Bibelarbeit der 7. Tagung der 8. Synode in Borkum

Axel Noack

04. November 1996

 Lassen Sie uns diesen Morgen beginnen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erden gemacht hat.

Wir wollen das Lied 444 singen. Ich habe es nicht ausgesucht, um gegen das reale Wetter zu protestieren, sondern weil der Dichter ganz aus der Nähe meiner Heimat stammt und weil sich vor allen Dingen die letzte Strophe für Gremien eignet, die eine sitzende Tätigkeit ausüben.

Ich bete: Herr Gott, himmlischer Vater, öffne uns, daß wir dein Wort recht hören. Lenke unsere Herzen und unsere Gedanken. Sei du hier unsere Mitte. Hilf, daß wir auch heute morgen deinem Namen die Ehre geben. Das bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder, ich habe Ihnen einen Zettel auf den Platz legen lassen, einen Zettel mit dem Bibeltext, den ich ausgesucht habe, angeregt durch die Losung des heutigen Tages, einen kleinen Abschnitt aus dem 1. Buch Mose, aus der großen Josephsgeschichte. Vielleicht ist es vermessen, in einer halben Stunde so eine Josephsgeschichte zugrunde zu legen. Gestern wurde gesagt, man müsse von der Bibel erzählen. Die Josephsgeschichte braucht man nur zu lesen, sie ist schon Erzählung genug.

Es geht nicht um "Joseph und seine Brüder", sondern ganz knapp um Joseph und seine Söhne. Das ist viel kürzer zu fassen als "Joseph und seine Brüder".

Ich habe mich aus zwei Gründen für diesen Losungsvers entschieden. Sie wissen, Joseph ist der, der die Träume des Pharao gedeutet hat. In seiner Traumdeutung kommt er zu folgender Aussage: Es wird sieben fette und sieben magere Jahre geben. Nebenbei hat er sich mit seiner Traumdeutung auch noch eine Festanstellung beim Pharao besorgt, indem er zum zweiten Mann nach Pharao eingesetzt wurde.

Mir fällt auf, daß man in letzter Zeit aus ministerpräsidentlichem, aber auch aus bischöflichem Munde öfter hört, es begännen die sieben mageren Jahre. Die große Zeitung "Die Zeit" hatte eine lange Artikelserie über die sieben mageren Jahre, und unsere Zeitungen in Sachsen-Anhalt haben in der vergangenen Woche nach dem Wirtschaftsgutachten auch gemeint, das Wirtschaftsgutachten sei mindestens für Ostdeutschland so zu deuten, daß jetzt die sieben mageren Jahre begännen.

Hinzu kommt aber - und das ist ein zweiter Grund für mich -, heute genau vor sieben Jahren, am 4. November 1989, war der Tag, an dem man wahrscheinlich am meisten geträumt hat. Da war noch vor der Maueröffnung diese riesengroße Demonstration in Berlin, auf der öffentlich zum Träumen aufgefordert wurde.

Da waren Träume dabei, die man sich gar nicht mehr zu sagen wagt, damals bejubelt und beklatscht von vielen tausend Menschen. Ein Traum war zum Beispiel: Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg! -

Es waren auch schon andere Träume dabei. Ich kann mich noch gut an ein großes Plakat erinnern, auf dem der alte DDR-Witz stand: Lieber rückwärts in den Intershop als vorwärts zum X. Parteitag!

Daran merkt man auch die Spannung, die damals schon da war. Aber immerhin, es sind Träume gewesen, genau vor sieben Jahren.

Vielleicht sollte man auch daran denken, daß heute vor genau 40 Jahren die Panzer in Budapest einzogen und Träume zerstört haben und für mehr als sieben schwere Jahre gesorgt haben.

Ich will jetzt gar nicht darüber nachdenken, ob es stimmt, daß die sieben mageren oder die sieben fetten Jahre jetzt beginnen. Aber man kann ja die Josephsgeschichte, angeregt durch unsere Losung, einmal unter der Frage lesen: Wie geht man eigentlich in magere Jahre hinein?

