Predigt im Universitätsgottesdienst in St. Marien, Berlin
Stephan Reimers
Liebe Universitätsgemeinde,
er hatte etwas Sanftes, fast Kindliches – er war ein lieber, ruhiger, zurückhaltender Typ. So einen „schließt man gleich ins Herz“. So beschreibt ihn eine Kollegin von Hinz & Kunzt, der Hamburger Obdachlosenzeitung.
Dass ich die Nachricht von Volkers Tod zunächst gar nicht verstehen konnte, hängt wohl auch mit der Situation zusammen, in der ich ihn kennen lernte.
Am 6. November 1993 - beim ersten Verkaufstag von Hinz & Kunzt – habe ich ihn gesehen. Unser Sohn, der damals 12jährige Johannes, ging mit ihm als Ausrufer und bewegliche Litfasssäule. Denn bis dahin gab es keine Obdachlosenzeitungen in Deutschland, wir mussten die Idee erst einmal bekannt machen. Zunächst tat sich wenig in der Mönckebergstraße. Viele der 25 Verkäuferinnen und Verkäufer standen schüchtern, einige stumm wie Zeugen Jehovas an die Hauswände gedrückt.
Ganz anders Volker und Johannes. Sie hatten sich vor Karstadt aufgestellt. Sie riefen die neue Zeitung aus, redeten mit Passanten. Als ich vorbeiging, raunte mir mein Sohn zu: „Es läuft toll.“ Und als ich ihn später zum Essen abholen wollte, widersprach mir Volker lachend und selbstbewusst: „Das geht jetzt nicht, wir sind ein zu gutes Team. Ich brauche den Johannes.“ Mein Sohn nickte.
Ich sehe die beiden noch genau vor mir: Fast gleich groß – mit den Hinz & Kunzt-Mützen auf dem Kopf, optimistisch und mit Feuereifer dabei, einer neuen guten Sache zum Leben zu verhelfen – zwei Kinder Gottes am Werk. Später, als Volker seine Einnahmen zählte, zweigte er ein 5-Mark-Stück ab und schob es meinem Sohn zu. Der überlegte einen Augenblick, dann nahm er es an.
Volker wurde einer unserer besten Verkäufer. Er war hauptsächlich am Hauptbahnhof eingesetzt. Doch hier kam er wieder mit Drogen in Kontakt, wurde rückfällig und starb an einer Überdosis. Was ich über die Beziehung zu seinen Eltern erfuhr, bestärkte mich, für die Abschiedspredigt den Text aus dem Römerbrief zu wählen, den sie schon als Lesung hörten:
„Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und in Wehen liegt. Aber nicht nur sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.“
Dass die Schöpfung in Wehen liegt, das ist eine Tatbestandsbeschreibung, die das Leben vieler einzelner Menschen ebenso wie die Tagesordnung der Politik bestimmt. Christen können daran nicht vorbeisehen. Deshalb ist nicht nur Römer 13, sondern auch Römer 8 ein wichtiger biblischer Text, um über das Verhältnis von Glaube und Politik nachzudenken.
Als ich vor knapp fünf Jahren vom Rat der EKD als „Botschafter“ unserer Kirche nach Berlin kam, habe ich meine Hamburger Erfahrungen über die Situation von Langzeitarbeitslosen in die Gespräche erst mit Minister Riester, dann mit Minister Clement und vielen anderen Politikern eingebracht.
„Hört denn die Politik auf Euch?“, werde ich bei Besuchen in den Landeskirchen immer wieder gefragt. Die Politiker hören sehr genau zu, und es gibt eine positive Grundstimmung gegenüber den Kirchen, deren Anregungen und Wünsche einzubeziehen. Unsere konstante Frage: „Was geschieht durch die Hartzreformen für Langzeitarbeitslose?“, hat sicher dazu beigetragen, dass in der letzten Beratungsphase vor einem Jahr noch ein zusätzliches Förderprogramm für 100.000 Arbeitsplätze für diesen Personenkreis beschlossen wurde.
Liebe Gemeinde, die Reformen des Sozialsystems bringen vielen Bürgern Mehrkosten und Leistungskürzungen. Der härteste Eingriff aber wird die Arbeitslosen treffen, die bis zum Jahresende noch Arbeitslosenhilfe erhalten. Die Herabstufung auf Sozialhilfeniveau wird die Lebenssituation vieler Menschen verdunkeln. Die Politik kann diesen schweren Eingriff nur rechtfertigen, wenn sie für diesen Personenkreis neue Brücken in den Arbeitsmarkt baut. Die Hartzreformen reichen dazu erkennbar nicht aus.
„Tu deinen Mund auf für die Stummen“. Dieser Appell aus dem Buch der Sprüche der in meiner Berufungsurkunde steht, ist in unserer Arbeit auch in einem anderen Bereich sehr konkret geworden. Ich meine den Einsatz der Kirche für Flüchtlinge. Dies ist kein populäres Thema in einem Land mit viereinhalb Millionen Arbeitslosen. Entsprechend schwer tut sich die Politik mit notwendigen Veränderungen der Gesetzeslage.
Und dennoch ist auch von hilfreichen Wendungen zu berichten. Als vor zwei Jahren die Abschiebung von gefolterten Flüchtlingen aus Bosnien diskutiert wurde, haben mein katholischer Kollege Prälat Jüsten und ich einen Brief an Bundesminister Schily geschrieben. Er konnte die Innenminister der Länder für einen Beschluss gewinnen, der sicherstellt, dass Menschen nicht dorthin zurückkehren müssen, wo sie traumatisiert wurden. Flüchtlinge, die in Deutschland eine Therapie durchgeführt oder angefangen haben, erhielten ein Bleiberecht.
