Morgenandacht zur 5. Tagung der 9. Synode der EKD in Braunschweig
Adelheid von Guttenberg
09. November 2000
Lied Nr. 455 Morgenlicht leuchtet
Wir bitten Gott sei mit uns an diesem Morgen, an diesem Tag mit deinem Geist und deiner Liebe. Segne unser Reden und Hören. Amen
Heute ist kein einfacher Tag. 9. November 1918: In Berlin wird die Demokratie ausgerufen, gesellschaftliche Mauern werden durchbrochen. 9. November 1938: In Deutschland brennen die Synagogen, unübersehbare Zeichen für die rassistischen Mauern, die weiter aufgerichtet werden. Und davor schon begonnen am 9. November 1923: Hitler putscht und marschiert mit seinen braunen Horden zur Feldherrnhalle in München. Ein Vorlauf. 9. November 1989: Mit dem Fall der Berliner Mauer ist die Hoffnung aufgebrochen auf die Überwindung ideologischer Mauern. 9. November 2000: Heute in Berlin und im ganzen Land demonstrieren Tausende gegen Rechtsextremismus und dass nicht wieder neue Mauern errichtet werden.
Ein merkwürdiges Ineinander von neuen Aufbrüchen und Abschottungen. Der 9. November kann uns daran erinnern, ein friedliches, demokratisches Zusammenleben will ständig neu errungen werden. Der 9. November - ein Datum voller Widersprüche, vielleicht ein Beispiel dafür, was Paulus in seinem Brief an die Galater einerseits die Frucht die Geistes Gottes nennt und andererseits die menschlichen Werke der Selbstsucht. Paulus schreibt an eine Gemeinde, in der Mauern der Gesetzlichkeit die Gemeinschaft bedrohen, und er warnt vor den Werken der Selbstsucht wie Parteiungen, Feindschaften, Neid, Trunkenheit und Gelage, die die Wirklichkeit christlichen Lebens im Alltag verdunkeln.
Ich lese aus dem Galaterbrief Kapitel 5: "Ihr seid ja doch zur Freiheit berufen, liebe Brüder und Schwestern. Nur sorgt dafür, dass die Freiheit nicht eurer Selbstsucht die Bahn frei gibt, sondern dient einander in der Liebe. Denn das ganze Gesetz hat in dem einen Gebot seine Erfüllung: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Doch wenn ihr euch gegenseitig beisst und fresst, seht nur zu, dass ihr nicht einer vom anderen aufgefressen werdet. Ich sage euch, führt euren Wandel im Geist, so werdet ihr nicht vollführen, was eure Selbstsucht begehrt. Denn was euerer Selbstsucht begehrt, ist dem Geist Gottes zuwider. Wenn ihr euch vom Geist führen lasst, seid ihr nicht unter der Herrschaft des Gesetzes. Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Güte, Rechtschaffenheit, Treue, Freundlichkeit, Selbstzucht. Derlei Dinge haben das Gesetz nicht gegen sich."
Ich komme aus Nürnberg, der Stadt der Reichsparteitage und Rassengesetze. Die Stadt hat es nicht leicht, dieser Erinnerung ein anderes Bild entgegenzusetzen. Sie hat viel getan zur Aufarbeitung ihrer Geschichte und für den neuen Namen: "Stadt des Friedens und der Menschenrechte." Es gibt einen Menschenrechtspreis, einen Runden Tisch Menschenrechte, eine künstlerische Straße der Menschenrechte. Aber auch bei uns im Umland werden immer wieder jüdische Friedhöfe geschändet und Neonazis marschieren auf.
Und da ist noch eine andere Seite heute, für die wir vielleicht in unserer Zeit wieder blind und taub sind. Ob wir immer nur im Nachhinein Schuld erkennen können? In Nürnberg haben gerade wieder ganz akut zwei Abschiebefälle die Gemüter bewegt. Der eine: Die Kinder einer russischen Familie wurden unvorbereitet vor den Augen der Lehrerinnen und der Mitschüler von uniformierten Polizisten aus der Grundschule abgeholt und mit den Eltern abgeschoben.
