Eröffnungspredigt der 1. Tagung der 9. Synode der EKD in Friedrichroda (Galater 3, 1 - 5)

Johannes Hempel

23. Mai 1997

Wir hören die zweite für den heutigen Tag vorgegebene biblische Lesung aus dem Galaterbrief, Kapitel 3, Verse 1-5:

"0 ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte? Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben? Seid ihr so unverständig? Im Geist habt ihr angefangen, wollt ihrs denn nun im Fleisch vollenden? Habt ihr denn so vieles vergeblich erfahren? Wenn es denn vergeblich war! Der euch nun den Geist darreicht und tut solche Taten unter euch, tut ers durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?"

1.

Kritisiert zu werden, ist nicht angenehm. Hier wird kritisiert, ziemlich deutlich. Die jungen Christen in Kleinasien werden zweimal "unverständig" genannt; das ist nicht wenig. Was haben sie falsch gemacht? Worauf will Paulus hinaus?

Die Schwestern und Brüder der neuen EKD-Synode können solche Morgenschelte mit Gelassenheit hören. Denn diese Synode beginnt ja gerade erst, hatte also noch keine Gelegenheit, irgendetwas falsch zu machen und darum getadelt zu werden; außerdem sind wir nicht die Galater, - etwaige Ähnlichkeiten müßten begründet werden.

Aber was ist es vor allem der Sache nach, das Paulus kritisiert? Er spricht durchaus persönlich engagiert.

Wir hören von den Werken des Gesetzes, die in Spannung stehen zum Glauben an den gekreuzigten Jesus Christus. - Wir hören, daß Christen vom Geist Christi mit der Zeit wieder abrutschen und praktisch zum Gesetz des Mose zurückkehren können. - Wir bemerken, daß der Apostel persönlich betroffen ist, ja daß er sein ganzes apostolisches Wirken in den Gemeinden Kleinasiens in Frage gestellt sieht. Wir spüren freilich auch, daß in seinem Tadeln ein inständiges Werben um die jungen Missionsgemeinden steckt.

Aber richtig konkret wird - in unseren fünf Versen jedenfalls - nicht, was damals vorlag.

Wir tun jetzt das Normale; wir überlegen und suchen herauszufinden: Worum ging und geht es? Auf ein Stück bergigen Weges müssen wir uns einstellen.

2.

Paulus hatte - kann man sagen - nur ein Thema. Es ist, als habe er, der hochgebildete Theologe aus pharisäischer Schule, nach seiner Bekehrung vor Damaskus nur noch eines gewußt: Jesus, den Gekreuzigten! Ihn hat er verkündigt, ein um das andere Mal, zur Zeit und zur Unzeit; über ihn hat er meditiert und reflektiert; ihn hat er den Gemeinden "als den Gekreuzigten vor die Augen gemalt", damit sie ihn geradezu im Geiste 'sahen'; mit ihm hat er Menschen getröstet oder auch ermahnt. - So wie er es (zum Beispiel auch) am Anfang des Galaterbriefes in fast liturgischer Dichte schreibt: "Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsere Sünden dahingegeben hat, daß er uns errette von dieser gegenwärtigen, bösen Welt nach dem Willen Gottes, unseres Vaters; dem Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit sei! Amen" (1,3-4). Das war seine Botschaft und keine andere.

Schon damals wirkte das recht massiv - und das war es ja auch. Immer wieder Jesus, immer,Meder Jesus Christus, der für unsere Sünden Gekreuzigte. Wenn man das zehnmal gehört hat, weiß man es doch. Man kann es dann sogar recht einseitig finden. Was wird bei solcher Rede z.B. aus der 'Welt' mit ihren Problemen, die wir ja zum Teil ändern können und dann auch ändern müssen? Ist es recht, sie "böse" zu nennen und sich deshalb aus ihr heraus erretten zu lassen? Ist es vor allem genug? - Luther hat den Galaterbrief hoch geschätzt und mehrfach ausgelegt. 1531 schrieb er: "Die Epistel an die Galater ist meine Epistel, der ich mich vertrauet habe; er ist wie meine Katharina von Bora". Ja gut, aber bei allem Respekt - was wird aus unserer Verantwortung für die Probleme der Menschen?

Damals waren Judenchristen aus Jerusalem nach Kleinasien gekommen und wohnten bei den Gemeinden, die Paulus gegründet hatte. Sie verehrten Christus, den gekreuzigten Gottessohn, genauso wie Paulus. Aber sie sagten: 'Das ehrwürdige Gesetz Gottes muß in Israel natürlich bleiben. Jesus kam schließlich selbst aus dem Volke Israels. Er war auch gar nicht gegen das Gesetz des Mose. Also: Laßt euch beschneiden! Als gottesfürchtige Juden müßt ihr das machen . Und: Haltet die Feiertage des Gottesvolkes ein - das Laubhüttenfest, das Passa-Fest. Sie erinnern euch an Gottes rettendes Wirken in der leidvollen Geschichte Israels. Das ist die Grundlage unseres Glaubens; da müßt ihr mitmachen! Das gehört unbedingt dazu; sonst nützt euch der ganze gekreuzigte Christus nichts!'

