Eröffnungspredigt zur 4. Tagung der 9. Synode der EKD in der Nikolaikirche in Leipzig
Volker Kreß
04. November 1999
Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde hier in der Leipziger Nikolaikirche, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer daheim an den Fernsehbildschirmen!
Unter einem einzigen Satz Jesu möchte ich jetzt unsere Gedanken sammeln.
Im Lukasevangelium im 11. Kapitel und dort im Vers 20 sagt Christus: "Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen." Das ist für viele ein möglicherweise befremdlicher Satz.
Gottes Finger, -
böse Geister, -
Reich Gottes, -
wo kommen wir da vor?
Das Einzige, wozu uns vermutlich sofort etwas einfällt, das sind leider die bösen Geister. Von denen wissen wir eine ganze Menge.
Übermorgen ist der 9. November.
Für uns ist das zunächst einmal unbedingt ein Tag guter Geister.
An diesem Tag ist vor zehn Jahren die Mauer gefallen.
Daran denken wir dankbar zurück.
Aber zuvor hat diese Mauer Jahrzehnte gestanden.
Sie hat hinter sich böse Geister gesammelt.
Einer der schlimmsten bösen Geister war das Misstrauen, das unter den Menschen hierzulande herrschte.
Aber auch das gehört zur Zeit hinter der Mauer:
Böse Geister haben den Glauben ausgetrieben.
Und Jahrzehnte vor jener schrecklichen Mauer lag ein anderer 9. November, der 9. November 1938.
Die "Kristallnacht", die Zerstörung der Synagogen und jüdischer Einrichtungen im Deutschen Reich, und alles, was dem folgte, war geradezu ein Triumph unheimlich böser Geister.
Das alles, was in der Geschichte unseres Volkes vor jenem 9. November vor nun zehn Jahren lag, ist noch lange nicht bewältigt.
Aber auch heute wissen wir trotz der befeienden Veränderungen wieder eine ganze Menge auch von bösen Geistern.
Denken wir nur an das, was zum Beispiel nahe vor unserer Tür in Bosnien und im Kosovo geschehen ist oder an das, was in diesen Tagen in Tschetschenien vor sich geht.
Aber auch in unserem eigenen Lande plagen uns böse Geister.
Arbeitslosigkeit zum Beispiel und alles, was daraus für Menschen folgt, gehört dazu.
Das Leben und die Möglichkeiten, die es einem bietet, erscheinen unheimlich zufällig geworden zu sein.
Das Leben ist unsicher geworden.
Das ist das Lebensgefühl vieler.
Seien Sie froh, wenn es Ihnen anders geht.
Jedenfalls denke ich, Sie stimmen mir zu:
Von bösen Geistern wissen wir eine ganze Menge.
Mit dem Finger Gottes, von dem Christus spricht, ist das anders. Der erscheint uns fremd.
Und doch:
Beim Finger Gottes muss ich an meine Großmutter denken.
Sie war, und das war schon damals selten, eine tief gläubige Frau.
Wunderbar, wenn es solche Großmütter gibt.
Über ihrem Sofa hing der Abdruck eines berühmten Bildes Michelangelos "Erschaffung des Adam".
Viele von Ihnen werden dieses berühmte Bild sofort vor Augen haben:
Adam, der Mensch, ruht an einem Berghang auf Moos und Steinen.
Gott kommt ihm aus einem weiten Himmel wie in einer Wolke in einem großen Tuch, die Eva und künftige Menschengeneration bergend, entgegen.
Gott berührt mit ausgestreckter Hand und mit ausgestrecktem Finger den Zeigefinger Adams.
Der Finger Gottes, der uns Menschen berührt!
Das Wissen um diese Berührung des Menschen durch Gott ist bei vielen, viele Menschen versunken.
Darum hat unsere heute beginnende Tagung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland sich auch das Thema "Reden von Gott in der Welt" vorgenommen.
Aber sehen wir nicht zu schwarz.