Der andere Fall: Eine fünfköpfige Familie aus der Republik Kongo, seit 8 Jahren in Nürnberg, zwei der Kinder sind hier geboren, wurde nachts um 3 Uhr abgeholt. Einen Vormittag lang verbrachten sie in der Haftzelle im Keller einer Polizeistation, bis sie über München nach Amsterdam transportiert wurden. Dort weigerten sich die Piloten der KLM, die Familie mitzunehmen. Andere Bundesländer hatten nämlich die Abschiebung in die Republik Kongo gestoppt.
Das Ausländeramt in Nürnberg verweist auf die geltende Rechtslage. Die Polizei tut ihre Pflicht. Aber, ein Polizist weinte, als er die verschreckten Kinder sah. "Was kann ich noch machen", sagte ein anderer zu den Vertretern des Arbeitskreises Asyl, die zur Polizeistation geeilt waren, "ich habe heute schon neunmal meine Vorschriften überschritten".
Täglich kommen neue Fälle hinzu, es gibt kaum ein Pardon. Die Abschiebepraxis beschädigt nicht nur das Bild der Stadt, sie beschädigt Menschen auf allen Seiten. Mitleid und Barmherzigkeit erleiden Gewalt. Was als rechtlich einwandfrei gilt, erzeugt Gewalt, Verzweiflung und Gewissensnot.
Das bewirken die Werke des Fleisches, die Werke der Selbstsucht, wie Paulus sagt, die dem Geist Gottes zuwider sind. Aber da sind auch die Unermüdlichen, die Menschen, die Tag für Tag in die Heime und Haftanstalten gehen, die sich kümmern und dafür kämpfen meist ergebnislos dass aus humanitären Gründen auch ab und zu einmal Entscheidungen verändert werden könnten. Der Aufstand gegen rechte Gewalt, er muss mehr sein als öffentliche Demonstration. Er muss sich in Verordnungen und Vollzügen auswirken und in Haltungen spürbar werden.
Die Stadt Nürnberg sucht auch den Rat der Kirchen. Vielleicht ist es die Erwartung, die Früchte des Geistes - Güte, Rechtschaffenheit, Füreinander da sein - müssten doch am ehesten in den Kirchen zu finden sein. Diese Hoffnungen, so scheint es, haben aber nicht wenige schon aufgegeben, auch in den Kirchen selbst Doch wir wissen nicht, wie viele bleiben, weil die Früchte des Geistes in einer Gemeinde, in der ökumenischen Zusammenarbeit, im gemeinsamen öffentlichen Auftreten der Kirchen spürbar werden, auch in der Arbeit unserer Synode: Wir debattieren, kennen Zwistigkeiten, Neid und Streit, aber letztlich möchte ich unser Bemühen nicht missen und sehe es doch als einen Beitrag, die Werke der Selbstsucht zu überwinden, die Gesetzlichkeit hintanzustellen und der Freundlichkeit Gottes Raum zu schaffen.
Um etwas anderes sollte es auch in der Ökumene nicht gehen, zwischen den Konfessionen und weltweit. Daran sollten sich die Christen nicht hindern lassen, auch nicht durch die Leute an den Schreibtischen, die meinen, die Wahrheit Gottes und die Freiheit des Geistes ließe sich verwalten. Knechten lässt sie sich schon, in uns.
Deswegen brauchen wir die eindringlichen Worte des Paulus, der seiner Gemeinde die Befreiung durch die Liebe Gottes gegenüber der Last selbstauferlegter Gesetzlichkeit schmackhaft machen möchte.
Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Das ist die Einladung an uns. Doch wir leben in Widersprüchen. Immer wieder werden Mauern in den Kirchen, zwischen uns, in den Köpfen aufgerichtet, auch wenn die Menschen in den Kirchen zum Beispiel schon ganz woanders sind. Mit Tränen in den Augen sind vor kurzem Christen aus einem ökumenischen Gottesdienst gegangen, in dem sich die römisch-katholische Gemeinde mit einer Solidaritätsadresse an die evangelischen Christen wandte.
