Die Partei hat nimmer Recht. - Predigt am Reformationstag im Hamburger Michel
31. Oktober 2002
Predigt über 1. Korinther 1, 10-18
Wir feiern heute das Reformationsfest. Stimmt das denn? Feiern wir denn die Reformation überhaupt noch? Und was gäbe es da genau zu feiern, eigentlich?
In früheren Zeiten waren die Antworten auf solche Fragen noch viel leichter – wenn nicht gar die Fragen schon gänzlich absurd klangen. Was feierten wir da – damals? Luthers Thesenanschlag ? – von dem wir heute wissen, dass er in dieser dramatisch-legendenhaften Form so jedenfalls nicht stattgefunden hat: und außerdem wissen wir, dass der eigentliche Durchbruch zur reformatorischen Theologie an einem ganz anderen Punkte stattfand, an der Entdeckung, der Wiederentdeckung des Satzes: Der Gerechte wird aus Glauben leben – also nicht aus seinen mehr oder weniger guten Werken. Was feierten wir da – damals? Die Heerschau des Protestantismus und die Stärke der Evangelischen Kirche ? – beinahe, ja wirklich so, als sei aus dem persönlichen und intimen Glaubenserlebnis des Bruder Martin ein nationales Weihefest geworden, jedenfalls in protestantischen Landen. Ein feste Burg ist unser Gott auf den Lippen – und unser Vaterland und unsere Kirche im Sinn. Dass wir da nur ja nicht Vaterland und Kirche mit dem lieben Gott verwechselt hatten.
Heute könnten wir fast umgekehrt fragen: Was ist denn von dieser protestantischen Identität übriggeblieben? Ja mehr sogar: Was ist sie eigentlich – und was ist sie wert? Und zwar könnten wir diese Fragen unter zwei Aspekten stellen. Erstens: Wie fest steht denn der Protestantismus (noch) auf seinem eigenem Boden – oder muss man nicht, bei aller Anerkennung und Dankbarkeit über die evangelische Freiheit, sagen: Mal so, mal so, mal gar nicht? Und zweitens könnten wir ja fragen: Wie eigensinnig soll eigentlich der Protestantismus im ökumenischen Zeitalter noch auf seiner Identität bestehen?
Und schon stehen wir vor einer spannenden Alternative: Sind wir nur deshalb so ökumenisch gestimmt, weil uns das evangelische Profil eigentlich schon recht gleichgültig geworden ist, zumal wir in der Breite nur schwer sagen können, was das eigentlich in der Tiefe bedeuten soll – evangelische Profil? Oder müssen wir nicht gerade umgekehrt an die Frage der Einheit der Kirche herangehen: Eben weil wir bis über die Ohren evangelisch sind, müssen wir ökumenisch denken – und je mehr wir uns unserer evangelischen Sache vergewissern, desto ökumenischer. Solus christus, sola scriptura, sola fide: Allein Christus, allein die Schrift, allein durch den Glauben – das ist doch das Programm schlechthin für die Einheit der Kirche. Oder wie es im Epheserbrief heißt: ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. (Eph 4,5a)
Was also ist der Weg zur Einheit der Kirche: der bequeme Pfad der Theologievergessenheit oder der steile Pfad der Theologieversessenheit? Wenn die wahre Kirche nur die ein heilige christliche Kirche sein kann, wie wir es Sonntag für Sonntag in unseren Gottesdiensten bekennen – als was feiern wir dann die Reformation: Als Schritt weg von der einen – oder als Schritt hin zu der einen Kirche? Feiern wir dann wirklich die Reformation? Oder müssten wir nicht vielmehr darüber Klage führen, dass wir uns beides zusammen nicht, längst noch nicht vorstellen können: die richtige Kirche – und die eine Kirche zugleich?
