Eröffnungspredigt zur 3. Tagung der 9. Synode der EKD in Münster
Manfred Sorg
01. November 1998
Liebe Gemeinde hier in der Apostelkirche und an den Fernsehgeräten!
Münster - die alten und ehrwürdigen Gemäuer, Plätze und Straßen dieser Stadt singen ihre Lieder
- von politischen Ereignissen, die ihre Spuren bis heute hinterlassen haben,
- von wissenschaftlichen, geistigen und geistlichen Wendepunkten,
- von Glaubenskämpfen, von Verfolgungen und menschlicher Schuld.
Sie singen aber auch ihre Lieder von Geborgenheit, von gelungenem Leben, von mannigfachen Erfahrungen der Nähe Gottes.
In diesen Wochen sind es vornehmlich Friedenslieder, die sie singen, [Apostelkirche in Münster] Arien des Gedenkens an den Westfälischen Frieden, der vor 350 Jahren in dieser Stadt geschlossen und urkundlich besiegelt wurde.
"Hier ist die Grabstätte des Krieges und die Triumphstätte des Friedens", so heißt die Strophe einer Gedenkmünze, die der Rat der Stadt damals hat prägen lassen.
Friedenslieder, die in dem Friedenssaal des Rathauses verortet sind, wo der Frieden feierlich beschworen wurde; Friedenslieder, die Menschen von damals präsentieren, Gesandte und Einheimische, Agenten des Friedens.
Unzählige Menschen haben in diesen Monaten und Wochen in diese Lieder mit eingestimmt. Gekrönte Häupter und Regierende aus ganz Europa, deren Länder den damaligen Ereignissen ihre Existenz oder ihr weiteres Profil verdanken. Kirchenvertreter unterschiedlicher Konfessionen, für die der Westfälische Friede ein zaghafter Anfang für den Weg der Ökumene ist; Hoffnung darauf, daß dieser Weg mit Dialog und nicht mehr mit Verachtung und Gewalt besetzt ist.
Historiker, die sich der Friedensforschung verschrieben haben, um Friedensentwicklung nachhaltig zu fördern. [Jugenddelegierte Jutta Deutschel] Friedensfreunde, die der nachwachsenden Generation Friedensgeschichten aus Münster erzählen, um Frieden in Gegenwart und Zukunft zu gestalten.
Alle, die diese Friedenslieder mitgesungen haben und mitsingen, wollen nicht nur jubilieren. Sie sind bei ihrem Blick zurück auch an der Lösung heutiger Probleme interessiert. Die Friedenslieder von Münster sind deshalb unverzichtbar. Aber können sie die Mißtöne des Unfriedens übertönen, die überall in unserer Welt erklingen?
- Das Seufzen der Natur unter allen sichtbaren und versteckten Ausbeutungsversuchen?
- Das Stöhnen der Menschen, die auch heute in aller Welt unter Krieg und Gewalt leiden?
- Die Freiheitsschreie und -träume im ehemaligen Jugoslawien?
- Die Ängste der Flüchtlinge und Asylbewerber in unserem Land?
- Die Verzweiflung der Kinder, die von wirtschaftlicher Armut bedroht werden?
Den Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Epheserbrief haben wir als Lesung gehört. Seine Bilder und Vorstellungen wirken befremdlich und sperrig. Sie atmen den Geist einer [Orchester] längst vergangenen Zeit. Sie sind einem Weltbild verhaftet, das sich sehr von dem unsrigen unterscheidet. Aber trotzdem mischt sich dieser militant klingende Text in unsere Friedenslieder und Seufzer ein. In seinem Kern sagt er nämlich Frieden an und ruft zu dessen Gestaltung auf, den Frieden Gottes als die Welt und Menschen veränderte Realität, den Frieden, der seine tiefste Ursache darin hat, daß Gott den Gekreuzigten nicht dem Kreuz überlassen, sondern zum Christus der Welt und der Menschen auferweckt hat. Dieser Friede Gottes hat seinen Ort nicht außerhalb unseres Lebensraumes irgendwo im rein Geistigen oder in den Tiefen des Seelischen. Er entfaltet sich in die Tagesordnung dieser Welt und unseres Lebens hinein.
