Eröffnungspredigt zur 7. Tagung der 8. Synode in Borkum
Walter Herrenbrück
03. November 1996
Als ich den Text für diese Morgenandacht suchte, bin ich im Matthäus-Evangelium im 13. Kapitel hängengeblieben bei dem Stichwort von den "Geheimnissen des Himmelsreichs", Vers 11. Jesus hatte vor einer großen Menschenmenge in Gleichnissen davon gesprochen, von den Geheimnissen des Himmelreichs, und sie seinen Jüngern auf Nachfrage auch noch einmal gedeutet. Vor einer großen Menschenmenge, ausgerechnet vor Menschen, die nicht zum Kreis der Eingeweihten, der Jüngerinnen und Jünger, der Wissenden, der Nachfolgerinnen und Nachfolger gehörten.
Seine Jünger hatten Zweifel, ob das die richtige Methode, der richtige Weg war, Menschen zu erreichen. Sie fragten ihn: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Warum so verschlüsselt, warum nicht direkt? Warum machst du kein verständlicheres Angebot, warum holst du sie nicht da ab, wo sie sind? Warum mutest du ihnen solche Umwege zu? Wie willst du sie erreichen, wenn du nicht ihre Sprache sprichst?
Jesus geht davon aus, daß seine Jünger die Geheimnisse des Himmelreichs ja doch eigentlich verstehen. Trotzdem erläutert er es ihnen auf ihre Bitten noch einmal, worauf es denn bei ihnen, bei den Menschen, bei dem Volk, an das er sich wendet, ankommt, nämlich: Mit den Augen sehen, mit den Ohren hören, mit dem Herzen verstehen und dann - in Vers 15 - sich bekehren. Dann ist ihnen geholfen.
Jawohl, sich bekehren. Das steht nicht am Anfang, dafür gibt es keinen Schnellkurs, das folgt aus dem Hören, dem Sehen, und zwar dem genauen Hinsehen, dem Verstehen mit dem Herzen und ist ein immerwährender Vorgang. Das hat man nie hinter sich.
Auch die Jünger haben damals allerdings ziemlich schnell "ja" gesagt, als Jesus sie gefragt hat, ob sie denn das alles verstanden haben. Jesus sagt ihnen, daß die Jünger des Himmelreichs einem Hausvater gleichen, der aus seinem Schatz Neues und Altes - in dieser Reihenfolge, Neues und Altes - hervorholt.
In der Synagoge hat Jesus dann in Aufnahme des Textes aus Jesaja den Schlüssel zu den Geheimnissen des Himmelreichs präsentiert. Ich lese, wie das im Lukas-Evangelium steht: "Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, daß sie frei sein sollen, und den Blinden, daß sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn."
Das hat die Frommen entsetzt. Und ich glaube, daß Ärger und Entsetzen eine angemessene Reaktion auf die Zumutungen des Evangeliums sind. Wir müssen sehr auf der Hut sein, wenn uns der Beifall für das Evangelium der Armen zu leicht und glatt über die Lippen geht.
Jesus wird in seiner Umgebung gefragt, woher denn seine Kraft, sein Mut, seine Visionen kommen. Das ist doch die Frage, nach der wir uns in der Kirche so schmerzlich sehnen, das fragt uns niemand mehr. Und daß sie nicht gestellt wird, beleuchtet unsere Schwäche. Welche Richtung hat die Kraft, die uns treibt? Der Eindruck ist vielmehr: Wir werden hin- und hergetrieben von der Sorge um Mitgliederbestand, von kurzatmigen Versuchen, Profil zu gewinnen, von der Angst vor Erneuerung. Wie kann der Glaube der Christenheit seine gestaltende Kraft in unserer Welt erweisen?
Vielleicht müssen wir Abschied nehmen von der Vorstellung, die Kirche sei die Hüterin der Geheimnisse des Himmelreichs, sozusagen die Agentur, die sie verwaltet, und habe nur geeignete Wege der Evangelisation zu finden. Sind wir nicht vielmehr alle Hausväter und Hausmütter, die aus dem Schatz immer wieder Neues und Altes hervorholen, und selber wieder unsere Sinne schärfen lassen, das heißt, genau hinsehen, aufmerksam hören. Und wenn wir mit dem Herzen verstehen, ist es gar keine Frage, daß wir uns täglich neu bekehren müssen - zu Jesus, zur Welt und zur Kirche.
Herr, du wirst kommen und all deine Frommen, die sich bekehren, gnädig dahin bringen, da alle Engel ewig, ewig singen: "Lobet den Herren!"