Flüchtlinge sind schmerz beladene Zeugen dafür, wie sehr die Schöpfung in Wehen liegt. Von Hunger und Vergewaltigung, vom Ausgeliefertsein an Folterknechte und Todesangst können sie erzählen, wenn sie nicht aus Kummer oder Scham verstummten. Bei der strittigen Diskussion des Zuwanderungsgesetzes haben sich die Kirchen auf den humanitären Flüchtlingsschutz konzentriert.
Im vergangenen Jahr haben wir viele Gespräche mit dem Innenpolitiker der Union geführt. Und wir sind froh, dass wichtige Anliegen der Kirchen von einer Härtefallklausel bis zur Abschaffung der Kettenduldung heute zwischen Regierung und Opposition nicht mehr strittig sind, sondern in den Kompromiss aufgenommen wurden, der am Donnerstag besiegelt wurde. Die Kirchen haben auf verschiedenen Ebenen zu dieser Einigung beigetragen.
„Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick gemeinsam seufzt.“ Lassen Sie uns einen Moment über das Wort „gemeinsam“ nachdenken:
„Gemeinsam seufzen“. Es ist ja nicht so, dass die Welt eindeutig und bleibend in Starke und Schwache aufzuteilen wäre. Selbst der vermeintlich starke Mensch ist am Ende und am Anfang – und oft auf dem Wege – ein Schwacher.
Ich bin Seelsorger für die 255 evangelischen Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Neben meinem diplomatischen Auftrag habe ich auch dieses pastorale Mandat. Abgeordnete sind betroffen von Krankheiten oder dem Tod naher Angehöriger – so wie andere Menschen auch. Aber mehr als andere sind sie bedroht von einem plötzlichen Abbruch der Karriere, von Personalentscheidungen, die sie als umgerecht empfinden: die nicht erfolgende Nominierung für ein wichtiges Amt oder der Verlust der Mehrheit in ihrem Wahlkreis. Noch schmerzlicher ist der Verlust der Mehrheit in der eigenen Partei. Entsprechend angespannt sind oft die menschlichen Beziehungen zu Parteifreunden. Das Verhältnis zum politischen Gegner ist menschlich manchmal entspannter und freundlicher. Sie kennen ja vielleicht die schmerzhafte Steigerung von Feind – Todfeind –Parteifreund.
Persönliche Gespräche, die ich mit Abgeordneten führe, haben immer wieder einmal diesen Hintergrund.
Ich wundere und freue mich, wie viele der evangelischen Abgeordneten regelmäßig Kontakt zu unserer Dienststelle halten – etwa indem sie unser Gebetsfrühstück besuchen. Die Abgeordneten sind in 22 Sitzungswochen insgesamt nur 88 Tage in der Hauptstadt. Wie viel muss da in kurzer Zeit gearbeitet, wie viele Kontakte gepflegt werden. Mit unserem Frühstück sind wir allerdings auch mutiger als die Lobbyisten und wagen es, zu 7.30 Uhr einzuladen. Wie gesagt, mit gutem Zuspruch. Ein in seinen Teilnehmern wechselndes Drittel der Abgeordneten reagiert mit einer Anmeldung. Vor kurzem wankte ein Abgeordneter - der wohl eine kurze Nacht hinter sich hatte – durch die Tür und fragte mich: „Herr Reimers, wissen Sie eigentlich, was Sie uns antun?“ – Aber er war da.
Vor drei Wochen hat sich unsere Kirche an den 60. Jahrestag des Barmer Bekenntnisses erinnert. Die Grenzen zwischen Staat und Kirche mussten in einem mühsamen Prozess gelernt werden. Im Angesicht von Terror und Einschüchterung erklärten damals die Mitglieder der Bekenntnissynode: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden ... und sich die Kirche abseits von ihrem Dienst besondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestaltete Führer geben und geben lassen.“
Die Synodalen von Barmen beugten sich nicht dem Führerkult jener Jahre. Viele andere Christen und Kirchenvertreter haben sich damals angepasst oder waren selbst Ideologen. Durch Schuld und Schmerzen jener Zeit belehrt, begleiten die Kirchen den heutigen Staat in kritischer Solidarität. Immer bereit, an den Grenzen mit zu wachen über den Schutz des menschlichen Lebens an seinem Beginn und seinem Ende. Oder dort, wo soziale Kälte droht und alte, kranke oder behinderte Menschen ausgegrenzt werden könnten.
Wenn ich von unserer Arbeit berichte, höre ich manchmal die Reaktion: „Muss die Kirche so politisch sein?“ Die Alternative heißt Schweigen und denen Argumente zu liefern, die immer noch Religion als Opium für das Volk abqualifizieren möchten. Die Kirchen haben wichtige Worte und Denkschriften in den politischen Diskurs eingebracht. Von der Ostdenkschrift bis zum Gemeinsamen Wort der Kirche zur wirtschaftlichen und sozialen Lage, die ich selbst auch als Staatsbürger nicht missen möchte. Wer nicht beeinflusst, dankt ab.
Liebe Gemeinde, der Predigttext aus dem Römerbrief beschreibt eindringlich die Wehen und Krisen, die uns ergreifen und uns seufzen lassen. Doch er nennt auch einen Ausblick: „Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – doch auf Hoffung.“ Diese Hoffnung wollen wir bezeugen durch unser Leben und unser Tun. Deshalb schließe ich mit einem mutmachenden Bonhoeffer-Wort:
„Optimismus ist in seinem Wesen eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen....
Mag sein, dass der jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht."
Amen.