Gottes Friede ist gegenläufig zu der [Präses Manfred Sorg] Bewegung des Zusammenbruchs, die manchen Entwicklungen anhaftet. Unsere Wirklichkeit ist geschminkt mit Verläßlichkeitsfarben. Die Schminke wird immer durchsichtiger. Der Optimismus derer, die sagen: Es wird schon gut gehen, wir machen die richtige Politik, wird als leichtfertig entlarvt. Die Gefährdung der Welt wird immer deutlicher. Sie fordert den Schutz der natürlichen Lebensbedingungen, fordert Ausstieg zum Beispiel aus der zivilen Nutzung der Atomenergie.
Gottes Friede bedeutet: Er überläßt seine Schöpfung, die Menschen und ihre Welt nicht sich selbst.
Dieser Friede ist auch gegenläufig zu der Bewegung des Zusammenbruchs, die manchen Lebensgeschichten anhaftet. Oliver, 26 Jahre, habe ich vor 12 Jahren konfirmiert. Es war damals keine leichte Zeit in der Stadt am Rande des Ruhrgebietes, in der wir lebten. Das dortige Stahlwerk wurde geschlossen. Olivers Vater hat seinen Arbeitsplatz verloren, wie viele andere. Oliver hat alles hautnah miterlebt: die Traurigkeit, die Sprachlosigkeit, die soziale Entwurzelung.
Wir haben damals im Konfirmandenunterricht oft nur zusammengehockt, haben in der Bibel gelesen, haben gebetet. Friedensgeschichten waren es, denen sich die jungen Menschen anvertraut haben, die sie nicht in den Trümmern ihrer jungen Jahre beließen. Damals. Oliver wurde Jugendmitarbeiter in einer westfälischen Kirchengemeinde. Jetzt ist auch er arbeitslos. Seine persönliche Schieflage, [Gottesdienstteilnehmer] seine Resignation gehen mir nahe. Gottes Frieden, ich hoffe, ich vertraue auf ihn - auch für Oliver.
Gottes Friede ist gegenläufig gegen die Mächte und Gewalten, an die sich Menschen heute verlieren. Unsere Welt gibt sich aufgeklärt. Sie bietet normalerweise für Teufel und böse Mächte keinen Platz. Andererseits werden dem Teufel und seinen Mächten Tor und Tür geöffnet: Spiritismus, Okkultismus, Satanskult breiten sich in immer neuen Spielarten aus.
Aber die Mächte und Gewalten, die das Menschsein in widergöttliche Abhängigkeiten führen, tragen auch alltägliche Gesichter. Sie werden in Tendenzen zur Vergottung der Geschöpfe sichtbar. Sie sind im politischen Tagesgeschäft ebenso zu spüren wie in Konzepten der Ökonomie. Sie prägen gesellschaftliche Strukturen, aber auch politische Systeme. Sie gefährden Wissenschaft, Forschung und Technik und sind auch der Bildung nicht fremd. Sie verraten sich mit ihrem Menschenbild. Sie verzwecken den Menschen. Sie degradieren ihn zum Funktionsträger, nehmen ihm seine von Gott zugesprochene Würde.
In einigen Tagen, am 9. November, gedenken wir der Reichsprognomnacht. Die erschütternden Bilder jener Schreckensereignisse vor 60 Jahren haben wir vor Augen. Grauenhafte Bilder eines Beginns, an dessen Ende die Vernichtung von Juden, dann aber auch von Sinti und Roma, Kommunisten und Homosexuellen stand.
