Predigt über Matth. 5,9
Robert Leicht
07. Juni 1998
"Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen" - sollen damit etwa wir gemeint sein?
Wie weit wir doch selbst in unseren guten Absichten von dieser Zusage entfernt sind (und: wie nahe doch am bösen Streit)!
Eine der Geschichten, in denen mir dies selber schrecklich klar wurde, spielte sich so ab:
Eines Morgens vor einem großen städtischen Kaufhaus: Zeit, daß es seine Pforten öffnet. Aber vor einer lagert ein, wie man so sagt, Penner. Stört natürlich mit seinem schmuddeligen Lagern den schönen sommermorgendlichen Eindruck - und wahrscheinlich die anzulockenden Kauflustigen. Da kommen zwei Sicherheitsbeauftragte, schwarze Sheriffs sozusagen, heraus - und herrschen den Penner an: Mach dich davon. Der, schlaf- oder sonstwie trunken, rührt sich nicht. Da treten die zwei Sheriffs ihn gewaltig mit Füßen. Jetzt reicht's aber - denke ich mir selber und trete dazu: "Dies ist, so oder so, ein Mensch. Wenn sie nicht auf der Stelle aufhören, ihn zu mißhandeln, rufe ich die Polizei." Im Nu waren wir umgeben von Passanten, die ihrer Empörung laut Luft machten und Schläge androhten - etwa den Sherrifs? Nein, dem, der sich einzumischen versuchte. Das Schlimmste: Im Nu hatte ich im Angesicht der haßerfüllten Gesichter selber die Faust in der Tasche geballt - aus Angst, aus Wut, vorbereitend zur Verteidigung - wer weiß?! Bereit jedenfalls, gleich zuzuschlagen.
Flucht! Weg, weg von hier! Selten zuvor hatte sich mir so plötzlich ein Abgrund aufgetan, in mir selber - und um mich herum. Entsetzt machte ich mich aus dem Staub, schockiert - und sehr traurig, zutiefst - wenn man das Wort in all seinen Bedeutungen nachklingen läßt: verstimmt. Wie dicht doch die Gewalt um uns und in uns lagert, ganz dicht unter der Oberfläche! Wo bleibt da, schon ganz im kleinen persönlichen Umfeld, die Fertigkeit zum Frieden? Und wo in der ganzen Welt?
"Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen." Und das sollen w i r sein?
Wenn wir diese Seligpreisung lesen, muß uns zunächst eine tiefe Traurigkeit befallen.
Da ist offenbar von ganz anderen Menschen die Rede als von uns - oder von unseren Vorfahren, soweit wir zurückdenken können: bis zu Kain und Abel - oder auch nur: 380 Jahre, bis 1618 - oder: nicht einmal sechzig Jahre, bis 1939 - ach, was: bis gestern und heute.
Wir stehen am Ende dieses Jahrtausends zugleich am Ende des mörderischsten Jahrhunderts der Menschheitsgeschichte - in dessen Zentrum ein sozusagen dreißigjähriger Krieg um die Rolle Deutschlands in Europa stand. Da halten wir einen tief traurigen Rückblick: 125 Millionen Menschenleben haben allein die zwei ideologischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts gekostet, rechnet uns ein "Schwarzbuch" grob vor, das dieser Tage auch auf Deutsch erschienen ist. Der doppelte Wahn dieses Saeculums: Es ließen sich die Krisen unserer Zeit durch eine Diktatur nach entweder rechtem oder linken Kommando regulieren, also dadurch, daß ein Teil des Volkes ausgegrenzt, ausgetrieben, totgeschlagen - und der Rest mit Angst und Terror auf Linie gebracht wird.
Am Ende des Jahrhunderts ist auch der zweite diktatorische Wahn zerstoben. Aber schauen wir doch an, was aus dem Völkerfrühling von 1989 eben auch geworden ist: Ein Völkermord nicht nur in Jugoslawien - Krieg vor unserer europäischen Haustür. Ein Krieg, der sich fortfrißt, wie ein nicht zu löschender Schwelbrand ( wenn es denn bei dreißig Jahren bliebe!) - jetzt in den Kosovo. Morgen nach Montenegro, nach Macedonien?