Als ich in der Lutherischen Kirche in Tansania arbeitete, habe ich Menschen erlebt, die bis zu vier Mal die Konfession wechseln mussten, weil sie in andere Gebiete gezogen waren und sich dort zur christlichen Kirche halten wollten. Es gab damals auch einen Versuch, den Religionsunterricht nach einem gemeinsamen Lehrplan zu gestalten. Er scheiterte, weil eine kleinere Glaubensgemeinschaft die Taufe der anderen nicht anerkannte, die Schüler dadurch völlig verunsichert waren und die Eltern wütend und besorgt. Das Wort Jesu an die Apostel, wie es im Matthäus-Evangelium steht, ist hart: "Wer aber Ärgernis gibt einen dieser Kleinen, die an mich glauben, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde."
Es steht ja nichts gegen unterschiedliche Traditionen in unserer Zeit, in unserer Welt, und in unserer entgrenzten Welt ist Beheimatung notwendig, aber nicht hinter Trennmauern, sondern als Einfriedung, als Friedensorte in der Gemeinschaft von vielen Friedensorten. Sich so als christliche Gemeinde in der Ökumene, in der ganzen bewohnten Welt zu verstehen, auf die Früchte des Geistes zu setzen und so Zeugen der Liebe Gottes zu sein - dafür will Paulus auch uns gewinnen, denn Gottes Geist selbst hat die Grenzen überschritten. Und wir dürfen die Früchte dieses Geistes in allem anerkennen und erkennen, was dem Kriterium der Liebe standhält, in allen Kirchen und über die Christenheit hinaus. Die Tränen des Polizisten, die Tränen in den Augen der Gottesdienstbesucher, die Sehnsucht nach Gemeinschaft, Güte und Gerechtigkeit ist da.
Unvergesslich ist mir ein Erlebnis zu Beginn meiner ökumenischen Arbeit 1970. Während einer Asien-Reise - es gab damals kaum Kenntnisse über die so genannte Dritte Welt, und ich war selbst auch ziemlich unbedarft - führten mich indische Gastgeber zum Kali-Tempel in Kalkutta. Mein Blick fiel auf eine Frau. Sie stand abseits am Zaun und war tief ins Gebet versunken. Es war ein Schlüsselerlebnis für mich. Ich hatte nur den einzigen Gedanken: Wie sollte Gott diese Frau mit ihrer Bitte um Hilfe, um Linderung von Not weniger erhören als mein eigenes christliches Gebet? Menschen sind die Kinder Gottes in der ganzen Welt, und Gott führt sie auf ihren Wegen und in der Begegnung untereinander zu sich. Anders kann und will ich die Frohe Botschaft nicht verstehen.
Und was würden wir als Kirchen sein, ohne die Zusammenarbeit mit Gruppen der Zivilgesellschaft, die sich kenntnisreich für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt einsetzen. Viele bauen darauf, dass sich unsere getrennten Kirchen mit einer Stimme zu Wort melden. Für den Erhalt des Kreuzes in den Schulzimmern haben in München auf einem öffentlichen Platz damals der evangelische und der katholische Bischof einen ökumenischen Gottesdienst gehalten. Warum nicht einmal einen solchen Gottesdienst für die Menschen, die das Kreuz der Abschiebepraxis erfahren?
"Ich habe den Schrei meines Volkes gehört", so hieß das Thema der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes 1990 in Curitiba / Brasilien. In der Nachfolge Christi können die Kirchen gar nicht anders, als den Schrei nach Lebensbrot, nach Brot zum Leben zu hören und die Frohe Botschaft gemeinsam in Wort und Tat zu bezeugen. Wo die Frucht des Geistes lebendig ist - Liebe, Gerechtigkeit, Güte, Friede -, da hat das Gesetz seine Macht verloren. Die Mauern der Trennungen sind hinfällig und es braucht sie nicht mehr. Es sind die Früchte des Geistes, die uns zur Freiheit in der Liebe Gottes führen.
Sie machen uns als Christen und Kirchen erkennbar und glaubwürdig. Amen.
Ich schließe mit dem Predigttext unseres Eröffnungsgottesdienstes: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: nichts anderes als Recht üben, Freundlichkeit lieben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott.
Amen