Ganz sicher lebt in vielen Menschen irgendeine Erinnerung an den Finger Gottes.
Eine Geschichte dazu will ich Ihnen erzählen:
Es ist viele, viele Jahre her.
Die noch heute berühmte Katharina Witt war gerade Weltmeisterin im Eiskunstlaufen geworden.
Im DDR-Fernsehen kam ein Interview mit der damals in Berlin tätigen vorzüglichen Tänzerin Jutta Deutschmann.
Sie wurde unter anderem nach ihrer Meinung zu jener Weltmeisterschaftskür der Kati Witt gefragt.
Jutta Deutschmann antwortete, mir unvergessen:
"Da hat sie der liebe Gott mit dem Finger berührt."
Das war im DDR-Fernsehen keine alltägliche Feststellung.
Aber sie wurde spontan gemacht.
Wir ahnen vom Finger Gottes mehr, als wir oft zugeben.
Beim Michelangelo, aber auch bei der Jutta Deutschmann, ist der Finger Gottes ein Symbol für Gutes, Schönes, für Lebensursprung und schöpferische Kraft.
Aber wie verhält es sich dann mit dem Finger Gottes und den bösen Geistern?
Wie ist es mit Gott bei dem, was wir im eigenen Leben und in der Weltgeschichte nicht begreifen?
Machen wir es uns mit der Antwort nicht zu einfach.
Der Finger Gottes ist und bleibt ein Geheimnis.
Er ist nicht immer so eindeutig wie auch Michelangelos Bild.
Vergleichen wir nur die beiden 9. Novembertage 1989 und 1938.
Gott hat mit seinem Finger nicht nur die Mauer am 9. November vor zehn Jahren angerührt und zu Fall gebracht.
Der Herr der Geschichte war doch auch am 9. November 1938 da.
Nichts geschieht nach unserem Glauben ohne ihn.
Auch der Mauerbau von 1961 und alles was davor lag und ihm folgte, geschah nicht ohne ihn.
Und wenn es in den Oktobertagen vor nun zehn Jahren hier in Leipzig nicht so unfassbar gnädig ausgegangen wäre, wir müssten dennoch fragen, wie sich das alles zu Gott verhält.
Wer fragt, ist auf dem Weg zum Glauben.
Fragen verändert das Leben.
Einer, - nein der, der antwortet, ist Christus.
Inmitten von guten und bösen Geistern, von Verstehbarem und nicht Verstehbarem sagt er: "Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen."
Das Reich Gottes ist auch so ein schwieriger Begriff.
Christus meint damit:
Wo ich bin, da ist zuletzt nichts rätselhaft.
Wo ich bin, da seid ihr mit mir in der Nähe Gottes.
Da sehen und spüren wir den Finger Gottes nicht nur in frohen und guten Stunden.
Da sehen und spüren wir ihn auch in Stunden und Ereignissen, deren Sinn irdisch unfassbar ist.
Das ist nicht beweisbar.
Das ist unser Glaube.
Das ist die Erfahrung von Menschen seit nun rund 2000 Jahren:
Wo Christus ist, da wird auch der dunkelste Himmel durchsichtig, sodass wir durchsehen können und wissen:
Unser Leben ist kein Schicksal.
Christus gibt uns die Gewissheit eines guten Grundes der Welt.
Der Finger Gottes hat uns berührt.
Diese Nähe Gottes tut gut.
Aber nicht nur das.
Diese Nähe wirkt in uns Menschen Kräfte gegen alle bösen Geister dieser Erde.
Wen Christus anrührt, den verändert er auch.
Denn von Christus hat einmal einer sehr schön gesagt:
Er kam und zeigte,
wie ein Blitzlicht,
einen Bruchteil der Geschichte,
was ein Mensch sein könnte.
Der Michelangelo mit seinem Bild hat das geahnt.
Nein, er hat es gewusst.
Wohl uns und wohl den Menschen, mit denen wir leben, wenn wir es wissen und uns von Gottes Finger berühren lassen.
Amen

