Morgenandacht zur 4. Tagung der 9. Synode der EKD in Leipzig

Thomas Küttler

09. November 1999

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Uns sind für die Bibelarbeit in dieser Woche Texte aus der Apostelgeschichte gegeben. Heute ist das ein Abschnitt aus dem 18. Kapitel.

Danach verließ Paulus Athen und kam nach Korinth und fand einen Juden mit Namen Aquila, aus Pontus gebürtig; der war mit seiner Frau Priszilla kürzlich aus Italien gekommen, weil Kaiser Klaudius allen Juden geboten hatte, Rom zu verlassen. Zu denen ging Paulus. Und weil er das gleiche Handwerk hatte, blieb er bei ihnen und arbeitete mit ihnen. Sie waren nämlich von Beruf Zeltmacher. Und er lehrte in der Synagoge an allen Sabbaten und überzeugte Juden und Griechen.

Als aber Silas und Timotheus aus Mazedonien kamen, richtete sich Paulus ganz auf die Verkündigung des Wortes und bezeugte den Juden, dass Jesus der Christus ist. Als sie aber widerstrebten und lästerten, schüttelte er die Kleider aus und sprach zu ihnen: Euer Blut komme über euer Haupt; ohne Schuld gehe ich von nun an zu den Heiden. Und er machte sich auf von dort und kam in das Haus eines Mannes mit Namen Titius Justus, eines gottesfürchtigen; dessen Haus war neben der Synagoge. Krispus aber, der Vorsteher der Synagoge, kam zum Glauben an den Herrn mit seinem ganzen Hause, und auch viele Korinther, die zuhörten, wurden gläubig und ließen sich taufen.

Es sprach aber der Herr durch eine Erscheinung in der Nacht zu Paulus: Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt. Er blieb aber dort ein Jahr und sechs Monate und lehrte unter ihnen das Wort Gottes.

Liebe Schwestern und Brüder! Es sind zwei Linien in diesem Text, die ich heute Morgen aufgreifen möchte. Die eine hat etwas mit unserem Tagungsthema "Mission" zu tun, die andere mit dem heutigen Datum, dem 9. November, freilich mit seinem dunklen Hintergrund als dem Tag oder besser der Nacht, in der nicht nur die Mauer fiel, sondern 51 Jahre zuvor in Deutschland die Synagogen brannten. Die eine Linie des Textes lässt sich überschreiben "Anfänge einer Großstadtgemeinde". Natürlich lässt sich das, was Lukas über die Anfänge in Korinth schildert, nicht einfach übertragen auf unsere Verhältnisse. Zwischen der antiken Hafenstadt und der Stadt Leipzig am Ende dieses Jahrtausends, bestehen doch zu große Unterschiede.

Aber Lukas hat in der Apostelgeschichte schon ein wenig Wert darauf angelegt, das Typische herauszuarbeiten, woraus man lernen kann. Zuvor in Kapitel 17 hat er den Auftritt des Apostel Paulus in Athen geschildert, in der traditionsreichen überschaubaren Universitätsstadt. Dort musste er ganz anders vorgehen, musste er Übersetzungsarbeit beginnen. In Korinth liegen die Dinge anders, in dieser großen, amorphen, weiten, anonymisierenden Großstadt. Hier sind die Anfänge viel verborgener und zunächst gar nicht öffentlich. Hier sucht er nach rein menschlichen Anknüpfungspunkten und findet sie bei Berufskollegen, Aquila und seiner Frau Priszilla. Bei ihnen findet er Unterkunft und Arbeit. Offenbar hat sich Paulus auf einen längeren Aufenthalt in dieser Stadt eingestellt, um erst einmal herauszufinden, wie er hier seine Missionsarbeit anpacken und voranbringen kann. Das heißt, er fängt zunächst so an, wie er das überall getan hat, wo das überhaupt möglich war: Er geht an den Sabbaten in die Synagoge und überzeugt, so steht hier, Juden und Griechen.

Das geht eine Weile gut, offenbar so lange, wie er das nebenberuflich als Zeltmacher macht. Dann kommen Silas und Timotheus und ermöglichen ihm, sich nun ganz der Verkündigung zu widmen. Und mit den hauptamtlichen Apostel gibt es dann auch sofort Probleme und Konflikte in der jüdischen Gemeinde, und es kommt zur Trennung von ihr.

Aber es kommt eben auch zur Gründung des ersten christlichen Gemeindezentrums, eines Stützpunktes im Hause des Titius Justus. Lukas nennt Namen von Menschen, die sich taufen lassen und spricht von vielen Korinthern, die gläubig werden. Die Anfänge sind dennoch bescheiden und dürften in der Riesenstadt Korinth nicht gerade für Schlagzeilen gesorgt haben. Die meisten Korinther haben das vermutlich gar nicht wahrgenommen. Doch Paulus hat eine Vision in der Nacht. Der Herr spricht zu ihm: Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht, suche die Öffentlichkeit.

