Eröffnungspredigt der EKD-Synode 2001 in Amberg: Gottes Treue im Wandel der Zeiten (Hebäer 10)

Johannes Friedrich

04. November 2001 (6. Tagung der 9. Synode der EKD)

Landesbischof Dr. Johannes Friedrich

Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken. Denn Gott ist treu, der sie verheißen hat. Und lasst uns aufeinander acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken. Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt.


Liebe Gemeinde hier in Amberg und an den Fernsehschirmen!

Woran können wir uns festhalten in unsicherer Zeit? Worauf ist Verlass, wenn sich alles verändert? Wem kann ich vertrauen, wenn jeder nur für sich selbst kämpft?

Das sind Fragen, liebe Gemeinde, die uns alle zur Zeit beschäftigen.
Politisch hat sich seit dem 11. September vieles verändert: Angst vor Terror macht sich breit. Die Sorge um den Frieden wächst. Und zum Mitleid mit den Opfern von New York kommt das mit den Flüchtlingen aus Afghanistan.

Aber jenseits der Weltpolitik machen sich Menschen auch ganz persönlich Sorgen. Wie geht es weiter mit den Arbeitsplätzen in Landwirtschaft und Industrie, mit ihren Familien und ihrer Gesundheit.

Sie möchten wissen, was die Kirchen, was die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, zur wirtschaftlichen und friedenspolitischen Situation sagt. Wir haben davon am Anfang des Gottesdienstes gehört. 

Woran können wir uns festhalten? Worauf ist Verlass? Wem kann ich vertrauen?

Die Sorge um die wirtschaftliche Existenz und die der eigenen Familie, die Sorge um eine friedliche Zukunft für uns und unsere Kinder, die beschäftigt die Menschen überall auf der Welt.

Das war auch schon so zur Zeit der ersten Christinnen und Christen. Der Predigttext aus dem Hebräerbrief spiegelt die Probleme einer damaligen Durchschnitts-Gemeinde. Ursprünglich war man begeistert, um nicht zu sagen "Feuer und Flamme" für Jesus Christus. Aber im Lauf der Jahre hat dies nachgelassen. Nächstenliebe, gute Werke und auch der Gottesdienstbesuch ließen zu wünschen übrig. Man sieht also, in dieser Hinsicht unterschieden sich die Gemeinden damals gar nicht so sehr von so manchen Gemeinden bei uns. Volle Gottesdienste wie heute und Hilfe für eine Flüchtlingsfrau oder einen bettlägerigen alten Mann waren damals wohl eher selten geworden.

Doch das wäre noch gegangen, wenn die Christen nicht eine Unsicherheit erfasst hätte, die an die Substanz ging. Es war zu Verfolgungen gekommen. Einzelne saßen im Gefängnis, wie die Christen von Shelter-Now heute in Afghanistan.

Das brachte großes Leid über Familien und nahm vielen die Hoffnung. Ihr Bekenntnis zu Jesus Christus geriet ins Wanken. Menschen lebten in Angst. Manche fürchteten, es würde noch schlimmer werden. Deshalb waren sie drauf und dran, die Geduld zu verlieren und ihren Glauben und ihr Vertrauen wegzuwerfen.
 
Schreckliche Ereignisse im persönlichen Leben, aber auch in der Weltgeschichte, verändern Glauben und Leben. Wir kennen das.
Ich habe dies selbst erlebt. Als Propst der evangelischen Gemeinde von der EKD nach Jerusalem geschickt, war ich dort während des Golfkrieges und der Raketenangriffe, die Gas über uns hätten bringen sollen. Ich habe zusammen mit meiner Gemeinde die Angst bei diesen Angriffen gespürt, habe erfahren, welche Kraft uns allen unser Glaube an Gott gab, der uns beschützen will.

