Morgenandacht zur 4. Tagung der 9. Synode der EKD in Leipzig
Elke König
10. November 1999
Schöpfer des Lichts, Sonne meines Lebens, ich danke dir für diesen neuen Tag. Hilf mir, deinen Willen zu erkennen und zu tun. Gib mir Kraft für die Aufgaben, die mir gestellt sind, gib mir Mut für die Schritte, die ich tun muss. Gib mir Liebe zu den Menschen, die mir begegnen, lass mich erfahren, dass du mir nahe bist an allem, was heute geschieht.
(Psalm 63)
Ich lese aus der Apostelgeschichte 16. Kapitel die Verse 9 und 10. Und Paulus erschien ein Gesicht bei der Nacht. Das war ein Mann aus Mazedonien. Der stand da und bat ihn, komm herüber nach Mazedonien und hilf uns. Als er aber das Gesicht gesehen hatte, da trachteten wir alsbald zu reisen nach Mazedonien, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.
Liebe Schwestern und Brüder! Die Apostelgeschichte hat es wahrlich in sich. Eine wunderbare Erfolgsgeschichte aus den Anfangsjahren der Kirche. Die bemühte Arbeit von Menschen in Mission und Gemeindeaufbau ist immer trotz Angefochtensein und innerlicher Zerrissenheit von Erfolg gekrönt. Beim Lesen der Apostelgeschichte kann ich mich in eine gewesene Zeit hineinversetzen, die das Gefühl bestärkt, in einer wunderbaren Geschichte zu stehen, wo Gott greifbar und unmittelbar gewirkt hat. Aber möchte ich das wirklich?
Auch Paulus' Weg nach Europa ist auf dieses direkte Eingreifen Gottes zurückgeführt. Paulus und Timotheus missionieren erfolgreich in Galatien. Da erscheint dem Paulus in Troas im Traum der Mann aus Europa mit seinem Ruf, komm herüber nach Mazedonien und hilf uns. Dieser Weg der Mission war von dem Menschen Paulus sicher nicht so geplant. Er wäre vielleicht noch in Kleinasien geblieben, denn auch dort gab es noch viel zu tun. Nein, er folgte seinem Traum, verstand es als Gebot Gottes und ist seinen Weg in Gehorsam gegenüber Gottes Weisung gegangen.
Es gehört wohl zu den Geheimnissen Gottes, warum er seine Botschaft und deren Weitergabe uns Menschen anvertraut hat. Menschen, die vom Evangelium angesteckt sind, dass sie nicht anders können als zu sagen, kommt her, hört zu, ich will erzählen, was Gott an mir getan hat, die so brennen, dass es in anderen zünden muss. Und dieses Reden ist bis heute nicht verstummt.
Gott, der damals in der glanzvollen apostolischen Zeit alles so wunderbar vorangebracht hat, bleibt auch bei uns in der Gegenwart und in der Zukunft am Werk und am Wirken. Können wir nicht alle, die wir heute Morgen zusammensitzen, selbstbewusst von Gottes Handeln an uns selbst erzählen, an uns selbst, an unseren Gemeinden, aus denen wir kommen - aus unserer Kirche -, unserer Kultur, an der Gesellschaft?
Wir leben davon und arbeiten dafür auf unterschiedliche Weise, dass das mit Jesus Christus im Alltag der Welt angebrochene Reich Gottes als immer wieder neues Geschehen zu verkündigen ist: Menschen in die Nähe Gottes bringen und ihnen dadurch helfen, glauben zu können. Das ist die Aufgabe der Kirche vom apostolischen Zeitalter bis heute und weiterhin. Menschen in die Nähe Gottes bringen - das ist ein Ziel, und das Ziel ist das Du, das Du Gottes, wie es Martin Buber formulierte. Das ist die Beziehung, uns oft unverständlich und zu hoch, aber sich offenbarend, sprachlos, aber sprachzeugend. Wir vernehmen kein Du und fühlen uns doch angerufen. Wir antworten, bildend, denkend, handelnd. Wir sprechen mit unserem Wesen das Grundwort, ohne mit unserem Mund Du sagen zu können.
Aber wie bringen wir Menschen in die Nähe Gottes, wie helfen wir ihnen zum Glaubenkönnen? Das Problem, Glauben plausibel zu machen, ist nicht neu. Augustinus hat es auf die Formel gebracht: Niemand glaubt etwas, ohne vorher zu wissen, dass es glaubhaft ist. Wir sind heute wohl nur darin weiter, dass über das, was gewusst wird, und über das, was geglaubt wird, wir etwas mehr und systematischer Bescheid wissen.
Wir bemühen uns sehr, Menschen in ihrer Situation zu verstehen und sie darin ernst zu nehmen. Das ist wirklich sehr wichtig. Aber oft beschleicht mich der Gedanke, dass das Wahrnehmen der Situationen einen manchmal zu hohen Stellenwert einnimmt. Auf diese breit und tiefgründig angelegten Analysen folgen vergleichsweise magere Reaktionen. Ja, ambivalent sind auch die Erfahrungen in unserem Glauben. Da gibt es Zeiten und Zeichen von Sicherheit und Bewahrung, von Gegründetsein und auch von Zeit zu Zeit die Abbrüche. Ja sagen mit dem Schrei des Bangens zu Kreuz und Tod. Und wenn wir auf die Losung von heute schauen, wird es uns noch einmal gespiegelt.