Fragen nach dem Warum stellen sich. Fragen, die uns nie loslassen dürfen. Sie bringen uns der satanischen Vergottung von Volk, Nation und Rasse auf die Spur, an die sich Menschen, auch Christen, damals verloren haben, an die sich Menschen auch heute noch zu verlieren drohen.
Gottes Friede ist schließlich radikal gegenläufig zu den Mächten und Gewalten in uns selbst: zu den Trieben und Veranlagungen, die uns steuern, zu unseren Persönlichkeitsprofilen, zu unseren Grundbefindlichkeiten, an ihrer Spitze die Angst, die häufig zur Angst vor der Angst wird.
Gottes Friede mit seiner radikalen Gegenläufigkeit bedeutet keine automatische Veränderung. Bewegungen des Zusammenbruchs, Mächte und Gewalten werden bleiben, aber sie haben ihre Letztgültigkeit verloren; denn Gott hat den Gekreuzigten nicht dem Kreuz überlassen, sondern zum Christus der Welt und der Menschen erweckt.
Gott steht zu seiner Friedensgeschichte; er steht dazu, daß er den Gekreuzigten nicht dem Kreuz überlassen, sondern zum Christus für die Welt und die Menschen auferweckt hat. Das treibt uns heute in dessen Hörweite. Deshalb haben wir Geschichten zu erzählen, die sich die Menschen unserer Gegenwart nicht selber erzählen können, weil sie aus ihrem Erfahrungsbereich nicht abrufbar sind:
Liebesgeschichten, die Gottes letztgültige Bindung an seine Schöpfung zusagen. Erlösungsgeschichten, die ansagen, daß Gott die Mächte und Gewalten durch Jesus Christus überwunden hat.
Befreiungsgeschichten, die verdeutlichen, daß Gott uns nicht uns selbst, nicht unseren eigenen Fähigkeiten, Denk- und Erklärungsmustern überläßt.
Hoffnungsgeschichten, die zeigen, daß die Zukunft von Gott bewahrt wird. Vergebungsgeschichten, die zusagen, daß menschliche Schuld bei Gott nicht das letzte Wort behält.
Lebensgeschichten, die zusprechen, daß wir mit unserem Leben und Sterben bei Gott vorkommen und geborgen sind.
Weil Gott zu seiner Friedensgeschichte steht, haben wir Christen uns als Gottes Friedenszeugen in das Leben unserer Gesellschaft einzubringen, haben wir Partei zu ergreifen für die Menschen ohne Lebenssicherheit und Zukunftsperspektiven.
Wir dürfen uns weder zu den Skeptikern noch zu den leichtfertigen Optimisten gesellen. Wir haben die Wunden der Menschen zu verbinden: durch Zuhören und Beraten, durch Trösten und Helfen, durch Ermutigen und Beistehen, durch Orientieren und Begleiten, durch das Überbrücken von Gräben. Wir müssen die Wunden der Menschen und der Welt kennen, aber auch wissen, wo und wie sie schon geheilt werden. Das erfordert wache Analyse, aber auch Bündnisbereitschaft. Nicht umsonst beschäftigen wir uns bei dieser Synode mit dem Thema Diakonie.
Weil Gott zu seiner Friedensgeschichte steht, haben wir die Gemeinschaft der Kirche Jesu zu gestalten und den Menschen anzubieten; Gemeinschaft als das Erfahrungs- und Bestätigungsfeld dessen, was in den Gottesgeschichten angesagt, was in den diakonischen Aktivitäten sichtbar wird. Gemeinschaft, die gelebt, gestaltet und in Gottesdienst und Abendmahl gefeiert werden will.
Sie ist die Friedensgemeinschaft, die heute und in allen Zeiten davon lebt, daß Gott den Gekreuzigten nicht dem Kreuz überlassen, sondern zum Christus der Welt und der Menschen auferweckt hat.
Dieser Friede Gottes bewahre und begleite uns
Amen