Hier liegt der Konflikt; Paulus sieht das erheblich anders: "Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben? Seid ihr so unverständig? Im Geist habt ihr angefangen, wollt ihrs denn nun im Fleisch vollenden?"(2-3). Der gekreuzigte Christus und das Gesetz des Mose - beide werben um volles Vertrauen der Menschen und vertragen sich deshalb auf Dauer nicht gut miteinander. An sich scheint einfach und klar: Wenn wir dem für unsere Sünden gestorbenen Jesus vertrauen - warum sollten wir dann nicht zusätzlich noch ein paar religiöse Feiertage einhalten und uns beschneiden lassen, wenn Gott das so will. - Aber in der Praxis und auf Dauer sind der Christusglaube und der Gesetzesgehorsam eine spannungsreiche Alternative. 'Tun wir das Entscheidende in der Religion oder tut Gott das Entscheidende in der Religion?' Darum geht es.

Evangelium ist, wenn ich (endlich einmal) nichts tun muß - außer die leeren Hände hinzuhalten und 'Danke!' zu sagen, wenn Gott sie mit seiner Barmherzigkeit füllt! Der Geist Christi weist uns auf diesen Weg.

Es wächst aber ein anderer Geist in denen, die mit ihrem rechten Tun im Namen Gottes ihr Leben, das Leben Oberhaupt in Ordnung bringen wollen. Es liegt ein hoher Anspruch darin, auch ein starkes Selbstbewußtsein. Denn wir erweisen durch unser Tun, daß wir auf dem richtigen Weg, überhaupt in Ordnung sind, als Menschen und als Christen womöglich vorbildlich. - Und wenn es dann am Ende doch nicht so richtig klappt, keimt die Unduldsamkeit auf, mit anderen und mit sich selbst. Es ist wie ein anderer Christus, der auf diesen Weg führt; nicht der gekreuzigte, nicht der barmherzige, eher ein prophetischer, der die Menschen antreibt, sich total preiszugeben und mehr als das. Der damalige Konflikt ist ein echtes Problem bis heute. Tut Gott das Entscheidende zu unserer Rettung - tun wir das Entscheidende zu unserer Rettung? Diese Spannung reicht bis in unseren Alltag. Beides hat sein Recht, scheint es; Evangelium und Gesetz - Gesetz und Evangelium. Aber wie entscheiden wir uns konkret, wenn der Alltag mit seinen vielen Aufgaben uns fordert? Wohin tendieren wir normalerweise? Was leuchtet uns mehr ein? Was liegt uns innerlich näher, wenn wir im Grunde alle miteinander nicht weiterwissen?

Es wirkt ein Sog in uns allen, im Konfliktsfall lieber selber über die Maßen zu strampeln oder unerbittlich zu kämpfen, gar um uns zu schlagen, als zum Beispiel vor dem Kreuz Christi erst einmal zur Ruhe zu kommen und im Gebet um Klarheit zu bitten, auch um neue Liebe zu den Menschen."..Wer hat euch bezaubert..?" fragt Paulus. Womit er sagen will: Wer hat euch aufs neue zu der Illusion verführt, ihr könntet ohne Jesu Barmherzigkeit, die euch aufrichtet und lockert, aus den enormen Schwierigkeiten eures Lebens und der Gemeinschaft untereinander herausfinden?

Aber wir tragen doch Verantwortung für unser Leben! Das ist doch auch wahr. Es kann doch nicht alles sein, wie das Sterntaler-Kind unser Hemdchen hinzuhalten und einfach füllen zu lassen. Wir sind erwachsen und von unserem Schöpfer nicht ohne Grund mit Kräften und Verstand begabt. Das stimmt.

Aber die Reihenfolge ist wichtig! Es ist keine prinzipielle, sondem eine innere Reihenfolge in unserer Seele, die uns gerade in der Hitze des Lebens anempfohlen ist. Was ist das erste und was ist das zweite im Leben? Was ist die Quelle der Kraft und was ist die Folge derselben? Paulus sagt klipp und klar: Der vor unsere Augen gemalte gekreuzigte Jesus Christus ist das erste im Leben! Die Liebe Gottes zu uns allen, die er ausstrahlt, ist das erste, wenn wir miteinander wirklich vorankommen wollen. Unser gehorsames Tun gehört kräftig dazu, ohne Zweifel, aber der christliche Geist unseres Tuns lebt eben von Gottes Erbarmen, das wir Tag um Tag neu brauchen. Sonst laufen wir im Kreise und verbrauchen unsere Kraft vergeblich.