Da fällt auf, daß Joseph Vorsorge getroffen hat. Es war viel gewachsen, es wurde viel gespeichert. Wenn man das genau liest - dazu müßte man die ganze Josephsgeschichte lesen -, merkt man, daß die "Kultur des Erbarmens" bei Joseph auch nicht so ausgeprägt war. Er hat die angehäuften Güter ganz schön teuer verkauft. Die Leute mußten erst ihr Silber, dann ihr Vieh und schließlich ihre Äcker hergeben, um etwas aus Josephs Vorgärten zu bekommen.

Aber eines fällt doch auf, und dazu lese ich den Bibelvers um die Losung herum:

"Und das Land trug in den sieben reichen Jahren die Fülle. Und Joseph sammelte die ganze Ernte der sieben Jahre, da Überfluß im Lande Ägypten war, und tat sie in die Städte. Was an Getreide auf dem Felde rings um eine jede Stadt wuchs, das tat er hinein. So schüttete Joseph das Getreide auf über die Maßen viel wie Sand am Meer, so daß er aufhörte zu zählen; denn man konnte es nicht zählen. Und Joseph wurden zwei Söhne geboren, bevor die Hungerszeit kam; die gebar ihm Asenath, die Tochter Potipheras, des Priesters zu Hohn. Und er nannte den ersten Manasse; denn Gott, sprach er, hat mich vergessen lassen all mein Unglück und mein ganzes Vaterhaus. Den anderen nannte Ephraim; denn Gott, sprach er, hat mich wachsen lassen im Lande meines Elends."

Beide Namen sind irgendwie Programm. Im Zusammenhang mit der Übersetzung kann man sich streiten, ob das in den Namen schon drin steckt. Ich habe deswegen darunter die spröde, aber sehr sprachgewaltige Übersetzung von Buber/Rosenzweig abgedruckt. Die Namen sind irgendwie Programm in der Weise, daß man natürlich fragen kann: Hilft das etwas mit diesen Namen? Sie erinnern jedenfalls erst einmal an Gottes Güte. Ob man nun sagen muß, der eine, Manasse, sei mehr nach hinten in die Vergangenheitsbewältigung gerichtet, und der andere mehr nach vorn, mag dahingestellt sein.

Jedenfalls, beide erinnern an die Güte Gottes und das vor der Hungerzeit, vor den mageren Jahren erinnern die Kinder an die Güte Gottes. Ich stelle mir das praktisch und plastisch so vor, daß Joseph dann sagen kann: Hallo, Manasse, schön daß du da bist, immer wieder wenn die Schatten der Vergangenheit hochkommen, dann erinnerst du mich daran, daß Gott der ist, der "entsinken" lassen kann. Oder: Hallo, Ephraim, gut daß du kommst, ich hatte schon fast vergessen, daß Gott ja auch wachsen läßt im Lande des Elends. Kinder als Merkposten für die Treue und Güte Gottes. Da stockt man schon das erstemal und denkt, warum werden jetzt so wenig Kinder geboren. Es ist schon eine große Frage, wenn man in die mageren Jahre geht, wenn sie denn kommen, und wenn keine Kinder geboren werden. Wo sind dann die Merkposten für die Treue und Güte Gottes?

Ansonsten erfährt man ja in der Bibel nicht viel über die Söhne des Joseph. Sie kommen nachher noch einmal vor, vor allen Dingen als Stammväter, aber es gibt noch eine Stelle: Der "kleine Jakobsegen" über die Söhne Ephraim und Manasse. Auf dem Blatt unten habe ich dann noch die Bildstellen aufgeführt, wo man den großen, Ihnen bekannteren Jakobsegen über die Söhne des Josef und die anderen Jakobsöhne lesen kann, der schließlich zum Vorbild wurde für die großen Chagall-Fenster in Jerusalem. Hier also der kleine Jakobsegen:

"Danach wurde Joseph gesagt: Siehe dein Vater ist krank. Und er nahm mit sich seine beiden Söhne Manasse und Ephraim. Und Israel sah die Söhne Josephs und sprach: Wer sind die? Joseph antwortete seinem Vater: Es sind meine Söhne, die mir Gott hier gegeben hat. Er sprach: Bringe sie her zu mir, daß ich sie segne ...