Unser Krieg? Auch unser Krieg! Traurig, aber wahr! Und sei es allein deshalb, weil wir mit dem militärischen Eingreifen der Nato-Staaten (die den Frieden - wie wir wissen - dort nicht verwurzeln können) die bisherigen Ergebnisse eines verbrecherischen Krieges erst einmal sanktionieren mußten - allein, um das Morden wenigstens zu unterbrechen, ja: vielleicht auch nur zu vertagen.
Traurig, aber wahr auch dieses: Gerade religiöse Frontstellungen - und zwar auch christliche - heizen den Konflikt, den Krieg oft erst richtig an:
Das war so im Dreißigjährigen Krieg. Das war so zwischen Katholiken und Orthodoxen in Kroatien und Serbien (und nicht nur zwischen Christen und Muslimen in Bosnien).
Das war so, jedenfalls bis vor kurzem, in Nord-Irland.
Und selbst das neue atomare Wettrüsten zwischen Indien und Pakistan hat zu tun mit der Konfrontation zwischen Hindus und Muslimen.
Und schauen wir doch in den Nahen Osten: Da sind wir uns aus unserer schrecklichen deutschen Geschichte mit-verantwortlich für das Lebensrecht des Volkes und Staates Israel - und haben es nicht nur mit muslimischen Arabern als Gegnern, sondern auch mit den christlichen Palästinensern als Konfliktsbeteiligten zu tun. Und wem hätten wir da ins Gewissen zu reden - da der ganze Konflikt doch gerade uns ins Gewissen redet?
"Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder sein." Nein, von uns ist da offenbar nicht die Rede. Und deshalb muß uns diese Seligpreisung so unsäglich traurig machen.
Von uns also wird da nicht gesprochen. Aber es wird da zu uns gesprochen.
Da ist noch jemand, der mit uns rechnet - jemand, der immer noch mit uns rechnet; der uns meint - obwohl wir doch eigentlich gar nicht gemeint sein können. (Übrigens: Wer ein wenig in die alte deutsche Sprache lauscht, der hört, daß dieses "meinen" etwas mit der "Minne" zu tun hat, mit der Zuneigung, der Liebe gar. Freiheit, zum Beispiel, Freiheit, die ich meine...)
Weil also immer noch, und: trotzdem noch mit uns gerechnet wird, sind uns diese Seligpreisungen nicht nur Anlaß zur Traurigkeit, sondern auch ein Trost. Kein billiger Trost, der unsere Trauer etwa aufhöbe, sondern ein Trost, der diese Trauer und den ihr zugrundeliegenden Fluch durchbricht, unterbricht - und so in einer anderen Beziehung: doch aufhebt, also: die Trauer in eine andere Beziehung - und uns in eine Beziehung zu einem anderen (und deshalb: zu anderen) - setzt.
Mit der Bergpredigt nimmt Jesus im Matthäus-Evangelium seine Beziehung zu seiner Gemeinde auf; was davor steht in diesem Evangelium ist überwiegend Vorgeschichte - erzählt also, was bis dahin mit Jesus geschieht, was ihm widerfährt. Jetzt aber geht es recht eigentlich vom Passiv zum Aktiv:
"Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte und sprach:"
Mit den Seligpreisungen nimmt Jesus also seine Beziehung zu uns auf. Er tritt uns damit nahe - im doppelten Sinne dieser Redewendung: Er macht uns zunächst den weltweiten Abstand deutlich zu jenen, von denen da als Seligen die Rede ist; und zugleich läßt er uns seine himmelweite Nähe deutlich werden, indem er überhaupt zu uns spricht. In den Seligpreisungen verkündet er uns eine, seine Möglichkeit gegen unsere Wirklichkeit. Sie wird damit als eine Unmöglichkeit, wirklich zu leben entlarvt.
Damit ist diese Wirklichkeit noch nicht beseitigt - das ist unsere Traurigkeit. Aber damit hört diese Wirklichkeit auf, die einzige und letzte Möglichkeit zu sein - das ist unser Trost.
Wie oft wurde schon gesagt, mit der Bergpredigt sei keine Politik zu machen; das ist traurig, aber wahr! Wenn wir aber sagen wollten, ohne die Bergpredigt, ohne diese Möglichkeit gegen unsere Wirklichkeit, müsse Politik gedacht und gemacht werden - das wäre wahrlich trostlos. Und unwahr!