3.

Worum geht es? Wir haben die Spur und suchen, wo sie zu unserem Leben heute führt. Es geht - scheint mir - um den Geist unseres Tuns.

Es geht um die im bedrängten Alltag leicht übersehbare Grenze zwischen 'gesunder', notwendiger menschlicher Aktivität und übersteigerter, illusionärer, dann oft auch rücksichtsloser Aktivität. Es geht um die Grenze zwischen hingebungsvollem Engagement und erbarmungsloser Entschlossenheit. Auf dem Papier ist weder das eine noch das andere leicht zu beschreiben. Aber im praktischen Umgang miteinander nehmen wir doch wahr, wie einer/eine seine Position vertritt, wie jemand kämpft. Wir nehmen es besonders daran wahr, wie - in welchem Geist - ein Mensch mit seinen Mitmenschen umgeht.

Die Barmherzigkeit Christi zeigt mir, daß ich - peinlich, ja schmerzhaft unvollkommen wie ich bin - doch leben und sogar getrost sein darf. Die Gnade Gottes sagt mir, daß meine Schwestem und meine Brüder - unvollkommen und manchmal störend seltsam, wie sie sind - doch leben und getrost sein dürfen. Daß wir also alle, so verschieden wir tatsächlich nach Charakter, Biographie und persönlichen Überzeugungen sind, gleichermaßen von Gottes unbegreiflicher Nachsicht leben und deshalb zum gemeinsamen Weg ermächtigt sind.

Die Gnade Gottes macht nicht passiv oder träge. Die Gnade Gottes wehrt sich aber in uns gegen Hektik und schleichenden Fanatismus. Die Gnade Gottes lockert unsere Versagens-Ängste und die Menschenmaß übersteigenden Selbstüberforderungen. Die Gnade Gottes gibt uns die Kraft, mit Niederlagen zurechtzukommen und mit gelegentlichen Verletzungen, auch mit schwereren. Gottes Gnade entbindet uns nicht von den Geboten; sie entbindet uns aber vor dem Irrglauben, wir, wir allein könnten mittels der Gebote die Welt zureichend in Ordnung bringen. Manches Schlimme muß der oberste Chef selber verhüten, und er tut es denn auch.

Wann und wie mag das die neue Synode in ihrer bevorstehenden Arbeit betreffen? Niemand weiß es heute genau. Aber es wäre doch das erste Mal, wenn eine EKD-Synode ohne zureichendes Maß an schwer lösbaren Problemen davonkäme. Es wäre mit Sicherheit das erste Mal, wenn Synodale gerade bei schwer lösbaren Problemen nicht sehr kontroverse Meinungen vortrügen. Und gerade dann, wenn im Grunde keiner sich seiner vehement vorgetragenen Sache sicher ist, werden die Kontroversen mitunter scharf, beißend. Am Ende solcher Debatten merken wir dann schmerzhaft, wie allein sich jede und jeder innerhalb einer Synode fühlen kann.

Galater 3,1-5 - führt von da aus eine Spur zu uns? Ja. Man sieht sie besonders gut in schweren Momenten, wenn wir vielleicht davonlaufen möchten. Dann steht höflich die herbe Frage vor uns auf: 'Was trägt dich, alter Freund? Wie ist das, wovon lebst du eigentlich?' ..von deiner 'Bedeutsamkeft'? ..von deinen Siegen? ..von deinen Erleuchtungen? ..von deinem Gehorsam oder von Gottes Erbarmen? Es ist der uns vor Augen gemalte gekreuzigte Christus, sein Geist der Nachsicht mit anderen und mit sich selbst, der uns trägt.

Man hört und liest: Die Synode ist das Kirchenparlament; ist sie auch, und das ist eine Würde. Aber es kann unvermutet einmal aufleuchten, daß eine Synode noch etwas anderes ist, daß nämlich Synodale jenseits aller Kontroversen durch den in ihrer Tiefe lebendigen, gemeinsamen Christusglauben beieinandergehalten werden. Der Geist Jesu, wenn er denn wirkt, macht die Synode zu einer unkündbaren Dauerkoalition. Begnadigte halten zusammen, auch wenn sie sich nicht einig sind, eben wegen der Begnadigung. Daß das auch um die Jahrtausendwende einer EKD-Synode widerfahren kann, steht außer Zweifel.

Nichts ist garantiert oder garantierbar. Gott verzaubert seine Leute nicht, um sie willfährig zu machen. Er respektiert unser Verhalten und wartet so demütig, wie der gekreuzigte Jesus es war, auf unsere Entscheidung von Fall zu Fall.

Amen.



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