Das Evangelium hat jetzt ein Haus gefunden und eine Hausgemeinde. Das ist gut, aber es ist noch nicht alles. Rede, und schweige nicht. Lass dich nicht beeindrucken von en Widerständen und der Ablehnung, auf die du stößt. Du stehst unter meinem Schutz, ich brauche dich.

Und nun kommt der entscheidende Satz: "Ich habe ein großes Volk in dieser Stadt" - ich habe es, nicht: die Erfolgsaussichten sind gut, nein: ich habe es. Diese Stadt mit ihren Hafenvierteln und Hafenkneipen, ihrer Unterhaltungsindustrie rund um die isthmischen Spiele, ihren Handelshäusern und Händlern und den Sklavenmassen. Sie ist nicht gottlos, wie sie scheint. Ich bin in dieser Stadt präsent, sagt unser Herr. Ich habe ein großes Volk.

Das meint nicht, demnächst werden die Korinther auf die Straße gehen und Sprechchöre bilden: "Wir sind sein Volk". Statistisch ist die Größe kaum festzumachen, und wenn, dann vermute ich sie dichter bei 100 Prozent als bei zehn Prozent, die wir manchmal im Munde führen.

Paulus blieb ungewöhnlich lange in Korinth, ein anderthalbes Jahr. Lukas erzählt von weiteren Missionserfolgen in dieser langen Zeit nichts, vielleicht hat er darüber keine Nachrichten, vielleicht lag ihm daran, diese nächtliche Erscheinung und die Perspektive für sich sprechen zu lassen. Sie gilt, sie ermutigt, sie setzt in Bewegung, unabhängig von Erfolgsbilanzen. Sieh diese Stadt mit meinen Augen, sagt Jesus.

Doch nun können wir nicht daran vorbeigehen, dass diese Anfänge der Jesus-Gemeinde in einer Großstadt verbunden waren mit einem scharfen Trennungsprozess zwischen Synagoge und Kirche. Das können wir an einem Tag mit dem Datum 9. November umso weniger, als uns da vor Augen steht, welche furchtbaren Entwicklungen und Geschehnisse in dieser Trennung zumindest auch ihre Ursache haben. Der heutige Tag ist für unser Volk unter dem Vorzeichen "10 Jahre Fall der Mauer" ein ungemein glücklicher Tag. Bei uns war zwischen Plauen und Hof nicht eine Mauer, sondern eine Grenze, eine unsichtbare Grenze, die wir nie sahen, bis wir kurz nach dem 9. November an die Grenze strömen durften, mit Gefühlen, die ich hier nicht beschreiben kann. Zu diesem Teil des heutigen Erinnerns wird ja gleich noch mehr gesagt werden. Ich sehe mich von dem Text her genötigt, auf den Zusammenhang zu 1938 hinzuweisen.

Unter diesen Vorzeichen zucken wir zusammen, wenn wir hier in der Apostelgeschichte hören, wie sich die Trennung von Synagoge und Kirche vollzogen hat. Äußerlich vollzieht sie sich in einem ganz kleinen Schritt. Paulus verlagert seine Verkündigungstätigkeit in das benachbarte Haus des Titius Justus, unmittelbar angrenzend. Er ist ein Gottesfürchtiger, das heißt, ein dem jüdischen Glauben innerlich schon bisher Nahestehender. Und der Synagogenvorsteher Krispus kommt zum Glauben und lässt sich mit seinem ganzen Haus taufen.

Dieses Nebeneinander der beiden Häuser in Korinth könnte geradezu ein Sinnbild sein für Nähe und Nachbarschaft zwischen Juden und Christen. Aber das ist es eben nicht. Da ist der Bruch, da ist auf einmal dieser äußerlich nicht sichtbare, trennende Zaun. "Als sie aber widerstrebten und lästerten, schüttelte er die Kleider aus und sprach zu ihnen: Euer Blut komme über euer Haupt; ohne Schuld gehe ich von nun an zu den Heiden." Dieses Paulus zugeschriebene Wort erinnert beklemmend an Matthäus 27: "Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder." Das steht hier nicht! Es geht um die Synagogengemeinde von Korinth und nicht um die Juden schlechthin, jetzt und künftig. Aber das soll doch wohl gesagt werden: Ich war euch das Evangelium schuldig, ihr lehnt es ab, nun bin ich es euch nicht mehr schuldig und wende mich den Heiden zu, und ihr müsst die Folgen selber tragen.