Ambivalent ist auch die Erfahrung, die wir etwa mit gegenwärtigen Erkenntnissen und unserem guten Willen machen. Neueste Einsichten lassen alles andere alt aussehen, und vor allem: Wie schnell sieht dann diese Erkenntnis auch wieder alt aus? Wie selbstsicher entscheiden wir manchmal, und wie gering ist unsere Erkenntnis. Das gilt nicht nur für den Berufsalltag, sondern auch für Synoden. Wenn ich mich selbst betrachte, überkommt mich immer noch ein allgemeines Unbehagen, wenn mir im Gottesdienst Menschen begegnen, bei denen ich den Eindruck habe, dass sie nur aus Opportunitätsgründen hier sind. Da kämpfen immer noch Kopf und Herz gegeneinander, statt mich daran zu erinnern, dass in Paulus ein extremes Beispiel in der Apostelgeschichte angegeben ist, wie Gott mit Menschen umgehen kann, was er vermag und wie er Verhältnisse und Menschen verändern kann. Ähnlich schwierig kommt es mir manchmal mit unserer Sprachfähigkeit vor. Darüber, was wir Menschen sagen wollen, wird weniger diskutiert als darüber, wie wir es ihnen sagen - oft mehr Methode als Inhalt.
Einen Spiegel dieser Situation halten uns Schwestern vor, die an einer ökumenischen Konsultation zum Thema "Glauben leben - Frauen als ökumenische Partner" teilgenommen haben, die vom Berliner Missionswerk veranstaltet wurde. Sie sprechen von einem "Besuch bei einer schweigenden Christenheit". Ich zitiere auszugsweise ihre Eindrücke: "Uns sind nicht viele Pfarrerinnen und Pfarrer und Gemeinden begegnet, die von der Notwendigkeit der Mission überzeugt waren und die bereit und in der Lage gewesen wären, das missionarische Anliegen und die Missionsarbeit der Kirche zu verbessern. Wir vermissen den zentralen Platz des Gebets im Leben des Einzelnen, der Familie und der Gemeinden. Insgesamt ist uns eure Spiritualität fremd geblieben. Wir spüren unter Christen die Tendenz, eher rational als spirituell zu sein."
Viele Gemeindemitglieder und kirchliche Mitarbeiter, auch wenn sie selbst ernsthafte gläubige Menschen sind, sind anscheinend nicht darin geübt oder dazu fähig, über ihren christlichen Glauben zu entsprechen. Das entspricht unserer Beobachtung, dass die Bibel für viele Menschen keine Relevanz mehr für ihr Leben hat oder/und ohne Bedeutung für ihre drängendsten Fragen und Probleme ist. Darüber hinaus spürten wir unter den Gemeindegliedern häufig eher eine Empfängermentalität und Konsumhaltung als ein Selbstverständnis als aktive Träger der missionarischen Arbeit der Kirche. Wir haben den Eindruck gewonnen, dass bisweilen eine hierarchische Struktur in einer Gemeindegruppe und einem Kirchenkreis der gegenseitigen Ermutigung und Kritik unter den verschiedenen Ämtern und kirchlichen Mitarbeiter entgegensteht. Manche Menschen scheinen sich zu scheuen, offen die Arbeit ihres Pfarrers, ihrer Pfarrerin zu kritisieren, auch wenn es angemessen wäre. Wie in den meisten Kirchen widerspricht das Verhalten oft dem verbalen Zeugnis. Und manchmal stellt auch ein Mangel an Kommunikation, Gemeinschaft und gemeinsamer Identität unter den verschiedenen Gemeindegruppen ein zusätzliches Hindernis dar.
Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns, so sagt der Mann aus Europa im Traum dem Paulus. Könnte unser Ruf aus Europa in die Ökumene nicht ähnlich klingen? Ja, uns wird geholfen, und wir helfen uns selbst, wenn wir den Zusammenhang zwischen der Barmherzigkeit Gottes und den Bedürfnissen der Menschen, auch unseren eigenen, immer wieder neu erinnern, interpretieren und gestalten. Ich glaube, dass die Menschen an unseren Kirchen letzten Endes eines besonders interessiert und bei uns suchen, nämlich ob Gott bei uns zugänglich ist. Und ebenso intensiv und eindringlich wollen sie die wärmende und intensive Begegnung der Menschen untereinander erfahren, die nicht lassen können zu erzählen, was Gott ihnen Gutes getan hat, die missionieren können als Dank für empfangene Gnade.
Mir ist nicht bange, den ich arbeite gern mit in einer Kirche mit Hoffnung, die evangelisch aus gutem Grund ist und gegen den Trend wächst.
Lassen Sie uns gemeinsam beten.
Gott, wir bitten dich, mach glaubwürdig, was in deinem Namen unter uns laut wird. Hilf, dass alle, die dein Wort bewegt, getröstet werden, dass alle, die dein Wort verkünden, nicht Steine anbieten, sondern gutes Brot, nicht fordern, sondern schenken. Wir bitten dich, dass die, die meinen, dich zu hören, sich leiten lassen von deiner Liebe. Gott, es sind viele, die Hilfe suchen, Trost, Freude, Brot und Hoffnung. Gib ihnen, was sie nötig haben, aus den Herzen und Händen derer, die deine Boten sind und die es ebenfalls nötig haben.
Amen