Jakob streckte seine Hand aus und legte sie auf Ephraims, des Jüngeren, Haupt und seine Linke auf Manasses Haupt und kreuzte seine Arme, obwohl Manasse der Erstgeborene war. Und er segnete Joseph und sprach: Der Gott, vor dem meine Väter Abraham und Isaak gewandelt sind, der Gott, der mein Hirte gewesen ist mein Leben lang bis auf diesen Tag, der Engel, der mich erlöst hat von allem Übel, der segne die Knaben, daß durch sie mein und meiner Väter Abraham und Isaak Name fortlebe, daß sie wachsen und viel werden auf Erden."

So ganz feierlich ist es beim Segnen der Enkelkinder nicht zugegangen, das merken Sie, wenn Sie weiterlesen. Der Joseph ist nicht zufrieden und zerrt an der Hand des Vaters herum und will die Rechte auf den Kopf des anderen Sohnes legen. Man hätte sich auch noch vorstellen können - ich wage es kaum zu sagen -: Wenn nun der andere Großvater gekommen wäre, der ägyptische Priester, und hätte auch noch mitgesegnet, das wäre so richtig "multikulti" gewesen. Man kann sich vorstellen, was in idea gestanden hätte.

Es steht ja da, es wird Joseph gesegnet, indem der Großvater den Enkeln die Hände auflegt und an den Gott der Väter erinnert. So passiert das. Joseph wird gewissermaßen eingebunden in eine Kette des Vertrauens in die Güte Gottes. Das ist das, was der Großvater, der Alte, er ist ja schon über 140, also der alte Jakob seinem Sohn und seinen Enkeln mitgibt.

Sie merken, das ist schon ein bißchen mehr als nur Erzählen von dem, was man weiß aus der Bibel und von Gott. Es ist ein sehr direktes Erzählen, es ist ein Hineinbinden in eine Kette des Vertrauens in die Güte Gottes. Vielleicht kann man es auch so beschreiben, wenn man die Josephsgeschichte zugrunde legt: Glauben lernen heißt: sich festmachen oder festgemacht werden in einer Kette des Vertrauens in die Güte Gottes. Ein Band, das mich erst einmal ganz nüchtern mit anderen Menschen verbindet, mit den Vätern und mit den Kindern. Das wird beschrieben als das, was nötig ist, bevor die sieben mageren Jahre kommen.

Sie merken sofort, daß man unser heutiges Defizit dem gegenüber spürt: Wo passiert das noch, daß Glauben so weitergegeben wird, daß Menschen eingebunden werden in eine Kette des Vertrauens. Da merken wir es besonders im Osten, aber das gilt nicht nur für die Länder im Osten, sondern das gilt hier genauso. Da empfinden wir ganz stark, daß da ein Abbruch passiert. Und wenn man es genauer beschreiben will, dieses Eingebundenwerden in eine Kette des Vertrauens, dann kann man ruhig den Text des Martin Buber dazunehmen:

Warum sprechen wir: "Unser Gott und Gott unserer Väter!"? Es gibt zwei Gattungen von Menschen, die an Gott glauben. Der eine glaubt, weil es ihm von seinen Vätern und Müttern überliefert ist; und sein Glaube ist stark. Der andere ist durch das Forschen zum Glauben gekommen. Und dies ist der Unterschied zwischen ihnen: Des ersteren Vorzug ist, daß sein Glaube nicht erschüttert werden kann, wie vielen Widerspruch man auch vorbringen mag, denn sein Glaube ist fest, weil es von den Vätern überkommen ward; aber ein Mangel haftet daran: daß sein Glaube nur ein Menschengebot ist, erlernt ohne Sinn und Verstand. Des zweiten Vorzug ist, daß er, weil er Gott durch großes Forschen fand, zum eigenen Glauben gelangt ist; aber auch an ihm haftet ein Mangel: daß es ein Leichtes ist, seinen Glauben durch widerstreitenden Beweis zu erschüttern. Wer jedoch beides vereinigt, dem ist keiner überlegen. Darum sprechen wir "unser Gott", unserer Forschung halber und "Gott unserer Väter", um unserer Überlieferung willen.