Gott sei Dank gibt es bei uns in Deutschland keine solchen konkreten Angriffe und keine Verfolgungen von Christen. Dennoch fühlen sich auch unter uns Menschen manchmal wie verfolgt:

  • Da hat eine Familie seit Generationen einen Hof. Aber plötzlich geht es abwärts, Schlag auf Schlag, bis nichts anderes mehr übrig bleibt, als zu verkaufen.
  • Da hat ein Betrieb eine Region ein Jahrhundert lang mit Arbeitsplätzen versorgt. Aber plötzlich ist die Konkurrenz stärker und es geht Schlag auf Schlag, bis er zerfällt.
  • Da dachten wir, nach dem Ende des kalten Krieges würde es keine weltbedrohenden Kriege mehr geben, aber es geht wieder Schlag auf Schlag: Bosnien, Kosovo, Mazedonien und jetzt Afghanistan.
  • Da hofften wir auf ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen, aber mit einem Schlag verbreiten sich Misstrauen und Angst.

Woran können wir uns festhalten? Worauf ist Verlass? Wem kann ich vertrauen?

Als die ersten Christen im Begriff waren, die Geduld zu verlieren und ihr Vertrauen und ihren Glauben weg zu werfen, erhielten sie einen Brief.
Apostel wie Petrus und Paulus griffen damals immer wieder zur Feder, um Gemeinden in Not zu stärken. Und wenn ein solcher Brief eingetroffen war, holte man alle zusammen, um ihn gemeinsam zu lesen. Denn man wusste: es waren hilfreiche Briefe.

Auch in unserer Zeit werden Briefe verschickt, leider nicht nur hilfreiche, sondern auch gefährliche Briefe. Ihr tödlicher Inhalt ist bekannt. Wir haben wohl alle vorgestern gebangt. Diese Briefe sind die hinterhältigste Form, Menschen Hoffnung, Gesundheit und das Leben zu nehmen.

Ganz anders der Brief, den jene verunsicherten Gemeinden damals in Händen hielten. Ich stelle mir vor, wie ihn einer oder eine vorliest. Und alle spüren: Dieser Brief ist von der ersten bis zur letzten Seite vollgeschrieben mit Gottes Liebe. Er ist angefüllt, von der ersten bis zur letzen Zeile, mit Christi Erbarmen. Und er ist durchdrungen, Buchstabe für Buchstabe, mit Heiligem Geist. Sein Inhalt: Leben und Segen im Namen des dreieinigen Gottes.

Es ist auch für uns gut, liebe Gemeinde, einen solchen Brief der Liebe Gottes von Zeit zu Zeit wieder zu lesen. Das macht man ja auch sonst so bei einem Liebesbrief. Denn auch in der menschlichen Liebe verliert man manchmal die Geduld und zuweilen auch die Hoffnung. Da hilft es, nachzulesen: was hat sie, was hat er mir damals geschrieben?

Wer im Hebräerbrief nachliest, was Gott uns in schwierigen Zeiten schreibt, wird ins Zentrum des christlichen Glaubens geführt. Zum Kreuz Jesu Christi.

Fast unmerklich taucht es an verschiedenen Stellen dieser Kirche auf.
Da ist der alte barocke Kruzifixus. Der Schmerzensmann, der in großer Treue die Arme für uns ausbreitet, um uns zu zeigen, dass wir uns auf seine Liebe verlassen können.
Da ist das Vortragekreuz, hinter dem wir zu Beginn dieses Gottesdienstes gegangen sind, an dem sich Menschen seit Jahrhunderten festhalten, wenn sie von der Wiege bis zur Bahre ihre Lieben Gott anvertrauen und da ist auch das Kreuz, das im Zentrum des Altarraumes steht.

Der Künstler Karlheinz Hofmann hat es als Lebensbaum geschaffen. Von dem Gekreuzigten gehen helle Strahlen aus, die Licht und Leben in die Welt bringen. Im goldenen Schein liegt der Kreis, der an die Erde im Licht der Auferstehung erinnert. Gehalten ist sie vom Kreuz, an dem Christus seine segnenden Hände ausstreckt.

Man muss genauer hinsehen, um sein Geheimnis zu verstehen. Zwei kleine Reliefs führen tief hinein ins Zentrum der christlichen Botschaft: sie zeigen die Friedfertigkeit und die Selbsthingabe Gottes:

  • Das erste: "Jesus trägt sein Kreuz". Ja, liebe Gemeinde: Er  trägt weder eine Waffe, noch eine Bombe, noch einen Sprengsatz um seinen Leib. Unser Gott trägt sein Kreuz!
  • Das zweite: "Jesus wird ins Grab gelegt". Er scheut den Tod nicht. Aber nicht, um möglichst viele Unschuldige mit in den Tod zu reißen. Unser Gott opfert sich, um alle Schuldbeladenen dieser Welt zu erlösen!
    Deshalb gehen Licht und Leben von diesem Kreuz aus. Deshalb strahlt Gottes Liebe golden in unsere Welt.

