Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias im Berliner Dom
Prälat Dr. Stephan Reimers
11. Januar 2009
Liebe Gemeinde,
die Geschichte von der Taufe Jesu, die wir als Evangeliumslesung hörten, ist der Predigttext dieses Sonntags. Er schließt mit den Worten: „Und siehe, eine Stimme vom Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Dieser Satz ist das entscheidende Wort der Taufgeschichte: Jesu Wirken beginnt mit einer Liebeserklärung des Vaters an seinen Sohn: Du bist mein geliebter Sohn, dein Schicksal liegt mir am Herzen.
Und dieses Wort, liebe Gemeinde, gilt auch uns: Jesus Schwestern und Brüdern, jedem einzelnen von uns. Denn das ist ja unser Glaube, dass Gott uns fehlerhafte und schwache Menschen im Lichte und durch die Augen seines Sohnes ansieht und jede und jeder von uns durch die Taufe in diese Liebesbeziehung hineingenommen wird: „Ich habe dich bei deinem Namen genannt, du bist mein“ (Jes 43,1).
Es ist wunderbar, wenn Eltern ihren Kindern dieses Gefühl und diese Gewissheit vermitteln können, du bist meine liebe Tochter, du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen, nichts kann uns trennen. Durch unsere Gemeinschaft mit Jesus Christus dürfen wir aber noch viel umfassender vertrauen, dass nämlich der Urgrund des Lebens - so wie es gute Eltern tun - zu uns steht. Dies ist ein Zauber und Wärmestrom, der uns durch alle Schwierigkeiten des Lebens hindurch tragen und behüten kann.
„Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes“ (Röm 8,39). Das ist das Evangelium unseres Predigttextes, den Luther für einen der zentralen Texte der gesamten Bibel hielt: „da fängt das neue Testament an“ schreibt er (WA 20, S. 218).
Die Geschichte von der Taufe Jesu handelt aber nicht nur vom Evangelium, von guter Botschaft, sondern auch vom Gericht, von Buße und Umkehr, zu der Johannes der Täufer die Menschen an den Jordan ruft. Und sie kommen in Scharen aus ganz Judäa, von allen Ländern des Jordans und aus Jerusalem. Von dort musste man 1200 Höhenmeter hinabsteigen, um die Taufstelle zu erreichen. Das Wort Jordan stammt von dem hebräischen Verb jarad - herabsteigen. Von den schneebedeckten Bergen des Hermon fließt das Wasser des Flusses mit starkem Gefälle zur tiefsten Stelle der Erde - 400 Meter unter dem Meeresspiegel. An diesem abgelegenen Ort am Rande der Wüste lebte der Täufer, trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel, seine Speise waren Heuschrecken und wilder Honig; Kennzeichen eines alternativen Lebensstils. Seinen Protest verkündigt er nicht nur, er lebt ihn. Auch diese äußerliche Absage an städtische Lebenskultur und gesellschaftliche Konvention machten ihn zu einem glaubwürdigen Gegenspieler von Tempel und Palast. Später muss er seine offene Kritik am sittlichen Fehlverhalten des Königs Herodes mit dem Leben bezahlen.
Das Verhalten seiner Zeitgenossen sieht Johannes als so verdorben und korrupt an, dass das Gericht unmittelbar bevorstehen muss: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ Anhängern der religiösen Gruppen, wie Pharisäern und Sadduzäern, schleudert er drohend entgegen: „Ihr Schlangenbrut… schon ist den Bäumen die Axt an die Wurzel gelegt.“
Diejenigen, die sich ihm zuwenden, taucht er in das damals noch rauschende Jordanwasser ein, ein Symbol ungebrochener Natürlichkeit: Eine äußere und innere Reinigung, die einen neuen Anfang setzen soll. Er tauft sie.