Aber die Frage, wie das auf einen Nenner zu bringen wäre, die richtige und die eine Kirche zugleich, diese Frage beschäftigt die Christenheit nicht erst seit der Reformation, sondern bereits in ihren allerfrühesten Jahren – wie unser Predigttext zeigt, der im 1. Korinther 1, 10-18 steht:
LUT 1 Corinthians 1:10 Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, daß ihr alle mit einer Stimme redet und laßt keine Spaltungen unter euch sein, sondern haltet aneinander fest in einem Sinn und in einer Meinung. 11 Denn es ist mir bekannt geworden über euch, liebe Brüder, durch die Leute der Chloë, daß Streit unter euch ist. 12 Ich meine aber dies, daß unter euch der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere: Ich zu Apollos, der dritte: Ich zu Kephas, der vierte: Ich zu Christus. 13 Wie? Ist Christus etwa zerteilt? Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft? 14 Ich danke Gott, daß ich niemand unter euch getauft habe außer Krispus und Gajus, 15 damit nicht jemand sagen kann, ihr wäret auf meinen Namen getauft. 16 Ich habe aber auch Stephanas und sein Haus getauft; sonst weiß ich nicht, ob ich noch jemand getauft habe. 17 Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen - nicht mit klugen Worten, damit nicht das Kreuz Christi zunichte werde. 18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft.
Korinth – das war eine Hafenstadt, die wir unserer Hafenstadt Hamburg in gewisser Weise vergleichen können: Menschen aus aller Herren Länder (und der verschiedensten Kulte) kamen durch die Stadt; manche ließen sich in ihr nieder. Die Christen waren in Korinth noch eine junge Minderheit – das ist bei uns in Hamburg anders: hier ist das Christentum alt – und die Christen, jedenfalls die aktiven, sind schon wieder eine Minderheit. Aber ob nun junge oder alte Minderheit: Selbst als Minderheit waren sie untereinander gespalten. Damals: Die einen rechneten sich zu Paulus, andere zu Apollos, wieder andere zu Kephas, also zu Petrus, wie wir sagen würden. Und dann, fast klingt es wie eine sarkastische Zuspitzung, wenn Paulus hinzufügt: Wieder andere sagen von sich: Ich gehöre zu Christus – so als könne man unter Berufung auf Christus eine eigene Partei aufmachen, als verbiete nicht schon die Erwähnung des Gottessohnes jeden Gedanken an menschliche Parteiungen: „Ist Christus etwa zerteilt?“, fragt der Briefschreiber Paulus.
So also in Korinth! Und in Hamburg – und in der Welt heutzutage? Da rechnen sich die einen zu Kephas, also zu Petrus – oder zum Papst als seinem Nachfolger. Da rechnen sich die anderen zu Paulus, so wie er uns über seinen Vermittler Augustinus und in seinem Gefolge durch den Erfurter Augustinermönch Martin Luther wieder und neu entdeckt wurde: die Lutherischen. Aber nicht genug damit: Selbst die Kirchen der Reformation haben ihre Jahrhunderte alten inneren Zwiste erst 1973 in der Leuenberger Konkordie überbrückt. Gerade in diesem Jahre führen wir in der – im Weltmaßstab – kleinen Provinz der Evangelischen Kirche in Deutschland einen Disput über eine Frage, die außerhalb unserer protestantischen Fachwelt keiner mehr versteht, nämlich: Brauchen wir noch eine VELKD, also die Vereinigung der Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Deutschland als Sonderbund? Und zwar damit hierzulande das Bekenntnis zu Jesus Christus recht wachgehalten wird, was einige, einige Lutherische offenbar unseren reformierten (und unierten) Schwestern und Brüdern in den Gemeinden, auf den Kanzeln und in den Konsistorien nicht so recht zutrauen.
Damals in Korinth, heute in Hamburg: Wie es war im Anfang, so auch jetzt – und von Ewigkeit zu Ewigkeit? Sind wir dazu verurteilt, auch und gerade als Christen, für immer in Parteien zu leben, auch unser Christentum in Parteien zu leben? Kephas, Paulus, Apolos dort – Katholiken, Lutherische, Reformierte, Unierte, Orthodoxe und manches andere (Methodisten oder Baptisten) hier? Sind wir zur Spaltung im Namen des einen Glaubens verteilt? Um es offen zu sagen: Wenn es alleine auf uns ankommt: Ja!