Das alles kann man im Hebräerbrief nachlesen. Er will nur eines: Uns wieder Hoffnung geben. Unser ins Wanken geratene Bekenntnis zu Jesus Christus auf festen Grund stellen. Uns jetzt erst recht gegenseitig anreizen zur Liebe und zu guten Werken. Ja, letztlich ist der Hebräerbrief nichts anderes als eine vertrauensbildende Maßnahme Gottes an uns, damit wir ihm wieder neu glauben und vertrauen. Und das hat Auswirkungen für unser Leben und unsere Welt.

Wie die aussehen könnten?

  • Wir dürfen Gott vertrauen, dass er auch weiterhin Saat und Ernte schenken und für Familien in der Landwirtschaft ganz neue Lebensperspektiven eröffnen wird, wie ich dies erst in der letzten Woche habe erleben dürfen.
  • Wir können in Betrieben aufeinander Acht haben, um den Sprung vom Alten ins Neue gemeinsam zu schaffen, vom Emaille zum E-Mail, wie das geflügelte Wort hier in Amberg heißt, und so Menschen auch künftig Arbeit und Lohn geben.
  • Wir sollen mit Geduld unsere politische Vernunft zu dem guten Werk gebrauchen, Menschen vor Terror und Krieg schützen. Denn nicht nur Krieg, sondern auch Terror dürfen nach Gottes Willen nicht sein.
  • Wir dürfen den Islam nicht grundsätzlich verteufeln, sondern wir wollen Gläubige unterschiedlicher Religionen anreizen zur Liebe und so einen Wettstreit im Frieden-Stiften und Leben-Ermöglichen entfachen, und damit gleich heute anfangen .

Und was haben wir davon?
Liebe Gemeinde, es wird immer Menschen geben, die so fragen und lieber sich selbst in Sicherheit bringen – nach dem Motto: "nach mir die Sintflut!". Als Glaubende sind wir aber der Sintflut entkommen. Deshalb vertrauen wir auf Gott und erfüllen unser Bekenntnis mit Leben, so, damit die Welt etwas davon hat.

Denn unser treuer Gott hat uns verheißen, dass wir am Ende der Tage nicht mit leeren Händen dastehen werden. Im Gegenteil. Eine große Belohnung erwartet uns. Und die wartet auf uns unabhängig davon, ob wir erfolgreich waren in unseren Bemühungen in Politik und Wirtschaft und im persönlichen Leben oder ob wir dabei Sünde und Schuld auf uns geladen haben.

Allein der Glaube an Christus öffnet uns den Weg ins Paradies: Sola fide. Allein Gottes Gnade lässt uns in Ewigkeit leben: Sola gratia. In diesen alten reformatorischen Rufen liegt die Gewissheit: Auf Gottes Gnade ist auch in diesen schwierigen Zeiten Verlass. Unser Glaube steckt auch heute voller Verheißungen.

Und damit dies die Amberger Landfrauen, Fabrikarbeiter, Handwerker und Geschäftsfrauen nicht vergessen, hat dies die hiesige Gemeinde nicht zwischen den Buchdeckeln der Bekenntnisschriften gelassen, sondern mitten auf ihre Kirchenwände geschrieben. Mit schönen großen Buchstaben, wie sich das gehört.
Und diese erinnern auch die Synodaltagung der Evangelischen Kirche in Deutschland: Sola fide. Sola gratia. Darauf ist Verlass. Daran können wir uns festhalten. Dem können wir vertrauen. Gott sei Dank. Amen.



erweiterte Suche

 

Das könnte Sie auch interessieren...


Gesucht: Landeskirchen?

EKD-Kirchenkarte

Zu den verschiedenen Kirchen in den Regionen finden Sie am schnellsten über unsere Kirchen-Karte.