Ich glaube, über beiden, über Überliefern und über Forschung, muß die Güte Gottes stehen, sonst gelingt es nicht. Das wird man in jeder Kirchengemeinde merken. Es gibt gerade ältere Gemeindeglieder, die sind tieftraurig und tief in ihrem Herzen beunruhigt, daß es ihnen nicht gelungen ist, trotz allem guten Willen an ihre Kinder etwas weiterzugeben. Meistens merken sie es an ganz formalen Dingen, zum Beispiel wenn die Kinder aus der Kirche austreten oder nicht zum Gottesdienst kommen. Das schmerzt viele Leute ganz tief. Es ist auch ganz schwer, damit umzugehen. Es muß über beiden die Anrede Gottes an den Menschen stehen, beim Forschen und beim Überliefern.

Aber könnte es nicht sein, daß wir das Forschen in den Vordergrund geschoben haben? Wir haben alle möglichen Hilfsmittel für Leute, die über den Glauben forschen wollen: Bibliotheken bis zum Internet. Wir können alles bereitstellen und hoffen immer noch ein bißchen -jedenfalls merke ich das in meiner pastoralen Alltagspraxis -, damit das Defizit der fehlenden Überlieferung, des Festmachens durch das Elternhaus ausgleichen zu können. Es ist eine Frage, ob man mit "Forschungsmitteln" dieses Defizit ausgleichen kann; vermutlich nie ganz. Ob die Gemeinde das ersetzen kann, was Elternhaus nicht leistet? Daß dieses Überliefern ein Stück abbricht, das merken wir allenthalben.

In einem meiner kleinen Vakanzdörfer habe ich sechs Konfirmanden. Ich habe Anfang des Unterrichtsjahres ankreuzen lassen, warum sie konfirmiert werden wollen. Ich hatte mögliche Antworten vorgegeben:

- weil sie vom Glauben etwas erhoffen, - weil Jesus Christus für sie wichtig ist, - weil die Eltern es wollen, - weil sie Geschenke brauchen, - weil sie viel Geld haben möchten.

Die Kinder haben alles angekreuzt, nur zwei sagten zu mir: "Bei mir ist es so, die Großeltern wollen es, meinen Eltern ist es egal."

Wie geht man damit um? Natürlich kann man sagen: Wir brauchen jetzt öffentlichen Anreiz zum Glauben. Evangelisation ist bitter nötig. Aber auch da kann man ganz oft feststellen: Wie fetzig die Sprache manchmal auch gewählt wird, setzt die Evangelisation letztlich doch damit ein, daß sie Bekanntes voraussetzt.

Sie erreicht auch immer nur Leute, die eigentlich schon ein bißchen wissen. Uns helfen die Materialien, die es besonders in den westlichen Kirchen in Hülle und Fülle gibt - Materialien zur Arbeit mit Ausgetretenen -, in der Regel fast nichts, weil wir meist mit Leuten zu tun haben, die nicht ausgetreten sind oder die sich zumindest nicht daran erinnern können, daß irgendwann, vor zwei Generationen, Austritte passiert sind.

Kann man Geschichten wie die von Joseph den Leuten erzählen, um ihnen Mut zu machen, den Glauben weiterzugeben? Man weiß natürlich, wie gefährlich das ist: Das klingt gleich nach autoritärem Handeln. Aber muß es nicht doch ein Vorleben geben? Man kann nicht nur vom Beten erzählen; man muß den Leuten vorbeten und muß mit ihnen beten.