Unsere Lage ist ja noch etwas komplizierter als die in Korinth. Da gab es noch frühe, vielleicht sogar erste Missionare – und wo Missionare auftreten, gibt es auch persönliche Faszinationen und Bindungen, auch Abhängigkeiten, vielleicht sogar auch Führungsbedürfnisse auf beiden Seiten und Eitelkeiten bei der Anführern. Die kann man gewissermaßen moralisch tadeln, auch als Charakterschwächen. Und da kann dann ein Apostel wie Paulus sagen, er habe sich selber streng unter Kontrolle gehabt, habe diszipliniert alles vermieden, was einem solchen Missionars- und Führerkult hätte Vorschub leisten können. Ja, er ist sogar sehr froh, dass er niemanden getauft hat, damit ja keiner glaubt, er sei etwa auf Paulus getauft. Obwohl, Krispus und Gaius fallen ihm dann doch bei besserem Nachdenken wieder ein und schließlich auch Stephanas und dessen Haus … Aber im Ganzen: Paulus sieht das persönliche Problem und er steuert ihm.
Soweit Korinth mit seinen christlichen Kleingruppen und Hausgemeinschaften. Unser Problem sieht aber kaum die persönlichen Cliquen – obwohl: auch solches soll es in unseren Gemeinden ja auch geben, spätestens dann, wenn ein Pastor wechselt oder strauchelt oder ein neuer Chorleiter bestellt wird. Aber das liegt dann wirklich zumeist ganz auf der persönlichen, nicht auf der theologischen Ebene. Unsere Kirchentümer sind ja nicht durch Personen, sondern durch Institutionen voneinander geschieden, nicht durch persönliche Anschauungen, sondern durch tief gegründete, wissenschaftlich ausformulierte und fein geschliffene Dogmen. Was in Korinth ganz subjektiv geschah – und deshalb so offenkundig tadelnswert war, bei uns ist es objektiviert, institutionalisiert, dogmatisiert. Ist es deshalb besser?
Bevor wir allzu schnell und selbstverständlich „Nein!“ rufen, sollten wir einen Augenblick innehalten. Wenn wir Menschen von Wahrheit, auch von einer theologischen oder biblischen Wahrheit reden, kommt es offenbar auf jedes Wort, auf jedes Jota an. Da kann man nicht mal so, mal so reden. Heute dieses, morgen jenes: Die Wahrheit widerstreitet jeder Beliebigkeit und Nachlässigkeit. Und gleich neben der Wahrheit beginnt die Ketzerei. Manchmal bringt aber erst die vermeintliche Ketzerei von gestern die wirkliche Wahrheit von morgen zutage. Offenbar geraten wir Menschen, wenn wir ganz genau von der Wahrheit reden wollen, immer tiefer in ein Gestrüpp von Teilwahrheiten und Wahrheitsparteien hinein – in dem jeder sich selber im Recht sieht und viele andere im Unrecht. Die Partei, die hat eben nicht immer, sondern niemals Recht. Aber es geht eben auch nicht so recht ohne Parteien. Das scheint also ein objektives, unentrinnbares Gesetz zu sein – nicht nur ein mehr oder weniger leicht zu beherrschender Charakterfehler. Wie kann unter uns etwas allgemein-verbindlich sein, wenn die beiden Elemente einander so zu widersprechen scheinen? Was allgemein bleibt, ist im letzten nicht verbindlich – und was ganz und gar verbindlich und total verpflichtend ist, das ist es eben nicht allgemein. So ist das eben: Das gibt es (noch) nicht – die ganz einige und die ganz richtige Kirche.
Selbst die Reformation, deren wir heute gedenken, hat uns zwar der christlichen Wahrheit, unserer christlichen Wahrheit näher gebracht: sola fide, sola scriptura, solus Christus. Man kann dazu auch sagen: Dominus Jesus – Jesus allein ist unser Herr. Aber andere Christen sehen in dieser besonderen Annäherung an die Wahrheit doch nur eine Entfernung von der Einheit und sagen: Einheit gibt es nur, wenn Ihr Euch unserer Wahrheit anschließt – und Wahrheit nur, wenn Ihr in mit uns in die Einheit einkehrt, um nicht zu sagen: heimkehrt. Und sagen dazu auch: Dominus Jesus.
Was gibt es da zu feiern? Rundheraus gesagt: Nichts! Jedenfalls nicht uns! Nicht uns Protestanten allgemein – und auch nicht die anderen, die besseren Protestanten in unseren Reihen. Lutheraner, Reformierte, Unierte – im Zwielicht dieser Spaltung sind alle Katzen grau. Und auch die so schön bunten anderen Kirchen sehen in dieser Spaltung in Wahrheit matt aus.
