wieder leben.

Eine zweite Wiederbelebungsgeschichte also, eine weitere Geschichte der Ent-Täuschung unserer Selbst-Täuschungen...

Ein zweiter scharfer Kontrast zu unseren Erwartungen...

Eine weitere Geschichte gegen unsere längst zu Ende geschriebenen Geschichten - eine zweite Konzentration auf das Eine.

Wo wir uns das sagen lassen:

Eins aber ist not.

Wo wir uns von der haltlosen Peripherie, von der vielen Sorge um etwas, um so vieles herum...

Wo wir uns zurückrufen lassen zu dem Einen... - da wird aus unserer tödlichen Hektik: - Leben.

Da kehrt - gegen allen Augenschein (und gegen allen Nasenschein) - Leben zurück. Selbst dort, wo alles schon tot ist,...so vielfältig abgestorben ist,...daß es schon seit Tagen stinkt.

Amen.

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.
Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.
Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll!
Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast Sorge und Mühe um vieles. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen



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