Das ist eine Sache der Eltern, und ich denke, es ist eine der wichtigen Fragen für uns, ob wir es schaffen, den christlichen wie den nichtchristlichen Eltern zu sagen: Ihr bleibt euren Kindern etwas schuldig, wenn ihr sie nur informiert, ihnen aber nicht vorlebt, woran ihr euch haltet und wo ihr euch festmacht, wenn es ernst wird, wenn der Hunger und die mageren Jahre kommen. Ihr müßt euren Kindern sagen, wo ihr euch festmacht. Das muß man den Lehrern und den Eltern sagen.

In der EKD-Studie zum Religionsunterricht steht der schöne Satz: Überzeugungen bilden sich nicht im Niemandsland der Gleich-Gültigkeit. Wo alles gleichgültig ist, bilden sich keine Überzeugungen. Aber die Eltern können nicht nur die Schultern zucken und sagen: Ich weiß es auch nicht, Herr Pfarrer; kann das nicht die Schule, kann das nicht die Kirche machen? Dem müssen wir uns stellen.

Die Joseph-Geschichte zeigt uns ein Defizit auf. Aber sie berichtet auf der anderen Seite menschlich-nüchtern, wie das so funktioniert: daß Joseph noch eingreifen will und den Vater an der Hand zerrt, der Vater aber den gelassenen Satz sagt: Ich weiß wohl, mein Sohn.

Natürlich wird man sagen: Die Väter hatten damals noch mehr Autorität. Wo kann ein Vater oder eine Mutter einem Kind heute helfen? In der Schule schon ganz wenig und am PC in der Regel überhaupt nicht; da ist jeder 14jährige seinem Vater überlegen. Wo kann man also noch etwas vorleben und eine Überzeugung bilden, die nicht im Niemandsland der Gleichgültigkeit passiert?

Man sieht immer neidisch, daß es das gibt. Wir haben ja gestern hier den Satz gehört: "Ohne Gebet und Gottes Wort geh nicht aus deinem Hause fort!" Das ist ein Glaubenssatz, den man nicht demonstrieren kann. Man kann ihn nur mitkriegen. Er kann dann für einen ein Leben lang gültig werden, und er ist auch nicht durch einen widerstreitenden Beweis zu erschüttern, sondern er steht. Seine Begründung heißt einfach: "Das ist so, weil es so ist." Wir brauchen im Glauben solche Punkte, die nicht durch einen widerstreitenden Beweis erschüttert werden können. "Das ist so, weil es so ist", und damit wird die Begründung sozusagen in sich selber gegeben.

Das fehlt uns heute oft. Dem kann man sich, glaube ich, als Kirche und Gemeinde stellen, und dem müssen wir unser Tun, unser Evangelisieren und Missionieren auch unterordnen. Wir müssen einmal fragen, ob die Art, wie wir das machen, geeignet ist oder ob wir nur immer sagen: Komm, forsch mit uns! Lies mit nach! Wir haben alles vorbereitet, du kannst bei uns mitforschen.

Ich will dazu noch einen letzten Gedanken sagen. Man kann Joseph in einer solchen Geschichte, in der auf den Glauben der Väter verwiesen wird und Menschen in eine Kette des Vertrauens eingebunden werden, auch anmerken: Wenn es ganz dick kommt, kann man nicht mehr "final" - so sage ich einmal - argumentieren. Dann kann man nicht mehr sagen: "um zu" oder "damit das und das geschieht" - "Damit das Land nicht verödet, müssen wir Religionsunterricht halten." Es gibt andere so "final" ausgerichtete Sätze. Wenn es ganz dick kommt, kann man nur noch konsekutiv mit "weil" argumentieren. Dann kann man nur noch sagen: Jetzt geht es um Rückbindung und Gehorsam, um Bekennen und Verleugnen; jetzt geht es nicht mehr darum, etwas zu erreichen.