Woran liegt das? Wir mögen die Wahrheit, auch die christliche Wahrheit so herzlich lieben, wie nur möglich – sobald wir selber als Verwalter der einen Wahrheit auftreten, gerät die Sache ins schiefe Licht. Schließlich sind wir die Empfänger, nicht die Absender der Wahrheit. Wir sind nicht die Sonne, sondern allenfalls der Mond. Er lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig – nicht aber: Unser Gesicht solle leuchten, und dann auch noch ungnädig über die anderen. Wahrheit und Einheit zugleich – und beides gibt es letztlich nur zugleich! – wird möglich für uns als fremdes Geschenk, nicht als eigenes Gewerk.
Und was machen wir, bis das Geschenk endlich eintrifft? Erst einmal gar nichts, denn mit unserem eigenen Tun fangen die Probleme zumeist erst an. Dann wollen wir wirklich von Herzen dankbar sein, dass die Spannungen zwischen uns Christen, zumal hierzulande, im letzten halben Jahrhundert ihre zerklüftende Schärfe weithin verloren haben. Danach wollen wir die Gespräche zwischen den Konfessionen weiter führen – aber nicht mit dem voreiligen Versuch, Unterschiede vorschnell und zu Lasten unserer Wahrheiten zuzukleistern, sondern in dem Bestreben, zunächst einmal die anderen (und dann uns selber) besser zu verstehen, auch die bleibenden Unterschiede und ihre vorläufige Notwendigkeit.
Und dann wollen wir auf den Apostel Paulus hören und auf unseren Predigttext:
17 Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen - nicht mit klugen Worten, damit nicht das Kreuz Christi zunichte werde. 18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft.
Damit nicht das Kreuz Christi zunichte werde! Das Kreuz ist nämlich nicht das Wahrzeichen einer in dieser Welt triumphierenden Kirche, auch keiner siegreichen Kirchenpartei, sondern der vollständige Widerspruch zu allen Ansprüchen dieser Welt und zu allen Ansprüchen in dieser Welt. Das Kreuz durchstreicht nämlich, ja wörtlich: durch-kreuzt alle Kirchentümer dieser Welt – und nur indem es diese Kirchentümer und –parteien regelrecht durchkreuzt, bringt es, das Kreuz, das ihnen Gemeinsame zum Vorschein: Dass sie eben alle durchkreuzt werden müssen.
Das mag nun etwas zu steil klingen. Deshalb das ganze in eine praktische Denk- und Glaubensübung übersetzt: Wir sagen ja alle, wir seien Christen. Und dann sagen wir, wir Protestanten am heutigen Tage mit besonderer Betonung, hinzu: Wir sind Katholiken, Lutherische, Reformierte, Unierte, Orthodoxe! Wir wäre es, wir setzen für einmal diese konfessionellen Markenzeichen für einen Tag beiseite, und sagten für uns: „Wir gehören zur jesuanischen Kirche!“ Oder, weil das sonst missverständlich klingen könnte: „Zur Kirche des Jesus von Nazareth!“ Christliche Kirche, das geht uns einigermaßen einfach über die Lippen – aber bei dem konkreten „Kirche des Jesus von Nazareth“, da kämen wir schon recht ins Stocken. Sei’s drum! Und dann prüften wir uns genau, ob die Art und Weise, in der wir als Christen und als Kirche und als Konfession auftreten sich wirklich mit diesem Jesus von Nazareth verträgt – im Reden, Denken und Handeln, um Auftreten, im Gehabe, im Gestalten und Verwalten, im Entscheiden, Urteilen (und Ver-Urteilen) – im Lieben und Leben. Ob wir dann nicht allesamt, Konfession für Konfession, Kirche für Kirche, Mensch um Mensch beschämt dastünden. Aber vielleicht ein wenig christlicher.
Doch vielleicht ist es gerade das, was Luther meinte, als der von der ecclesia semper reformanda sprach, von der Kirche, die der ständigen Erneuerung und Durch-Kreuzung bedarf. Und am Ende seines Lebens den Satz: Wir sind Bettler, das ist wahr! Amen.