Predigt in St.Johannis zu Lüneburg (2. Petrusbrief 3, 13)
Robert Leicht
29. Dezember 1999
In der Zwischenzeit
Liebe Gemeinde!
Das Bibelwort, das wir heute - zwei Tage vor dem Jahrtausendwechsel - bedenken wollen, steht im 2. Petrusbrief im 3. Kapitel, Vers 13:
13 Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.
Ein neuer Himmel, eine neue Erde: die Zusammenschau dieser beiden Bilder ist uns ja aus anderen Texten vertraut.
Beim Propheten Jesaja heißt es im 65. Kapitel:
Jesaja 65:17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen...
Und im vorletzten Kapitel der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, lesen wir:
Offenbarung 21:1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde…
Ein neuer Himmel und eine neue Erde: Von der Verheißung beim Propheten bis zur Erfüllung in der Offenbarung der letzten Dinge spannt sich ein großer, spannt sich d e r große biblische Hoffnungsbogen. Man könnte also denken, wir befänden uns mit unserem heutigen Bibelwort auf vertrautem Bildergelände, auf wirklich sicherem Boden.
Gerade dies aber ist nicht der Fall!
13 Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde - so heißt es im zweiten Petrusbrief.
Woher nur kommt das Wörtlein "aber" - das wir, wenn wir den Vers für sich zitieren, gerne unter den Tisch fallen lassen?
Der Absender dieses Briefes befindet sich offenbar in einer streitigen Auseinandersetzung: Wir glauben aber etwas anderes als jene... Und dieser Streit ist offenbar so ernst, so gefährlich, daß der Autor dieses Sendschreibens sich die Autorität des Apostels Petrus ausleiht,(obwohl der, wie es im Brief erwähnt werden wird, schon längst gestorben ist) - daß er sich mithin in geistlicher Notwehr den apostolischen Mantel überstreift.
Hören wir also den Textabschnitt, der den Streitstand skizziert, im Zusammenhang:
2 Petrusbrief 3:1 Dies ist nun der zweite Brief, den ich euch schreibe, ihr Lieben, in welchem ich euren lauteren Sinn erwecke und euch erinnere,
2 daß ihr gedenkt an die Worte, die zuvor gesagt sind von den heiligen Propheten, und an das Gebot des Herrn und Heilands, das verkündet ist durch eure Apostel.
3 Ihr sollt vor allem wissen, daß in den letzten Tagen Spötter kommen werden, die ihren Spott treiben, ihren eigenen Begierden nachgehen
4 und sagen: Wo bleibt die Verheißung seines Kommens? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt es alles, wie es von Anfang der Schöpfung gewesen ist.
5 Denn sie wollen nichts davon wissen, daß der Himmel vorzeiten auch war, dazu die Erde, die aus Wasser und durch Wasser Bestand hatte durch Gottes Wort;
6 dennoch wurde damals die Welt dadurch in der Sintflut vernichtet.
7 So werden auch der Himmel, der jetzt ist, und die Erde durch dasselbe Wort aufgespart für das Feuer, bewahrt für den Tag des Gerichts und der Verdammnis der gottlosen Menschen.
8 Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, daß ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.
9 Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, daß jemand verloren werde, sondern daß jedermann zur Buße finde.
10 Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.
11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müßt ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen,
12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.
13 Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.
Liebe Gemeinde!
Worum geht es?
In unserem theologischen Streit treten, wie es heißt, Spötter auf. Und die fragen:
Wo bleibt die Verheißung seines Kommens? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt es alles, wie es von Anfang der Schöpfung gewesen ist.
Wir befinden uns irgendwo in Kleinasien, so um 110 nach Christi Geburt (oder zwei Jahrzehnte später), und inzwischen sind (in der Tat!) alle Augenzeugen des Lebens und Sterbens Jesus - und seiner österlichen Erscheinung - tot, auch alle Apostel. Und zwar sind sie gestorben, obwohl sie doch an die Wiederkunft Christi noch zu ihren Lebzeiten geglaubt hatten. Was nun? Sind dies ersten Christen einem Irrtum aufgesessen, einer Illusion? Ist ihr Glaube zuschanden geworden, ein Spott - also: lächerlich gemacht worden durch das Ausbleiben dieser sehr konkretisierten Hoffnung?
3 Ihr sollt vor allem wissen, daß in den letzten Tagen Spötter kommen werden, die ihren Spott treiben, ( und die) ihren eigenen Begierden nachgehen ...
