Predigt in der Evangelischen Kirche zu Brüssel (Hebr. 13,20-21)
14. April 2002
Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten
der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt
hat durch das Blut des ewigen Bundes,
der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen,
und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus,
welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Amen.
Hebr. 13,20-21
Liebe Gemeinde hier in Brüssel!
Liebe Schwestern und Brüder!
In knapper Weise das Wesentliche sagen: das zeichnet Poeten und Mitarbeiter bei der Europäischen Union aus. Jedenfalls habe ich das in den letzten Tagen bei unseren Gesprächen mit Experten zum Nahostkonflikt, zur Globalisierung der Wirtschaft, zur Kultur und zur Bioethik erfahren. Ich finde es großartig, was sich hier an Sachverstand versammelt und wer sich auch gern mit Glaubens- und Ethikfragen auseinandersetzt, besonders in dieser Gemeinde, die eng mit der Evangelischen Kirche in Deutschland verbunden ist, aber frei ist in der Gestaltung ihres Gemeindelebens.
In knapper Weise das Wesentliche sagen: das traut man nicht unbedingt den Theologen zu. Jedenfalls höre ich das ab und zu, besonders von Journalisten, die gern klare Worte hören, die sich zitieren lassen.
Der heutige Predigttext ist ein Beispiel für eine knappe, das Wesentliche verdichtende Sprache. In einem Satz wird die Heilstat Gottes in Jesus Christus mit unserem Tun zusammengebracht - in einem Segenswunsch.
Aber, und das füge ich gleich hinzu, erst nach 12 Kapiteln, in denen der unbekannte Verfasser das Verhältnis von Jesus zu den Propheten und zu den Hohepriestern klärt sowie das Leben der Christen in Glaube und Hoffnung. Er braucht also schon einen längeren Anlauf - so wie Experten, die Laien einen komplizierten Vorgang erklären wollen. Ja, die Geschichte Gottes mit uns Menschen fängt nicht mit Jesus an und hört nicht mit dem Glauben an den auferstandenen Christus auf. Wir fragen ja auch, vielleicht nicht täglich, aber von Zeit zu Zeit: wie werde ich Christ? Wie bleibe ich Christ? "Ich" in meinem Beruf, in meiner Familie, in meiner Gemeinde, in meiner Kirche! Und die hauptamtlich in der Kirche Arbeitenden fragen: wie sind wir Kirche geworden, wie können wir Kirche sein und bleiben - in unserem Land, in Brüssel, in Europa oder weltweit? Wie kann die Zusammenarbeit gestärkt werden - wie ist das mit dem Zusammenleben mit Menschen anderer Glaubensrichtungen?
Die Ökumene ist ungefähr so kompliziert wie die Berücksichtigung der Interessen von 15 Mitgliederstaaten in der Europäischen Union schon jetzt ist - ganz zu schweigen von der Erweiterung. Dabei könnte vieles einfacher sein. So, wenn wir uns auf den Satz verständigen könnten: "Der Gott des Friedens schaffe in uns, was ihm gefällt". Die Richtung würde stimmen und der Inhalt auch. Der bekennende Katholik Carl Amery hat vor einigen Tagen in der Süddeutschen Zeitung daran erinnert, dass die Kirchen sich im Früh- und Hochmittelalter die gewaltige zivilisatorische Aufgabe gestellt haben, die Bewohnbarkeit Europas voranzutreiben. Heute stehe viel mehr auf dem Spiel, nämlich Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung - gegen den kollektiven Selbstmord und die Alternativlosigkeit des totalen Marktes mit seiner Unfähigkeit zur Zukunft. Der Artikel ist überschrieben mit: "Die einzige Alternative" und trägt die Unterzeile: "Warum wir die Widerstandskräfte der Kirchen brauchen".