Viele kommen. Johannes Predigt scheint eine Erneuerungssehnsucht angesprochen zu haben. Eine Erweckungsbewegung entsteht, die Menschen von weither zum Jordan pilgern lässt. Jesus kommt aus Galiläa, 10 Tageswanderungen entfernt. Als er vor Johannes steht, zeigt sich, dass der Täufer nicht nur die gesellschaftlichen Verhältnisse durchschaut, sondern überhaupt ein Mann ist, der Augen hat zu sehen. Er wehrt Jesus ab. „Ich hätte es nötig von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortet ihm: Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s geschehen.“ (Mt 3, 14 f.).
Liebe Gemeinde,
warum lässt sich Jesus taufen? Der Hebräerbrief ist überzeugt, dass Jesus ohne Sünde war. Er sei in allem versucht, aber nicht schwach geworden (Hb 4, 15). Aber schon der Begriff der Versuchung bringt Jesus in Nähe zu uns. Denn der Begriff Versuchung wäre falsch gebraucht, wenn nicht auch die Gefahr des Nachgebens bestehen würde.
Jesus hat die Versuchungen bestanden, aber er fühlt Solidarität mit denen, die es nicht schaffen.
Liebe Gemeinde,
wir blicken zurück auf ein Jahr der Buße und der Selbstkritik. Die Bundeskanzlerin hat bekannt, dass die Welt über ihre Verhältnisse gelebt habe und im Bankenwesen schwerste Fehler gemacht wurden. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Jürgen Thumann, hat die Gier von Finanzmanagern angeprangert. Und wir sind erschüttert über den Tod von Adolf Merckle. Der in Finanznot geratene Unternehmer und Milliardär hat die Folgen seiner Fehlspekulationen, die Ohnmacht, in die er sich gedrängt sah, nicht länger ausgehalten und sich das Leben genommen.
Jetzt sollen die Finanzmärkte neu geordnet werden. Eine soziale Marktwirtschaft im Weltmaßstab wird angestrebt. Aber werden die notwendigen Taten folgen? Im öffentlichen wie im privaten Leben gibt es eine Buße ohne Reue. Wenn problematische Ereignisse ohnehin nicht mehr verschwiegen werden können, gibt man sie zu und übernimmt Schuld und Verantwortung. Aber folgen Veränderungen? Wie soll die Gier gezähmt werden?
Liebe Gemeinde,
unser Predigttext berichtet, dass Johannes anders als die Propheten vor ihm, die Bußfertigen taufte. Er will, dass seine Predigt nicht nur als theoretische Lehre angenommen wird, sie soll vielmehr Leben und Handeln der Getauften konkret bestimmen. Dieses Zeichen eines neuen Bundes hat auch Jesus angesprochen. Denn er hat sich nicht nur selbst taufen lassen, sondern die Taufpraxis des Johannes ebenso übernommen wie dessen Predigt: Tut Buße, denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Deshalb haben wir heute hier im Dom zwei Kinder getauft und sie so in unsere christliche Gemeinschaft aufgenommen. Ihre Eltern können ihnen später berichten, wie wunderbar der heutige Predigttext von der Taufe Jesu zu ihrer eigenen Taufe passte. Denn wie eng die eigene Taufe und die Taufe Jesu zusammengehören, hat Martin Luther so beschrieben: „Du sollst deine Taufe von der Taufe Christi nicht absondern. Du musst mit deiner Taufe in die Taufe Christi kommen, also dass Christi Taufe deine Taufe, und deine Taufe Christi und aller Ding eine Taufe sei“ (WA 51, S. 111).
Liebe Schwestern und Brüder,
durch unsere Taufe sind wir unwiderruflich in Gottes Heilsgemeinschaft aufgenommen, eine neue Kreatur, berufen zu einem Leben aus Glauben zur täglichen Umkehr und Nachfolge. Und auch wenn wir scheitern und schwach werden, gehören wir doch untrennbar zu dem, der uns vor Gott vertritt und dem das Wort gilt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“
Amen