Offenbar haben diese christlichen Spötter zuvor beim Apostel Paulus etwas von der "Freiheit eines Christenmenschen" gelernt, aber die Sache in den falschen Hals bekommen. Denn wenn der Christenmensch, mit Martin Luther dem Apostel Paulus nachzusprechen, ein "freier Herr über aller Dinge und niemand untertan" ist - wie kommt er nun ausgerechnet dazu, sich seinen eigenen Begierden zum Knecht zu machen? Das falsche Ethos dieser Spötter hat offenkundig zu tun mit dem Mißverständnis der christlichen Freiheit, mit der Perversion der Libertät zur Libertinage. Oder eben mit dem Elend einer Selbstverwirklichung, die hinter dem Selbst keine andere Wirklichkeit mehr erkennt. Als komme es auf nichts anderes mehr an - weil nichts anderes mehr ankommt. Weil schon alles passiert ist…
Der Briefschreiber argumentiert gegen die Spötter nicht wirklich theologisch (vielleicht fehlen ihm auch die besten Gründe), sondern er putzt sie moralisch herunter, als ob man mit der bösen Folge auch den falschen Grund erwischen könnte. Aber es geht nicht in erster Linie um eine moralische Standpauke, sondern: um die richtige Existenz-Theologie, um das richtige Verhältnis des vermeintlichen Selbst zur wahren Wirklichkeit.
Was ist wirklich der Fall?
Und: Wann ist was der Fall?
Diese Spötter also sagen:
Wo bleibt die Verheißung seines Kommens? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt es alles, wie es von Anfang der Schöpfung gewesen ist.
Haben Sie damit etwa nicht recht?
Das Weltbild, das Wirklichkeitsverständnis dieser Spötter - denen nach unserem Text freilich die Verdammnis der gottlosen Menschen droht - ist allerdings verdammt schlicht: Seit der Entstehung der Welt sei alles geblieben, wie es ist. Es habe also keine Geschichte gegeben - und es werde im Grunde auch keine Zukunft geben. Gott hat sich in der Geschichte bisher nicht bemerkbar gemacht - und er wird sich auch in Zukunft nicht mehr bemerkbar machen.
Dieses Weltbild ist auch verdammt hoffnungslos: Denn wenn die Welt wirklich nur ein perpetuum mobile wäre, ein Apparat der nach immer gleichen Gesetzen unwandelbar vor sich hinklappert (und wir dazu) - worauf wäre dann überhaupt noch zu hoffen? Ja, es ist sogar ein Weltbild ohne jede Verdammung; denn was sollte darin auch schief gehen? Und es ist zugleich ein Weltbild ohne jedes Heil; denn wer wollte darin irgendetwas retten? - So etwas kann nur rettungslos schief gehen!
Vor allem ist dies ein Weltbild ohne jeden Sinn! Denn wenn alles immer so bleibt, wie es immer schon war, wer sollte denn da auf wirkliche Veränderung setzen? Und weshalb sollte es ausgerechnet auf das eigene Verhalten ankommen - für einen selber, für andere, für die Wirklichkeit? Dann kommt es auf das bißchen Völlerei, Hurerei, Selbstsucht und Weltverachtung auch nicht mehr an, das der Briefschreiber so heftig wie wehrlos tadelt. Dann kann man schließlich auch in aller Seelenruhe seinen eigenen Begierden nachgehen…
Ein armseliges Weltbild, bei den Spöttern damals in Kleinasien.
Aber ist es nicht weithin auch unser heutiges Weltbild?
Ein Weltbild übrigens, das nicht dadurch hoffnungsvoller wird, daß der Mensch sich selber an die Stelle Gottes setzt, und sich die Macht beschafft, die ganze Welt im atomaren Inferno zu verheizen oder die Gattung Mensch nach seinem eigenen Ebenbilde umzuzüchten.
Aber: Ist denn nicht wirklich alles von Anfang an so geblieben, wie es ist? In Tschetschenien wird gehauen und gestochen, als habe es das Kosovo nie gegeben; in Jugoslawien wurden die Menschen geschändet, als habe es das Dritte Reich nie gegeben. Was hätte sich denn da seit Kain und Abel verändert?
Die erste Frage an uns selbst in dieser Ernüchterung lautet: Will uns dieses trostlose Weltbild wirklich genügen?
Wenn aber nicht - dann stellt sich sogleich die nächste Frage: Wer wird, wer könnte diese Welt ändern - und wann? Es geht also um beides: um unser Verhältnis zur Welt - und um unser Verhältnis zur Zeit?
Wo leben wir - und wie spät ist es?
Diese Fragen ergeben freilich nur dann überhaupt einen Sinn, wenn wir selber uns nicht für die Wirklichkeit selber halten - und unsere Zeit nicht für die ganze Zeit. Man kann auch sagen: Wenn wir an Gott glauben!
Diese Behauptung ist nun beileibe kein Gottesbeweis, allein mit den Mitteln der menschlichen Vernunft; auf solche Beweise können (und müssen wir sogar) pfeifen! Aber es ist die strenge Vermutung, man kann auch sagen der Glaube: Wenn das Leben überhaupt einen Sinn hat, wenn wir überhaupt sinnvoll von Zeit und Wirklichkeit reden können, dann nur mit Gott - nicht aber ohne. Versuchten wir es anders, dann drohte uns in der Tat (mit oder ohne Gott) - wie es in unserem Briefabschnitt heißt:
die Verdammnis der gottlosen Menschen.
Wo leben wir - und wie spät ist es?