Übrigens steht dieser Beitrag in einer Reihe von Meinungsäußerungen zu Bestrebungen in der bayrischen evangelischen Landeskirche, die kirchliche Organisation zu straffen und effektiver zu machen. Gedanken, die derzeit auch im Blick auf die EKD gedacht werden. Einige befürchten, dass wir uns zu sehr Managementvorstellungen anpassen oder angepasst werden und der politischen, sozialen oder moralischen Gliedmaßen beraubt werden. Die Fragen werden also neu gestellt: woher kommen wir? wer sind wir und wofür sind wir da? Meine Antwort mit dem Hebräerbrief heißt: Wir orientieren uns an Jesus Christus. Denn er ist die Seele der Kirche. Ohne den Glauben an ihn gäbe es sie nicht und gibt es sie nicht. Ohne ihn gäbe es uns nicht als Christen. Ohne ihn würden wir Gott nicht als den Gott des Friedens erkennen und bekennen. Mit ihm unterscheiden wir uns im tiefsten Innersten von Muslimen und anderen Religionen. Ihn hat Gott von den Toten heraufgeführt. "Durch das Blut des ewigen Bundes" - wie es weiter heißt.
"Blut" heißt hier nicht Tod und Verderben - wie in diesen Tagen in Israel oder in Palästina - sondern ist der Inbegriff des Lebens. Der alte Bund lebt im neuen. Das Opfer ist gebracht. Es braucht kein neues. So wie es im 1. Johannesbrief im 1. Kapitel heißt: "Wenn wir im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde". Es steht da nicht: "hat uns reingemacht", sondern "macht uns rein". Durch den großen Hirten Jesus Christus sind wir zum Guten fähig. Er macht uns tüchtig zu tun seinen Willen und schafft in uns, was ihm gefällt.
Große Worte, zu große Worte wie bei einer Grundrechtcharta oder anderen Grundsatzerklärungen? Ja, wenn wir nur auf den Buchstaben sehen und dabei die Dynamik des Geistes vergessen! In unserem Text wird der Wunsch ausgesprochen, dass der Gott des Friedens "in uns schaffe, was ihm gefällt". Unser Glaube ist kreativ, weil Gott kreativ ist. Schöpferisch beim Gestalten unseres Lebens und unseres Zusammenlebens mit anderen, bei Forschen und Anwenden, bei Zielsetzen und Verwalten.
Es geht, wie mein philosophischer Lehrer Hans-Georg Gadamer, der gerade im Alter von 102 Jahren gestorben ist, uns in Heidelberg beigebracht hat, um eine "Horizontverschmelzung" von geschichtlichen Ereignissen und geschichtlich gewonnenen Maßstäben mit den eigenen Erkenntnissen und Werten, in der sich Wahrheit erschließt.
Das betrifft nicht nur die Theologen, sondern genauso die Juristen, Pädagogen, Wirtschaftler und Künstler. Besonders die Erben der Reformation und der Aufklärung - ich denke hier mehr an die deutsche als an die französische Aufklärung - sind hier angesprochen. Wir sind eine lernende und lehrende Kirche - dicht dran an dem, was der Geist Gottes zum Guten bewegen will. Offen für die Zukunft - und gebunden an das Zeugnis der Vergangenheit. Verantwortung vor Gott und den Menschen heißt die Losung.
Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, Sie leben hier in Brüssel in einer Werkstatt Gottes. Hier werden Pläne geschmiedet, hier wird Geld ausgegeben und hier wird vieles entschieden, was nicht nur das Zusammenleben vieler Völker betrifft, sondern das Schicksal vieler einzelner Menschen. Sie leben hier auf Zeit oder auch auf Dauer. Die Kinder wachsen mehrsprachig auf. Alle sind Sie Wanderer zwischen mehreren Welten. Bleiben Sie in der Obhut des Guten Hirten, unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. Und stärken Sie sich gegenseitig auf der Wanderschaft, die durch tiefe Täler führt, aber auch herauf zu den Höhen, die der Geist Gottes verheißt. Und sagen Sie weiterhin in knappen Worten das Wesentliche.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.