Liebe Brüder und Schwestern, ich wünschte mir, Lukas hätte das nicht geschrieben. Das ist doch der Evangelist, der ganz besonders die Verbundenheit der Christengemeinde mit Israel betont, die bleibende, wohlgemerkt, nicht nur eine historische. Nirgends macht Lukas Israel irgendetwas von seiner Erwählung streitig, aber er erzählt auch die Spaltung, die sich vollzog, die Scheidung zwischen Synagoge und Kirche, hier in der Apostelgeschichte 18 mit erschreckender Schärfe.

Diese Scheidungsszenen haben sich in das christliche Bewusstsein stärker eingeprägt als alles, was gerade Lukas in seiner Liebe zu Israel auch schreibt. Solche Texte wie dieser mussten später zur neutestamentlichen Legitimierung für Anti-Judaismus herhalten. Das ist bitter. Es ist nicht zu leugnen, dass hier eine Wurzel dessen liegt, was sich in mittelalterlichen Judenpogromen und im neuzeitlichen Antisemitismus so furchtbar äußerte bis hin zur Shoah. Das müssen wir uns vor Augen halten, zumal am heutigen Tage. Hier gibt es noch viel aufzuarbeiten.

Die Streitfrage in Korinth war, dass Paulus den Juden bezeugte, dass Jesus der Christus ist. Diese Streitfrage schaffen wir nicht aus der Welt. Wir können aber mit ihr anders umgehen als in jenen Anfangsjahren. Mir ist dabei eine Hilfe jener Lobgesang, den Lukas uns überliefert hat von dem Greis Simeon mit dem Jesuskind auf dem Arm, wo er Jesus preist als "das Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis seines Volkes Israel". In diesen Lobpreis können wir nur einstimmen, wenn wir uns bewusst sind, dass Gott uns aus Barmherzigkeit und unbegreiflicher Gnade um Jesu willen hinzuberufen hat aus den Völkern, ohne Israel damit auch nur das Kleinste von seinen Zusagen zu nehmen.

Liebe Schwestern und Brüder, nur so sind wir zu allen Menschen gesendet, nicht zuletzt zu unserem eigenen Volk, dessen ebenso abwegige wie wundersame Geschichte in diesem Jahrhundert wir uns am heutigen Tage bewusst machen und in dessen Mitte wir als Gottes Volk leben. Wir sind auf Israel angewiesen, um uns an die Völker weisen zu lassen.

Ginge es nur darum, christliches Gedankengut zu verbreiten, etwa gar mit der Begründung, es sei dem, was Juden oder Griechen denken, überlegen, dann sollten wir lieber schweigen, schon gar auf dem Hintergrund all dessen, was in 2000 Jahren geschehen ist und sich besonders mit dem 9. November 1938 verbindet. Aber darum geht es nicht bei dieser Sendung. Wir haben Gottes rettende Berufung weiterzutragen und Menschen in den Bund seiner Gnade einzuladen.

Und deshalb ist das auch zu uns gesagt: "Fürchte dich nicht, sondern rede; schweige nicht; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt". - Sagen wir es heute so: Christus hat ein großes Volk in diesem Volk.

Geduld und Zähigkeit, wie sie der sonst so eilige Paulus Korinth gegenüber an den Tag gelegt hat, sind auch für uns angesagt. Fürchtet euch nicht; lasst euch nicht beeindrucken; werdet nicht sprachlos. Ich, Jesus, habe ein großes Volk unter diesen Menschen. -

Ich lade Sie ein, mit mir zu beten.

Lieber himmlischer Vater, wir danken dir heute, dass du vor zehn Jahren die Mauer und den Stacheldraht, die uns voneinander trennten, geöffnet hast. Das ist für uns etwas Wunderbares, zumal wenn wir den Weg unseres Volkes in diesem Jahrhundert bedenken. Wir bitten dich: Hilf uns, die wiedergewonnene staatliche Einheit so zu gestalten, dass sie allen zugute kommt. Bewahre uns vor Rechthaberei und Kleinmut. Schenke uns die Fähigkeit, einander zuzuhören und zu verstehen.

Dein Sohn Jesus Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt, uns, die wir fern waren, und Frieden denen, die nahe waren. Uns bedrückt das Unbegreifliche, dass dennoch der Riss im Glauben da ist zwischen deinem Volk Israel und uns. Wir bekennen vor dir die Schuld der Christenheit, aus dieser Trennung Feindschaft gemacht zu haben, die in Mord und Vernichtung endete, besonders in unserem Volk. Schenke uns Umkehr und ein erneuertes Denken und Handeln.

Du hast ein großes Volk in dieser Stadt und in unserem Land. Hilf uns, freimütig den Menschen dein Reich zu bezeugen durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Es segne und behüte uns Gott der Allmächtige und Barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Ich möchte nun gern noch mit Ihnen das Loblied "Lobt Gott, ihr Heiden all" anstimmen.



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