Von uns wird nicht gesprochen in den Seligpreisungen - aber zu uns! Das heißt nun aber auch: Sanftmütigkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit - das sind nicht nur nicht unsere Wirklichkeiten, sondern auch nicht unsere Möglichkeiten. Es ist nicht unsere Möglichkeit, das Himmelreich auf Erden einzurichten. Gerade dort, wo wir in der Vergangenheit versucht haben, eigenmächtig das Himmelreich aus eigener Kraft einzurichten, ist uns nur zu oft eine Hölle daraus geworden. Heilige Kriege sind teuflische Kriege - und gerechte Kriege doch allenfalls selbstgerechte gewesen. Und ein bedingungsloser Pazifismus würde eben daran seinen fatalen Widerspruch zeigen, daß er es unternimmt, sich von seinen Bedingungen zu lösen; denn auch seine Möglichkeiten, sind eben nicht seine Möglichkeiten.
Sanftmütigkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit - das sind eben nicht absolute Zustände aus unserer menschlichen Wirklichkeit, sondern sie werden denkbar nur als Ausdruck einer Beziehung zu dem einen Sanftmütigen, Gerechten, Barmherzigen, Friedfertigen, der dies alles für uns ist - und zur Not, auch: in der höchsten Not: an unserer Stelle.
Friedfertigkeit also, auch Friedfertigkeit ist keine absolute Größe, sondern Frucht einer bestimmten Beziehung, unserer Beziehung zu Christus, also einer Relation: in diesem Sinne eine relative Größe. Gerade als relative - ja, wirklich: Begabung, als uns zugewendete, zugemutete Gabe hat sie ihre Würde. Alles andere - also, wenn wir etwa ( losgelöst: absolut) sagen wollten: "Ich bin friedfertig, weil ich so bin" - wäre würdelos; traurig - und unwahr.
Die Seligpreisung verkünden also keine Moral, keine absoluten moralischen Geboten, die abstrakt für sich allein stehen und von uns allein konkret erfüllt werden könnten. Sondern die Ethik der Seligpreisungen, ja, die gesamte Bergpredigt stellt uns in eine existentielle Beziehung zu Christus - und zwar, indem Jesus seine Beziehung zu uns aufnimmt, seine Möglichkeit unserer Wirklichkeit entgegensetzt. Und so seine Wirklichkeit zu unserer Möglichkeit macht.
Was heißt das nun für unsere Möglichkeit, Frieden zu stiften? Es heißt zunächst, daß wir von dem Zwang befreit sind, uns selber zu verwirklichen, und zwar selbst dort, wo wir Frieden zu stiften versuchen. Mitunter ist gerade diese Selbst-Verwirklichung, diese Selbst-Bezogenheit das eigentliche Friedenshindernis. Das gilt für uns persönlich; das gilt erst recht für die Staaten, zum Beispiel, wenn das Selbst-Verwirklichungsrecht der Staaten - wir nennen das: ihre Souveränität - zum Selbst-Zweck stilisiert wird.
Die Befreiung von diesem vermeintlichen Zwang zur Selbst-Verwirklichung heißt nun zugleich: Wir können die Wirklichkeit, die uns am Frieden hindert, als unsere viel zu enge Wirklichkeit und als eine Gefangenschaft durchschauen - also: relativieren.
Wir werden folglich nicht mehr sagen - als könne es schlechterdings nicht anders sein: Die Wirklichkeit ist eben so - gegen Gewalt hilft nur Gewalt.
Wir werden aber auch umgekehrt nicht sagen: Wenn nur wir jeder Gewalt abschwören, wird es schlechterdings keine Gewalt mehr geben.
In der Politik heißt dies zum einen: Wir werden die bewaffnete Macht - obwohl sie zur staatlichen Normalität zählt - nicht mehr als selbst-verständliche Ausstattung (und Gebrauchsbefugnis) des Staates verstehen, sondern als höchst zweifelhafte Notaustattung; allenfalls so: als Not-Wendigkeit. Und der Ernstfall, das ist eben nicht erst der Krieg - sondern die Kriegsvermeidung; oder , mit Karl Barth und Gustav Heinemann zu sprechen: Der Friede ist der Ernstfall.
In der Politik heißt dies aber umgekehrt auch: So wenig der Besitz von Waffen, für sich genommen, Frieden schaffen hilft( sondern, im Gegenteil, selber Kriegsursache sein kann), so wenig schafft das Wegwerfen der Waffen, für sich genommen, Frieden, sondern es kann, im Gegenteil, selber zum Angriff einladen.