Der Autor des Petrusbriefes erinnert seine Leser an die Geschichte der Welt aus der damaligen Sicht: an die Sintflut, in der eine sündige Welt im Wasser untergegangen ist - an das jüngste Gericht, in dem die fallende Welt im Feuer untergehen wird. Wir müssen heute auf die Einzelheiten nicht eingehen - nur dieses zählt jetzt: Die Welt war nicht immer, wie sie ist - und sie wird nicht immer bleiben, wie sie erscheint. Es gibt eine Geschichte - deshalb gibt es Hoffnung. Es gibt eine Geschichte - und deshalb gibt es auch ein Gericht. Und deshalb kommt es darauf an, wie man sich zu dieser Geschichte verhält, kommt es wirklich an auf unser Verhältnis zur Wirklichkeit - und zur Zeit.
Das Zeitgefühl war diesen frühen Christen aber gewaltig durcheinander gekommen, weil die Wiederkunft Christi zum gedachten Zeitpunkt ausgeblieben war. Die Glaubenskrisen im Übergang von der ersten Generation der Zeugen (und Väter) zur zweiten und dritten Generation des Urchristentums, von der Urgemeinde zur Kirche (zur Kirchenspaltung schließlich), waren gewiß nicht weniger abgründig - und weniger gefährlich - als unsere Glaubenskrisen; und umgekehrt.
In dieser Situation wird die Gemeinde an eine Einsicht aus dem 90. Psalm erinnert:
8 Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, daß ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.
9 Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, daß jemand verloren werde, sondern daß jedermann zur Buße finde.
Dieser Gemeinde wird also eingeschärft, daß nicht ihre Zeitrechnung zählt, sondern Gottes Zeitrechnung - und daß Gott nicht saumselig ist, sondern den letzten Tag der Welt zurückhält aus Gnade: damit möglichst viele noch beizeiten Buße tun können. Gegenüber dem ursprünglichen Schock darüber, daß die fest geglaubte Wiederkunft Christi nicht zur angegebenen Zeit stattfand, mögen diese Argumente schwach klingen. Tausend Jahre sind schließlich auch irgendwann einmal herum (wie wir gerade in diesen Tagen erfahren) - auch wenn die Frist an ihrem ersten Tag noch als unermeßlich lange erscheint.
Aber das prinzipielle Argument bleibt richtig - obwohl eine ganze Theologie, nämlich die Theologie der Naherwartung aufgegeben werden mußte. (Ja, liebe Gemeinde, mitunter muß man aus Treue zum Wort Gottes eine ganze menschliche Theologie drangeben…) Das prinzipielle Argument unseres Briefes wird jedenfalls durch keine noch so große Enttäuschung falsch - und durch keine noch so große theologische Fehleinschätzung Gottes durch den Menschen (aus seinen eigenen Erwartungen): Gottes Zeit ist eine andere als unsere Zeit.
Oder wie es im 31. Psalm heißt:
Psalm 31:16 Meine Zeit steht in deinen Händen.
Und weil wir weder wissen noch entscheiden, ja eben: überhaupt nicht zu verfügen haben, wann Gottes Zeit - welche die unsere nicht ist! - zum Zuge kommt, heißt es warten. Warten heißt aber nicht etwa: die Zeit gleichgültig vertun - sondern angespannt im Horizont einer Erwartung leben: da ist noch etwas, da kommt noch etwas - außer dem, was wir für den ewigen Gleichlauf der Dinge halten. Da kommt noch etwas ganz anderes - das, was uns verheißen wurde. Das ist das Wesen aller christlichen Utopie - die Gleichzeitigkeit von "Noch nicht" und "Schon jetzt".
Wer in einer solchen Zeit lebt, lebt in einer Zwischenzeit - zwischen Schöpfung und Weltgericht, zwischen altem und neuen Bund, zwischen Christi Geburt und Wiederkehr: zwischen Verheißung und Erfüllung, zwischen dem "Noch nicht" und dem "Schon jetzt" - auch am Ende des zweiten Jahrtausends. Und er lebt eben gerade nicht in einer toten Zeit - schon gar nicht: um Zeit totzuschlagen.
Zwischen den Zeiten ist die Welt noch nicht zu Ende. Sie ist auch noch nicht am Ende - obwohl es so oft danach aussieht. Keine falsche Idylle: Gerechtigkeit, schon gar Gottes Gerechtigkeit wohnt schließlich längst noch nicht in ihr - und schon gar nicht an allen Enden. Aber die Geschichte Gottes mit dieser Welt ist noch nicht am Ziel - obwohl sie längst angefangen hat.
Und deshalb stellt unser Briefschreiber sich am Ende doch wieder auf den vertrauten biblischen Boden. Im Streit mit den Spöttern, denen wie allen echten Häretikern ein störendes, ein gewaltig schmerzendes Körnchen Recht in ihrem Irrtum zukommt, kann er gar nicht anders, als schließlich doch - und schließlich zu Recht so - zu sagen:
13 Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.
Amen