Aber auch da ertappe ich mich als Pfarrer immer wieder. Ich argumentiere mit Jugendlichen auch so, daß ich sage: Wir fangen damit an, keinen Abfall mehr wegzuwerfen, und wenn wir damit anfangen, machen das andere auch, und wenn es alle machen, wird die Welt gut. Aber was ist, wenn es kein anderer macht? Höre ich dann auch auf, es zu machen, oder habe ich in mir das Bewußtsein: Jawohl, das ist richtig, und ich lebe es auch dann, wenn es kein anderer macht? Das ist die Frage, wie wir an manches herangehen, ob wir Leuten um uns herum, in der Gemeinde und im Elternhaus, so etwas vermitteln und sie einbinden können.

Wir haben gestern im Gottesdienst im Gebet einen immerwiederkehrenden Vers gehört: "Wir trauen auf die Treue Gottes." Wenn das stimmt, ist es gut. Aber wie macht man sich an der Treue Gottes fest? Wie bindet man sich da ein, oder wie läßt man sich einbinden?

Einer, der uns das wirklich vorgemacht hat, war Martin Luther. Es fasziniert einen immer wieder und erschlägt einen manchmal auch ein bißchen, mit welchem Glaubensmut er in Situationen, auch in düstere Situationen, geht. In unserer Kirchenzeitung stand in der letzten Woche ein Text von ihm, der auch mit Anbinden zu tun hat, und besser kann man Rechtfertigung gar nicht beschreiben, als es dort steht. Ich lese das einfach einmal vor, damit das, was ich sagen will, noch etwas deutlicher wird.

"Mir ist es bisher wegen angeborener Bosheit und Schwachheit unmöglich gewesen, den Forderungen Gottes zu genügen. Wenn ich nicht glauben darf, daß Gott mir um Christi willen dies täglich beweinte Zurückbleiben vergebe, so ist's mit mir aus. Ich muß verzweifeln. Aber das laß' ich bleiben. Wie Judas an den Baum hängen, das tue ich nicht. Ich häng' mich an den Hals oder Fuß Christi wie die Sünderin, ob ich auch noch schlechter bin als diese. Ich halte meinen Herrn fest. Dann spricht er zum Vater: Dieses Anhängsel muß auch durch. Es hat zwar nichts gehalten und alle deine Gebote übertreten, Vater; aber er hängt sich nun mal an mich. Was will's? Ich starb für ihn. Laß' in durchschlupfen! Das soll mein Glaube sein."

Das ist ein Festmachen, wie man es sich nur wünschen kann. Wenn es uns gelingt, davon ein Stückchen zu transportieren, haben wir es, glaube ich, wirklich geschafft, und dann kann einem eine Geschichte wie die von Joseph mit dem Einfach-Hineinnehmen eine sprechende Geschichte werden. Das wäre ein richtiger Schritt; dorthin kommt man vielleicht durch Forschen, weil man weiß: Ich muß mich an Christus hängen, gleichgültig, wie es kommt.

Ich wünsche unserer Kirche, daß auch wir es schaffen, das nach außen zu demonstrieren und nicht nur in der Andacht davon zu sprechen, sondern auch in den Entscheidungen zum Haushaltsplan zu demonstrieren: Wir trauen deiner Treue und in den Entscheidungen zum Arbeitsrecht zu demonstrieren: Wir trauen deiner Treue. Es reicht nicht, so etwas in der Andacht zu sagen; da machen wir es zu schnell. Das müßten wir hinkriegen. Dann kann eine Gemeinde vielleicht auch das kompensieren, was Eltern jetzt nicht schaffen. Wir müssen uns überlegen, etwas neu anzufangen.

Ich möchte als Gebet mit Ihnen das Luther-Lied EG 280, alle drei Verse, singen. In meinem Lektionar wird dieses Lied als ein Lied bezeichnet, zu singen auf Kirchenversammlungen. Das ist auch ein Lied, von dem man sagen kann: Es ist ein Gebet um das herzliche Erbarmen Gottes und trotzdem von einer Zuversicht getragen, die weltweite Ausmaße annimmt und die einen fast erschlägt. Aber so ist Luther nun einmal.

Gott segne uns diesen Tag und diese Arbeitswoche. Es segne uns Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.



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