Beide, der bloße Militarismus wie der absolute Pazifismus, haben dies eine gemeinsam: daß sie zur vollen Konsequenz erst rufen, wenn es schon zu spät ist. Frieden zu stiften und zu halten, das muß viel früher anfangen - wie es uns die Bergpredigt in der Auslegung des Tötungsverbotes lehrt:
"Ich aber sage euch: Wir mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig." (Matth. 5,22)
Daran sieht man: Nicht der Besitz der Instrumente im Grenzfall (Waffen oder keine Waffen?) entscheidet letztlich (und erstlich) über den Frieden, sondern unsere Einstellung zum Mitmenschen, zum politischen Nachbarn im Normalfall. Der Frieden ist keine eigentliche Waffenfrage, sondern eine Beziehungsfrage - und der Krieg, so gesehen, ein Beziehungsdelikt. Wenn wir nur uns selber sehen (auch: wenn wir nur unser Recht vor Augen haben), können wir keinerlei Beziehung zu irgendjemandem haben. Aber wie könnten wir zu irgendjemanden eine Beziehung aufnehmen, ohne daß zuvor jemand zu uns eine Beziehung aufgenommen hat, jemand, der uns vor uns selber - und vor unserer Beziehungslosigkeit - rettet?
Zwei Beispiele, die uns dies vor Augen führen - ein historisches, das uns heute hier zusammenführt, und ein ganz aktuelles. Beide Exempel zeigen: Frieden ist nur möglich, wenn alle Beteiligten einander in dem jeweils entscheidenden Punkt unter einem Gesichtspunkt anerkennen, der außerhalb ihres ursprünglichen Gesichtsfeldes liegt - und ihre Beziehung zueinander von dort her neu bestimmen lassen.
Der Westfälische Friede: Möglich wurde er letztlich nur dadurch, daß die religiöse Wahrheitsfrage sozusagen "ausgeklammert" wurde, dadurch also: daß die eigene Konfession nicht mehr als letzte Wahrheit behauptet, sondern als jenseits der vorhandenen Konfessionen möglich erkannt wurde. Und dadurch, daß religiöse Wahrheiten als Gegenstand politischer Selbstbehauptung neutralisiert wurden.
Die Gegner haben also im Westfälischen Frieden ihre Wahrheitsansprüche relativiert (nicht die Wahrheiten selber, aber ihre Ansprüche darauf und daraus). Sie haben diese Ansprüche relativiert, also in eine Relation, in eine Beziehung zueinander gesetzt.
Von dort ein weiter Weg, aber ein enger Zusammenhang zum zweiten, zum jüngsten Beispiel: Nordirland. Auch dort wird Frieden nur möglich werden, weil die streitenden Parteien nicht etwa sich selbst aufgegeben haben (und ihre an sich miteinander unvereinbaren Vorstellungen), sondern weil sie sich auf folgendes verabredet haben: Keine dieser Vorstellungen wird gegen die demokratischen Mehrheitsentscheidung des Gegenübers durchgesetzt werden.
Auch hier also haben sich zwei Gegner unter einen außerhalb ihres bisherigen Gesichtsfeldes liegenden Gesichtspunkt gestellt. Sie haben also ihre Ansprüche zueinander in Beziehung gesetzt - und damit relativiert.
"Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen."
Diese Seligpreisung wird auch so übersetzt: "Selig, die Frieden stiften..." Dazu ein letztes: Diese Seligpreisung rechnet also keineswegs mit einem ewigen Frieden, den es einfach nur weiter zu wahren gilt, indem man keine Waffen zur Hand nimmt - oder indem man schlicht auf Waffen verzichtet. Sondern sie spricht jene selig, die es verstehen, nach dem Streit, den sie als unselig voraussetzt, dennoch Frieden zu stiften verstehen. Von Menschen also, die sich selbst nach einem Streit, einem langen, einem sogar dreißigjährigen Krieg, in eine neue Beziehung zueinander setzen. Und das heißt: Sich in eine solche neue Beziehung erst einmal selber setzen zu lassen. Das aber ist die eigentliche, ist eigentlich die Seligkeit, in die uns die Bergpredigt versetzt: daß zuerst Christus seine Beziehung zu uns aufnimmt, daß er uns aus unserer Beziehungslosigkeit befreit.
Und eben das meinen wir, wenn wir immer - und so auch heute - bitten:
Der göttliche Schalom, die vollkommen erneuerte Beziehung zwischen Gott und den Menschen, also: Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus.
Amen

